Tag 83: Der Saunabesuch

von Heiko Gärtner
27.03.2014 00:41 Uhr

Am Abend saßen wir noch lange mit unseren Gastgebern zusammen. Die Frau kam erst gegen 22:00 und bis dahin bestand unsere Konversation hauptsächlich aus Händen, Füßen und Sprachkauderwelsch. Dafür war es jedoch erstaunlich, was wir alles verstanden und mitteilen konnten. Greg arbeitete in einer Psychiatrie und hatte dort auch seine Frau kennengelernt. Nein, auch die Frau arbeitete dort und war keine Patientin. Vor vier Jahren hatten sie das Haus gekauft in dem wir saßen und waren hier her gezogen. Als wir ihnen von unseren frustrierenden Erfahrungen mit der Schlafplatzsuche erzählten, nickten sie nur wissend: „Das kann ich mir gut vorstellen!“ sagte Greg, „Wir wohnen jetzt seit vier Jahren hier und haben noch keinerlei Kontakt zu unseren Nachbarn aufbauen können. Wir haben es immer wieder versucht, aber mehr als ein unverbindliches ‚Bonjour’ ist einfach nicht drin. Es ist wirklich schade.“

Am nächsten Morgen sahen wir die Gegend noch einmal in neuem Licht. Es war tendenziell eine reiche Wohngegend, in der hauptsächlich Menschen lebten, die in Périgueux arbeiteten. Es war nicht wirklich ländlich, so wie in den kleinen Ortschaften, durch die wir zuvor gekommen waren, sondern hatte eher einen Vorstadtflair. Ob das einer der Gründe dafür war, dass uns die Menschen hier so anders begegneten, weiß ich nicht. Aber der letzte Nachmittag hing uns auch heute noch ein bisschen nach.

„Ich glaube“, sagte ich nach einer Weile, „ich bin gar nicht sauer auf die Leute. Jeder hat irgendwo seine Gründe und dass sie irgendwo verängstigt sind, kann ich auch gut nachvollziehen. Ich bin eher wieder einmal endtäuscht von der Menschheit an sich. Dass wir uns selbst gegenüber so viel Misstrauen entgegenbringen. Diese Mentalität ist ja die gleiche, die dazu führt, dass Menschen auf der Straße oder in der U-Bahn ermordet werden, ohne dass jemand eingreift. Oder die dafür sorgt dass die Menschen bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt um die Opfer herumstehen und nicht eingreifen. Es ist ja immer die gleiche Angst. Die Angst vor dem Unbekannten. Die Angst davor einen Fehler zu machen, der einem selbst oder anderen schaden könnte. Und deshalb macht man lieber nichts und sieht tatenlos zu. Und ja, keiner will etwas Böses und bei jedem einzelnen gibt es gute Gründe dafür, dass er nicht eingreift, aber trotzdem ist es saugefährlich.“

„Die Angst tötet!“ fasste Heiko meine Worte noch einmal in einem knappen Satz zusammen. „Ich weiß was du meinst! Mir geht es ähnlich. Die Frage ist ja, wieso es dazu kommen konnte, dass die Menschen selbst ihre größten Feinde geworden sind. Kein Tier hat Angst vor seinen eigenen Artgenossen. Eigentlich haben Tiere in Freiheit generell keine Angst. Sie sind wachsam, aufmerksam und manchmal vielleicht schreckhaft, aber Angst haben sie keine. Das hilft ja auch nicht. Es lähmt nur oder blockiert einen. Sie leben im Urvertrauen und haben einen gesunden Respekt. Sie können sich selbst einschätzen und wissen, wann eine Gefahr droht und wann nicht. Das ist uns Menschen leider völlig verloren gegangen. Wir sind entweder übermutig und gehen jedes Risiko ein, egal wie sinnlos es auch ist oder aber wir haben vor allem Angst und verbauen uns damit selbst die größten Chancen.“

Am Abend, als wir über den Kinovorplatz von Périgueux strolchten, um noch ein paar Fotos zu machen, wurden wir Zeuge eines guten Beispiels, warum das Misstrauen bei den Menschen so hoch war. Eine Gruppe lauthals rufender und grölender Jugendlicher lief über den Platz. Das Gewaltpotential konnte man förmlich riechen. Ein einzelner junger Mann lief vor und mit einem gewissen Abstand folgten ihm die anderen.

„Hast du das Gesicht des ersten gesehen?“ fragte Heiko als sie vorüber waren.

„Nein, nicht wirklich!“ antwortete ich, „dazu war es zu schnell und zu dunkel!“

„Er hatte eine gebrochene Nase, aus der noch das Blut tropfte und die oberen beiden Schneidezähne haben ihm gefehlt. Dass die Menschen hier Angst haben ist da doch kein Wunder!“

Abgesehen von dieser Erfahrung muss man allerdings sagen, dass Périgueux keine Stadt ist, die übermäßig gefährlich wirkte. Im Gegenteil, es ist sogar eine der reichsten und schnuckeligsten Städte, durch die wir in letzter Zeit gekommen sind. Und eine der touristischsten. Überall gibt es kleine Gassen mit unendlich vielen Lädchen und Butiken, mit Chocolaterien, Buchhändlern und allerlei Spezialitätengeschäften. Bei schönem Wetter konnte man sicher Stunden damit verbringen, in den Altstadtgassen herumzuschlendern. Doch heute war es so dermaßen ekelhaft, dass wir nur das Ziel hatten, so schnell wie möglich irgendwo ins Trockene zu kommen. Zunächst schienen sich unsere Erfahrungen von gestern jedoch zu wiederholen. Nur diesmal mit der offiziellen Variante. Das Altenheim lehnte uns ab und schickte uns zum Diözesenhaus. Hier gab es sogar ein eigenes Restaurant für Pilger und so wie ich es verstand, war es eine Einrichtung, die nur für Geistliche aller Art errichtet worden war. Doch als Pilger musste man wieder einmal ordentlich blechen, wenn man etwas davon nutzen wollte. Normalerweise hätten uns diese beiden Absagen nicht aus der Fassung gebracht, aber wie bereits erwähnt war es heute wirklich ekelig und da wäre uns ein schnelles „Ja!“ schon recht gewesen.

Dafür machten wir jedoch eine andere positive Erfahrung, die das andere sofort wieder ausbügelte. Vor einem Supermarkt fragten wir einen älteren Herren nach einer kleinen Unterstützung, mit der wir unsere Nahrungsreserven auffüllen konnten. „Ihr wollt was zu essen?“ fragte er, „das können wir schon machen! Kommt mit!“

Daraufhin führte er uns durch den Supermarkt und kaufte gemeinsam mit uns ein. Da wir noch nicht wussten, ob wir am Abend eine Küche haben würden, spezialisierten wir uns auf Zutaten für eine Brotzeit. Am Ende überreichte er uns die Tüte, verabschiedete sich und ging noch einmal in den Laden, um für sich selbst einzukaufen.

Einige Zeit später bekamen wir dann auch einen Schlafplatz. Es er kam wirklich in letzter Sekunde, denn wir waren bereits so durchgefroren, dass wir kurz davor waren, der Stadt den Rücken zu kehren und unser Glück wieder beim Wandern zu suchen. Der Man im Diözesenhaus hatte mir erzählt, dass es in ganz Périgueux keine Pfarrei gäbe. Nun stellte sich das als sehr dreiste Lüge heraus. Es war ja ok, dass er uns nicht aufnehmen wollte, aber musste er deswegen auch gleich noch behaupten, dass unsere anderen Optionen ebenfalls aussichtslos waren? Der Pfarrer reagierte hingegen äußerst freundlich und respektvoll. Er behandelte uns nicht wie aussätzige, sondern eher wie lang erwartete Gäste. Nach einem kurzen Gespräch führte er uns in ein mittelalterliches Bollwerk mit einem großen Turm, direkt neben der Kathedrale. Hier hatten wir nicht nur einen Raum, sondern das ganze Gebäude mit Küche, zwei Bädern, drei Etagen und fünf großen Zimmern für uns. Wir wussten gar nicht, was wir mit all dem Platz anfangen sollten. Also setzten wir uns erst einmal und tranken einen Tee.

Und dann hatten wir den Plan des Jahrtausends! Auf dem Weg in die Innenstadt waren wir an einem Thermalbad mit Sauna vorbeigekommen. War heute nicht der perfekte Tag für Wellness und eine heiße Therme? Wir beschlossen, hinzugehen und zu fragen, ob wir nicht vielleicht umsonst hinein durften, wenn wir ihnen als Gegenzug anboten, dass wir ein paar Saunaaufgüsse machten. Gesagt, getan! Eine gute halbe Stunde später standen wir wieder vor der Therme und unterbreiteten der erstaunten Kassiererin unser Angebot. „Das kann ich nicht entscheiden!“ sagte sie und wirkte etwas verwirrt, „da muss ich den Chef holen.“ Das tat sie dann auch. Kurz darauf erzählten wir unsere Geschichte einem kahlköpfigen Mann, der uns ebenso irritiert wie interessiert anschaute. „Ok,“ sagte er dann, „nur damit ich das richtig verstehe: Ihr wandert wie Bettelmönche ohne Geld um die Welt um verschiedene Heilmethoden zu lernen und seit außerdem noch Sauna-Aufgießer?“

Wir nickten.

„Und jetzt wollt ihr umsonst in die Therme und dafür Aufgüsse machen?“

„Genau!“ bestätigten wir.

„Na ihr seit mir welche!“ sagte er und lachte. „Aber meinetwegen! Geht schon rein!“ Er wandte sich wieder an die Kassiererin und bat sie, uns eine Magnetkarte für das Drehkreuz und je ein Armband für den Saunabereich zu geben. Unsere vielen Stunden in der Sauna in Ungarn, bei denen wir von den Weltmeistern im Saunaaufgießen lernen durften, hatten sich also gelohnt. Nach dem kalten und nassen Tag konnten wir uns wirklich einmal wieder richtig aufwärmen. Das mit den Aufgüssen war nicht ganz so einfach, denn die Sauna war winzig, aber wir gaben unser bestes.

Gut gelaunt kehrten wir dann wieder in unsere Burg zurück. Bei Nacht wirkte sie wie ein richtiges Geisterschloss. Immer wieder knackt und knistert es irgendwo und manchmal bilden wir uns auch ein, Stimmen zu hören. In einer viertel Stunde ist es Mitternacht. Ich bin gespannt, was dann in diesen alten Mauern geschieht.

Spruch des Tages: Angst ist der Weg zur dunklen Seite.

 

Tagesetappe: 27 km

Gesamtstrecke: 1740,97 km

 

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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