Tag 323: Lernaufgabe

Heiko Gärtner
20.11.2014 19:00 Uhr

Unser Gemeindesaal hatte einen kleinen Haken. Als wir nach der Essensrunde hierher zurückkehrten, wurde er von einer Gruppe Christen belagert, die hier eine Versammlung abhielten. Uns blieb daher nichts anderes übrig, als auf der Straße zu warten, bis der Raum frei wurde.

Lieber Scholli, sag ich euch, da merkt man erstmal, das wir doch schon Mitte November haben. Tagsüber vergisst man das so leicht, wenn man im T-Shirt durch die Herbstsonne läuft! doch sobald sie Weg ist! wird es so schweinemäßig kalt! das einem der Hintern an der Bank festfriert. Da dauert es keine drei Minuten und jeder Muskel im Körper ist verspannt. Zum Glück hatten die Kirchenleute unseren Schlafsaal bereits ordentlich aufgeheizt, so dass wir tatsächlich wieder einigermaßen warm wurden.

Heute war unsere Strecke wieder etwas kürzer und erholsamer und bereits nach 6km erreichten wir unseren Zielort. Hier bekamen wir zwar schnell einen Schlafraum, doch hatte dieser die Bedingung, dass er sogar erst ab 19:00 Uhr frei für uns war. Die Sonne lies sich heute nicht wirklich blicken und wurde stattdessen von einem kräftigen Wind abgelöst. Kein ideales Wetter also, um den ganzen Tag im Freien zu verbringen. Wir versuchten also, irgendwo einen Unterschlupf aufzutreiben, der uns zumindest bis um sieben Warmhalten konnte. Es ist so halbwegs gelungen. Wir können nun in einem Vorzelt eines Restaurants sitzen, in dem es zumindest Windgeschützt ist.

Beim Fragen in einem kleinen Hotel, in der Hoffnung, dort vielleicht noch eine Alternative zu finden, fiel uns auf, dass ich es mir im Moment wieder sehr schwer machte. Zum ersten mal seit langem hatte Heiko mir beim Fragen wieder zugehört und konnte so die Gründe erkennen, warum ich es den Menschen so einfach machte, mich abzuweisen. Es hatten sich wieder die alten Fehler eingeschlichen. Ich war halt einfach eine faule Sau. Das muss man leider so sagen. Wenn ein Konzept funktionierte, dann zog ich es durch, dachte nicht mehr darüber nach und versuchte es außerdem so weit wie möglich zu verkürzen, so dass es noch weniger Anstrengung bedeutete. Am Ende blieb nicht viel mehr übrig als meine bloße Anwesenheit und ein fragender Blick. Wie sollten die Menschen verstehen, was wir machten und warum sollten sie motiviert sein uns zu helfen, wenn ich ihnen nicht erklärte, was sie davon hatten.

"Zunächst einmal stellst du dich nicht vor." begann Heiko mit seine Beobachtungen mitzuteilen, "du kommst rein und platzt direkt mit deiner Bitte in den Raum. Wo sind hier die Friedensstifterprinzipien? Was glaubst du, wen kann man einfacher abweisen, einen namenlosen Fremden oder einen Menschen mit Namen zudem man einen Bezug hat?"

Die Frage war leicht zu beantworten.

Dann fuhr Heiko fort: "darüber hinaus erzählst du nichts,was unser Projekt besonders macht. Und vor allem sagst du den Leuten nicht, was du ihnen bringst. Du bist wieder nur im Modus des Bittstellers. Du musst ihnen doch auch irgendetwas anbieten."

Später fiel uns noch etwas auf. In einem kleinen Restaurant  namens Chez Turlot bekamen wir ein saftiges Rindersteak mit Pommes und eine Fischsuppe. Es ist auch das Restaurant, in dem wir nun noch immer sitzen und arbeiten dürfen. Die liebe alte Dame, die das Restaurant leitet, brachte uns gerade sogar noch einen heißen Tee vorbei.

Wir hatten dem Kellner erklärt, dass wir weder Zucker noch Weizen Essen. Obwohl er sich fünf Minuten Gedanken darüber machte, wie er einen Nachtisch für uns bereitstellen konnte, der nichts von beidem enthielt, brachte er uns anschließend einen Tee mit Zucker und Keks. Es war ein automatischer Handlungsablauf, über den er nicht mehr nachdachte. Genau das gleiche machte ich auch, wenn ich nach Essen oder Schlafplätzen fragte. Ich funktionierte wie ein Roboter, der nicht einmal mehr wahrnahm, wer ihm gegenüber stand. Es gab ein Schema F und das wurde abgespielt. Immer und immer wieder. Es war also klar, worin die neue lernaufgabe bestand. Lerne so zu Fragen, wie ein Mensch. Lerne zu verstehen, was die Menschen brauchen und reagiere auf ihre Bedürfnisse. Sei locker und selbstbewusst und nicht wie eine ängstliche Maschine.

Spruch des Tages: Lebe wie ein Mensch, nicht wie ein Robotter.

 

 

Höhenmeter: 20 m

Tagesetappe: 6 km

Gesamtstrecke: 6124,37 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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