Tag 856: Vom Winde verweht

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Tag 856: Vom Winde verweht

Tag 856: Vom Winde verweht

20.04.2016
So heilig unsere Schlafstädte auch war, sie überstand die Nacht nicht, ohne entweiht zu werden. Ich kann nicht sagen, wie spät es war, aber draußen herrschte noch tiefste Dunkelheit und ein heftiger Sturm pfiff um die kleine Kapelle, als ich unsanft aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Ein dunkler Schatten stand plözlich in der Tür, die unvermittelt aufgerissen worden war. Eine unfreundliche Stimme schrie laut „HEY!“ und der helle Strahl einer Taschenlampe leuchtete mir in die Augen. Für einen Sekundenbruchteil glaubte ich, bei dem hellen Licht handele es sich um einen unverschämpt spontanen Sonnenaufgang aber dann war ich wach genug um zu realisieren, dass wir einen Eindringling im Haus hatten. Sehen konnte ich ihn nicht, denn zum einen war er schwarz und unscharf und zum anderen, verhinderte das grelle Licht in meinen Augen, dass ich irgendetwas wahrnehmen konnte außer diesem Licht. Ich setzte meine Brille auf, aber das änderte nur wenig an der Gesamtsituation. Es reichte gerade um die dicken Lederstiefel und die schwarzblaue Hose des Mannes zu identifizieren. Er war ein Polizist. Wer sonst wäre auch so unverschämt, mitten in der Nacht in eine Kapelle zu stürmen und schlafenden Menschen ins Gesicht zu leuchten und sie anzuschreien. Warum wurde man in diesem Land eigentlich immer erst einmal wie ein Schwerverbrecher behandelt?

„Nehmen Sie die Lampe aus meinem Gesicht!“ schnautze ich den Mann schlaftrunken an.
„Was machen Sie hier?“ fragte er und ignorierte meine Aufforderung.
„Nehmen Sie die Lampe aus meinem Gesicht!“ wiederholte ich und ignorierte nun seine Frage. Wenn er das konnte, konnte ich das auch. So ging das noch eine Weile, bis er sich wirklich dazu durchringen konnte, auf den Boden zu leuchten. Drei oder vier Mal erklärte ich ihm, dass wir mit Genehmigung des Pfarrers hier waren und drei oder vier Mal sagte ich, dass wir am nächsten Morgen um 9:00Uhr wieder verschwinden würden. Dann hatte er es verstanden, trat den Rückzug an und fuhr mit Blaulicht davon. Unsere Ausweise wollte er zum Glück nicht sehen, aber wenn dann hätte ich ihm sicher eine ordentliche Szene gemacht. Ich war ohnehin schon stocksauer über diese dreiste und unverschämte Störung. Es sprach ja nichts dagegen, dass er auf seiner Patroullie auch die Kapellen kontrollierte, wenn ihm dabei etwas auffiel, aber es gab trotzdem noch einen Unterschied, ob man etwas überprüft oder ob man einen anderen Menschen wie Dreck behandelte. Wir hatten nun wirklich schon einige Polizisten in diesem Land kennengelernt und langsam zeichnete sich ein äußerst beunruhigendes Muster ab. Nur ein einziger von ihnen war bislang hilfreich gewesen und nur zwei waren freundlich. Alle anderen waren respektlos, machtgeil und leider auch größtenteils noch sehr dämlich gewesen. Eine Kombination, die leider äußerst gefährlich ist. Die meisten von Ihnen hätten keine Sekunde lang gezögert, einen Unschuldigen zu verprügeln, wenn sie den Befehl dazu erhalten hätten. Ist das wirklich unsere Vorstellung von Sicherheit? Geht es uns besser, weil wir von solchen Menschen „beschützt“ und „bewacht“ werden?

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Auch für seine eigene Sicherheit war es äußerst unüberlegt, was der Mann in dieser Nacht machte. Als er die Kirche betrat hatte er keine Ahnung, was oder wen er vorfinden würde. Wir hätten genauso gut zwei Pfadfinder sein können, die für den Rest Ihres Lebens traumatisiert worden wären. Oder ein verängstigtes, übervorsichtiges Mädchen, dass immer mit einer Flasche Pfefferspray unter dem Kopfkissen schläft und sofort lossprüht, wenn etwas verdächtiges auf sie zukommt. Paulina beispielsweise hatte nach den ersten Übergriffen durch die Jugendlichen ihr Bärenabwehrspray immer griffbereit. Wäre sie noch bei uns gewesen, hätte der Polizist wahrscheinlich eine ordentliche Portion davon abbekommen. Und zu Recht!
Heiko war bei der Aktion natürlich ebenfalls aufgewacht und wälzte sich nun genauso hin und her wie ich. In der absoluten Tiefschlafphase so abruppt aufgeweckt zu werden, sorgte nicht unbedingt dafür, dass man sofort wieder einschlafen konnte. Vor allem nicht, wenn man sich in Gedanken immer noch über diesen Kerl aufregte.
Dementsprechens müde waren wir am nächsten Morgen. Wir richteten alles wieder so hin, wie es sich gehörte und verließen die kleine Kapelle und den dazugehörigen Ort. Der Sturm, der bereits in der Nacht aufgezogen war, tobte noch immer. Er sollte auch den Rest des Tages nicht mehr damit aufhören.
Unsere Wanderung führte uns durch eine flache Grasebene, die uns mit dem heftigen Wind ein bisschen an Dänemark, Grönland oder Irland erinnerte. Oder besser gesagt, die aussah, wie wir uns Irland oder Grönland vorstellten, denn wir hatten beides ja noch gar nicht gesehen.

Gegen Mittag wurde der Sturm immer heftiger und schließlich war er so stark, dass man kaum noch gegen ihn angehen konnte. Wir beschlossen daher, bereits früher als geplant Stopp zu machen und suchten in einem kleinen Dorf nach einem Unterschlupf. Die halbe Ortschaft stand leer, es gab jede Menge geschlossene Bars, ein unbenutztes Rathaus und Unmengen an Scheunen. Trotzdem war es unmöglich, hier einen Platz aufzutreiben. Auch im nächsten Ort wurde es nicht besser. Hier lernten wir sogar eine junge Frau aus Berlin kennen, die mit ihrem Freund hier hergezogen war, weil dieser das Haus seiner Großeltern geerbt hatte. Platz hätten die beiden genug gehabt, doch sie waren so frustriert, dass sie niemanden sehen wollten und nahmen daher auch keine Gäste auf. Auch im dritten Ort blieb unsere Suche erfolglos und das obwohl sich zwei Rathausbeamtinnen ans Telefon klemmten und so ziemlich jeden im Ort und in der Umgebung anriefen, der irgendetwas zu sagen hatte. Möglichkeiten gab es genug, aber keiner wollte. Wenn man die vielen Fehlschläge von gestern mitzählte, die die junge Frau aus dem Rathaus hinnehmen musste, bevor sie den Pfarrer zu der kleinen Kapelle überreden konnte, dann kamen wir bereits locker auf rund 30 oder 40 Möglichkeiten, die alle aufgrund von Angst oder Engstirnigkeit verweigert wurden. Alles Räume oder Säle, die keinen Wert hatten, wohlbemerkt. Alte Schäunen, Garagen, geschlossene Schulen, verfallene Umkleidekabinen und ähnliches. Die Frage ist doch, warum machen es die Menschen einem hier so schwer, wo sie noch vierzig Kilometer weiter westlich so offen und hilfsbereit waren. Einen Bürgermeister zu finden war bislang fast eine Erfolgsgarantie gewesen. Hier kann man nun fast sicher davon ausgehen, dass es einem gar nichts bringt. Was ist hier anders? Es ist flacher und es gibt mehr Landwirtschaft. Die Menschen sind reicher, wohlhabender und haben größere Häuser. Ist das der Grund?

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Der einzige Platz, den wir am Ende finden konnten, war das verwilderte Grundstück eines verlassenen Jugendzentrums. Hier war es windstill genug, dass wir es riskieren konnten, unser Zelt aufzubauen.

Spruch des Tages: The answer my friend, is blowing in the wind, the answer is blowing in the wind (Bob Dylan)

Höhenmeter: 20 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 15.047,27 km
Wetter: heftiges Gewitter am Morgen, dann bewölkt, später sonnig und warm
Etappenziel: Veranstaltungshaus, 66200 Prosotsani, Griechenland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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