Tag 697: Mit Waffen spielt man nicht

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Tag 697: Mit Waffen spielt man nicht

Tag 697: Mit Waffen spielt man nicht

Als ich schließlich alles erledigt hatte, war es schon kurz nach vier Uhr morgens. Ich legte mich hin und obwohl ich hundemüde war, konnte ich nicht gleich einschlafen. Meine Füße waren kalt und irgendwie war ich wohl noch zu sehr aufgewühlt. Dementsprechend wurde die Nacht für mich nicht ganz so erholsam, wie ich gehofft hatte, aber gelohnt hatte sie sich trotzdem. Ich schaffte fast alles, was ich hatte erledigen wollen und Heiko fühlte sich am Morgen wieder deutlich besser. Sein Magen war noch immer etwas empfindlich, aber ansonsten ging es ihm wieder gut.

Der Tag wurde brütend heiß, genau wie der letzte, nur dass wir es dieses Mal mitbekamen. Schatten gab es wenig und da man die Hitze noch mehr spürte, wenn man stehen blieb, wanderten wir weiter und weiter. Das was wir in den letzten Tagen nicht gewandert waren, holten wir nun an einem einzigen Tag nach. Schließlich erreichten wir dadurch sogar das Ende der Flachebene und gelangten in die Berge, die die Grenze zwischen dem Kosovo und Mazedonien markierten.

In einem kleinen Dorf kamen wir an so etwas ähnliches wie eine Einkaufsstraße. Dort fragten wir nach Wasser und etwas Nahrung, wobei wir unter anderem zwei Feldverpflegungspakete des albanischen Militärs geschenkt bekamen.

Als wir schließlich den Pass erreichten, suchten wir uns nach einem Schlafplatz um. Zum ersten Mal in diesem Land waren wir an einer Bar vorbei gekommen, in der auch Alkohol getrunken wurde und einige der Gäste hatten ausgesehen, als wollten sie noch länger Party machen. Daher brauchten wir einen Platz, der wieder deutlich geschützter war und bei dem wir uns sicher sein konnten, nicht von nächtlichen Trunkenbolden überrannt zu werden.

Gerade als wir glaubten, einen geeigneten Platz gefunden zu haben, stolperten wir über eine Picknickgesellschaft. Es war eine Familie mit drei oder vier Männern, ihren Frauen und einigen Kindern.

„Mirëdita!“ rief einer der Männer und als er merkte, dass wir Deutsch und Englisch sprachen lud er uns ein, am Picknick teilzunehmen. Wir bekamen wieder das pfannkuchenartige Gebäck und dazu einige gegrillte Hähnchenschenkel, sowie eingelegte Peperoni. Eine der Frauen sprach ebenfalls Englisch und nachdem wir uns eine Weile über unsere Reise und alles mögliche unterhalten haben, fiel das Gesprächsthema auf die Situation in Syrien und auf den Flüchtlingsstrom, der nach Europa kam. Schon einige Male hatten wir von Einheimischen hier zulande gehört, dass die Flüchtlingssituation problematisch sei. Wir hatten bislang jedoch nie verstanden warum, denn der Kosovo war ja eigentlich nicht davon betroffen. Dieses Mal verstanden wir es jedoch. Seit dem Kosovokrieg lebten noch immer viele Kosovoalbaner in Deutschland, weil ihr Asylrecht noch immer bestand hatte. Nun, da die Flüchtlinge aus Syrien in die Bundesrepublik kamen, wurden alle alten Asylanträge noch einmal geprüft um herauszufinden, ob sie überhaupt noch benötigt wurden. Um Platz für die neuen brauchte, mussten die alten also größtenteils wieder ausreisen, was ja an sich auch nicht verwerflich war, da der sich Konflikt im Kosovo ja bereits vor Jahren wieder beruhigt hatte. Das Asylrecht war ursprünglich dafür gedacht, Menschen in einer akuten Notsituation in ihrem Land Zuflucht zu gewähren. Doch für die Kosovoalbaner stellte sich die Situation etwas anders da. Für sie war Deutschland eine Möglichkeit, aus dem hiesigen System auszubrechen und ihre Familien mit finanziellen Mitteln zu versorgen, die sie sonst nie aufbringen würden. Darüber, dass diese Möglichkeit nun plötzlich wegfiel, waren sie natürlich überhaupt nicht begeistert.

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Auch das Gespräch mit dem Mann, der uns eingeladen hatte, war auf seine Art und Weise einzigartig und interessant. Er war Polizist und obwohl er zurzeit nicht im Dienst war, trug er dennoch seine Waffe bei sich. Es war eine Glock und als Heiko ihn darauf ansprach holte er sie hervor und präsentierte sie stolz.

Heiko kannte sich durch seinen Jagdschein, den er vor einigen Jahren als Zulassungsvoraussetzung für seine Ausbildung zum Nationalparkranger machen musste, ein bisschen mit Waffen aus und konnte den Mann daher einige technische Details fragen, von denen ich nichts verstand. Begeistert vom Interesse des Fremden drückte der Polizist Heiko die Knarre in die Hand und ließ ihn ein wenig damit herumspielen.

„Im Magazin sind 14 Patronen, plus eine im Lauf. Man kann also fünfzehnt Schuss auf ein Mal abfeuern, bevor man nachladen muss“, erklärte der Polizist und gab Heiko daraufhin auch noch das Magazin.

„Keine Angst!“ fügte er hinzu, als er meinen leicht irritierten Blick bemerkte, „Sie ist nicht geladen.“

„Darf ich auch mal?“ fragte ich, denn langsam hatte mich die Neugier gepackt. Noch nie zuvor hatte ich eine echte Pistole in der Hand gehabt.

„Klar!“ antwortete der Mann und reichte mir die Knarre. „Mein Sohn spielt auch immer damit!“

Ich wog sie ein bisschen in der Hand. Sie war recht schwer, aber auch wieder nicht so schwer, wie ich vermutet hätte. An sich war es nichts Besonderes, aber ein komisches Gefühl machte es dennoch. Rein theoretisch konnte ich nun einen Menschen töten, in dem ich nun nur noch meinen Zeigefinger bewegte. Irgendwie machte mich der Gedanke etwas nervös. War sie wirklich ungeladen?

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„Vorsicht!“ rief der Polizist, als ich den oberen Teil der Waffe zurück schob, so wie die Cops es im Fernsehen immer machen, wenn sie sich auf einen Schussvorbereiten. Erschrocken wich ich zurück und nahm die Finger von der Waffe.

„Nein, nein, es passiert nichts!“ beruhigte er mich, „du musst nur aufpassen, dass du dir nicht die Finger klemmst, denn du durchlädst. Schau hier!“

Er deutete auf eine Stelle am Schieber und demonstrierte, wie leicht es war, die Haut der eigenen Finger von der Waffe einsaugen zu lassen. Es sei ihm schon einige Male passiert und tue wirklich weh, erklärte er dabei. Dann steckte er die Pistole wieder ein und wir wechselten das Thema.

Unter anderem sprachen wir auch über die Wasserqualität und dem vielen Müll hierzulande. Dies sei ein riesiges Problem, pflichteten uns alle Anwesenden bei. Die Leute hätten einfach kein Gefühl für Sauberkeit und würden leider überall ihren Müll liegen lassen. Es sei traurig, aber man könne es leider nicht ändern. Zum Glück jedoch war es hier oben in den Bergen noch relativ sauber, deswegen könne man hier auch das Wasser noch ohne Bedenken trinken.

Keine fünf Minuten später lösten wir die Picknickrunde auf und verabschiedeten uns. Die anderen packten alles zusammen, was noch verwertbar war und ließen den Müll, den sie durch ihr Picknick verursacht hatten einfach achtlos zurück. Wir konnten es nicht fassen.

Nachdem wir unser Zelt schließlich an einem sicheren Ort aufgebaut hatten, machten wir uns noch einmal an eine Reparatur unserer Wagen. Es sollte keine große Sache werden, vielleicht ein paar Minuten, nur um die Bremsen zu reparieren, bevor es morgen dann hinunter ins Tal ging. Doch so leicht es sich zunächst angehört hatte, so komplex gestaltete sich schließlich alles. Meine Steckachsen waren angerostet, weil unsere Distanzscheiben nicht so Rostfrei waren, wie sie es hätten sein sollen. Das Ergebnis war, dass sie sich nicht mehr aus der Achse lösen wollten und wir die komplette Bremsanlage abbauen mussten, bevor wir die Reifen demontieren konnten. Anschließend verbrachte Heiko über eine Stunde damit, die Reifen von den Steckachsen zu trennen, während ich mich um die Erneuerung der Bremsscheiben kümmerte. Fast schon sah es so aus, als würde es nicht funktionieren. Ich traute mich kaum, mir auszumalen, was das für meinen Wagen bedeutet hätte, doch schließlich machte es Plopp und die Achse war wieder frei. Nur dämmerte es nun bereits, so dass wir nicht mehr die Möglichkeit hatten, meinen Wagen auch wieder zusammenzubauen. Wir mussten ihn liegen lassen und warten bis es am Morgen wieder hell werden würde. Auch zum Kochen war es nun etwas zu spät. Gut also das wir heute schon einiges gegessen hatten und dass man uns gerade an diesem Tag mit einem Militäressen versorgt hatte. Dieses war, wenn man der Verpackung glauben schenkte, innerhalb von Sekunden vollkommen unkomplex zubereitet, so dass es jeder Depp konnte. Genau richtig fürs Militär also. Dummerweise verstanden wir einen Teil der Anleitung nicht und stellten uns daher noch etwas deppiger an, als es von den Entwicklern dieser Notnahrung erwartet worden war. Am Ende erhielten wir ein lauwarmes Fertiggericht, mit dem man sogar die Müllhunde hätte vertreiben können. Spannend war es trotzdem, vor allem um einmal festzustellen, was von Seiten des Militärs unter sinnvoller Powernahrung für Soldaten verstanden wurde. Das Päckchen bestand zu gut 60% auf Verpackungsmaterial, Plastikbesteck und Frischtüchern. Der Rest teilte sich in eine Portion Chili-Con-Carne, ein Päckchen Erdnussbutter, verschiedene Sorten von Keksen und Kräckern, ein Pulver für ein Süßgetränk und eine Portion mit Vitamin-Präparaten in Pulverform auf. Bis auf die Erdnussbutter entsprach alles dem Ruf, der dem Militäressen vorauseilte. Um das Essen zu erwärmen, musste man einen kleinen Schluck Wasser in eine Tüte mit einer Chemikalie gießen, die daraufhin anfing zu reagieren und alles um sie herum erwärmte. Dann kam die Tüte mit dem Essen hinein und man wartete, bis es eine Temperatur von lauem Urin erreicht hatte. Guten Appetit!

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Spruch des Tages: Mit Waffen spielt man nicht! Oder doch?

 

Höhenmeter: 450 m

Tagesetappe: 9 km

Gesamtstrecke: 12.435,27 km

Wetter: sonnig und bewölkt im Wechsel

Etappenziel: Altes Pfarrhaus, 87060 Caloveto, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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