Tag 346: Wintergeister

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Tag 346: Wintergeister

Tag 346: Wintergeister

Der heutige Tag war wieder einmal etwas verplant. Wir wanderten den halben Vormittag kreuz und quer zwischen den Weinfeldern hindurch und kamen nicht so wirklich von der Stelle. Immer, wenn wir eine neue Richtung einschlugen, erwies sie sich als Irrweg und wir mussten uns noch einmal neu orientieren. Ob das ein Zufall ist, bei all der inneren Neuorientierung die gerade in uns aktiv sind?

Nach dem Medizinrad befinden wir uns nun gerade im Winter. Ok, nicht nur nach dem Medizinrad sondern auch nach allem anderen. Doch im Medizinrad ist der Winter gleichbedeutend mit der Phase des Todes und des Träumens, bevor dann mit dem Frühling die Widergeburt in einen neuen Lebensabschnitt kommt. Die Bäume ziehen ihre Lebensenergie in ihre Wurzeln zurück, die Tiere halten ihren Winterschlaf und für die Menschen beginnt die Traumphase, in der es ums Resümieren und um den Blick nach Innen geht. Es ist also vielleicht wirklich kein Zufall, dass ich den symbolischen Tod in meinem Familiensystem genau jetzt sterbe um dann den Übergang zu meinem Sein zu durchleben.

Im Nachhinein wird mir nun auch klar, warum sich so wenige Menschen dafür entscheiden, ihren eigenen Weg zu gehen und sich gegen die Pläne ihrer Eltern zu stellen. Denn mein Familiensystem ist ja sogar noch ein recht einfaches und mein Lebensweg ist zwar recht unorthodox, aber noch kein Extremfall. Wie muss es erst sein, wenn noch Gewaltfälle, Vergewaltigungen, Scheidungen und was es sonst noch alles gibt, hinzu kommt? Wie muss es für jemanden sein, den sein Lebensweg nicht nur auf eine Wanderung als Heiler und Forscher um die Welt schickt?

Und noch etwas wurde uns heute Bewusst. Wir verstanden nun plötzlich auch die Ärzte, die bei ihren Patienten nichts weiter als eine Symptombehandlung durchführen. Denn wenn sie wirklich damit anfangen würden, die Kernthemen hinter den Krankheiten aufzulösen und dabei auch sämtliche Familiensystematiken mit lösen müssten, dann würden sie ja nicht mehr fertig werden. So viel also zu der Aussage, dass sich Ärzte arbeitslos machen würden, wenn sie wirklich heilen würden. Im Gegenteil bräuchte man wahrscheinlich für jeden Menschen einen eigenen Arzt, weil dieser zu nichts anderem mehr käme. Dann hätten wir immerhin in der Medizin plötzlich 3,5 Milliarden neue Jobs zu vergeben.

Gestern wurden wir von einem sehr lieben Pfarrer aufgenommen, der uns einen Schlafsaal und eine Küche in seinem Pfarrhaus zur Verfügung gestellt hat. Hier bereitete Heiko für uns ein wahres Weihnachtsessen vor. Durch den letzten Klosteig von seiner Mutter, der zu vier ordentlichen Knödeln verarbeitet wurde und durch die hausgemachte Balsamico-Sauce die über das saftige Rindersteak gegeben wurde, kam ein richtiges Gefühl von bayrischer Heimat auf. Wenn wir Heilig Abend nur etwas halb so gutes zubereiten können, dann ist der Tag auf jeden Fall gerettet.

Heute kam nach den Tagen der Entspannung dann mal wieder ein richtiger Gewaltmarsch. Nicht so gewaltig wie einige, die wir in Spanien hinter uns gebracht hatten, aber doch deutlich über 20km und das mit Erkältungen und schmerzenden Sehnen.

Am Ende kamen wir in Le Muy an, einer wirklich hässlichen und lauten Stadt, die uns jedoch mit einer Dönerbude und einem Hähnchenstand empfing. Gott, sind wir leicht zu bestechen. Kaum gibt es irgendwo etwas gutes zu essen, ist die ganze Hässlichkeit schon wieder vergessen. Zumindest für eine Weile, denn heute hatten wir wirklich Zeit uns die Stadt in aller Ruhe anzusehen. Der Pfarrer sagte uns zwar zu, dass wir von ihm einem Raum bekommen würden, doch er ließ und gute 2 Stunden vor der Kirche warten, bis er uns dafür den Schlüssel gab. In der Zeit saßen wir auf einer Bank und schauten uns die Stadt an. Eine alte Dame gesellte sich nach einiger Zeit zu uns um zu plaudern. Dabei lockte sie auch den letzten Tropfen Französisch aus uns hervor und so wurde es fast eine richtige Konversation. Um Punkt 17:00 Uhr ging dann die Weihnachtsbeleuchtung an und ließ die graue, eintönige Stadt in weißem und rotem Blinkelicht erstrahlen. Besonders weihnachtlich wurde es dadurch nicht, aber es sah trotzdem irgendwie nett aus.

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Höhenmeter: 250 m

Tagesetappe: 23 km

Gesamtstrecke: 6427,37 km

 

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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