Aufgeben ist keine Option

von Shania Tolinka
28.01.2015 13:03 Uhr

Aufgeben war für sie nie eine Option

Heiko Gärtner und Tobias Krüger aus Neumarkt wandern um die Welt. Die Reise hat auch ihre Persönlichkeiten verändert.

Von Bettina Dennerlohr

Neumarkt  Heiko  Gärtner  und  Tobias  Krüger  haben  dem  Winter  ein  Schnippchen  geschlagen  - schließlich wandern  die beiden Männer  zurzeit im T-Shirt durch Norditalien.  Entlang  der Küstenlinie  des Mittelmeeres folgen  sie der alten  Pilgerstraße  Via Francigena  nach Rom.  Seit etwas  mehr  als einem  Jahr sind die beiden Männer  unterwegs.  Ihre Mission:  Zu Fuß wollen  sie die Welt umrunden.  Am 23. Dezember  haben  sie nach Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal, Andorra und Monaco italienischen Boden betreten. Hier haben die Wanderer auch das Weihnachtsfest verbracht - das erste, seitdem sie in ihr Nomadenleben aufgebrochen sind und auch aufgeben ist keine Option.

„Das  war  erstaunlich  unberührend",  sagt  Krüger.  Er  habe  damit  gerechnet,  dass  in  ihm  mehr  Gefühle  wie Heimweh  und  Sehnsucht  aufkommen.  Stattdessen  haben  die  beiden  den  Heiligen  Abend  in  Italien  relativ nüchtern verlebt: „Bis zum 18, 19 Uhr waren die Geschäfte  geöffnet und alle haben ganz normal gearbeitet", sagt Krüger.  Auch  seinem  Reisegefährten  ging  die  Situation  weniger  nah  als  der  Familie:  „Wir  haben  an Weihnachten  telefoniert und bei ihnen sind Tränen geflossen."  Für ihn fühlt sich die Entfernung dagegen nicht wie eine Trennung an, sagt er. Über Skype und den Reiseblog bricht der Kontakt nicht ab: „Manchmal fühlt es sich gar nicht an, als wäre ich weit weg von zuhause."

 
Die Atmosphäre der Kirche glich einer Bahnhofshalle

Die Atmosphäre der Kirche glich einer Bahnhofshalle

 

Kleine Weihnachtsfeier am Strand

Tatsächlich haben die beiden Wanderer am Heiligen Abend mehrere hundert Kilometer von daheim entfernt in einem kleinen  Raum geschlafen,  der so kalt war, dass sie bereits  um 13 Uhr in ihre Schlafsäcke  krabbelten. Gegen Mitternacht besuchten  sie den Gottesdienst  in einer Kirche, aus der sie aber nach nur zehn Minuten wieder flüchteten. „Es herrschte die Atmosphäre einer Bahnhofshalle  und ein Heizlüfter hat uns die ganze Zeit mit kalter Luft angeblasen"  - die Erinnerung daran bringt die beiden Reisegefährten immer noch zum Lachen aber aufgeben ist keine Option. Letztendlich verbrachten sie ihre eigene kleine Weihnachtsfeier am Strand und mit dem Blick auf die hereinbrechenden Wellen.

Doch nicht nur die Feiertage haben die beiden Männer anders verbracht als sonst - ihr erstes Jahr unterwegs hat auch sie selbst als Persönlichkeiten  verändert, sagen sie. „Beim Wandern betest du mit den Füßen. Die Erde ist unsere Mutter und sie will, dass alles heilt", sagt Gärtner. Jede Reise verändere das Bewusstsein und könne so zu einer Reise zu sich selbst werden, erklärt er. Auch in Krüger haben die 7000 Kilometer einiges umgekrempelt: „In mir haben sich viele Prozesse weiterentwickelt, Beziehungen verändert und innere Blockaden gelöst."

 
Beim Wandern betest du mit den Füßen. Die Erde ist unsere Mutter und sie will, dass alles heilt

Beim Wandern betest du mit den Füßen. Die Erde ist unsere Mutter und sie will, dass alles heilt

 

Aufgeben ist keine Option durch die jetzige lebendige Freude

Wie  groß  die  Unterschiede  zu  ihren  vorherigen  Leben  sind,  haben  sie  zum  Jahreswechsel  verspürt.  Einen Schlafplatz  hatten  sie in einem  Kloster  auf einem  Berg gefunden  - und blickten  hinab  auf eine Stadt voller feiernder  Menschen.  „In unserem  früheren  Leben hieß es stundenlange  Arbeit und dann kurze Freude - jetzt beschäftigen  wir uns nur mit Sachen,  die uns gefallen",  sagt Gärtner.  Der Faktor  Zeit habe sie für sie keine Bedeutung mehr: „Das ist der größte Reichtum, den du haben kannst: Du darfst leben." Zuhause war Silvester für ihn immer ein magischer  Tag, sagt Krüger: „Jetzt führe ich ein Leben voller magischer  Momente."  Beide haben den Abend schließlich am Strand mit einem Ritual verbracht, alte belastende Dinge symbolisch mit einer Kerze verbrannt und Wünsche für das kommende Jahr besprochen.

Eigentlich wollten die beiden zu diesem Zeitpunkt schon viel weiter sein, aber aufgeben ist keine Option. Fünf Jahre haben sie für ihre Weltumrundung  veranschlagt,  zum  Jahreswechsel  sollten  sie  über  Italien  und  Ex-Jugoslawien und Griechenland erreicht haben und sich in Richtung Türkei und Israel aufmachen. „Die Länder waren größer als wir uns das in unserem  Kopf vorgestellt  haben",  sagt Krüger.  Sorgen  machen  sie sich deswegen nicht: „Wenn  man so starr plant,  nimmt  man  sich  was  weg."  Außerdem  sind  die  Tage  zu  unkalkulierbar.  An manchen  bringen  sie  40 Kilometer  hinter  sich, an anderen  nur zehn.  Falls  es den beiden  Wanderern  an einem Ort besonders  gefällt, würden sie dort auch länger bleiben. „Bisher war das aber nie der Fall", sagt Krüger. Es gab nur einen Land, dass sie früher verließen als geplant: „In Portugal sind wir nur an Schnellstraßen  entlanggewandert  - das war nichts für uns."

Mit offenen Armen sind sie dagegen  oft aufgenommen  worden,  berichten  die beiden  - auch, wenn sie einen Schlafplatz suchten. „Vom Fünf-Sterne-Hotel  bis zum Messiehaus war alles dabei", erinnert sich Gärtner. So hat ein Hotelmanager die beiden eines Abends eingeladen, eine Nacht in einem Spa-Hotel zu verbringen. „Wenn du patschnass bist, die Muskeln verkrampfen und deine Schultern nicht mehr wollen, ist eine Sauna natürlich eine tolle  Sache",  sagt Gärtner.  Doch  die beiden  haben  auch  schon  alles andere  als luxuriös  übernachtet.  An die Pilgerherberge  einer Pfarrei  erinnert  sich Gärtner  nur noch als „Rattenloch", aber aufgeben ist keine Option.  In dem Gebäude  nächtigten  die beiden zwischen  Obdachlosen  in einem Raum, aus dessen Fensterrahmen  die Glasscheibe  gefallen  war: „Wir haben dann eine alte Matratze in das Loch gestopft - das hat aber gut funktioniert."

Selbst bei großer Kälte, aufgeben ist keine Option

Selbst bei großer Kälte, aufgeben ist keine Option

 

Sehnsucht nach Schweinebraten

Ans Aufgeben haben sie im vergangenen Jahr nie ernsthaft gedacht, denn aufgeben ist keine Option sagen beide. „Aber natürlich gibt es Tage, an denen man nicht damit zufrieden ist, wie es läuft", sagt Krüger. Und Gärtner fügt lachend hinzu: „Manchmal hat man aber schon einfach Lust auf einen Schweinebraten  mit Knödel." Schließlich haben sich die beiden für ihre Wanderung  auch einen Ernährungsplan  gegeben. Das könnte auch in eines der Bücher einfließen,  die die beiden gerade verfassen.

Drei Bände sind in Arbeit, mindestens zwei davon werden Wälzer von mehr als 1000 Seiten. Buch Nummer 1 beinhaltet eine Art Anleitung für den „Hausputz im Körper". Von der Pike auf wollen die beiden Autoren ihren Lesern erklären, wie eine Art Grundsanierung  des Körpers erfolgen soll. Für Buchprojekt  Nummer 2 schreibt Gärtner in drei Teilen eines der Abenteuer nieder, die er bereits erlebt. Das dritte Buch schließlich befasst sich damit, wie „Menschen an ihre eigenen Kraft kommen und mit Energien umgehen können", beschreibt Gärtner. Mit Esoterik soll sein Werk aber nichts zu tun haben, sagt er. Viel mehr will er gründlich wiedergeben,  was er bei verschiedenen Naturvölkern gelernt hat, die sich über Jahre mit der menschlichen Energie beschäftigen.

Wann  die beiden  Wanderer  wieder  deutschen  Boden  betreten  ist ungewiss.  Zu Beginn  ihrer Reise haben  sie festgelegt, dass sie sich sechs Wochen pro Jahr in Deutschland gönnen wollen. Länger erlaubt es ihnen auch ihre Krankenversicherung  gar nicht. Bisher planen sie aber keine Auszeit von ihrer Reise. Zu Fuß dauert es zu lange nach Deutschland,  schnelleres  Reisen ist für sie im Moment aber nichts und aufgeben ist keine Option. Beteuern beide. „Es gibt mehr, was uns weitertreibt als zurück",  sagt  Krüger.  Gärtners  Familie  wird  die beiden  Wanderer  in diesem  Jahr  unterwegs besuchen. Dann  treffen  sich alle in einer Hütte  entlang  der Wanderroute  und verbringen einige  gemeinsame Tage.

pilgern um die welt 1

Mut ist wichtig wenn man einmal um die Welt pilgern will

 

Warum Mut gut tut?

Aufgeben ist ein weit verbreitetes Phänomen, aber keine Option wenn man sich dessen Bedeutung gewahr wird. Denn Aufgeben heißt, dass deine Widerstände gewinnen, Ängste dein Leben bestimmen und jede Sorge mehr Gewicht hat als deine Träume. Manch einer verwendet das Zitat sogar als Tattoo, um sich täglich daran zu erinnern, wie wichtig der eigene Mut ist! Viele Wow Bilder und Zitate über Mut motivieren uns dazu, unsere Träume ernsthaft anzugehen und umzusetzen. Hoffentlich nicht zu spät. Das wurde so manchem schmerzlich bewusst, als er am Ende seines Lebens zurückblickte und dachte: „Ach hätte ich mich einmal getraut.“

Shania Tolinka
Shania Tolinka ist Reflexzonentherapeutin, Altenpflegerin und Blog-Autorin. Das Erwecken und Annehmen der eigenen Weiblichkeit, der Umgang mit traumatischen Erlebnissen, sowie die Frage, wie man bereichernde, erfüllende Beziehungen zu sich, seinem Partner und der Natur aufbauen kann, sind Themen, die ihr besonders am Herzen liegen. Aber auch im Bereich von gesunder Ernährung, Heilmassagen und Heilkräutern ist sie Expertin. Seit 2020 ist sie als Vollzeitmitglied der Lebensabenteurer-Herde dabei.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare