Tag 68: Traumberuf Friseur

von Heiko Gärtner
11.03.2014 18:07 Uhr

Tage bis zu Heikos erstem Geburtstag auf der Weltreise: 2!

La Châtre war die erste Stadt seit langem, in der es mal wieder einen großen Supermarkt gab. Besser gesagt sogar mehrere von der Sorte. Da unsere Haare jeden Tag ein bisschen mehr nach einem Urwald aussahen, beschlossen wir, etwas von dem Bettelgeld dafür aufzuwenden, um einen Haartrimmer zu kaufen. Außerdem mussten wir unsere Brotreserven auffrischen und von den sechs Bäckereien die es hier gab hatten vier geschlossen, eine lehnte uns ab und die letzte schenkte uns ein Schokocroissant. Das Croissant war wirklich lecker, reichte aber nicht für einen hohlen Zahn und so beschlossen wir weiteres Bettelgeld für ein wenig Baguette aufzuwenden. Während Heiko die Supermärkte unsicher machte, nutzte ich die Zeit, um einige Aufmerksamkeitsübungen zu machen. Ich schaute mir die Passanten eine Sekunde lang an, schloss dann die Augen und versuchte die Person in Gedanken so gut es ging zu beschreiben. Unterdessen lief Heiko in den riesigen Supermarkthallen hin und her, und versuchte verzweifelt einen Rasierapparat mit Haartrimmer aufzutreiben. In der Abteilung für Damenkosmetik fand er zumindest schon mal die Nassrasierer. Auch die für Herren, wenngleich alle anderen Herrenartikel in einer vollkommen anderen Abteilung waren. Trockenrasierer gab es hier jedoch nicht. Auch nicht bei den Rasierapparaten für Frauen.

Schließlich entdeckte er sie in der Abteilung für Föns. Hier waren sie ebenfalls die einzigen Herrenartikel im Regal. „Kruzifix, da soll mal einer durchsteigen, bei dieser Ordnung!“ sagte er laut zu sich selbst. Die nächste Mission bestand darin, eine Kühltüte für unsere Essensvorräte zu finden. Seit drei Tagen prasselte nun schon die Sonne auf uns herab und langsam war es hier heißer, als an den meisten Hochsommertagen in Deutschland. Wir selbst fühlten uns allmählich wie Brathähnchen und unser Essen kochte in seiner Plastiktasche auf dem Wagen vor sich hin. Uns selbst schützten wir durch eine Sonnencreme, die wir in einer Apotheke geschenkt bekommen hatten, aber für die Nahrung hatten wir noch immer keine Lösung. Da wäre so eine Kühltasche, wie man sie beim Aldi bekommt, genau das Richtige. Doch wie sollte man in diesem unendlichen Labyrinth aus Supermarktregalen eine Kühltasche finden? Als Heiko kurz vor der Verzweiflung war, wandte er sich an eine Verkäuferin um sie nach dem Produkt seiner Wünsche zu fragen. Seine Beschreibung löste einen Wasserfall an Erklärungen aus, die zum großen Teil unverständlich waren. Doch nach einigem Hin und Her hatte er eine Wegbeschreibung zusammen. Als er am Ziel angekommen war, stand er in der Anglerabteilung vor einer Auswahl an Körben in die man seinen Fang legen konnte um ihn vor der Sonne zu schützen. Eine gute Erfindung wenn man ein Angler war, doch für uns eher ungeeignet. Das einzig einigermaßen passende in dieser Richtung, was er schließlich doch noch fand, war eine rosa Kühltasche für etwas über 10€. Sie war also sowohl überteuert als auch hässlich und machte außerdem nicht den Anschein, als würde sie lange halten. Heiko beschloss daher vom Kauf abzusehen und darauf zu vertrauen, dass etwas besseres kommen würde, bevor unser Essen schlecht wurde. Auf eine abstrakte Art ging dieser Plan sogar auf. Wir haben zwar noch immer nichts gefunden, aber wir haben inzwischen auch fast keine Lebensmittel mehr. Insofern hat sich das Problem zumindest kurzzeitig erledigt.

Die dritte Mission war das Brot. Es wirkt jetzt eigentlich nicht, als könnte das in einem Supermarkt ein wirkliches Problem werden, aber so leicht wie gedacht war es auch nicht. Das Baguette war nämlich ausverkauft und außer Baguette gibt es in Frankreich keine wirkliche Alternative zum Brot. Jedenfalls keine, die gleichzeitig bezahlbar und essbar ist. Es gab Toastbrot, dass man auf die Größe eines Fingernagels zusammendrücken konnte und es gab frisch gebackenes Weißbrot. Nach ausgiebigem Produktvergleich entschied er sich für ein 1kg schweres Weißbrot mit einer ordentlichen Kruste. Als er jedoch an der Kasse stand, musste er feststellen, dass das Brot falsch einsortiert gewesen war und knapp 5€ kostete.

„Du glaubst es mir eh nicht!“ rief er entsetzt als er wieder im Freien stand, aber dieses kleine Brot hier hat 4,70€ gekostet! Wenn uns die Engländerin nicht gerade 7€ geschenkt hätte, würde ich mich jetzt ernsthaft darüber aufregen. Ich meine, bei uns kostet so ein Brot nicht einmal die Hälfte und es ist ja wirklich nichts Großartiges dran. Es ist ein bisschen Mehl mit Wasser, Hefe und Salz, das von einer Maschine zusammengemischt und geknetet wurde. Wenn wir hier wirklich normal leben müssten, dann wären wir aber mal tierisch aufgeschmissen. Das kann ja gar nicht gut gehen! Weißt du was ich meine?“

Später gelang es dem Brot jedoch, Heiko wieder zu besänftigen, denn es war wirklich lecker.

An einer kleinen Kirche nur wenige Kilometer hinter La Châtre machten wir ein Picknick und nutzten die Gelegenheit auch gleich einmal um unsere neuste Errungenschaft auszuprobieren. Ich kann euch sagen, dass mein Respekt vor der Arbeit eines Jeden Friseurs und einer jeden Friseurin deutlich gestiegen ist. Unser Ziel war es ja lediglich, die langen Haar zu einer praktischen Kurzhaarfrisur zu stutzen, doch dass es so schwierig sein würde hatten wir nicht gedacht. Meine Haare versuchten der Beschneidung zu entgehen, in dem sie sich so flach wie möglich auf meinen Kopf legten. Die Strategie von Heikos Haaren war es, sich so wild wie möglich umeinander zu kringeln. Als Friseur-Kunde erlitt ich sowohl psychische als auch körperliche Höllenqualen. Überall ziepte und zerrte es, so dass sich meine Kopfhaut nach einiger Zeit anfühlte, als hätte ich versucht damit eine Tür zu zerschlagen. Schlimmer aber war das Kopfkino, dass sich in mir abspielte, wann immer Heiko seine Handlungen mit einem „Ups!“, „Oh!“ oder „Verdammt!“ kommentierte. Und glaubt mir, das tat er verdammt oft. Dass am Ende dann doch noch eine einigermaßen ansehnliche Frisur daraus geworden ist, war fast ein wenig überraschend. Dann kam die Revange. Büschel für Büschel flogen die Haare im Wind davon und auch ich konnte mir die Kommentare über meine Schnitzer nicht verkneifen. Über dem rechten Ohr fehlt ein Stückchen und die linke Seite ist insgesamt ein klein wenig länger als die Rechte, aber sonst sieht es eigentlich ganz gut aus.

Unsere Haarschneideaktion wirkte allerdings noch für den Rest des Tages merklich nach. Denn die vielen kleinen Haarstückchen, die sich überall an unseren Oberkörpern festsetzten, wirkten wie Juckpulver. Vor allem da wir bei der Hitze schwitzten wie die Bären.

Als wir Chassignolles erreichten, griff Heiko auf meinen Wagen und holte ein schwarzes Etwas aus Stoff hervor. „Hältst du es eigentlich für eine gute Idee, dein Unterhemd ohne jede Befestigung auf dem Wagen mit dir herumzufahren?“ fragte er.

„Nein!“ antwortete ich, „verdammt, ich war mir wirklich sicher ich hatte es festgebunden!“

„Offensichtlich nicht!“ gab er mit einem sarkastischen Lächeln zurück.

‚Verdammt!’ dachte ich ‚und dabei war ich doch heute Morgen noch so stolz darauf gewesen, wie gut ich meine Aufmerksamkeit trainiert hatte!’

Am Nachmittag führte uns der Weg wieder durch ein ordentliches Hügelland, was bei der Hitze noch einmal um einiges anstrengender war als sonst. Mit Schrecken dachten wir dabei an den spanischen Abschnitt des Weges. Gestern Abend hatten wir uns zum erstem Mal das Höhenprofil des spanischen Küstenweges angesehen. Der sogenannte ‚Camino del Norte’ enthielt Steigungen von bis zu 700m an einem einzigen Tag. Bislang hatten uns 300 Höhenmeter bereits überfordert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es in Spanien noch deutlich heißer sein wird, als es hier ist, drängt sich einem die Frage auf, ob wir uns diesen Weg auch wirklich gut überlegt haben. Zum Glück haben wir noch gut 700km Schonzeit um uns Gedanken darüber zu machen.

Am Abend erreichten wir dann Crozon-sur-Vauvre, wo wir die Nacht verbringen wollten. Bereist den ganzen Tag über waren wir nicht mehr auf dem Jakobsweg gewandert, da wir morgen einen kleinen Ort namens La-Foret-du-Temple erreichen wollen. In diesem Ort wohnt die Mutter von Agnés, der Frau, die wir in Saint-Réverien getroffen hatten. Als erste feste Adresse, die wir lange genug im Voraus kannten, bot sich diese als Zielort für einige Päckchen an. Wenn wir morgen also ankommen, können wir uns auf neue Schuhe und einige Ersatzteile von den Pilgerwagen freuen. Passender Weise hat Heiko übermorgen auch gleich noch Geburtstag und so können wir eine richtige Bescherung feiern.

Für heute war der Weg jedoch noch zu weit, und so machten wir in dem winzig kleinen Ort mit dem schmackhaft klingenden Namen „Crozon“ einen Zwischenstopp. Ein irreführender Name, denn es gab hier keinerlei Einkaufsmöglichkeiten und damit auch keine Bäckerei in der man einen Croissant  erstehen kann. Im Rathaus bekamen wir nach einigen Minuten des Wartens ein Apartment in einem Ferienhaus der Gemeinde angeboten. Ein Mann und zwei Frauen kümmerten sich darum, dass alles für uns hergerichtet wurde. Als wir uns gerade eingerichtet hatten, klopfte es an der Tür. Der Mann kam herein und hielt uns 20€ hin. „Hier!“ sagte er, „für eure Reise!“ Dann wünschte er uns einen schönen Abend und verschwand. Kurze Zeit später klopfte es erneut. Diesmal war es die ältere Frau, die uns etwas zu essen brachte. Wir bedankten uns überschwänglich, denn Essen war wirklich knapp und mit den 20€ konnten wir uns wie gesagt nichts kaufen. Und kaum hatten wir den Tisch gedeckt, klopfte es ein drittes Mal. Es war die jüngere Frau mit ihrer Tochter, die uns ebenfalls eine Tüte mit Abendessen brachten. Wir konnten es kaum glauben. Damit hatten wir jetzt für eine Ferienwohnung mit Küche, Badewanne, Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern und Halbpension minus zwanzig Euro gezahlt. So etwas passiert einem auch nicht alle Tage.

Spruch des Tages: Frage dich nicht, was die Welt braucht. Frage dich, was dich lebendig werden lässt und dann geh los und tu das. Was die Welt nämlich braucht, sind Menschen, die lebendig geworden sind. (Harold Whitman)

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 1434,97 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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