Tag 650: Grenzerfahrungen – Teil 2

/, Griechenland, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Serbien, Tagesberichte/Tag 650: Grenzerfahrungen – Teil 2

Tag 650: Grenzerfahrungen – Teil 2

Tag 650: Grenzerfahrungen – Teil 2

Fortsetzung von Tag 649:

Die ersten Kilometer bis zur Grenze und von dort bis in die Stadt, war es hauptsächlich geradeaus oder bergab gegangen. Nun begann die Straße wieder anzusteigen und mit dem Hinterland der Stadt kamen wir auch wieder in die Berge.

„Danke, dass ihr heute auf mich wartet!“ sagte Paulina, als wir einen kleinen Gipfel erreichten. Sie war nur wenige Meter hinter uns und nachdem sie bereits mehrere Male angemacht worden war, hatte sie Angst, alleine unterwegs zu sein.

„Das haben wir gar nicht!“ sagte ich wahrheitsgemäß, „wir gehen genauso schnell wie immer! Aber du bist heute deutlich schneller als sonst!“

„Wirklich?“ fragte sie erstaunt. „Das ist mir gar nicht aufgefallen!“

Die vergangene Nacht und auch die vielen Zurufer und Gaffer hatten zum ersten Mal eine Absicht in ihr geweckt. Sie spürte deutlich, dass es kein Spiel war, hier an der Straße entlang zu wandern. Es war durchaus nicht ungefährlich und auch wenn objektiv betrachtet heute nichts anders war als an anderen Tagen, spürte sie nun die Ausstrahlung, die sie aussendete und die damit verbundene Gefahr. Plötzlich war sie nicht mehr matt und kraftlos. Sie hatte genau die Energie, die sie brauchte, um mit uns Schritt halten zu können. Nicht ganz, denn sie fiel ja immer noch leicht zurück, aber doch genug, um nicht außer Sichtweite zu geraten und so dass wir immer wieder ein paar Sekunden warten konnten, bis sie wieder aufgeholt hatte, ohne dass es für uns zu einer Belastung wurde.

Sie verstand nun auch, dass sie mit dem Versuch, zu jedem Menschen nett und Freundlich zu sein, direkte Einladungen aussendete, mit denen sie darum bat, belästigt zu werden. Niemand auf diesen Straßen lächelte. Allenfalls warf man einem anderen ein mürrisches „Dober Dan!“ – „Guten Tag!“ zu, oder man grüßte mit einem ausdruckslosen Kopfnicken, das ebenso auch die Androhung einer Kopfnuss sein konnte. Und aus dieser grimmigen Masse stach die kleine Paulina heraus, die jeden noch so schleimigen und aufgeblasenen Kerl freundlich anlächelte, ihm zuwinkte und ihm ein kindlich fröhliches „Dober Dan!“ zu zwitscherte. Kein Mann konnte da anders, als diese Signale misszuverstehen und daraus eine Einladung zu einem Gespräch oder mehr zu deuten. Mir war es ja am Vormittag mit der jungen Frau von dem Café nicht anders gegangen. Sie war eine nette, freundliche Person, die irgendwie aus dem grauen Muster fiel und schon war ich mir nicht mehr sicher, ob sie einfach nur helfen oder mit mir ausgehen wollte. Und ich bin mir da bis heute noch nicht sicher.

[av_gallery ids=’20571′ style=’thumbnails‘ preview_size=’portfolio‘ crop_big_preview_thumbnail=’avia-gallery-big-crop-thumb‘ thumb_size=’no scaling‘ columns=’1′ imagelink=’lightbox‘ lazyload=’avia_lazyload‘]

Als Paulina das bewusst wurde, begriff sie zum ersten Mal, in was für eine Gefahr sie sich selbst brachte, ohne es auch nur zu merken. Sofort änderte sie ihre Taktik und versuchte sich darin, unfreundlich und abweisend zu sein.

„In Ungarn haben wir vor ein paar Jahren einen Mann getroffen,“ erzählte ich, „der genau die Ausstrahlung hatte, die du jetzt lernen solltest. Er war ein Obdachloser, der immer nach Flaschen gesucht hat und wir fanden ihn eigentlich ganz interessant. Immer wenn wir ihm begegneten, wollten wir ihn grüßen, aber es war absolut unmöglich. Er hatte einen Gesichtsausdruck und eine Aura, die ihn vollkommen ungrüßbar machte. Ich weiß nicht warum, aber sobald man ihm aus der Nähe in die Augen schaute, blieb einem jedes Wort im Hals stecken.“

Mehr für dich:
Tag 907: Wasserknappheit

Paulina beschloss, zunächst einmal jeden Menschen zum üben zu nutzen und grüßte vorerst überhaupt keinen mehr, auch wenn er eigentlich ganz nett zu sein schien. Später wollte sie dann lernen, einen Blick dafür zu entwickeln, wen sie grüßen konnte und wen nicht. Sie machte auf den nächsten Kilometern erstaunliche Fortschritte und blieb nicht einmal mehr stehen, wenn sie von jemandem angesprochen wurde. Nicht einmal ihre Schritte verlangsamten sich und sie schaute auch nicht mehr auf. Sobald sie den Entschluss gefasst hatte, nicht mehr jedem gefallen zu müssen, nahmen die Anmachen rapide ab. Noch immer gab es ein paar hartnäckige Typen, die sich nicht abschrecken ließen, aber es waren nun deutlich weniger.

Der Weg führte uns nun immer steiler den Berg hinauf, an etwas vorbei, das auf der Karte wie ein Stausee aussah, letztlich aber doch keiner war. Noch immer war es nicht einfach einen Platz zu finden, an dem wir sicher schlafen konnten und auch zum Essen hatten wir noch nichts aufgetrieben. Die wenigen kleinen Märkte an denen wir vorbei gekommen waren, hatten uns alle abgelehnt und der Reis alleine war etwas fad.

Schließlich entdeckten wir eine größere Fläche, die zu großen Teilen von Böschungen, Sträuchern und kleinen Wäldern umgeben war. Sie sah als einziges so aus, als konnte man hier einigermaßen geschützt zelten, ohne gleich von der ganzen Stadt überfallen zu werden. Kaum hatten wir den Weg eingeschlagen um uns einen Zeltplatz zu suchen, wurden wir aber schon wieder entdeckt. Beim Näherkommen entpuppte sich die Person jedoch als junge Frau, die sich recht ähnlich verhielt, wie die vom Vormittag und die mich sogar zum Baden am nahegelegenen See einlud. Wären wir an diesem Tag nicht bereits 30km gewandert und wäre die ganze Situation ein bisschen weniger zehrend und düster gewesen, hätte ich vielleicht sogar zugesagt. Immerhin war es eine Weile her, dass ich gleich zwei so nette Einladungen an einem Tag bekam. Im Nachhinein betrachtet wäre sie auch sicher die angenehmere Abendgesellschaft gewesen, im Vergleich zu dem, was sich am Ende dann tatsächlich ereignete.

[av_gallery ids=’20570,20573,20569′ style=’thumbnails‘ preview_size=’portfolio‘ crop_big_preview_thumbnail=’avia-gallery-big-crop-thumb‘ thumb_size=’portfolio‘ columns=’3′ imagelink=’lightbox‘ lazyload=’avia_lazyload‘]

Froh, endlich einen geschützten Platz gefunden zu haben und nicht mehr weiter zu müssen, bauten wir unsere Zelte auf. Doch noch ehe wir wirklich damit angefangen hatten, hörten wir bereits ein Auto, dass oberhalb von unserem Platz durch den Wald fuhr. So gut wie wir es sehen konnten, war es ausgeschlossen, dass der Fahrer uns nicht entdeckt hatte. Und richtig. Keine fünf Minuten später tauchte ein hagerer Mann um die dreißig hinter den Büschen auf und will wissen, was wir hier machen. Er sprach nahezu kein Englisch und Deutsch erst recht nicht, doch die Tatsache, dass wir uns nicht mit ihm unterhalten konnten oder wollten schien ihn nicht besonders zu beeindrucken. Zunächst war er recht freundlich, doch nachdem das kurze Floskelgespräch beendet war, wurde es langsam unangenehm. Dies wäre eigentlich der Zeitpunkt gewesen, um ihm deutlich zu machen, dass er hier nicht länger erwünscht war und dass wir unsere Privatsphäre brauchten. Doch dafür waren wir zu höflich. Irgendwo steckte der Glaubenssatz in uns, dass man nicht einfach einen Menschen von einem öffentlichen Platz vertreiben konnte, nur weil man dort zeltete. Er hatte ja genauso ein Recht darauf hier zu sein wie wir. Oder nicht? Er war ja nicht hier, weil er diesen Platz so toll fand, sondern weil er uns beim Aufbauen anstarren wollte. Er war unseretwegen hier und jedem von uns war das unangenehm. Wir hätten also jedes Recht gehabt, ihm das deutlich zu machen und ihn zum Gehen aufzufordern. Doch wir taten es nicht. Aus den gleichen Gründen, aus denen Paulina den besoffenen Hotelbesitzer gestern Nacht nicht vertrieben hatte. Im laufe des Abends bot sich noch mehrfach die Gelegenheit einen klaren Strich zu ziehen und so die Situation zu beenden. Doch wie so oft im Leben warteten wir zu lange, ließen zu viel zu und hatten zu viel Angst davor, eine Grenze zu ziehen. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass ich selbst auch nicht besser darin war, Menschen, die mir zu nahe traten in ihre Schranken zu weisen, als Paulina. Ich ließ mir viel zu viel gefallen und hatte ebenso noch immer eine Opferhaltung in mir, wie sie. Mein großer Vorteil, für den ich gerade jetzt in diesem Moment sehr dankbar bin, ist lediglich, dass ich keine Frau bin. In unserer Gesellschaft gibt es leider eine sehr große Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen und dazu gehört auch, dass die gleichen Lebensthemen bei Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtern vollkommen verschiedene Auswirkungen haben. Als Mann, der wenig Selbstbewusstsein besitzt, nicht in seiner männlichen Kraft steht und die Ausstrahlung eines Opfers hat, hat man vor allem das Problem, dass man für das andere Geschlecht uninteressant wird. Man gerät in die Freundesschublade und hat wenig bis gar keinen Sex. Das ist nicht unbedingt großartig, aber auch nicht besonders gefährlich. Männer hingegen kümmern sich eher selten um einen, vorausgesetzt man provoziert sie nicht und kommt ihnen nicht in die Quere. Nur wenn man Geschäftsabschlüsse und ähnliches tätigt, muss man besonders stark aufpassen, dass man nicht übers Ohr gehauen wird. Als Frau ist das anders. Nur weil man nicht in seiner Kraft steht und nicht weiß, was man im Leben will, heißt das nicht, dass man für die Männerwelt uninteressant wird. Im Gegenteil, man wird eine leichte Beute und dadurch wird das Leben deutlich gefährlicher. Frauen hingegen nehmen einen, ausgehend von der eigenen Erfahrung entweder als Gleichgesinnte oder als Konkurrentin war. Das ist jetzt natürlich sehr vereinfacht, aber wir hatten das Thema ja auch schon einmal ausführlicher.

Mehr für dich:
Tag 433: Grenzen setzen

Der Fremde blieb also, bis wir die Zelte aufgebaut hatten und es entging ihm dabei nicht, dass die beiden Männer sich ein Zelt teilten, während die Frau für sich alleine im anderen Zelt schlief. Wären wir schlauer gewesen hätten wir die später folgenden Ereignisse komplett dadurch verhindern können, in dem Paulina und Heiko unser Zelt und ihr ihres aufgebaut hätte. Sie hätte Heiko nur einmal deutlich um den Hals fallen und abknutschen müssen um deutlich zu machen, dass die Zugehörigkeitsansprüche hier vollkommen geklärt waren und dass sich ihr niemand nähern brauchte, der nicht vor hatte, sich mit Heiko anzulegen. Doch das passierte nicht und so witterte der Mann leichte Beute, die einsam in ihrem Zelt lag und sicher nur auf einen schnieken Prinzen wie ihn wartete.

[av_gallery ids=’20575,20574,20576′ style=’thumbnails‘ preview_size=’portfolio‘ crop_big_preview_thumbnail=’avia-gallery-big-crop-thumb‘ thumb_size=’portfolio‘ columns=’3′ imagelink=’lightbox‘ lazyload=’avia_lazyload‘]

Als das Lager errichtet war, versuchte ich zum ersten Mal dem Mann deutlich zu machen, dass er jetzt gehen müsse. Wir hätten noch viel zu tun und wären außerdem müde, so dass wir keine Gesellschaft mehr brauchen würden. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit und das spürte der Mann auch. Klar waren wir müde und klar hatten wir viel zu tun, aber das war nicht der Grund, weshalb wir ihn nicht mehr hier haben wollten. Er war uns unangenehm und wir wollten seine Gegenwart nicht mehr. Das wären klare Worte gewesen und die hätte er auch akzeptieren können. So aber suchte er nach einem Grund, doch noch bleiben zu können und den fand er auch. Denn wie er richtig erkannte, saßen wir Essen- und Wassertechnisch auf dem Trockenen. Er bot uns daher an, mit mir einige Vorräte holen zu gehen. Vielleicht war er ja doch kein so übler Kerl. Wie leicht es doch war, uns zu bestecken.

Mehr für dich:
Tag 693: Kosovo – ein unterschätztes Reiseziel

Bereits beim Losgehen hatte ich ein ungutes Gefühl bei der Sache. Er stapfte voran und ging mitten durch die Pampa, den steilen Berghang hinauf zu seinem Auto. Wäre ich alleine ins Dorf hinunter gegangen, wäre ich jetzt bereits da und hätte ganz in Ruhe nach etwas fragen können. Doch noch immer ignorierte ich meine Bauchstimme. Stattdessen stieg ich zu ihm ins Auto und fuhr zurück in die Stadt, wo wir vor einem kleinen Supermarkt hielten, der uns eine knappe Stunde zuvor abgelehnt hatte. Hier kaufte er Wasser, Obst, Gemüse, Brot, Käse und etwas von der bunten Plastikwurst für uns. Dann fuhren wir zurück zu seinem Parkplatz im Wald. Auf seiner Rückbank stand ein linker Kindersitz, weshalb ich ihn fragte, ob er Papa war. Er nickte und meinte, dass er eine kleine Tochter habe. Irgendwie ließ ihn das harmloser und vernünftiger erscheinen. Dann erzählte er mir, dass er seine Nächte immer hier im Wald verbrachte und dass er wilde Hunde jagte. Dies wiederum hob das Gefühl, dass der Kindersitz vermittelt hatte wieder auf. Ich weiß nicht woran es lag, aber der Mann hatte etwas unheimliches an sich. Er wirkte verschroben und undurchsichtig und seine Großzügigkeit und die Höflichkeit kamen irgendwie nicht ganz authentisch rüber. Sie passten nicht zu dem schnoddrigen Wesen, dass sie stundenlang vor einen setzte und einen anstarrte, während es eine Zigarette nach dem nächsten raucht und permanent auf den Boden rotzt.

Fortsetzung folgt…

 

Spruch des Tages: Der erste Eindruck muss nicht immer der Beste sein.

Höhenmeter: 450 m

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 11.583,27 km

Wetter: ständiger Wechsel zwischen Starkregen und Sonnenschein. Manchmal sogar beides gleichzeitig.

Etappenziel: Zeltplatz auf einem 44003, Vrontismeni, Griechenland

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 

About the Author:

Leave A Comment

Translate »