Tag 358: Weihnachten auf Italienisch

Ok, ein bisschen anders verlief der heilige Abend dann doch. Aber nicht viel. Unser Gemeinderaum war so saukalt, dass wir uns bereits um 14:30 Uhr in die Schlafsäcke verkrümelten und unseren Filmeabend bereits ein bisschen vorverlegten. An Weihnachten soll man ja eh nichts arbeiten! Als die Pfadfinder dann die Küche räumten konnten wir doch noch unser Weihnachtsessen kochen und man muss sagen, für das was wir zur Verfügung hatten war es wirklich gut und sehr reichlich. Zumindest was der Fressrausch anbelangte, war es dann doch ein richtiges Weihnachten. Am Abend telefonierten wir mit Heikos Familie, bei der auch Paulina zu Besuch war und ließen uns so für eine kurze Zeit via Fernleitung ins heimische Weihnachtsfest zuschalten. Langsam wurde es dunkel und eingehüllt in Schlafsäcke und Inlays tauten wir immer mehr auf. Je wärmer es wurde, desto müder wurden wir auch und so gelang es uns nur, rechtzeitig zur Christ-Messe aufzustehen, weil wir uns einen Wecker gestellt hatten.

Um kurz vor halb zwölf rappelten wir uns dann wieder auf und wagten uns mit dicken Pullis und Jacken hinaus in die Kälte.

Die Kirche war halb gefüllt. Einen wirklichen Ansturm wie wir es von zuhause gewöhnt waren gab es nicht. Gleich beim hereinkommen hatten wir das Gefühl, dass wir an diesem Ort nicht viel Weihnachtsstimmung finden würden. Ob wir hier wirklich eineinhalb Stunden Gottesdienst auf Italienisch durchhalten würden war fraglich und so setzten wir uns vorsichtshalber in die letzte Reihe. Hinter uns rauschte eine Belüftungsanlage, die dafür da war, die Kirche zumindest ein bisschen aufzuwärmen. Sie war so laut, dass wir uns auch neben einen laufenden Staubsauger hätten setzen können.

Die gesamte Atmosphäre in der Kirche erinnerte eher an eine Bahnhofshalle als an einen Tempel, doch bis zum beginn der Messe hätten wir nicht geglaubt, dass sie es damit so ernst meinen. Dann trat eine Frau ans Rednerpult. Wir verstanden kein Wort von dem was sie sagte, doch es klang etwas folgendermaßen: „Achtung, Achtung! Verehrte Fahrgäste, der Zug JC2014 von Betlehem über Jerusalem und Palästina nach Rom, planmäßige Abfahrt um 23:30 Uhr, hat voraussichtlich 5 Minuten Verspätung. Ich wiederhole: Der Zug JC2014 nach Rom hat voraussichtlich 5 Minuten Verspätung. Vielen Dank für Ihr Verständnis!“

Ob die Frau Italienisch sprach oder nicht spiele an sich keine Rolle, denn durch den Bahnhofslautsprecher klang sie so unverständlich wie alle Ansagen der Bahn. Doch die Frau sprach unermüdlich weiter und von einem Krippenspiel war nicht das geringste zu sehen. Heiko und ich sahen uns an. Sollte das hier wirklich unsere Weihnachtsstimmung bringen? Wo immer wir auch Besinnlichkeit finden würden, hier definitiv nicht.

„Was meinst du?“ fragte ich leise, „sollen wir lieber einen Spaziergang am Strand machen?“

„Wie bitte?“ fragte Heiko zurück, „Ich versteh dich nicht wenn du flüsterst, es ist so laut hier!“

Keine dreißig Sekunden später standen wir wieder auf der Straße vor der Kirche. Ein Blick auf die große Kirchturmuhr verriet uns, dass wir es genau 10 Minuten in der Messe ausgehalten hatten.

„Doch länger als ich dachte!“ kommentierte Heiko knapp. Dann gingen wir die Straße hinunter zum Strand. Es war inzwischen noch deutlich kälter geworden und ich zog mir meine Kapuze tief ins Gesicht. Die Mütze lag sicher verwahrt in unserem Zimmer. In den Straßen herrschte ein ganz normales Treiben. Die Menschen gingen spazieren, saßen in den Bars, tranken Bier oder spielten in ihrem Handy. Von Weihnachten gab es keine Spur.

Als wir den Strand schließlich erreichten gingen wir zwischen zwei Bars hindurch bis runter zum Meer. Der Wind hatte es ordentlich aufgepeitscht und die Wellen rollten in beeindruckender Höhe auf das Land zu. Rechts dahinter sah man die Stadt. Von dieser Entfernung und mit den Lichtern, die im Dunkeln leuchteten, wirkte sie plötzlich viel schöner. Für einen Moment lang herrschte ein tiefer Frieden. Ich weiß nicht, ob ich das Gefühl wirklich ‚weihnachtlich’ nennen würde. Doch es war der stimmungsvollste Moment des Tages. Nicht unter den Menschen, nicht in der Kirche oder in der Stadt. Weit draußen am Strand, schweigend und den Wellen lauschend, die wirklich von einer göttlichen Kraft angetrieben wurden.

Doch die gleiche göttliche Kraft sorgte dafür, dass uns schon bald sehr kalt wurde und so zogen wir uns wieder in unseren Gemeinderaum und in unsere Schlafsäcke zurück. Ein letzter Versuch, Scherlock Holmes zu Ende zu schauen scheiterte an der Übereifrigkeit des Sandmännchens, das uns die Augen zufallen ließ.

Heute morgen klingelte unser Wecker erst um 09:00 Uhr. So viel Weihnachtlichkeit musste sein, dass man zumindest einigermaßen ausschlafen konnte. Die Pfadfinder waren längst über alle Berge und hatten nichts als dreckiges Geschirr zurückgelassen, um das sich nun Luca, der Kirchenhelfer kümmern musste. Anders als die Pfadfinderleiter war er eine Seele von einem Menschen. Zum Abschied kochte er uns noch eine Kanne Tee für den Weg und gab uns dann fünf Euro mit, damit wir uns irgendwo einen Kaffee oder etwas in der Art kaufen konnten. Wieder einmal waren es die, die selbst nichts hatten, die uns beschenkten. Das Wetter war ebenso freundlich zu uns wie Luca und beschenkte uns mit strahlendem Sonnenschein. Wir folgten einer alten Bahnlinie, die zu einem Fahrradweg umgebaut wurde und kamen schließlich nach Imperia, wo wir von einem Nonnenkloster aufgenommen wurden. Es war interessanterweise ein Clarissa-Orden. Jener Orden also, dessen Mitglieder wir bislang nur durch Holzrondelle gesehen, bzw. gehört hatten. Diese Damen nahmen die Sache mit dem Verstecken hinter den Klostermauern jedoch nicht ganz so ernst. Als ich den Raum betrat den man mir öffnete, stand ich zunächst vor einem dicken Stahlgitter, das mich unweigerlich an ein Gefängnis erinnerte. Auf der anderen Seite tauchte die Nonne auf und begann das Gespräch. Sie sprach Italienisch, ich Spanisch und irgendwie kamen wir damit zurecht.

Wir bekamen ein Doppelzimmer mit funktionierender Heizung und ein Mittagessen. Nach einem kurzen Spaziergang in der Stadt, die deutlich schöner war als die letzten, wurden wir zu einem kurzen Nachmittagsgottesdienst eingeladen.

„Was meinst du?“ fragte Heiko: „Weihnachtsgottesdienst-Versuch die Zweite?“

„Warum nicht!“ sagte ich, „vielleicht ist es ja diesmal besser!“

Es war auf jeden Fall völlig anders und diesmal konnte man es wirklich Gottesdienst nennen. Natürlich verstanden wir kein Wort, aber das war nicht besonders schlimm, da fast alles gesungen wurde. Ein bisschen war es also, als wären wir in eine dieser weltberühmten Opern gegangen, die ja auch immer auf Italienisch sind und von denen auch keiner weiß worum es geht. Doch die Kirche war klein, die Orgel angenehm leise und die Stimmen der Nonnen waren sehr harmonisch. Es war ein besinnlicher Gottesdienst, bei dem mir zwar einige Male die Augen zufielen, der jedoch irgendwie auch ein weihnachtliches Gefühl vermittelte.

Als alles vorbei war blieben wir noch einen Moment sitzen.

„Siehst du die Taube da oben?“ fragte Heiko.

Ich schaute zur Wand hinter dem Altar hinauf. Ein großes Bild mit mehreren Menschen war darauf gemalt worden. Ganz oben gab es einen hellen Lichtkranz, der aussah wie ein goldenes Auge und aus dessen Mitte flog eine weiße Friedenstaube auf den Betrachter zu.

„Du meinst die, die aussieht als wäre sie die Pupille von dem riesigen Auge? Ja, die sehe ich! Was ist mit ihr?“ raunte ich zurück.

„Ich habe sie gestern in meinem Traum gesehen. Den Tag über habe ich nicht mehr daran gedacht, aber jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Es war ein wirklich eigenartiger Traum. Es war, als würde ich durch einen langen Tunnel gehen, der irgendetwas neues für mich bereit hielt. Ich hatte schon viele Prophezeiungsträume in meinem Leben, aber dieser hier war vollkommen anders. In mir war das Gefühl, dass es diese Art von Traum eigentlich nicht geben dürfte. Ich kann es schlecht beschreiben aber es war so etwas neues, dass es eigentlich unmöglich war. Plötzlich wachte ich auf, aber nicht ganz sondern nur in meinem Traum und merkte, dass ich träume. Selbst in diesem Traum war mir klar, dass ich gerade etwas besonderes träumte. Und dann tauchte wie gesagt diese Taube auf, die jetzt hier wieder wie aus einem Tunnel aus Licht auf mich zufliegt.“

„Ok,“ gab ich mein qualifiziertes Kommentar dazu ab: „Das ist mal wirklich abgefahren!“

„Noch etwas fällt mir gerade ein!“ fuhr Heiko fort, „irgendwann im Laufe des Tages habe ich gestern mal so flapsig dahin gesagt, dass Jesus uns ja besuchen kommen kann, wenn er Bock hat. Ich meine, er ist von dem ganzen Tohuwabohu ja sicher genauso genervt wie wir und da hatte er ja vielleicht Lust auf ne Runde Sherlock Holmes.“

„Oha, dann ist er jetzt bestimmt sauer, das wir eingeschlafen sind und er deshalb das Ende nicht gucken konnte!“ kommentierte ich und war ernsthaft besorgt.

„Das mag sein!“ antwortete Heiko, „Aber eigentlich will ich auf etwas anderes hinaus. Ist dir aufgefallen, dass in unserem Zimmer wieder dieses eine Bild von Jesus als Heiler hing, das wo er seine Hände so hält, dass man die Lichtstrahlen fließen sehen kann?“

„Ich habe nicht wirklich darauf geachtet, aber jetzt wo du es sagst erinnere ich mich daran.“

„Klar, das ist in einem Kommunionssaal jetzt nicht so ungewöhnlich und es kann natürlich ein einfacher Zufall sein. Aber wir sind gestern durch alle Räume des Hauses gegangen und haben sie uns angesehen. Unserer war der einzige mit einem Bild von Jesus. Wieso also landen wir genau in diesem Raum? Noch dazu mit Jesus als Heiler und nicht wie üblich als Opferlamm am Kreuz.“

„Ok, du hast Recht!“ meinte ich, „dass ist schon wieder recht ungewöhnlich.“

„Und schau noch einmal genau hin, wie der Jesus jetzt in der Krippe unter der weißen Friedenstaube liegt!“

„Du meinst, dass er die Arme geöffnet hat und die Hände nach außen hält, so wie man es macht, wenn man für eine Heilungszeremonie Energie geben oder empfangen will?“ fragte ich.

„Ganz genau!“ antwortete Heiko, „Ich habe keine Ahnung, was mir das alles sagen will, oder ob das jetzt nur lauter Zufälle sind, die vielleicht auch gar nichts zu sagen haben. Aber auffällig finde ich es schon. Das einzige, was ich mir darauf reimen kann ist, dass es wieder einmal um unsere Aufgabe als Heiler geht. Oh, da fällt mir gerade noch etwas ein. Ich weiß nicht ob du es gesehen hast, aber die eine alte Nonne, die vorne links in der Mitte saß hatte mehrmals während der Messe zwei Lichtreflexe auf beiden Händen. Es waren die Reflexe von ihrer Brille und von der ihrer Nachbarin, die genau so auf ihre Hände fielen, als wären es Stigmata. Ich habe mich bei den Lichtern genau umgeschaut, konnte mir aber nicht erklären, wie diese Reflexe entstanden. An sich war es unmöglich!“

„Seltsam!“ sagte ich, „sehr seltsam!“

Spruch des Tages: Von draus, vom Walde komm ich her...

Höhenmeter: 120 m

Tagesetappe: 24 km

Gesamtstrecke: 6657,37 km

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