Tag 923: Anerkennungssucht

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Tag 923: Anerkennungssucht

Tag 923: Anerkennungssucht

25.06.2016
Heute war nun unser vorerst letzter Tag in Rumänien und bis zum Nachmittag unterschied er sich nicht großartig von den Tagen davor. Der einzige Unterschied war, dass wir heute nicht nur am Buch arbeiteten, sondern auch noch Bilder für einen Artikel über Outdoor-Erste-Hilfe machten, für den wir ebenfalls einen Abgabetermin hatten. Günstiger Weise zelteten wir in relativer Nähe zu einer Müllhalde, wo wir ausreichend Requisieten zum Nachstellen von Wunden, Verletzungen und anderen Notfällen fanden. Bei dieser Gelegenheit probierten wir auch die Solardusche aus, die wir von Heikos Eltern mit dem letzten Paket geschenkt bekommen hatten. Es war ein schwarzer Beutel, den man in die Sonne hängen konnte, so dass dann Wasser nach unten rauslief. Der Strahl war leider so mau, dass es eher einem tropfenden Wasserhahn als einer Dusche glich, aber abgesehen davon war es eine lustige und erfrischende Aktion, bei der wir sogar mal wieder etwas sauber wurden.

Am Abend schaffte es Heiko meinen Einleitungstext für das Buch durchzuarbeiten und kam dabei zu dem Ergebnis, das ich bereits befürchtet und in meinem Herzen gespürt hatte. Ein Teil davon war ganz in Ordnung, doch ein großer Teil war auch absolute Scheiße. Mein Verstand hatte es geschafft, alles so zu verdrehen und zu verkomplizieren, dass die meisten Punkte vollkommen unverständlich oder sogar vollkommen falsch waren. Meine simple Aufgabe war es gewesen, einen Sachverhalt, der mir in allen Einzelheiten erklärt worden war, einfach nur niederzuschreiben und ich hatte es geschafft, diese Aufgabe komplett zu vergeigen. Selten zuvor war ich mir in meinem Leben so nutzlos und inkompetent vorgekommen wie in diesem Moment. Wieder einmal war der Mensch in mir wie gelähmt und nur noch die mitleidige Fratze des angserfüllten Verstandes war übrig. Ich spürte, wie der Selbsthass in mir aufstieg und ich mich am Liebsten schlagen oder gar töten wollte. War ich denn wirklich zu überhaupt nichts nutze?

Doch der Druck war wichtig, denn in diesem Moment kam die erste große Erkenntnis über mich selbst. Ich verstand, dass ich einfach nicht der war, der ich versuchte zu sein. Mein Ziel war es immer ein erfolgreicher, angesehener Buchautor zu werden, um meine Eltern stolz zu machen. Ich wollte der Star sein. Doch das war ich nicht. Ich konnte die Rolle, die ich hatte nicht annehmen. Niemals hatte es einen Zweifel daran gegeben, das Heiko der Capt´n unserer Crew war. Er war derjenige, der den Überblick behielt, der stets wusste, was zu tun war, der die zentralen Entscheidungen so treffen konnte, dass sie einen Sinn ergaben und uns weiter brachten. All dies waren Aufgaben, mit denen ich vollkommen überfordert war und trotzdem glaubte ich die ganze Zeit, dass auch ich ein Capt´n sein müsse. Doch eine Crew funktioniert nicht, wenn es nur Kapitäne gibt. Ein gutes Team lebt davon, dass jeder die Rolle hat, die zu ihm gehört. Frodo hätte den Ring nicht nach Mordor bringen können, wenn er versucht hätte, der König zu werden. Meine Rolle war nicht die eines Anführers, sondern eine ganz andere und dazu gehörte auch, dass ich nicht der Hauptautor eines Buches war, der die genialen Erkenntnisse einbrachte, sondern derjenige, der die Geschichten sponn und alles anschaulich und plastisch werden ließ. Früher hatte mir dies auch Spaß gemacht, doch weil ich diese Rolle nicht mehr annehmen konnte, vergeigte ich nun sogar diesen Teil.
Und noch etwas wurde mir an diesem Tag bewusst. Seit Jahren versuchte ich schon erfolglos erflogreich zu werden und endlich genügend Geld zu horten, so dass ich mich sicher fühlen konnte. Ich hatte nur nie gemerkt, dass es einen Grund dafür gab, dass dies nicht funktionierte. Es gehörte einfach nicht zu mir. Geld hatte in meinem Leben nichts verloren. es war kein Spleen, den ich auf der Reise lebte, sondern ein Gefühl, dass ich schon als Kind hatte. Geld war für mich nur ein Grund, nicht in mich selbst, das Leben und Gott vertrauen zu müssen. Und es war ein Mittel, um meinen Eltern zu beweisen, dass ich doch Recht hatte und erfolgreich sein konnte. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass ich eine Hure war, die alles was sie tat immer nur für Geld und Anerkennung machte, selbst dann wenn sie am Ende weder das eine noch das andere bekam. Jetzt aber stand es fest: Ich würde wirklich ohne Geld leben. Das Buch war nun nicht mehr ein Mittel, um mein Konto zu füllen. Von nun an entstand es nur noch seiner selbst willen.

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Spruch des Tages: „Fortschritt ist unmöglich ohne Veränderung und diejenigen, die nicht imstande sind ihre Sinne zu wandeln, werden nichts verändern.“ (George Bernard Shaw)

Höhenmeter: 260 m
Tagesetappe: 36 km
Gesamtstrecke: 16.379,27 km
Wetter: sonnig und heiß
Etappenziel: Zeltplatz im Rubinienhain neben der Straße, nahe 707592 Borșa, Rumänien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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