Tag 425: Die Straße die tötet

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Tag 425: Die Straße die tötet

Tag 425: Die Straße die tötet

Noch 10 Tage bis zu Heikos 2. Weltreisegeburtstag!

 

Keine Angst, die Hintergründe zur Kirche kommen noch! Heute gibt es aber erstmal ein kleines Update von dem, was in den letzten Tagen so passiert ist.

Seit wir Assisi verlassen haben, sind wir bis tief ins Zentralgebirge von Italien hineingewandert. Um uns herum erhoben sich die teils schneebedeckten Berge, doch wir selbst wanderten die meiste Zeit auf erstaunlich ebenen Straßen. Die Täler und Schluchten zogen sich ohne große Steigungen und Gefälle zwischen den gewaltigen Bergen hindurch. Es war ein Gleichklang inmitten von Höhen und Tiefen. Und ebenso ein Gleichklang erfüllte unsere Tage auch in Bezug auf das, was wir erlebten. Er gibt nicht besonders viel darüber zu erzählen, weil einfach nicht viel passiert ist. Von Assisi aus gab es einen großen Anstieg, dann waren wir auf einer Hochebene und wanderten mehr oder weniger eben die Serpentinen an einem Fluss entlang. Der nächste Tag war erfüllt von einem zumindest vorerst letzten großen Aufbäumen des Winters. Ein eiskalter Sturm brauste über uns hinweg und peitschte uns den kalten Regen ins Gesicht. Meine Hände, die bei unserer Pause in Assisi große Heilungsfortschritte gemacht hatten, freuten sich darüber gar nicht. Ich folgte daher Heikos rat und schützte sie mit Socken gegen die Kälte. Das half zwar nichts gegen den Regen, dafür aber gegen die Kälte und den Wind. Außerdem sah es lustig aus und sorgte für manch irritierten Blick, wenn ich mit meinen schlabbrigen Sockenhänden auf Leute zu ging um sie nach dem Weg zu fragen. Dennoch freuten wir uns nach den ersten acht Kilometern auf ein warmes, trockenes Plätzchen in einem Pfarrhaus oder Kloster. Doch der Pfarrer wollte keine Fremden in seinem Haus und lehnte uns mit der Begründung ab, dass er keinen geeigneten Saal für uns hatte. Während er das tat standen wir übrigens in genau einem solchen Saal, den es angeblich nicht gab, den draußen war es zu kalt um uns eine Absage zu erteilen. Bei diesem Wetter jagt man ja keinen Hund vor die Tür geschweige denn sich selbst. Aber die Tatsache führte leider nicht dazu, dass sich sein Mitgefühl und seine Gastfreundschaft sonderlich erhöhten. 14 Kilometer weiter kamen wir dann in eine andere Ortschaft, in der wir einen Pfarrer aus Chile trafen, der vor zwanzig Jahren hier her ausgewandert war. Bei ihm sah es ganz anders aus. Hier wurden wir nicht nur für eine Übernachtung eingeladen, wir durften auch seine Küche und die darin enthaltenen Vorräte benutzen, um uns ein Mittagessen zu kochen. Er selbst wollte leider nichts, obwohl uns das Essen wirklich gut gelungen ist. Lustig war, dass er mich für meine Kochkünste lobte und fragte, wo ich den das Kochen gelernt habe, als er sah, dass ich eine Zwiebel anbriet. In Sachen Kochkunst sind die Menschen in Italien offenbar wirklich leicht zufrieden zu stellen. Als wir ihm von seinem Kollegen im Nachbardorf erzählten schüttelte er nur vielsagend den Kopf. „Das ist typisch!“ meinte er dann, „Er hat mehr freie Zimmer als ein Hotel außerhalb der Saison, aber so lange ich hier wohne hat er noch niemanden aufgenommen!“

Am nächsten Tag erging es uns ähnlich. Wir wanderten bei gemischtem Wetter im Tal entlang, von einem Ort zum nächsten und wieder zum nächsten. Nicht weil wir abgelehnt wurden, oder weil die Menschen nicht freundlich zu uns waren, sondern weil die Pfarrer durch ihre permanente Abwesenheit glänzten. Auch ein Nonnenkloster, das laut aussagen der Anwohner Pilger aufnahm öffnete seine Tore nicht. Wenn man klingelte, ging der Anrufbeantworter an und bat um eine Nachricht nach dem Piepton. Ich überlegte kurzzeitig, ob ich wirklich eine auf Band sprechen sollte, doch was hätte ich gesagt? „Ich stehe hier vor ihrer Tür und würde gerne eingelassen werden. Schauen Sie doch bei Gelegenheit mal nach draußen, aber lassen Sie sich nicht zu lange Zeit sonst bin ich weg!“ Das klang nicht sehr hilfreich.

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Das Problem was dieses Tal ganz offensichtlich hatte, war die Straße auf der wir wanderten. Einst musste es ein wunderschöner Platz zum Wohnen gewesen sein, doch diese Straße mit ihrem rauen und schallspuckenden Asphalt und dem permanenten Schwerlastverkehr hatte alles getötet. Die Häuser waren massenhaft zu verkaufen. Vieles war bereits verfallen, da niemand mehr hier leben wollte. Die Dörfer wirkten wie Geisterstädte. Nur noch die Alteingesessenen, diejenigen, die hier aufgewachsen waren und die sich nicht vorstellen konnten, woanders zu leben, waren hier geblieben. In einem kleinen Dorf, das oberhalb der Hauptstraße lag, gab es noch eine Bar, eine Apotheke und das Rathaus. In der Bibliothek, die darin untergebracht war, saß einer der Mitarbeiter und zeichnete vor lauter Langeweile halbnackte Frauen und Dämonen auf ein Blatt Papier. Als ich ihn fragte, ob es hier einen Raum für uns gab, unterbrach er seine Arbeit widerwillig und führte mich in ein Büro, in dem eigentlich die Stadtsekretärin hätte sitzen sollen. Sie war jedoch gerade nicht da, wahrscheinlich, weil sie aufs Klo gegangen war. „Sorry“, sagte der Mann, „ich glaube, wir können hier nichts für dich tun.“ Wenn die Sekretärin nur halb so griesgrämig war wie er, dann hatte er damit wahrscheinlich Recht und so trat ich den Rückzug an. Der Pfarrer, der in dieser Ortschaft lebte, öffnete mir zunächst überhaupt nicht. Erst als seine Nachbarin an seine Tür pochte kam er zum Vorschein. Seine Alkoholfahne wehte mir schon von weitem entgegen. Dass er uns nicht aufnehmen wollte, hatte wahrscheinlich weniger damit zu tun, dass er keinen Platz hatte, sondern viel mehr damit, dass er nicht mehr in der Lage war, einen passenden Schlüssel zu finden. Im Nachhinein betrachtet kann ich ihn sogar gut verstehen, dass er deprimiert und gefrustet war und dass er versuchte, die Leere in seinem Inneren mit Alkohol zu füllen, doch in diesem Moment, in dem ich im Regen und Wind an seine Tür pochte und am frühen Nachmittag von seiner Fahne nach draußen geweht wurde, da wünschte ich ihm die Pest an den Hals. Ich hatte keine Lust mehr, weiter durch die Kälte zu wandern und dieser Sack versaute mir meinen entspannten Nachmittag. Gerade jetzt, wo ich so gerne mehr über Franziskus in Erfahrung bringen wollte. Aber das war wahrscheinlich genau das Problem. Ich war schon wieder zu sehr damit beschäftigt, zu planen, was ich nach der Ankunft machen wollte und war deshalb einfach nicht mehr locker.

Ein weiterer Blick durch den Ort sagte mir, dass unsere Chancen hiermit aufgebraucht waren. Sogar das Krankenhaus hatte geschlossen und war dem Verfall übergeben worden. Dieses Dorf war tot. Und die letzten Einwohner die noch atmeten wussten dies ebenfalls. Deswegen hatte der Pfarrer wohl auch versucht, die Zeit bis zu seinem eigenen Tod im Alkohol zu ertränken. Und das alles noch immer in mitten eines der schönsten Plätze, die diese Welt wahrscheinlich zu bieten hat. Nur dass man vor einigen Jahren eine Straße hier hindurch gebaut hatte, die alles unter ihrem Lärm erstickte. Später kamen wir an eine Stelle, an der man den Asphalt erneuert hatte. Es war noch immer kein Flüsterasphalt, aber zumindest einer, der nicht ganz so rau war. Es war, als wären die Autos, die hier vorbeikamen plötzlich verschwunden. Erst ein lautes Getöse, dann ein leises Rauschen und dann plötzlich wieder das Getöse als wäre alles nur ein Spuk gewesen. Es war also möglich, man musste es nur wollen.

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Im nächsten Ort hatten wir dann mehr Glück. Wir trafen einen Pfarrer an, der nicht alkoholisiert war und der uns aufnehmen wollte. Nur musste er zuvor noch seine Messe beenden und so durften wir noch eine halbe Stunde in Freien warten. Es war noch immer kalt, hatte aber zumindest zu regnen aufgehört. Als ich zu Heiko und den Wagen zurückkehrte, stand noch ein weiterer Mann bei ihm, ein lustiger kleiner Kautz, der sich uns als Lebenskünstler vorstellte. Er war Glasskulpturenkünstler. Immer wieder unterbrach er seine Erzählungen durch kurze Gesangseinlagen und legte dabei auch gerne einen kleinen Tanz hin. Er machte keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für verrückt hielt, sondern genoss es anders zu sein, als seine Mitmenschen. „In diesem Land habe ich keine Freunde,“ meinte er ohne jedes Bedauern. Dann äffte er seine Landsleute nach, wie sie starr irgendwo herumstanden und ihn angafften oder wie sie wie Zombies durch die Straßen gingen. Auch sein Schauspieltalent war nicht übel.

Als wir am nächsten Tag weiter in Richtung Norden wanderten kam er uns noch einmal mit seiner Frau im Auto entgegen und grüßte freundlich. Das war die letzte wirklich interessante Begegnung gewesen, die wir hatten. In Spanien haben wir uns oft über die Menschen aufgeregt. In Italien war das anders. Hier waren die meisten Menschen so neutral, dass man sie eigentlich gar nicht wahrnahm. Man konnte sie nach dem Weg fragen und erhielt in gut 40% der Fälle eine richtige Antwort. Man konnte sie um etwas zu Essen bitten und war dabei zu etwa 70% erfolgreich. Ansonsten schienen Gespräche so gut wie unmöglich. Meist spürte man, dass sie einem bereits bei der Frage wo wir herkommen schon nicht mehr zuhörten. Tiefere Unterhaltungen ergaben sich dementsprechend so gut wie nie.

Die letzten vier Tage hatten wir dann sowohl in Bezug auf die Schlafplätze als auch auf das Essen deutlich mehr Glück. Wir durften in einem Hotel, dann in einem Kloster und schließlich zwei mal hinter einander bei sehr lieben Pfarrern übernachten, die uns gleich noch mit allem versorgten, was wir brauchten. Der einzige Haken dabei war, dass dies fast immer auf Reis mit Tomatensauce hinauslief. Das machte uns zwar Satt, fügte sich aber ansonsten nahtlos in den allgemeinen Gleichklang ein, der uns ohnehin schon umgab. So verstärkte sich das Gefühl, dass gerade nichts passierte. Nicht dass das schlimm war, aber ein bisschen langweilig wurde es schon. Da war es dann sogar eine willkommene Abwechslung, dass wir heute wieder einmal einen unserer inzwischen berühmten Internettage einlegen konnten. Während ich alle Mails und Berichte aufarbeitete, die in den vergangenen Tagen liegen geblieben waren, telefonierte Heiko mit seinem Vater und Hans, einem Freund der Familie, der sich gerade an die Konstruktion unserer neuen Deichseln macht. Ihr glaubt gar nicht, wie schwer es ist, eine komplette Konstruktionsplanung über Skype und Telefon zu machen. Egal, was am Ende auch dabei herauskommen wird, Danke schon mal an alle drei, für die viele Mühe und die Hingabe mit der ihr euch ans Werk macht!

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Spruch des Tages: Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit. (Sören Kierkegaard)

Höhenmeter: 120 m

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 7773,77 km

Wetter: bewölkt mit sonnigen Momenten

Etappenziel: Pfarrhaus, 61049 Urbania, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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