Mit dem Trike durch Europa – 88 Tage von Nordschweden nach Bayern

Zwei Männer, zwei Liegetrikes, gut 2.000 Kilometer und eine ausgesprochen optimistische Vorstellung davon, wie sich der schwedische Herbst verhalten würde. Im September 2024 brachen wir von unserem kleinen Haus in Skorped bei Örnsköldsvik auf. Unser Ziel: Postbauer-Heng in Bayern. Unsere Reisezeit: 88 Tage. Unser Erfahrungsschatz mit Liegetrikes: ungefähr bei null.
Teil 1: Zwei Trikes, zwei Dächer und ein sehr langer Heimweg
Es gibt Menschen, die eine Reise vernünftig vorbereiten.
Sie trainieren monatelang, testen ihre Ausrüstung, fahren Probeetappen, studieren Höhenprofile und wissen bereits vor der Abfahrt, wie man an einem Berg den richtigen Gang einlegt.
Und dann gab es uns.
Wir hatten zwar zuvor knapp 50.000 Kilometer zu Fuß durch Europa zurückgelegt, sieben Jahre lang den längsten Charity Walk der Welt aufgebaut, ohne eigenes Reisebudget gelebt, Hilfsprojekte unterstützt und dabei vermutlich mehr europäische Landstraßen gesehen als mancher Fernfahrer. Von Liegetrikes hatten wir trotzdem ungefähr so viel Ahnung wie ein Dackel vom Hochsprung.
Wie wir überhaupt in Nordschweden gelandet waren
Die Vorgeschichte unserer Trike-Reise begann eigentlich viele Jahre früher.
Von 2014 bis 2020 waren wir zu Fuß durch Europa unterwegs. Unser Plan war, schließlich Großbritannien zu erreichen und mit der Queen Mary 2 nach New York überzusetzen. Dann kam im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie – und mit ihr eine Realität, die in keinem unserer Reisepläne vorgesehen war.
Statt auf einem Ozeandampfer landeten wir für drei Monate bei einem Pfarrer in Frankreich. Damals durfte man sich zeitweise kaum mehr als einen Kilometer vom Wohnort entfernen. Für Menschen, deren gesamtes Leben aus Weitergehen bestand, war das eine ziemlich effiziente Form der Zwangsentschleunigung.
Als Reisen im Sommer wieder vorübergehend möglich wurde, wanderten wir noch einmal nach Schweden. In Skorped, rund 60 Kilometer von Örnsköldsvik entfernt, hatten wir ein kleines Haus für etwa 6.000 Euro gekauft.
Der niedrige Preis hatte eine Vorgeschichte: Die vorherigen Bewohner waren nach einem größeren Marihuana-Anbau aufgeflogen. Wir übernahmen also ein schwedisches Häuschen mit Renovierungsbedarf, viel Wald und einer Biografie, die ein Immobilienmakler wahrscheinlich unter „individuelles Nutzungskonzept“ zusammengefasst hätte.
In den folgenden vier Jahren bauten wir in Schweden ein Containerhaus aus. Viele Materialien erhielten wir über Kooperationen und Sponsoren. Lebensmittel bekamen wir unter anderem über Absprachen mit Supermärkten. Es war dieselbe Grundidee, die uns bereits auf unserer Wanderung getragen hatte: Wir stellten Projekte, Menschen und Orte vor und erhielten dafür Unterstützung.
Als das Containerhaus im Herbst 2024 endlich fertig war, wurde es von einem Freund gemeinsam mit Shania nach Deutschland gebracht. Wir blieben noch etwa zwei Wochen zurück, räumten auf, schlossen die letzten Arbeiten ab – und standen dann vor der Frage, wie wir selbst nach Hause kommen sollten.
Die Antwort wurde in mehreren großen Kartons geliefert.
Unsere neuen Reisegefährten kommen per Post
Die Firma ICE Trikes stellte uns zwei neue ICE Adventure HD zur Verfügung. Das Adventure HD ist ein robustes, breiter gebautes Reiseliegetrike mit höherem Rahmen, vergleichsweise großer Bodenfreiheit und einem geräumigeren Sitzbereich. Es ist ausdrücklich eher für komfortables Reisen auf Straßen und Wegen gedacht als für gebückte Rennradakrobatik.
Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden hatten: „komfortables Reisen“ bedeutet nicht automatisch, dass man nach 60 Kilometern in hügeligem Gelände noch würdevoll von diesem Fahrzeug aufstehen kann.
Zunächst mussten die Trikes aber überhaupt erst einmal Fahrzeuge werden.
Die Einzelteile lagen vor uns wie ein überdimensioniertes mechanisches Puzzle. Rahmen, Räder, Sitze, Ketten, Gepäckträger, Schrauben – und selbstverständlich mindestens ein Bauteil, bei dem man sich fragt, ob es wichtig ist oder nur aus psychologischen Gründen beigelegt wurde.
Wir arbeiteten uns durch den Aufbau und hielten das Ganze auf Video fest.
▶ Video einbetten: Aufbau unserer ICE Adventure HD
▶ Partner verlinken: ICE Trikes
Als beide Trikes endlich auf ihren drei Rädern standen, wirkten sie eindrucksvoll. Breit, stabil, bequem und ein bisschen so, als hätte jemand einen Campingstuhl mit einem Gokart gekreuzt.
Passend dazu erhielten wir von der französischen Firma Veltop für jedes Trike ein Wetterschutzdach. Veltop bietet solche Konstruktionen speziell für Liegeräder und Trikes als Schutz vor Regen, Kälte, Wind und Sonne an.
Anfangs nannten wir sie gelegentlich Fairtop, Feldtop oder einfach „das Dach“. Nach der Reise kannten wir den Namen sehr genau, weil wir ihn immer dann besonders deutlich aussprachen, wenn eine Windböe versuchte, das Ding nach Dänemark zu schicken.
Die Dächer waren trotzdem Gold wert. Sie hielten den Oberkörper erstaunlich trocken, reduzierten den Fahrtwind und machten kalte oder regnerische Tage wesentlich erträglicher. Nur die Füße ragten vorne weiterhin in die Wetterzone hinein.
Unser Körper blieb also trocken, während die Zehen langsam ein eigenes skandinavisches Eiszeitmuseum eröffneten.
▶ Video einbetten: Montage der Veltop-Dächer
▶ Partner verlinken: Veltop
Dann beluden wir unsere Trikes.
Vor uns lagen gut zwei Monate Herbst, eine Fahrt quer durch Schweden und Deutschland und eine Route, die wir teilweise erst unterwegs planen würden. Wir wollten erneut möglichst ohne eigenes Reisebudget auskommen. Shania organisierte von Deutschland aus Übernachtungen, Kooperationen und Kontakte. Kirchen, Hotels, Privatpersonen, Campingplätze und Gemeinden sollten zu unseren Gastgebern werden.
Nebenbei mussten wir unsere eigentliche Arbeit weiterführen. Mit den Digi Heroes koordinieren wir internationale Entwicklerteams und realisieren Programmierprojekte gemeinsam mit talentierten Fachleuten aus Ländern, in denen gute berufliche Chancen oft schwerer zugänglich sind.
Das bedeutete: Während Heiko gelegentlich vor einem Friedhof wartete, saß ich auf dem Trike, öffnete den Laptop und nahm an einer Videokonferenz teil.
Virtueller Hintergrund: modernes Büro.
Realer Hintergrund: Friedhofsmauer, Gepäcktaschen und ein Liegetrike, das aussah, als würde es gleich zu einer Polarexpedition aufbrechen. Digitalisierung kann vieles.
Der Moment der Abfahrt
An einem Tag Mitte September 2024 war es schließlich so weit.
Hinter uns lagen vier Jahre Baustelle, ein renoviertes Haus in Skorped, unser Containerprojekt und ein Lebensabschnitt, der ursprünglich nur als Zwischenstopp gedacht gewesen war.
Vor uns lag die Straße nach Deutschland.
Der Abschied fühlte sich seltsam an. Wir waren froh, dass das Containerhaus fertig war. Gleichzeitig ließen wir einen Ort zurück, der für mehrere Jahre unser Zuhause gewesen war. Einen Ort mit langen Wintern, hellen Sommernächten, endlosen Wäldern und einer Stille, die so vollkommen sein konnte, dass man irgendwann das Gefühl bekam, selbst das eigene Denken mache zu viel Lärm.
Dann traten wir in die Pedale. Die ersten Meter liefen hervorragend, auch die nächsten.
Wir rollten durch die nordschwedische Landschaft, vorbei an Seen, Wäldern und kleinen Siedlungen. Die Luft war klar, das Licht weich, die Landschaft beinahe kitschig schön. Unsere Trikes liefen ruhig. Die Sitze waren bequem. Die Dächer schützten uns vor dem Fahrtwind.
„Das wird richtig entspannt“, sagte vermutlich einer von uns.
Dieser Satz hatte eine Lebenserwartung von ungefähr zwanzig Kilometern.
Der erste Berg und die vollständige Entzauberung
Skorped liegt nicht direkt an der Küste. Bis Örnsköldsvik waren es ungefähr 60 Kilometer – durch eine Landschaft, die sich offenbar vorgenommen hatte, uns gleich am ersten Tag zu erklären, was ein Höhenprofil ist.
Wir hatten noch nicht verstanden, wie man ein Liegetrike effizient fährt. An Steigungen versuchten wir entweder, in einem viel zu hohen Gang weiterzutreten, oder wir kurbelten viel zu hektisch, als könnten wir den Berg durch reine Nervosität überwinden.
Beides funktionierte nicht besonders gut.
Ein Liegetrike belohnt Gleichmäßigkeit. Man schaltet früh herunter, tritt ruhig weiter und akzeptiert, dass man den Gipfel nicht in einem heroischen Sprint erreichen wird. Es ist ein Reisefahrzeug, kein Fluchtwagen.
Wir behandelten es zunächst trotzdem wie einen Fluchtwagen.
Nach den ersten längeren Steigungen meldeten sich die Waden. Kurz darauf die Oberschenkel. Schließlich schienen verschiedene Muskelgruppen unabhängig voneinander beschlossen zu haben, den Betrieb einzustellen.
„Wie weit noch?“
„Nicht mehr so weit.“
„Was bedeutet das in Kilometern?“
„Es bedeutet, dass ich gerade nicht nachsehen möchte.“
Am Ende der ersten Etappe hatten wir Örnsköldsvik erreicht. Wir waren begeistert. Wir waren stolz. Und wir waren körperlich ungefähr in dem Zustand, in dem man einen IKEA-Schrank vorfindet, nachdem er aus dem dritten Stock gefallen ist. Die Trikes hatten den ersten Tag problemlos überstanden. Wir eher technisch gesehen auch.
Teil 2: Straußenburger, Wadenkrämpfe und die Höga Kusten
Örnsköldsvik war während unserer Jahre in Schweden so etwas wie unsere Heimatstadt geworden. Wir kannten Menschen dort, hatten viele Kontakte gesammmelt und wussten zumindest ungefähr, wo man hinmusste, wenn man dringend Essen, Baumaterial oder eine Sauna brauchte.
Auf dem Weg in die Stadt kamen wir an der Strutsfarm i Gerdal vorbei, einer Straußenfarm etwa eine Viertelstunde von Örnsköldsvik entfernt. Dort steht tatsächlich Straußenfleisch auf der Speisekarte.
Wir wurden zum Essen eingeladen und bekamen sehr leckere und stärkende Straußenburger. Nach den Bergen schmeckte dieser Burger nicht einfach gut. Er schmeckte wie eine offizielle Entschuldigung der Reise dafür, was sie unseren Oberschenkeln angetan hatte.
Zurück im First Hotel Statt
In Örnsköldsvik durften wir im wunderschönen und zentralen First Hotel Statt übernachten. Das traditionsreiche Hotel wurde 1913 errichtet und liegt zentral in Hafennähe.
Wir kannten das liebenswerte Hotel Statt und einige Mitarbeitende bereits von früher. Nach 60 Kilometern, Bergen und den ersten Krämpfen fühlte sich ein Hotelbett nicht wie Luxus an, sondern wie eine medizinische Maßnahme.
Doch zunächst durften wir noch ins Paradiset, das große Erlebnisbad von Örnsköldsvik. Dort gibt es neben dem Familienbereich auch eine Saunalandschaft.
Und als wäre der Tag noch nicht ungewöhnlich genug gewesen, trafen wir dort eine Freundin wieder – und erfuhren dabei, dass sie als Saunaaufgießerin arbeitete. Das war für uns neu. Für unsere Muskulatur war es eine Offenbarung. Wir saßen in der Wärme, während sich Waden und Oberschenkel langsam wieder daran erinnerten, dass sie Teil eines lebenden Organismus waren.
Am nächsten Morgen frühstückten wir im Hotel und fühlten uns beinahe wieder wie Sportler. Beinahe.
Ein Radweg, der plötzlich keiner mehr war
Von Örnsköldsvik aus folgten wir der Höga Kusten weiter nach Süden. Die Hohe Küste zählt zu den landschaftlich beeindruckendsten Regionen Schwedens. Felsige Küsten, Wälder, Buchten und ungewöhnlich starke Höhenunterschiede prägen die Gegend. Für Wanderer ist sie ein Traum.
Für zwei schwer beladene Liegetrikes ist sie ebenfalls ein Traum – allerdings gelegentlich einer, in dem man verfolgt wird.
Die Route sah auf der Karte gut aus. Ein Weg führte durch den Wald, fernab der Hauptstraße. Genau das wollten wir: wenig Verkehr, Natur und Ruhe.
Nach einiger Zeit wurde der Weg schmaler. Dann kamen Wurzeln. Dann Steine. Dann Stellen, die möglicherweise noch für Mountainbikes geeignet waren, aber nicht für Fahrzeuge, die so breit waren wie ein kleiner Esstisch. Wir standen vor einem Trampelpfad und betrachteten ihn schweigend.
„Laut Karte ist das ein Radweg.“
„Vielleicht für Fahrräder.“
„Das hier sind Fahrräder.“
„Sag das dem Weg.“
Mit einem normalen, halbwegs geländegängigen Rad hätte man sich vermutlich irgendwie hindurcharbeiten können. Mit unseren Trikes und dem gesamten Gepäck war die Passage nicht sinnvoll befahrbar.
Also drehten wir um.
Zurück über den Abschnitt, den wir gerade mühsam gefahren waren. Dann über einen Umweg. Schließlich doch auf die Hauptstraße, die wir eigentlich vermeiden wollten.
Das war eine der ersten Lektionen der Reise: Eine dünne Linie in einer Navigations-App kann vieles bedeuten. Asphaltstraße. Waldweg. Wurzelpfad. Oder eine historische Erinnerung daran, dass hier 1987 einmal jemand mit einem Fahrrad vorbeigekommen sein soll.
Ein Auffahrunfall bei Schrittgeschwindigkeit
Franz übernahm unterwegs einen großen Teil der Navigation und Organisation. Das bedeutete, Kontakte zu prüfen, Routen anzusehen und Nachrichten zu beantworten.
Grundsätzlich war das sinnvoll. Weniger sinnvoll war es, dabei zu lange auf das Handy zu schauen. Auf einer ruhigen Feldstraße fuhr Heiko voraus. Franziulio kontrollierte die Route. Heiko bremste und Franz bemerkte es nicht rechtzeitig.
Es folgte der vermutlich langsamste Auffahrunfall der schwedischen Verkehrsgeschichte.
Klonk. Franz Trike fuhr Heiko hinten auf.
Niemand wurde verletzt. Am Veltop entstand allerdings ein Riss, und Teile der Konstruktion wurden verbogen.
Heiko drehte sich um. Es gibt Blicke, für die kein Dialog notwendig ist.
„Du bist mir gerade hinten draufgefahren.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich auf die Route geschaut habe.“
„Die Route war direkt vor dir.“
Es folgte eine sachliche Diskussion, deren Sachlichkeit vorübergehend Urlaub hatte.
Später erhielten wir Ersatzteile und konnten das Dach wieder reparieren. Der Vorfall blieb ohne größere Folgen – abgesehen von der neuen Regel, dass Navigation und vorausfahrender Heiko nicht gleichzeitig betrachtet werden sollten.
Über der großen Brücke
Ein Höhepunkt der Höga Kusten war das besonders gelegene Hotell Höga Kusten. Das familiengeführte Hotel liegt oberhalb des Ångermanälven und bietet durch seine Panoramafenster einen beeindruckenden Blick auf die große Högakustenbron.
Das Haus wirkt, als hätte jemand ein Aussichtshotel mitten in die Landschaft gesetzt und anschließend vergessen, eine Stadt darum herumzubauen. Unter uns spannte sich die gewaltige Brücke über das Wasser. Dahinter lagen Wälder, Felsen und die weite Küstenlandschaft.
Vor dem Hotel trafen wir eine Österreicherin, die zum Wandern nach Schweden gekommen war. Sie durfte auf dem Spielplatz zelten.
Das klingt zunächst ein wenig unwürdig, bis man den Ausblick kennt. Die meisten mitteleuropäischen Vier-Sterne-Campingplätze würden vermutlich einen Wellnesszuschlag dafür verlangen.
Wir unterhielten uns lange. Sie machte unser Essen warm, wir teilten Lebensmittel mit ihr. Für einen Abend entstand jene kleine Reisegemeinschaft, die es nur unterwegs gibt: Menschen treffen sich zufällig, verbringen einige Stunden miteinander und gehen anschließend wieder in verschiedene Richtungen weiter.
Übernachten zwischen Frostschutzdecken
Nicht jede kirchliche Unterkunft war gleichermaßen komfortabel. In einem leerstehenden Kirchengebäude sollte eigentlich eine Heizung funktionieren.
„Eigentlich“ ist ein Wort, das Reisenden zuverlässig Probleme bereitet.
Als es draußen dunkel wurde, sank die Temperatur im Gebäude immer weiter. Wir suchten sämtliche verfügbaren Decken zusammen, wickelten uns darin ein und verwandelten unsere Betten in zwei textile Überlebenskapseln.
„Ist dir warm?“
„Nein.“
„Mir auch nicht.“
„Gut, dann funktioniert wenigstens die Wahrnehmung noch.“
Irgendwann lagen wir unter so vielen Schichten, dass wir uns kaum noch bewegen konnten. Jeder nächtliche Toilettengang hätte eine vollständige archäologische Freilegung erfordert. Es war kalt, aber es blieb eine dieser Nächte, über die man später gerne erzählt – vor allem, wenn man sie später in einem warmen Zimmer erzählt.
Lagerfeuerromantik ohne Lagerfeuer
Ganz anders war eine Übernachtung auf einem großen Campingplatz an einem See. Noch eindrucksvoller wurde es bei einem kleinen Glampingplatz mitten im Nirgendwo.
Wir schliefen in einer Jurte ohne Strom. Rundherum lagen Wald und Wasser. Keine Stadtbeleuchtung, kein Verkehr, keine dauernden Geräusche. Nur die Landschaft – und irgendwo darin Bären und Wölfe.
Am Abend nahmen wir ein Ruderboot und fuhren auf den See hinaus. Das Wasser lag fast vollkommen still. Der Wald spiegelte sich auf der Oberfläche, die Luft wurde kühler und über uns breitete sich der Himmel aus. Solche Momente wirken in einem Reisebericht schnell pathetisch. Vor Ort sind sie erstaunlich schlicht.
Man sitzt in einem kleinen Boot. Man hört fast nichts. Und für einige Minuten erscheint die Welt vollkommen in Ordnung.
Sundsvall und das Fleisch zum Selberbraten
Weiter südlich erreichten wir Sundsvall. Dort durften wir in einem Restaurant essen, in dem das Fleisch nahezu roh serviert wurde – zusammen mit einem glühend heißen Stein.
Wir konnten es direkt am Tisch selbst braten.
Für Menschen, die gerne Fleisch essen, ist das ein hervorragendes Konzept. Für ungeduldige Menschen ist es ein psychologischer Belastungstest. Man sitzt vor seinem Essen, riecht das gebratene Fleisch und muss trotzdem akzeptieren, dass die Mitte noch annähernd Körpertemperatur hat.
Mit jedem Reisetag kamen wir besser mit den Trikes zurecht. Wir lernten, rechtzeitig herunterzuschalten, gleichmäßiger zu treten und nicht jeden Hügel als persönlichen Angriff zu betrachten. Vor allem lernten wir, unsere Tagesetappen realistischer zu planen. Anfangs wollten wir größere Distanzen schaffen. Später pendelten wir uns meist bei etwa 30 bis 40 Kilometern pro Tag ein. Dadurch blieb Zeit, Orte anzuschauen, Menschen zu treffen, Umwege zu verkraften und auch einmal eine Videokonferenz vor einem Friedhof zu führen. Das war langsamer. Aber genau darin lag schließlich der Sinn dieser Fahrzeuge.
Ein ICE Adventure HD ist kein Gerät, mit dem man möglichst schnell verschwindet. Es ist ein Liegerad, mit dem man möglichst viel mitbekommt. Und langsam begannen wir, genau das zu genießen.
Teil 3: Gegenwind, moderne Kunst und ein Schloss für zwei Trikefahrer
Irgendwann erreichten wir flacheres Land.
Nach all den Hügeln und Steigungen sahen wir die Ebene vor uns und glaubten, nun würde die Reise leichter werden. Die Landschaft hatte andere Pläne. Ab dem ersten Tag im flacheren Gelände kam der Wind von vorne. Nicht gelegentlich. Nicht als kleine Brise. Sondern mit jener Ausdauer, die normalerweise nur Behördenformulare und schlecht gelaunte Drucker besitzen.
Wir hatten die Berge hinter uns gelassen und dafür eine unsichtbare Wand eingetauscht.
„Wenigstens geht es nicht bergauf.“
„Es fühlt sich aber so an.“
„Ja, nur ohne Gipfel.“
Uppsala – friedlich, jung und voller Geschichte
Uppsala gefiel uns sofort.
Die Stadt wirkte lebendig, ohne hektisch zu sein. Viele junge Menschen waren unterwegs. Auch am Abend sahen wir Studentinnen allein oder zu zweit durch die Straßen laufen, ohne dass die Atmosphäre angespannt wirkte.
Uns fiel außerdem eine hohe Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften auf. Trotzdem entstand nicht das Gefühl einer kontrollierten oder bedrohlichen Stadt. Die Beamten sprachen mit Menschen, gaben Auskunft und wirkten ansprechbar.
Natürlich kann ein kurzer Aufenthalt niemals die gesamte Sicherheitslage einer Stadt abbilden. Unser persönlicher Eindruck war jedoch ausgesprochen positiv: Uppsala wirkte freundlich, ruhig und erstaunlich entspannt.
Wir besichtigten das Schloss, das eindrucksvoll über der Stadt liegt. Von außen: Geschichte, Macht, Mauern, große Perspektiven. Von innen: weiße Wände und moderne Kunst.
Große Teile des historischen Innenlebens waren modernen Ausstellungsräumen gewichen. Eines der Kunstwerke bestand aus dem abgetrennten Arm einer Schaufensterpuppe, der über ein Kabel mit einem Motor verbunden war. Der Arm zuckte ununterbrochen über den Boden.
Wir standen davor. Der Arm zuckte. Wir sahen uns an. Der Arm zuckte weiter.
„Ist das Kunst?“
„Ja.“
„Woran erkennt man das?“
„Weil es verstörend ist.“
Es gibt in Museen für moderne Kunst offenbar eine unausgesprochene Regel: Sobald ein Besucher sich wohlfühlt, muss irgendwo ein Körperteil elektrisch über den Boden gezerrt werden. Vielleicht verstanden wir das Werk nicht. Vielleicht war genau das das Werk. Vielleicht hatte auch einfach jemand im Technikraum vergessen, die Schaufensterpuppe auszuschalten.
Verboten war es vermutlich nicht direkt
Besonders eindrucksvoll war auch die alte Universität.
Wir bewegten uns durch historische Räume mit Ölgemälden früherer Professoren, langen Konferenztischen und jener Atmosphäre, in der Wissen nicht einfach vermittelt, sondern offenbar in schweren Lederschuhen feierlich überreicht wurde.
Wir waren dort nicht unbedingt im Rahmen einer offiziellen Führung. Man könnte sagen, wir bewegten uns mit natürlicher Neugier durch öffentlich wirkende Bereiche. Man könnte auch sagen, wir liefen so lange weiter, bis uns jemand aufgefordert hätte, es nicht mehr zu tun. Das geschah nicht.
Also betrachteten wir die alten Säle, die Porträts und die Möbel und stellten uns vor, wie hier vor Jahrhunderten über Wissenschaft, Philosophie und die dringende Frage diskutiert wurde, wer am langen Tisch näher am Fenster sitzen durfte.
▶ Video einbetten: Uppsala, Schloss und Universität
Ein Döner und eine ungewöhnliche Integrationsdebatte
In einer anderen schwedischen Stadt kamen wir vor einem Dönerladen mit einer Gruppe Jugendlicher ins Gespräch.
Die Gruppe bestand, soweit wir uns erinnern, unter anderem aus Jugendlichen mit iranischen, türkischen, albanischen und syrischen Familiengeschichten – und einem Schweden. Wir redeten über das Leben in Schweden, Schule, Zukunft und die Veränderungen der vergangenen Jahre. Irgendwann erklärte einer der Jugendlichen, Schweden müsse seine Einwanderungspolitik stärker begrenzen. Sonst kämen zu viele Ausländer ins Land.
Wir sahen in die Runde. Die Runde sah zurück. Heiko und ich waren in dieser Situation vermutlich die einzigen klassischen deutschen Touristen – und damit ebenfalls Ausländer.
Die Diskussion war weder aggressiv noch feindselig. Sie zeigte vielmehr, wie kompliziert persönliche Erfahrungen und politische Ansichten sein können. Menschen lassen sich nicht automatisch einer Meinung zuordnen, nur weil sie selbst oder ihre Familien eingewandert sind. Vor allem aber war die Situation skurril.
Eine nahezu vollständig internationale Jugendgruppe saß vor einem Dönerladen in Schweden und diskutierte darüber, dass Schweden zu international geworden sei. Europa in einer Szene.
Astrid Lindgrens Welt – mit Kunstblut und Rettungseinsatz
Später erreichten wir Astrid Lindgrens Värld in Vimmerby.
Der Park war saisonbedingt geschlossen. Mit Genehmigung der Parkleitung durften wir das Gelände trotzdem betreten und filmen. Astrid Lindgrens Welt ist kein klassischer Freizeitpark mit Achterbahnen, sondern ein großes Freilichttheater mit zahlreichen Bühnen und Kulissen aus Geschichten wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und den Brüdern Löwenherz. Wir erwarteten eine verlassene Kinderbuchwelt.
Bekommen haben wir Pippi Langstrumpf nach einer mittleren Katastrophe.
Auf dem Gelände lief gerade eine Übung von Feuerwehr und Polizei. Überall lagen oder saßen Menschen, die mit Kunstblut geschminkt waren und Verletzte spielten. Rettungskräfte arbeiteten verschiedene Szenarien durch.
Zwischen bunten Häusern, bekannten Bühnenbildern und liebevoll gebauten Kinderbuchkulissen wurden blutverschmierte Statisten versorgt und abtransportiert.
Es war, als hätte jemand Astrid Lindgren mit einem Katastrophenfilm gekreuzt. Bei Pippi Langstrumpf wurde eine verletzte Person gerettet. Bei Ronja Räubertochter übte vermutlich der nächste Trupp. Und irgendwo hätte Michel aus Lönneberga vermutlich versucht, einen Rettungswagen in den Schuppen einzusperren.
Wir durften Teile der Übungen beobachten und anschließend die verschiedenen Kulissen und Bühnen erkunden.
Zwei Trikefahrer ziehen ins Schloss
In Växjö wartete eine Unterkunft, die wir auf dieser Reise nicht unbedingt erwartet hatten: Teleborgs Slott.
Das historische Schloss liegt etwas außerhalb des Zentrums in der Nähe der Universität und wird heute als Hotel genutzt. Das Haus beschreibt sich selbst als ein aus Liebe und Granit erbautes Schloss; die Zimmer verteilen sich auf mehrere Gebäude.
Nach Wochen auf Trikes, in Kirchengebäuden, Hotels, einfachen Quartieren und einer Jurte rollten wir plötzlich vor einem Schloss vor. Wir stellten unsere Liegetrikes ab und bezogen unsere Zimmer. Es gibt so viele atemberaubende Momente, in denen man sich als Abenteuerreisender oder auch mal als Ritter fühlt.
Und es gibt Momente, in denen man vor einem Schloss steht, die nassen Fahrradhandschuhe auszieht und versucht, nicht auszusehen wie jemand, der gerade versehentlich durch den Lieferanteneingang gekommen ist. Wir genossen den Aufenthalt trotzdem in vollem Umfang. Vielleicht sogar besonders deshalb.
Alte Bekannte in alten Pfarrhäusern
Je weiter wir nach Süden kamen, desto häufiger kreuzte unsere neue Reise die Spuren unserer früheren Wanderung.
Über eine Kirchenvorstandsvorsitzende wurde uns eine Unterkunft organisiert. Zunächst stellten wir die Trikes an einem Friedhof ab, bei einem Gebäude für Verwaltung und Friedhofsgärtnerei. Anschließend brachte sie uns zum Pfarrhaus im Nachbarort.
Schon bei der Ankunft kam uns das Gebäude bekannt vor. Dann der Eingang. Dann das Zimmer. Schließlich der Pfarrer. Wir waren schon einmal hier gewesen. Jahre zuvor hatten wir während unserer Wanderung im selben Haus, beim selben Pfarrer und sogar im selben Zimmer übernachtet.
Der Gastgeber erinnerte sich an uns. Wir erzählten, was inzwischen geschehen war, wie wir in Schweden gelandet waren und warum wir nun nicht mehr zu Fuß, sondern in zwei tief liegenden Dreirädern vor seiner Tür standen.
Solche Begegnungen gehörten zu den schönsten Momenten der Reise. Unsere Strecke war nicht nur ein Weg nach Hause. Sie führte gleichzeitig durch unsere eigene Vergangenheit.
Das Hotel, das nichts von uns wusste
Nicht jede Übernachtungsorganisation verlief so harmonisch.
Shania hatte mit dem Chef eines Hotels vereinbart, dass wir dort übernachten durften. Der Chef hatte diese Information allerdings nicht an sein Team weitergegeben und war selbst nicht anwesend.
Wir kamen an. Niemand wusste von uns. Wir erklärten unser Projekt. Die Mitarbeitenden sahen uns an. Wir erklärten die Absprache. Die Mitarbeitenden sahen einander an. Irgendwo im Hintergrund entstand vermutlich spontan eine Krisensitzung.
„Mit wem haben Sie gesprochen?“
„Mit Ihrem Chef.“
„Der ist nicht da.“
„Das sehen wir.“
Schließlich ließ sich die Angelegenheit klären. Aber die Szene zeigte eine wichtige Regel der Reiseorganisation: Eine bestätigte Absprache ist erst dann wirklich bestätigt, wenn auch die Person an der Rezeption davon erfahren hat.
Noch besser wurde es in einer ostdeutschen Stadt, in der zwei Hotels denselben Namen trugen. Wir standen selbstverständlich vor dem falschen. Niemand wusste von uns. Wir telefonierten. Shania telefonierte. Das Hotel telefonierte möglicherweise innerlich mit seiner Geduld. Erst nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass unsere Reservierung tatsächlich existierte – nur eben in einem anderen Gebäude.
Wir mussten weiterfahren. Nach einem langen Reisetag ist die Nachricht „Ihr Hotel ist ganz in der Nähe“ ungefähr so beruhigend wie „Der Berg ist fast geschafft“.
Trelleborg und der erste große Sturm
Schließlich erreichten wir Südschweden und Trelleborg.
In der Nähe des Fährhafens durften wir in einem leerstehenden ehemaligen Pfarrhaus übernachten. Wir erhielten den Schlüssel und hatten das Gebäude für uns. Unsere Fähre nach Rostock fuhr früh am Morgen. Draußen tobte ein heftiger Sturm.
Schon die Fahrt zum Hafen war schwierig. Die Veltop-Dächer boten dem Wind eine große Angriffsfläche. Schließlich riss eine Böe einen Teil von einem der Dächer auseinander.
Zum Glück war die Konstruktion gesteckt. Es brach nichts Wesentliches – aber Teile flogen davon und mussten eingesammelt werden.
Normalerweise werden Fußgänger und Radfahrer im Hafen mit einem Bus zum Schiff gebracht. Unsere beladenen Trikes passten dort selbstverständlich nicht hinein.
Die Lösung war ebenso einfach wie absurd: Wir sollten mit den Trikes hinter dem Bus herfahren.
Der Bus fuhr langsam voraus. Wir folgten. Der Wind riss am Gepäck. Einer von uns hielt während der Fahrt Teile des Daches fest. Der Bus wartete immer wieder, bis wir aufgeschlossen hatten. Für alle Umstehenden sah es vermutlich so aus, als würden zwei schlecht vorbereitete Polarforscher versuchen, eine Fähre zu verfolgen.
Wir erreichten das Schiff. Unsere Trikes wurden verstaut. Und wenig später verschwand Schweden hinter uns.
Teil 4: Deutschland, Regen und der schlechteste Gehweg von Rostock
Als wir Rostock erreichten, war es dunkel und es regnete.
Nach Wochen in Schweden betraten wir Deutschland unter Bedingungen, die das Land offenbar für eine atmosphärisch passende Begrüßung hielt. Wir fuhren durch die nassen Straßen, konnten wenig erkennen und versuchten trotzdem, einen Eindruck von der Stadt zu gewinnen. Dieser erste Eindruck war ungewohnt.
In Schweden hatten wir uns in den meisten Städten ruhig und sicher gefühlt. In Rostock nahmen wir an diesem Abend mehr Anspannung und Aggressivität wahr. Gruppen Jugendlicher zogen durch die Straßen, und auch manche Einheimische wirkten vorsichtiger.
Uns geschah nichts. Niemand bedrohte uns. Es blieb ein subjektiver Eindruck während einer dunklen, regnerischen Ankunft – kein objektives Urteil über eine ganze Stadt. Trotzdem fühlten wir uns zunächst nicht besonders wohl.
Die Frage nach dem perfekten Nebenweg
Um den Hauptverkehr zu vermeiden, suchte Franz kleine Straßen und Gehwege heraus. Die Idee war gut. Die Gehwege waren es nicht.
Überall gab es hohe Bordsteine, abgesenkte Stellen, Schlaglöcher, enge Passagen und Kanten. Mit einem normalen Fahrrad wäre vieles davon lästig gewesen. Mit einem breiten Liegetrike wurde jede Bordsteinkante zu einer kleinen Ingenieuraufgabe.
Irgendwann reichte es Heiko.
„Kannst du nicht einmal einen vernünftigen Weg heraussuchen?“
Franz sah auf den Gehweg, dann auf die Karte und schließlich zu Heiko.
„Natürlich. Ich war zwar noch nie hier, aber ich hätte vor der Reise selbstverständlich sämtliche Bordsteine Rostocks persönlich vermessen können.“
Es folgte eine Diskussion über Navigation, Fahrbahnbeschaffenheit und die Frage, ob ein Mensch für schlechte Stadtplanung haftbar gemacht werden kann, nur weil er das Handy hält. Am Ende fuhren wir weiter. Der Gehweg blieb schlecht. Die Freundschaft überlebte.
Ein Land mit heruntergelassenen Rollläden
Als wir Rostock verließen und weitere Städte durchquerten, normalisierte sich unser Gefühl wieder. Eine andere Beobachtung blieb jedoch. Viele Innenstädte wirkten leer. Geschäfte waren geschlossen, Restaurants aufgegeben und in manchen Einkaufsstraßen schien nur noch jeder zweite oder dritte Laden geöffnet zu sein.
Anfangs vermuteten wir, es liege an unserer Route durch den Osten Deutschlands. Doch ähnliche Eindrücke begegneten uns später auch in anderen Regionen.
Es war kein wissenschaftlicher Vergleich und keine vollständige Bestandsaufnahme. Es war schlicht das Bild, das sich uns aus der langsamen Perspektive unserer Trikes bot: heruntergelassene Rollläden, leer stehende Ladenlokale und Zentren, in denen weniger Menschen unterwegs waren, als wir erwartet hatten.
Auf einem Trike sieht man solche Veränderungen intensiver als aus dem Auto. Man fährt nicht in wenigen Sekunden vorbei. Man rollt langsam an jedem Schaufenster entlang.
Karls Erdbeeren und der Weg zur Oder
Von Rostock aus fuhren wir zunächst an der Ostsee entlang in Richtung polnische Grenze. Unser Ziel war der Oder-Neiße-Radweg, den wir von unserer früheren Wanderung kannten.
Die Route ist über weite Abschnitte vergleichsweise flach. Genau das brauchten wir.
Unterwegs besuchten wir eines der Karls Erlebnis-Dörfer. Der Eintritt in Rövershagen war kostenlos, und hinter dem Erdbeerbranding verbarg sich ein erstaunlich großes Familien- und Erlebnisgelände.
Wir erfuhren dabei, dass Karls auch das ehemalige Fränkische Wunderland in Plech gekauft hatte – einen Freizeitpark, den Heiko noch aus seiner Kindheit kannte.
Das rund zwölf Hektar große Gelände war seit Jahren geschlossen und hatte sich zu einem Lost Place entwickelt. Karls plant dort sein erstes Erlebnis-Dorf in Bayern und möchte zumindest Teile des alten Parks in die Neugestaltung einbeziehen.
Damals wussten wir noch nicht, dass dieser Ort später auf unserer Reise eine besondere Rolle spielen würde.
Herbst an Oder und Neiße
Der Oder-Neiße-Radweg empfing uns mit flachen Strecken, stillen Landschaften und zunehmend herbstlichem Wetter. Die Bäume verloren ihre Blätter. Die Tage wurden kürzer. Der Wind kälter.
Unsere Veltop-Dächer hielten den größten Teil des Regens ab. Nur die Füße blieben weiterhin die Schwachstelle unseres Systems. Auf einem Liegetrike zeigen die Beine nach vorne. Die Zehen befinden sich damit direkt an der Frontlinie des Wetters. Der Oberkörper war geschützt. Die Hände waren einigermaßen warm. Die Füße entwickelten parallel eigene Auswanderungspläne.
Manchmal kamen wir mit so kalten Zehen an, dass das Ausziehen der Schuhe zu einer Mischung aus Massage, Wiederbelebung und Verhandlung wurde.
Das Plastinarium in Guben
In Guben besuchten wir das Plastinarium.
Dort werden nicht nur Plastinate für die Körperwelten-Ausstellungen hergestellt, sondern auch anatomische Lehrpräparate für die medizinische Aus- und Weiterbildung. Besucher können Einblicke in Präparation und Plastination erhalten.
Wir durften uns den Prozess anschauen und mit Menschen sprechen, die dort arbeiteten.
Der Ort war faszinierend, fachlich beeindruckend und zugleich emotional fordernd. Präparierte menschliche Körper werden dort nicht nur als fertige Ausstellungsstücke gezeigt. Man sieht, wie detailliert Gewebe, Muskeln, Nerven und Organe bearbeitet und dauerhaft erhalten werden.
Dieses Erlebnis verdient einen eigenen Bericht. An dieser Stelle sei nur gesagt: Wer den menschlichen Körper bisher hauptsächlich als etwas wahrgenommen hat, das morgens Rückenschmerzen verursacht und Kaffee verlangt, bekommt dort eine vollkommen andere Perspektive.
Die Kinder von Golzow
Ein weiterer besonderer Halt war Golzow.
Das Langzeitfilmprojekt heißt nicht „Die Kinder von Bülow“, wie wir es zunächst in Erinnerung hatten, sondern „Die Kinder von Golzow“.
Der Regisseur Winfried Junge begann 1961, Kinder einer Schulklasse in der DDR filmisch zu begleiten. Aus einem geplanten kurzen Film über den ersten Schultag entstand eine jahrzehntelange Dokumentation, die das Leben der Protagonisten bis ins Erwachsenenalter festhielt.
Wir kannten den Ort bereits von unserer Fußreise. Nun kamen wir mit den Trikes zurück und besuchten erneut das Museum.
An diesem Tag fand eine Filmnacht mit Essen und Vorführungen statt. Auch der inzwischen hochbetagte Regisseur war gemeinsam mit seiner Frau anwesend.
Wir wurden eingeladen und verbrachten einen langen Abend mit Filmen, Gesprächen und Erinnerungen.
Die Reihe ist weit mehr als eine Dokumentation einzelner Menschen. Sie zeigt ein verschwundenes Land, den gesellschaftlichen Wandel und die Frage, wie sehr politische Systeme ein Leben prägen – und wie viel eines Menschen trotzdem einfach nur Mensch bleibt.
Teil 5: Sturm über Leipzig und die letzten Kilometer nach Hause
Je weiter wir nach Süden kamen, desto deutlicher wurde, dass der Herbst nicht mehr vorhatte, freundlich mit uns zu verhandeln.
In Leipzig schlug das Wetter endgültig um. Ein heftiger Sturm zog auf, begleitet von starkem Regen. Die Veltop-Dächer hatten uns über Wochen gute Dienste geleistet, doch bei solchen Böen wurden sie zu großen Segelflächen.
Wir mussten sie abbauen und ohne Dächer fuhren wir durch den Regen. Innerhalb kurzer Zeit waren wir durchnässt. Wasser lief über Jacken, Hosen und Sitze. Der Wind kam von vorne, von der Seite und vermutlich zeitweise auch aus persönlichen Gründen von unten.
Leipzig selbst gefiel uns trotzdem. Die Stadt wirkte lebendig und bot einen starken Kontrast zu vielen kleineren Orten, die wir zuvor durchquert hatten.
Am nächsten Morgen war davon auf dem Radweg wenig hilfreich.
Da gab es hauptsächlich Wind.
Telefonkonferenz zwischen Regenjacke und Friedhofsmauer
Auch während der deutschen Etappen lief die Arbeit weiter. Wenn ein Kundentermin anstand, hielten wir an einem halbwegs geeigneten Ort. Franz stellte den Laptop auf, verband sich mit dem Internet und aktivierte einen virtuellen Hintergrund.
Auf dem Bildschirm erschien ein ordentliches Büro. Außerhalb des Bildes flatterte die Regenjacke im Wind.
Heiko wartete neben den Trikes. Manchmal stand hinter uns ein Friedhof, manchmal eine Kirche, manchmal irgendein Parkplatz.
„Guten Morgen zusammen. Können mich alle hören?“
Ja.
Nur die internationale Entwicklerkonferenz wusste nicht unbedingt, dass ihr Ansprechpartner gerade auf einem Liegetrike saß und fünf Minuten zuvor noch versucht hatte, seine Zehen wieder aufzutauen.
Gera, Shania, Sauna und der Mutzbraten
In Gera besuchte uns Shania. Sie kam mit dem Deutschland-Ticket zu uns und übernachtete gemeinsam mit uns bei ausgesprochen herzlichen Gastgebern in einer Kirche.
Auf dem besonderen Weihnachtsmarkt in Gera bekamen wir einen Mutzbraten geschenkt – eine regionale Spezialität aus mariniertem Schweinefleisch. Der war so lecker, dass wir noch lange davon schwärmten, eine echte Köstlichkeit.
Nach Wochen unterwegs entwickelt man eine besondere Dankbarkeit für warmes Essen. Nach einigen Wochen im Spätherbst gilt das besonders für Essen, das Fett enthält und nicht erst auf einem Campingkocher davon überzeugt werden muss, warm zu werden.
Wir durften außerdem die Sauna des Stadtbads besuchen. Dort lernten wir einen sehr freundlichen Sauna Aufgießer kennen, der mit einer wahren Saunaseele seinen Dienst verrichtete. Ein wahrer Segen um seine kalten Gliedmaßen wieder aufzuwärmen, denn die Sonne schien zwar aber es war trotzdem mega kalt in Gera.
Saunen wurden während dieser Reise zu einer Art regelmäßigem Wartungsintervall:
Trike abstellen. Klamotten trocknen. Menschen auftauen. Muskulatur neu starten. Weiterfahren.
Der verlassene Park unserer Kindheit
Als wir später am ehemaligen Fränkischen Wunderland in Plech vorbeikamen, standen wir zunächst nur vor dem geschlossenen Gelände. Hinter dem Zaun lagen die Reste eines Freizeitparks mit Westernstadt, alten Figuren, Gebäuden und Fahrgeschäften. Heiko kannte den Park noch aus seiner Kindheit.
Wir entdeckten, dass das Gelände inzwischen Karls gehörte, und riefen spontan dort an. Die Anfrage musste erst mit dem Marketing abgestimmt werden. Das dauerte. Wir warteten. Wir warteten noch etwas. Schließlich fuhren wir weiter zu unserer nächsten Unterkunft, weil wir nicht mehr damit rechneten, eine Erlaubnis zu bekommen.
Dann klingelte das Telefon. Wir durften hinein. Shania war inzwischen nicht mehr weit entfernt. Sie kam mit dem Auto, holte uns ab und gemeinsam fuhren wir zurück nach Plech.
Mit offizieller Genehmigung betraten wir den verlassenen Park.
Zwischen überwucherten Wegen standen die alten Kulissen. In der Westernstadt schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Figuren, Skelette, Fassaden und verblasste Dekorationen wirkten in der Stille gleichzeitig nostalgisch und unheimlich.
Wir gingen durch alte Gebäude und stillgelegte Anlagen. Vieles war beschädigt, manches kaum noch erkennbar. Trotzdem konnte Heiko an vielen Stellen noch sagen, wie es früher ausgesehen hatte.
Es war eine Reise in seine Kindheit – nur ohne Besucher, Musik und laufende Fahrgeschäfte.
Ein Freizeitpark ist normalerweise ein Ort permanenter Bewegung. Kinder rennen, Musik spielt, Menschen warten, Maschinen drehen sich.
Ein verlassener Freizeitpark ist das Gegenteil. Alles steht still. Und genau dadurch beginnt die Fantasie wieder zu arbeiten.
Karls möchte auf dem Gelände ein neues Erlebnis-Dorf errichten und Elemente des früheren Fränkischen Wunderlands erhalten beziehungsweise neu interpretieren. Nach aktuellen Planungen soll die Wiedereröffnung erst in einigen Jahren erfolgen; zuletzt wurde 2028 genannt.
Durch die Fränkische Schweiz
Unsere Route führte weiter über Hof und durch die Fränkische Schweiz.
Für Heiko war auch diese Region mit Erinnerungen verbunden. Früher war er dort geklettert und hatte während seiner Ausbildung zum Bergretter Zeit an den Felsen verbracht. Nun kam er auf einem Liegetrike zurück. Die Felsformationen standen noch genauso da.
Heikos Fortbewegungsmittel hatte sich geringfügig verändert. Wir passierten bekannte Orte, sahen Kletterfelsen und erzählten uns Geschichten aus einer Zeit, in der ein Wochenende in der Fränkischen Schweiz noch keine Etappe einer 88-tägigen Schwedenreise gewesen war.
Die Gegend war landschaftlich schön – und selbstverständlich wieder hügelig. Kurz vor dem Ende unserer Reise erinnerte uns Bayern noch einmal daran, dass Heimat nicht bedeutet, dass es ab jetzt bergab geht.
Die letzten 40 Kilometer
Am letzten Reisetag waren es nur noch ungefähr 40 Kilometer bis Postbauer-Heng.
Nach all den Wochen war das fast nichts. Und gleichzeitig war jeder Kilometer besonders. Shania kam uns entgegen. Sie nahm ihren Roller mit in den Zug, stieg unterwegs aus und traf uns auf der Strecke. Von dort an waren wir wieder zu dritt unterwegs.
Heiko und ich auf den Trikes. Shania mit dem Roller daneben.
Nach Jahren der Wanderung, vier Jahren in Schweden und 88 Tagen auf der Straße näherten wir uns dem Haus von Heikos Eltern.
Dort stand bereits unser Containerhaus im Garten. Das Projekt, an dem wir so lange in Schweden gearbeitet hatten, war vor uns in Deutschland angekommen und nun kamen wir selbst hinterher.
Die Heimkehr
Dann bogen wir in die letzte Straße ein, es war kein dramatischer Pass und keine Ziellinie.
Keine jubelnden Menschenmassen. Nur das Haus, der Garten, unsere Familie und das Gefühl, dass ein sehr langer Kreis sich geschlossen hatte. Heikos Eltern warteten dort schon ganz aufgeregt.
Natürlich hatten wir uns während unserer Jahre unterwegs immer wieder gesehen. Es hatte Besuche und Gespräche über das Internet gegeben. Trotzdem war diese Ankunft anders. Wir kamen nicht für ein paar Tage zu Besuch. Wir kamen mit unserem gesamten Projekt zurück.
Die Trikes rollten auf das Grundstück. Shania war neben uns. Das Containerhaus stand bereits dort.
Nach 88 Tagen war diese spektakuläre Liegerad Reise beendet.
Wir hatten Schweden im Herbst durchquert, uns an Hügeln abgearbeitet, gegen Wind gekämpft, in Kirchen, Hotels, Schlössern, auf Campingplätzen und in einer Jurte geschlafen. Wir hatten Straußenburger gegessen, moderne Kunst nicht verstanden, eine Fähre verfolgt, Videokonferenzen vor Friedhöfen geführt, uns über schlechte Gehwege gestritten und einen verlassenen Freizeitpark erkundet.
- Wir hatten gelernt, dass ein Radweg nicht zwingend mit einem Trike befahrbar ist.
- Dass zwei Hotels denselben Namen tragen können.
- Dass ein Hoteldirektor eine Absprache treffen kann, ohne seinem Hotel davon zu erzählen.
- Dass Veltop-Dächer erstaunlich viel aushalten – bis der Wind anderer Meinung ist.
- Und dass man mit 30 Kilometern am Tag manchmal weiter kommt als mit 80.
- Denn diese Reise war nie nur eine Möglichkeit, von Schweden nach Bayern zu gelangen.
- Dafür hätte es Züge, Busse, Autos und Flugzeuge gegeben.
- Wir wollten langsam reisen. Menschen treffen. Orte kennenlernen. Bereits bekannte Wege noch einmal aus einer neuen Perspektive erleben.
- Zu Fuß hatten wir Europa kennengelernt.
- Auf den Trikes lernten wir, es erneut zu betrachten.
- Diesmal aus ungefähr einem Meter Sitzhöhe.
Die Reise geht als Film weiter
Fast jeden Tag unserer Tour haben wir mit der Kamera dokumentiert. Aus dem Material entsteht eine umfangreiche Filmreihe, die nach und nach auf YouTube veröffentlicht wird.
Dort wird man die Landschaften, Begegnungen und Unterkünfte nicht nur nachlesen, sondern direkt miterleben können – einschließlich der Berge, der Stürme, der nassen Füße und vermutlich auch einiger Diskussionen, bei denen wir im Nachhinein beide vollkommen recht hatten.
Vielen Dank an all unsere Partner für diese abenteuerliche Charity-Reise:
- ICE Trike
- Veltop
- Topeak Fahrradtaschen
- La Sportiva wetterfeste Schuhe
- Fahradzubehör Ergon
- alle beteiligten Hotels, Pensionen und Campingplätzen
- Kirchengemeinden, Pfarrer und private Gastgeber
- Restaurants, Imbisbuden
Am Ende bleiben zwei Trikes, unzählige Aufnahmen und eine einfache Erkenntnis:
Eine Heimreise muss nicht der kürzeste Weg zwischen zwei Orten sein. Manchmal ist sie ein letztes großes Abenteuer zwischen dem Leben, das man zurücklässt, und dem Leben, das vor einem liegt.
→ Hier findet ihr unser Video zum Fahrrad Dach Aufbau von Veltop vor:
Bildquellen:
© First Hotel Statt Örnskoldsvik / © Astrid Lindgrens Värld / © Hotell Hoga Kusten / © Teleborgs Slott Hotell / © Karls Erlebnis-Dorf Rövershagen / © Plastinarium Guben / © Filmmuseum Golzow / © Archaecopteryx - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=190537938 / © Heiko Gärtner / ©




















