Tag 1248: Wo ist der Wohlfühlfaktor?

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Tag 1248: Wo ist der Wohlfühlfaktor?

Tag 1248: Wo ist der Wohlfühlfaktor?

07.06.2017

Mehr als je zuvor haben wir gerade das Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, bzw. in einer Matrix aus Illusionen und Filmen, die speziell geschrieben wurde um uns auf unsere Lebensthemen ausmerksam zu machen und um uns von unserem eigentlichen Weg abzubringen. Oder zumindest, um diesen Weg möglichst herausfordernd zu gestalten. Nach Muskeltestungen ist auch tatsächlich gerade mal ein Milliardstel dessen, was wir erleben wirklich real und der Rest nichts weiter als ein Filmgeschehen. Anders lassen sich viele Sachen auch kaum noch erklären, denn selbst wenn man davon ausgeht, dass die Menschheit die selbstzerstörerischste Spezies auf unserem Planeten ist, kann man oft trotzdem noch nicht glauben, dass wir uns freiwillig solche Lebensustände erschaffen. England ist landschaftlich eines der schönsten Länder Europas und doch kann man davon kaum noch etwas wahrnehmen.Wohin man auch geht, es gibt keinen Ort der Stille und des Friedens. Es herrscht ein permanenter Krieg hier, dem man einfach nicht entkommen kann. Gerade sitzen wir in der Kirche in einem winzigen Dörfchen mit vielleicht 60 oder 70 Einwohnern, an einer kleinen Nebenstraße entlang eines Flusses. Und trotzdem hatten wir seit unserer Ankunft hier noch keine einzige Sekunde Ruhe. Im Abstand von etwa zehn Minuten kreisen Militärflugzeuge über unsere Köpfe hinweg, die keinen weiteren Sinn haben, als Touristen ein Flugerlebnis zu bescheren. Wie kann es sein, dass man in dieser Region nicht einmal niesen darf, ohne sich zuvor eine schriftliche Genehmigung einzuholen, dass auf der anderen Seite aber niemand etwas dagegen hat, permanentem unnötigen Fluglärm ausgesetzt zu sein?

 

 

Möglichst laute Bauplätze

Gestern war es sogar noch unverständlicher, denn da übernachteten wir in einem ebenso kleinen Dorf, das 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche von Autobahnlärm beschallt wurde. Ein Mann erzählte uns, dass es hier (ähnlich wie auch in der Ukraine) ein Phänomen gibt, das die Menschen gerne entlang der Hauptstraßen bauen. Es wurde sogar zu einem Problem für die Straßenplanung, da die Dörfer plötzlich nur noch lange Schläuche waren, von denen aus man keine Abzweigungen mehr bauen konnte, da alles mit Grundstücken und Häusern belagert wurde. Also begann man Umgehungsstraßen zu bauen, doch nach kurzer Zeit waren auch diese wieder vollkommen zugebaut. Was aber veranlasste einen Menschen dazu, sein Haus direkt an eine Hauptverkehrsader zu bauen? Der Grundstückspreis sicher nicht, denn der war auch hier extrem teuer. Es waren zumeist auch keine billigen Bettenburgen oder Sozialwohnungen von denen man sagen könnte, die Bewohner hätten halt einfach keine Wahl gehabt. Es waren Villen mit aufwändigen Gärten, Swimmingpools und 5.000-Euro-Grills auf der Terrasse. England, das wurde uns nun noch einmal bewusst, war ein Land, in dem man lernen konnte, wie sehr man sich mit extrem viel Geld größtmögliche Armut erschaffen konnte. Heute kamen wir an einem Nobelhotel mit integriertem Golfplatz vorbei, in dem eine einzige Nacht sicher mehrere Tausend Euro kostete. Man stieg hier nun also als Mitglied der Elite für ein Wochenende in Ruhe und Entspannung ab, schlenderte über den Golfplatz und ließ es sich gut gehen. Doch anstatt der erwarteten Ruhe fand man hier einen sonderbaren und lauten Motorenlärm wieder, der ein wenig an ein Quad erinnerte. Zunächst dachten wir, dass die Hotelbetreiber beschlossen hatten, das Wohlbefinden ihrer Gäste hinten an zu stellen und einfach mal den Rasen zu mähen, obwohl der Platz fast ausgebucht war. Doch dann sahen wir, dass es ein Gast mit einem Golfcaddy war. Normalerweise sollten diese Geräte kleine Elektrofahrzeuge sein, die kein einziges Geräusch machten, doch hier war man offenbar auf motorisierte umgestiegen, gegen die ein Defender fast unscheinbar klang. Was macht man jetzt als Multimillionär, der 10.000€ für ein Golfwochenende auf den Tresen legt um dem Alltagsstress zu entfliehen und dann fährt die ganze Zeit so ein Depp mit einem Motor-Caddy vor einem herum und nervt einen in den Tod? Kommt man da nicht schon wieder auf den Gedanken, dass die Erde besser dran wäre, wenn man diese Menschen einfach ausrottet oder zumindest versklavt?

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Wohlfühlen ist out

Auffällig war auch, dass wir nirgendwo in Europa bislang so wenig Infrastruktur zum Wohlfühlen, Entspannen und Genießen gesehen haben wie hier. Vor jedem Haus parken zwei oder drei dicke

Autos, aber jeder ernährt sich von pappigem Weißbrot, Mikrowellenfraß und Fastfood. Wie kann so etwas kommen? Ich meine, wenn es wirklich so etwas wie einen freien Willen gibt, wie kann es dann sein, dass sich irgendjemand für einen matschigen, geschmacksneutralen Toast entscheidet, wenn er genauso gut ein frisches, duftendes und leckeres Brot haben kann? Wenn doch angeblich der Markt durch unser Kaufverhalten bestimmt wird, wieso kann es dann überhaupt so etwas in einem Supermarkt geben? Geschmacksache ist es sicher nicht, denn dann müsste es ja auch in anderen Ländern eine größere Zahl an Menschen geben, die auf so ein Weißbrot steht. Aber in Deutschland wird es nahezu niemanden geben, der sich (wenn man ihm die Wahl lässt) für einen gummiartigen Tüten-Fertig-Toast entscheidet, wenn auch frisch gebackenes Körnerbrot im Regal liegt. Zumindest nicht, wenn beides gleich teuer wäre. In Frankreich hingegen würde jeder zum Baguette greifen. Und hier greift man selbst wenn man alles drei zur Auswahl hat zum Toast. Wie geht so etwas?

 

Eine ungesunde Lebensweise sorgt nicht für Gesundheit

England ist aber auch das Land, an dem man am Besten erkennen kann, dass diese Art der Lebensweise nicht funktioniert. Wir haben nirgendwo auf unserer Reise mehr Menschen gesehen, die gesundheitlich derart schlecht beieinander waren, wie hier. Es gibt fast niemanden, der nicht an Übergewicht, Kreislaufschwäche oder anderen Beeinträchtigungen leidet, die man auf eine ungesunde Lebensweise zurückführen kann. Etwa jeder zweite Rentner, mit dem wir es zu tun hatten trägt ein Hörgerät und auch Diabetes, Herzprobleme, Verdauungsstörungen, Haarausfall, Wassereinlagerungen und Durchblutungsstörungen liegen an der Tagesordnung. Vor drei Tagen beispielsweise waren wir zu Gast bei einem Rentnerehepaar, das uns ihr Wohnzimmer zur Verfügung stellte, bis es eine Entscheidung über die Kirche gab. Sie lebten direkt neben der Hauptstraße und bei jeden vorbeifahrenden Auto hatte man Angst überfahren zu werden. Die Frau saß im Rollstuhl und hatte so viel Wasser in den Beinen, dass man fürchtete, ihre Waden würden zerplatzen. Der Mann hingegen war so schwerhörig, dass er einen nur noch wahrnehmen konnte, wenn man ihn anschrie.

Am Telefon hörte er überhaupt nichts mehr und dies war auch der Grund, warum wir bei ihnen zuhause waren. Der Pfarrer war zunächst nicht erreicht worden und sollte später zurückrufen. Dann jedoch würde die Frau nicht mehr da sein und somit brauchte er uns, um das Telefon zu beantworten. Die Sache war nur, dass er nicht nur taub sondern auch äußerst stur war und als der Pfarrer schließlich wirklich anrief, weigerte sich der Mann mir den Hörer zu geben, obwohl es seine Idee gewesen war. Für einen Moment sah es so aus, als müssten wir jetzt am späten Abend doch noch einmal weiter ziehen, denn hier auf dem Boden zu schlafen, wie es uns der Mann anbot, war bei dem Verkehr und der winzigen Wohnung keine echte Option. Dann jedoch stellte sich heraus, dass unser Gastgeber der einzige war, der die ganze Sache kompliziert gemacht hatte. Der Pfarrer hatte nichts dagegen, dass wir die Kirche als Schlafplatz nutzten und auch sonst waren alle einverstanden. Nur wusste jeder, dass der taube, alte Mann seine eigenen Prinzipien hatte und dass ohne sein OK in diesem Dorf überhaupt nichts ging. Obwohl er nur der Schlüsselmeister war und selbst glaubte, keine Entscheidungsgewalt zu haben.

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Obwohl er es von Anfang bis Ende gut mit uns meinte, waren wir froh, sein Haus wieder verlassen zu können. Es war wirklich ein Ort, der einen Krank machte und man verstand sofort, warum der Mann sämtliche Geräusche aus seinem Leben verbannt hatte und warum die Frau einen so großen Geborgenheitskonflikt hatte.

Kann das überhaupt real sein?

Das Haus des Mannes war einer von vielen Orten, an die wir gelangten, die allesamt so unwirklich waren, dass einem sofort der Verdacht kam, es handele sich um Kulissen, die extra für uns erschaffen wurden, anstatt um echte Plätze. Angefangen bei Notlichtern, die die Säle auch in der Nacht taghell erleuchten, über Treeworker, die genau zehn Minuten nach unserer Ankunft damit begannen, direkt vor unserer Tür drei große Bäume mit Fräse, Kettensäge und Laubbläser zu malträtieren und Wohnungen, bei denen man glaubte, man säße direkt auf der Straße, bis hin zu unserem Düsenjet-Desaster von heute Nachmittag. Es ist, als wäre unser gesamtes Umfeld nur darauf ausgelegt, uns aus der Konzentration zu bringen, uns wütend zu machen und uns zu zwingen, echte Gelassenheit zu lernen. Die Lektion, von der ich vor zwei Tagen berichtet habe und bei der es darum geht, zu unterscheiden, was aus mir selbst heraus kommt und was übergestülpt wird, um sich dann einen eigenen Schutzraum zu erschaffen, wird mir nun mit allen Mitteln vorgehalten.

Gleichzeitig spüre ich aber auch immer mehr, dass das außen mein Inneres lediglich spiegelt. Gerade wirkt die Welt um uns herum, wie einer dieser Badezimmerspiegel, die alles größer und deutlicher machen. Denn einer der Gründe, warum mich die Kleinkarriertheit, Engstirnigkeit und Umstandskramerei der Engländer so sehr stört und aufregt ist der, dass es genau meine Themen sind. Themen, die ich schon mein Leben lang habe, die mir nun aber zum ersten Mal wirklich bewusst werden. Die ich zum ersten Mal richtig, klar und deutlich sehen kann und die mich auch bei mir selbst gerade immer wieder zum Verzeifeln bringen. Der taube Mann beispielsweise hatte die Strategie, alles zu ignorieren, was ihm schadete und trotzdem unbeirrt weiter zu machen, bis seine Sinne den Geist aufgaben. Die gleiche Strategie nutze ich auch. Die Frau hingegen trug den gleichen Geborgenheitskonflikt in sich, den ich auch spüre und ihre zum Zerbersten angeschwollenen Beine waren eine Extremvariante von dem, was auch mit meinen Beinen passierte. Den Menschen hier fiel es schwer, auf etwas neues einzugehen und sie handeln immer nach den gleichen alten, eingefahrenen Mustern. Alles ist irgendwie in Käfige und Zäune eingesperrt und obwohl man sich in schönster Umgebung befindet, den größtmöglichen Reichtum hat und zufriedener sein könnte, als je zuvor, kann man sich hier so etwas wie Freiheit kaum vorstellen. Stattdessen herrscht Angst, ohne einen speziellen Grund und diese Angst vor allem und jedem führt dazu, dass man lauter Dinge tut, die Gefährlich sind und die einem immer mehr Freiheit rauben. Auf der einen Seite trifft man Menschen, die einem die eiskalte Schulter zeigen und die nichts als Verachtung für uns übrig haben. Und auf der anderen Seite wird man dann wieder verhätschelt und hofiert, so dass man sich zwar für einen Moment wohl fühlt, Dabei aber so viel Zeit verliert, ohne wirklich etwas gewonnen zu haben, dass man sich am Ende darüber sogar noch mehr ärgert. Nicht anders gehe ich auch mit mir selbst um.

Dort beginnen, wo man gerade steht

Es gibt noch zig weitere Parallelen und am Ende kann man zusammenfassend sagen, ich bin genau wie Endland. Alles, was ich hier erlebe ist tatsächlich ein exaktes Spiegelbild von meinem Inneren.

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Als wir vor einigen Monaten in Neumarkt das Ritual mit Julie und ihrem Freund gemacht haben, hatte ich die Geistwesen darum gebeten, mir zu helfen, klarer zu sehen und mir zu helfen meinen Weg zu mir selbst zu finden. Ich hatte damals geglaubt, dass es darum ging, aufmerksamer zu werden und meine Sinne zu öffnen, so dass ich mehr um mich herum wahrnehmen kann. Doch darum war es nie gegangen. Im Gegenteil hatte ich in der letzten Zeit stets das Gefühl, dass meine Sinne immer schwächer werden. Ich übersehe immer mehr, rieche nur noch wenig, schmecke gerade genug um Lebensmittel zu unterscheiden, aber nicht so viel, dass ich wirklich erkennen könnte was gut ist und was nicht und mein Gehör ist auch nicht gerade feinjustiert. Was mir dabei jedoch nicht aufgefallen ist, ist dass meine Wahrnehmung sehr wohl deutlich stärker geworden ist. Nur eben nicht im außen, sondern im Innen. Ich nehme nun klar und deutlich wahr, dass ich nichts wahrnehme, ich erkenne, dass ich permanent Zeit verschludere, ich fühle die Wut und den Ärger in mir, die Frustration, die Verzweiflung, das Gefühl auf der Stelle zu treten. Ich nehme nun auch alles wahr, was ich nicht kann und komme immer mehr zu einem Gesamtbild meines aktuellen Ist-Zustandes. Heiko hatte mich gewarnt. Wenn ich diesen Weg gehe, und meine Wahrnehmung öffne, werde ich viel Hässlichkeit und Schmerz wahrnehmen, also lauter Dinge sehen, die ich lieber nicht sehen würde. Und genau so ist es, nur eben vor allem in mir und nicht im Außen.

Klar wusste ich irgendwie, dass dies das selbe ist, aber trotzdem hatte ich vollkommen andere Erwartungen. Und ich hatte vor allem nicht geglaubt, dass es hier so viel zu erkennen gibt, das mir nicht gefallen würde. Solange ich mich zurückerinnern kann, hatte ich immer dieses unterschwellige Gefühl, mich selbst nicht zu mögen. Jetzt verstehe ich langsam woher dieses Gefühl kommt und ich erkenne, dass es durchaus auch seine Berechtigung hat. Ich kann mich zumindest in diesem Punkt schon langsam sehr gut verstehen. Jetzt geht es darum, mir selbst einzugestehen, dass ich all dies bin und anzuerkennen, dass es OK ist, an diesem Punkt zu stehen, an dem ich gerade stehe. Ich habe stets geglaubt ein Profi-Fußballer zu sein und war dann frustriert, warum es mir einfach nicht gelingen wollte, ein Tor zu schießen. Was immer ich auch anstellte, es wollte mir nicht gelingen, besser zu werden. Die Wahrheit aber ist, dass ich nicht einmal in der Lage bin, einen Ball mit dem Fuß zu treffen, selbst wenn niemand da ist, der versucht, ihn mir abzunehmen. Dies ist der Punkt an dem ich mit dem Lernen beginnen muss.

Spruch des Tages: If its yellow, let it fellow, if its brown, flush it down!

Höhenmeter: 250 m

Tagesetappe: 20 km

Gesamtstrecke: 22.843,27 km

Wetter: überwiegend sonnig

Etappenziel: Gästezimmer im Pfarrhaus, Collingham, England

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Bewertungen:

 
2019-04-05T17:59:15+00:00 England, Tagesberichte|

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