Tag 704: Als Aliens in einem Fremden Land

Auch heute ging es weiter durch die Flachebene und noch immer war das Wandern alles andere als ein Genuss. Die Straßen waren holprig und teilweise fast unzugänglich und die Berge an Müll schlugen uns langsam aufs Gemüt. Noch vor ein paar Tagen waren wir froh gewesen, endlich einmal eine Weile durchs flache Land wandern zu können. Jetzt freuten wir uns schon wieder auf die Berge. Dort war es zwar anstrengender aber auch ruhiger und schöner. Albanien konnte nicht als gesamtes Land so grausam sein wie diese Gegend hier, da waren wir uns sicher.

Doch diese Gegend hatte es erst einmal in sich. Nachdem wir unser Zelt in den Feldern aufgeschlagen hatten, machte ich mich wieder auf die Suche nach Lebensmitteln und einer Stromquelle. Das Dorf in das ich dabei gelangte war noch weitaus unangenehmer als die, durch die wir zuvor gekommen waren. Ich weiß nicht warum, aber irgendetwas war hier anders. Alle starrten mich an als wäre ich ein Geist und mehrere Male lief es mir kalt den Rücken hinunter. In einem kleinen Lädchen fragte ich nach Wasser, doch es gab nur winzig kleine Flaschen, von denen ich ein Dutzend gebraucht hätte, um damit durchzukommen. Im zweiten Laden sah es ähnlich aus, doch hier entdeckte ich einen Sechserträger mit Eineinhalb-Liter-Flaschen, der versteckt hinter dem Tresen stand. Ich fragte den Ladenbesitzer danach, doch dieser bat mir wieder nur die kleinen Fläschchen an.

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„Nein, nein!“ sagte ich und machte eine Handbewegung um Größe zu signalisieren. „Eine große Flasche!“

Wieder wies der Mann auf den Kleinkram, dieses Mal jedoch schon deutlich energischer. Ich versuchte es noch einmal und zeigte dabei auf die Flaschen hinterm Tresen. Da wurde der Mann sauer, drückte mir eine Miniflasche in die Hand und warf mich aus seinem Laden. „Die hier kannst du behalten!“ sagte er, „Und jetzt verschwinde und lass dich hier nie wieder blicken!“

Ich brauchte noch zwei weitere Läden, bis ich einen fand in dem ich dann wirklich Wasser kaufen konnte. Dabei geriet ich jedoch immer tiefer in den Ort hinein und je weiter ich in Richtung Zentrum kam, desto unangenehmer wurde es. Überall lauerten zwielichtige Gestalten in den dunklen Ecken und jede von ihnen starrte mich mit einer Mischung aus Angst, Gier und Faszination an, als wüssten sie nicht, ob sie mich fressen oder vor mir weglaufen sollten. War es wirklich eine gute Idee, hier irgendwo meinen Computer auszupacken und mit dem Arbeiten zu beginnen? Wenn ich jetzt schon so angegafft wurde, was würde dann erst passieren, wenn sie wussten, was ich für Werte bei mir trug? Gut fühlte sich das alles nicht an.

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Ich hielt mich wieder an größere Straßen und versuchte dabei in Richtung Ortsausgang zu gelangen, hielt aber dennoch Ausschau nach einer Bar oder etwas ähnlichem. Schließlich fand ich ein kleines Café, das von einem älteren Pärchen betrieben wurde. Das Pärchen selbst machte keinen gefährlichen Eindruck und von hier aus musste ich durch keine einsame Gasse mehr, um zurück zum Zelt zu gelangen. Noch immer fühlte ich mich nicht wirklich wohl bei der Sache, doch ich beschloss das Risiko einzugehen.

Erst jetzt stellte sich heraus, dass das gar nicht so einfach war, wie gedacht. Denn die Barleiterin war keinesfalls erfreut, dass ich ihren Strom nutzen wollte. Es war das erste Mal, dass ich in einem öffentlichen Café wirklich Überzeugungsarbeit leisten musste, um eine Steckdose benutzen zu dürfen. Schließlich willigte sie ein. Als ich jedoch meinen Computer anschloss, bekam sie fast einen Herzinfarkt.

„Ich dachte es geht um ein Handy!“ sagte sie entsetzt, „jetzt auch noch ein Computer?“

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Doch ihr Mann beruhigte sie und nickte mir entspannt zu. Ich setzte mich in eine Ecke und richtete mich ein. Kurz darauf kam ein Junge mit zwei seiner Kumpels herein und setzte sich mir gegenüber. Er muss so um die sechzehn gewesen sein und war einer der Gründe, weshalb ich mich auf den Straßen so unwohl gefühlt hatte. Einen Moment lang schaute er mir zu, dann versuchte er ein Gespräch anzufangen in dem er mich auf eine Weise ansprach die in Deutschland als Aufforderung für eine Schlägerei durchgegangen wäre. Ich antwortete ruhig, ohne mich großartig unterbrechen zu lassen und der Junge fuhr damit fort in regelmäßigen Abständen neue Fragen zu stellen, dessen Antwort er nicht verstehen konnte. Sein Englisch reichte für dreisilbige Fragen, aber weiter leider nicht. Einen Moment lang gab er Ruhe, doch dann übermannte ihn wieder sein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und er begann laut zu schnipsen und zu Pfeifen um eine Reaktion von mir einzufordern. Ich verhielt mich freundlich aber distanziert und versuchte dabei so uninteressant wie möglich zu wirken. Doch das funktionierte leider nicht besonders gut. Schließlich kam er sogar zu mir herüber und schaute mir beim Schreiben in den Bildschirm. Ein Gefühl für höfliche Distanz gab es offensichtlich einfach nicht und je länger der Junge in meiner Nähe blieb, desto schwerer fiel es mir, höflich zu bleiben. Ich empfand ihn als aufdringliche, penetrante Nervensäge, der so langweilig war, dass sie anderen um jeden Preis auf den Senkel gehen musste. Schließlich jedoch kamen noch weitere seiner Kumpel und er lief raus um mit ihnen Fußball zu spielen.

Als ich eine halbe Stunde später das Café verließ bolzte er noch immer direkt vor der Tür. Sofort kam er auf mich zu, verabschiedete sich freundlich und wünschte mir eine gute Reise. Ich war verblüfft. Sein ganzes nerviges Prollgehabe war also nichts weiter als eine Fassade gewesen, durch die er versucht hatte, nett zu sein. Nichts war böse gemeint sondern wirklich ein Angebot für eine Freundschaft gewesen.

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Trotzdem fühlte ich mich noch immer unwohl in dem Dorf, nachdem nun so viele Menschen wussten, was ich in meinem Rucksack verbarg. ‚Raus!’ dachte ich, ‚Nur schnell raus hier!’ Erst als ich die Hauptstraße erreicht und jeden hinter mir gelassen hatte, der mir komisch vor kam, wurde ich wieder entspannter. Hier konnte ich nun auch wieder in Ruhe an den Türen klingeln und nach Essen fragen. Und hier hatte ich nun auch wieder das Gefühl, dass ich mit wirklichen Menschen umgeben war, mit denen man gefahrlos sprechen konnte.

Am nächsten Morgen war es dann endlich soweit, dass wir die Flachebene verlassen und wieder in die Berge wandern konnten. Wer hätte gedacht, dass sich Anstrengung einmal so gut anfühlen würde? Beim Raussuchen der Strecken hatte ich etwas Bedenken, weil es im bergigen Teil des Landes nur noch Hauptstraßen gab, die genauso bezeichnet waren, wie die unerträglichen Verkehrsadern in der Ebene. Wenn sie im Gebirge genauso unerträglich waren, dann kamen rund 60km Hölle auf uns zu.

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Doch bereits der erste Blick war beruhigend. Kurz bevor sich die Berge aus der Ebene Erhoben endete der ausgebaute Teil der Straße und sie wurde zu einer gigantischen Baustelle. Damit sah sie eigentlich aus, wie jede andere Straße auch, nur das ein paar Baufahrzeuge herumstanden und dass es einige Schilder gab, die diesen Teil der Straße für unfertig erklärten. Kaum hatten wir auch nur einen Höhenmeter hinter, bzw. unter uns gebracht, änderte sich das Landschaftsbild radikal. Das Gebirge war fast menschenleer und wunderschön. Unter uns blickten wir noch in das Tal, das wie eine Hölle aus Müll vor uns lag und gleich auf der anderen Seite begann ein Paradies aus Wäldern, grünen Hügeln, Felsen und Seen. Sofort kehrte die Ruhe wieder ein und das Wandern wurde wieder zu einer Freude.

Etwa fünf Kilometer vom Ende des Flachebene entfernt öffnete sich die schmale Schlucht zu einem weitläufigen Tal in dessen Mitte sich ein flacher See mit einer einzigen kleinen Insel darin befand. An seinem Ufer gab es ein Restaurant, das fast vollkommen verlassen da lag. Zwei Männer waren zu sehen, die etwas herumräumten und bei denen es sich offensichtlich um die Eigentümer handelte. Ich fragte sie nach etwas zu Essen, wobei ich wieder nur auf unseren Zettel zurückgreifen konnte. Doch die Beiden willigten ein. Ich weiß nicht warum, denn eigentlich gab es dafür keine Anzeichen, aber trotzdem hatte ich ein etwas ungutes Gefühl und war mir nicht sicher, ob sie wirklich verstanden hatten, dass wir ohne Geld reisten. Vorsichtshalber ging ich noch einmal zum jüngeren der beiden und zeigte ihm mein Handy, auf dessen Bildschirm unser Google-Übersetzer folgenden Satz geschrieben hatte: „Wir reisen komplett ohne Geld um die Welt und können unser Essen daher nicht bezahlen. Ist es trotzdem in Ordnung?“

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Der Mann nickte und versicherte mir, dass es überhaupt kein Problem sei. Beruhigt setzte ich mich wieder an den Tisch und wir warteten auf unser Essen. Es gab Pommes mit Käse, Paprika Wurst, kleinen Minifischen und einem gemischten Salat. Alles war frittiert worden, außer natürlich der Salat. Es lag zwar wie ein Stein im Magen, aber vom Geschmack konnte man nicht meckern.

Dann jedoch wurde die Sache komisch. Als wir uns verabschieden und bedanken wollten, schaute uns der Mann nur grimmig an und sagte nichts. Nach einem Moment des Schweigens machte er jene Geste mit der rechten Hand, die international anerkannt ist, um damit Geld zu symbolisieren. Zunächst verstand ich es nicht, weil ich überzeugt war, dass wir zuvor alles geregelt hatten, doch der Mann widerholte nur immer und immer wieder die gleiche Geste. Also schloss ich mich seiner Taktik an und widerholte noch einmal den Satz auf dem Handy. Nun sagte er überhaupt nichts mehr und reagierte auch auf keinen unserer Kommunikationsversuche.

„Keine Ahnung, was los ist!“ sagte ich an Heiko gewandt, dem es ähnlich ging. Da wir hier nicht weiterkamen, wiederholten wir noch einmal unsere Dankes- und Grußformel und verließen das Restaurant.

Am Eingang holte uns der Mann wieder ein und verlangte noch einmal Geld von uns. Dieses Mal sprach er sogar ein bisschen Englisch.

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„Es tut uns leid!“ sagte ich, „aber wir haben von vornherein gesagt, dass wir um eine Spende bitten, die wir nicht bezahlen können. Wenn das nicht in Ihrem Sinne war, dann hätten sie einfach Nein sagen müssen!“

Einen Moment lang kam der Gedanke in mir auf, dass er mich vielleicht wirklich nicht verstanden hatte und dass auch der Satz, den ich beim zweiten Mal vorzeigte, nicht aussagekräftig genug gewesen war. War es am Ende doch unsere Schuld gewesen?

Dann aber fiel mir auf, dass das ganze Verhalten des Mannes in sich nicht schlüssig war. Er hatte nach dem Lesen genickt, hatte OK gesagt und mir dann in der Küche gezeigt, was er noch übrig hatte, um uns eine Kleinigkeit daraus zu zaubern. Hätte er nicht gewusst, dass wir kein Geld hatten, dann hätte er mir in diesem Moment auch einen Preis dazu gesagt. Doch das hatte er nicht. Er wollte, dass wir ein schlechtes Gewissen bekamen und hoffte, uns dadurch übers Ohr hauen zu können. In der Diskussion auf seiner Einfahrt wurde er dann sogar so dreist, dass er unser Smartphone als Bezahlung für sein Essen verlangte. Ich schaute ihn an und traute meinen Ohren nicht. „Wirklich? Ein Smartphone für rund 100€ als Bezahlung für ein Essen im Wert von gerade einmal 5€?“

Heiko hatte einen besseren Deal im Angebot. Er packte unsere Vorratstüte mit Obst aus und legte dem Mann so viele Äpfel und Birnen auf den Tisch, dass der Gegenwert für seine verbrauchten Zutaten wieder ausgeglichen war.

„Hier!“ sagte er, „dass muss reichen!“

Dann verließen wir das Tal, ohne uns noch einmal umzuschauen.

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Das wirklich krasse bei der Geschichte war jedoch, dass wir uns am Ende sogar noch um die Äpfel betrogen fühlten. Ich weiß nicht, ob ihr dieses Gefühl kennt, wenn man auf einem türkischen oder tschechischen Markt mit einem Händler feilscht, den Preis um mehr als die Hälfte senkt, glaubt einen guten Deal gemacht zu haben und keine zwei Minuten später der Überzeugung ist, komplett übers Ohr gehauen worden zu sein. Dieses Gefühl hatten wir nun auch.

Um das Dorf zu erreichen, bei dem wir heute rasten wollten, mussten wir über einige kleine Nebenstraßen in ein weiteres Tal wandern. Es war der einzige Streckenabschnitt in diesem Gebirge, bei dem ich Nebenstraßen gefunden hatte, die zumindest auf dem Satellitenbild aussahen, als könnten sie wirklich existieren. In natura erwiesen sie sich jedoch als äußerst unpraktisch, den sie bestanden komplett aus Felsbrocken, die man nebeneinander gereiht hatte. Jeder von euch kennt Kopfsteinpflaster und weiß, wie unbequem es ist auf ihnen zu laufen oder gar fahrradzufahren. Stellt euch so ein Kopfsteinpflaster nun einmal mit richtigen Felsbrocken vor, die alle unterschiedliche Größen und Formen haben und die auch in sich schon uneben sind. Während wir über diesen Zustand einer Straße wanderten, verging keine Minute in der wir nicht darüber grübelten, wieso man derartige Straßen überhaupt baute. Sie waren doch für niemanden praktisch. Zu Fuß verstauchte man sich die Knöchel, mit dem Fahrrad war es vollkommen unmöglich, ein Auto musste kämpfen um durchzukommen und für eine Pferdekutsche war es die reinste Hölle. Nicht einmal ein Pferd oder ein Esel ging gern über eine solche Straße. Die einzigen, denen sie vielleicht gefallen würde, waren Steinböcke und Bergziegen aber für die war sie wahrscheinlich wieder zu unspektakulär. Hätte man den Boden an dieser Stelle einfach so gelassen, wie er war, wäre das Durchkommen einfacher gewesen. Umso mehr waren wir fasziniert, als wir wirklich kurz hintereinander von einem Eselkarren und einem normalen PKW überholt wurden.

Spruch des Tages: I´m an Alien, I´m a German Man in Albania. (Sehr frei nach Sting)

 

Höhenmeter: 380 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 12.563,27 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Atelier eines Brautkleid-Herstellers, 88837 Petilia Policastro, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 703: Der Straßenhändler

Auch am nächsten Tag war unser Eindruck von Albanien noch nicht allzu überzeugend. Nach unserem Besuch im Kosovo hatten wir uns auf höfliche, respektvolle Menschen gefreut, mit denen man gut auskam. Immerhin gehörten die Bewohner Albaniens und die des Kosovo zum gleichen Volk. Doch abgesehen von der Sprache, der Religion und dem gleichen Namen, schienen die Albaner im Kosovo nichts mit denen in Albanien gemein zu haben. Man begegneter uns penetrant, laut und aufdringlich. Auch das Land selbst machte keinen allzu einladenden Eindruck bei all dem Müll und Gestank. Angenehme Wege zum Wandern gab es nur wenige und vor knatternden Motoren war man eigentlich nirgends wirklich sicher.

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Kaum hatten wir unser Feld verlassen kamen wir auf eine Hauptstraße auf der wir uns über einen Bergkamm schlängeln mussten. Hinter einer Serpentine kam uns ein Motorradfahrer entgegen. Er hielt an und winkte uns zu, als Zeichen dass er sich mit uns unterhalten wollte. Wie sich herausstellte, kam er aus Hamburg und war gerade auf dem Heimweg von einer längeren Motorradreise, die ihn bis nach Georgien geführt hatte. In den neun Wochen, die er nun unterwegs war, hatte er rund 12.000km zurückgelegt, also in etwa genauso viel wie wir in annähernd zwei Jahren. Wir sprachen unter anderem auch über seine Erfahrungen in der Türkei und in Syrien, was uns noch ein bisschen mehr von unserem Plan abbrachte, nach Israel zu wandern. Die politische Lage vor Ort hatte auch er als alles andere als entspannt erlebt. Im Osten der Türkei war er sogar Zeuge eines Attentats geworden, bei dem ein Polizeiauto in die Luft gesprengt wurde. Mehrere Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Alles in alle klang das nicht gerade nach einem Ort an dem man zurzeit gut wandern konnte. Sollten wir unsere Strecke also noch einmal umplanen? Vielleicht war es sinnvoller, zunächst einmal in Europa zu bleiben und von Griechenland aus nach Rumänien und Bulgarien zu wandern, um sich dann in aller Ruhe Großbritannien und Skandinavien anzuschauen. Israel lief ja nicht weg und konnte jederzeit bereist werden, sobald es wieder etwas ruhiger war.

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Ein Junge kam auf uns zugelaufen und wollte uns Nüsse verkaufen. Daniel, der Motorradfahrer wies ihn ab, machte dabei aber den beliebten Fehler, so freundlich zu sein, dass man seine Ablehnung beinahe als Einladung verstehen konnte. Der Junge witterte die Chance auf eine leichte Beute und ließ nicht locker um uns doch noch ein paar Nüsse aufzudrängen. Heiko versuchte es etwas energischer, doch noch immer wollte er uns nicht in Ruhe lassen. Er wurde sogar richtig penetrant und wedelte uns mit den Nusssäckchen vor den Gesichtern rum.

„Ab! Verschwinde hier und lass uns in Ruhe!“ fuhr ich ihn an und machte dabei die gleiche Handbewegung, mit der die Hirten immer ihre Kühe vorantrieben. Dies funktionierte. Er wich zurück und setzte sich auf einen Stein, um auf neue potentielle Kunden zu warten. Ich verstand ihn nicht. Er schaute so missmutig und platzierte sich an einer so ungünstigen Stelle, dass niemand ihm etwas abkaufen konnte, selbst wenn er einen lockeren Geldbeutel und einen Heißhunger auf Nüsse hatte. Wie konnte er glauben, dass er Erfolg haben würde, wenn uns auf eine so unangenehme Art begegnete? Man drohte ihm fast Schläge an und noch immer war er nicht bereit, das Nein zu akzeptieren. Das war nicht nur gefährlich, denn er kannte uns ja nicht und wusste auch nicht wie wir reagieren würden, es war auch gegen jedes Marketingkonzept. Man konnte niemandem etwas verkaufen, wenn man ihn zur Weißglut brachte.

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Allerdings musste ich zugeben, dass ich es, wenn es um Schlafplätze oder Essen gegangen war auch schon einige Male auf die selbe Weise versucht hatte. Besonders bei spanischen Pfarrern.

Für die nächsten fünf oder sechs Kilometer mussten wir auf der Hauptstraße bleiben. Wir kamen an einer Schule und einigen Bars vorbei, von denen aus man uns hinterhergrölte und -brüllte. Auch das Anhupen von Wanderern war hier wieder eine Art Volkssport und alles zusammen machte den Streckenabschnitt zu einem reinen Spießrutenlauf. Wir waren nun gerade einmal den zweiten Tag in diesem Land und freuten uns bereits darauf, es wieder verlassen zu können. Wo war nur der freundliche und höfliche Charakter, den wir im Kosovo so geschätzt hatten?

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Doch auch nach Verlassen der Hauptstraße wurde es nicht viel besser. Sobald man aufs Land kam, wo es fast keine Menschen gab, war alles in Ordnung. Kam man jedoch in eine Ortschaft oder an eine viel benutzte Straße, wurde es unerträglich. Je mehr Menschen sich an einem Ort befanden, desto schlimmer wurde es. Später am Abend fand ich dann jedoch eine Besonderheit heraus, die mir zuvor nicht aufgefallen war. Ähnlich wie im Kosovo waren die Häuser hier stets eine Art Palast. Sie waren von hohen Mauern umgeben und bildeten so eine Art Miniwelt, die von der äußeren hermetisch abgeriegelt war. Innerhalb dieser Mauern herrschte Ruhe und Harmonie. Hier waren die Menschen freundlich, locker, hilfsbereit und zuvorkommend. Draußen jedoch gab es eine Art Krieg, bei dem jeder beweisen musste, dass er der beste war. Hier regierte das Ego und man musste sich stets als Proll und Aufreißer geben. Teilweise kamen dadurch recht lustige Situationen zustande. Ihr habt sicher alle Bilder im Kopf, von sonnengebräunten, dunkelhaarigen Typen mit Goldkettchen, die im BMW ihres Vaters lässig durch die Straßen cruisen, die Hip-Hop-Mucke auf voller Lautstärke, den Arm cool auf das offene Fenster gestützt, die Sonnenbrille auf und dabei leicht mit dem Kopf im Tackt des fetten Beats wippend. Hier gab es ähnliche Szenen, nur dass der betreffende Gangsterproll dabei auf einer Eselkutsche saß und dass sein Kopf nicht im Tackt der Musik sondern im Rhythmus der Schlaglöcher in der Straße wippte.

Kaum waren wir aus dem Schatten der Berge herausgetreten, kam ein immenser Wind auf, der uns entgegen blies. Er war wie ein Föhn, der konstant und kräftig über die Flachebene wehte, so stark, dass man sich regelrecht gegen ihn anlehnen musste. Bei diesem Sturm ein Zelt aufzubauen war nahezu unmöglich. Doch wir hatten keine Wahl. Windschutz gab es nicht, denn soweit das Auge reichte erblickten wir nur flache Felder. Und natürlich Ortschaften, aber von denen wollten wir uns ebenfalls fernhalten.

Mit vereinten Kräften gelang es uns dann letztlich doch und trotz aller Befürchtungen blieb es sogar die ganze Nacht über stehen. Fast wunderten wir uns darüber, dass wir am Morgen an der gleichen Stelle erwachten, an der wir abends eingeschlafen waren. Doch der Wind war nun vollkommen verschwunden. Es bewegte sich kein Lüftchen.

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Die Straße, die wir am Vorabend eingeschlagen hatten führte schnurgerade durch die flache Ebene. Fast den halben Tag lang wanderten wir auch heute auf ihr entlang, ohne ein einziges Mal abzubiegen. Dabei begegneten uns die urigsten Gestalten. Ein älterer Mann mit beeindruckend zahnlosem Mund fuhr auf einem quietschenden Fahrrad an uns vorbei, das er von oben bis unten mit Maispflanzen vollgepackt hatte. Wäre es so beim TÜV vorbeigefahren hätte man für ihn eine neue Klasse an Fahrzeugen erfinden müssen. Er war gewissermaßen ein LKF-Fahrer, also der Fahrer eines Lastkraftfahrrads.

Auch ein anderer Mann, der uns kurz darauf überholte fiel wohl unter diese Kategorie. Allerdings setzte er gleich noch einen obendrauf, indem er sein Rad zu einem Gefahrguttransporter machte. Er hatte eine handelsübliche Gasflasche auf den Gepäckträger geschnallt und zwar mit einem einfachen Gurtspanner. Keine Gasflasche, wie man sie für einen Campingkocher verwendet, sondern eine solche mit der man richtige Gasherde betreiben kann. Wir sprechen dabei übrigens noch immer von der selben Straße, die so voller Schlaglöcher war, dass sie den Gangsterkutscher am Vorabend zum Dauernicken brachte. Ihr könnt euch also sicher vorstellen, was für ein Hüpfkonzert die Gasflasche auf dem Gepäckträger veranstaltete. Die Flaschen sind in der Regel recht stabil, aber eben nur solange sie nicht auf das Ventil fallen. Und in landestypischer Sicherheitsmanier besaß die Flasche natürlich keine Schutzkappe. Wäre sie wirklich heruntergefallen, hätte sie sich durch den Überdruck in ihrem inneren in eine Rakete verwandelt, die wie ein Luftballon durch die Gegend gesaust wäre. Wahrscheinlich fuhr der Mann deshalb auf dieser Straße, denn hier konnte man die Flasche dann wenigstens lange Zeit beobachten.

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Gerade als wir fertig waren, den unverantwortlichen Gasflaschentransporter zu kommentieren, von dem wir sicher waren, dass es sich bei ihm um einen Einzelfall handelte, kam uns auch schon der zweite entgegen, der genau das gleiche machte. Augenscheinlich war es also eine ganz gewöhnliche und anerkannte Methode, sein Gas auf diese Weise zu transportieren.

Durch die permanent holprigen Straßen hüpften auch unsere eigenen Wagen immer fröhlich hinter uns her. Es dauerte nicht allzu lange, da bemerkten wir ein ungesund klingendes Klappern aus Richtung unserer Achsen. Wir blieben stehen und schauten uns die Sache näher an. Die Steckachsen hatten sich etwas gelockert und die Reifen schlugen nun ganz leicht hin und her. Das konnte so nicht bleiben, also stellten wir alles ab und machten uns an die Reparatur. Wir waren weit draußen zwischen den Ortschaften und stellten fest, dass der Platz angenehm ruhig und verlassen war. Wenige Meter weiter entdeckten wir dann noch eine leerstehende Bauruine, hinter der man vollkommen unsichtbar ein Zelt aufbauen konnte. Der einzige Haken an diesem Platz war, dass ich nun drei Kilometer bis in den nächsten Ort wandern musste um Essen und Wasser zu besorgen. So sehr ich mich auch über den schönen Platz freute, so sehr ärgerte ich mich auf dem Weg in den Ort über das erneut auftretende Problem des permanenten Zeitmangels. Ich war nun mit den Berichten bereits über einen Monat im Rückstand und immer wenn ich das Gefühl hatte ein bisschen aufholen zu können, kam etwas, das mir meine Zeit fraß. Heute zum Beispiel! Wir waren schon um halb zwei angekommen und eigentlich konnte es ein perfekt produktiver Tag werden, an dem ich reichlich Stoff zur Seite bringen konnte. Doch stattdessen brauchte ich nun eine gute halbe Stunde bis ich den Ort erreichte, dann würde ich sicher eine Stunde für die Nahrungs- und Wassersuche brauchen. Anschließend noch einmal eine gute halbe Stunde zurück, dann die restlichen Dinge am Wagen reparieren, eine kurze Mittagspause und erst dann würde ich mit dem Arbeiten beginnen können. Selbst wenn es gut lief würde ich meinen Laptop also nicht vor 16:30 Uhr aufklappen und um 18:00 mussten wir bereits mit dem Kochen beginnen, damit es nicht zu dunkel wurde. Wie sollte ich da jemals vorankommen? Ich war Genervt und spürte wie eine brennende Ungeduld in mir aufkam, gepaart mit einer Wut auch die Zeit im Allgemeinen, dieses Land, die vielen Texte, die ich noch schreiben wollte und das Gefühl immer zu langsam zu sein. Während ich das dachte wurde mir bereits klar, dass genau dies der Grund war, warum ich in diese Zeitnot geriet. Es war nicht das Land, das mir die Zeit stahl. Ich war es selbst und das Land und die Leute spiegelten mir die permanente Angst davor, nicht genug Zeit zu haben. Je verkrampfter ich versuchte, alles nachzuholen, desto mehr würde ich mich selbst ausbremsen. Doch der Fakt, dass ich das wusste änderte leider gar nichts. Im Gegenteil, ich wurde nur noch wütender auf mich, weil ich mich dafür verurteilte, dass ich mir immer wieder die gleiche Suppe einbrockte.

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Lustiger Weise schreibe ich diesen Text gerade heute, an einem Tag der ebenfalls komplett aus dem Ruder geraten ist. Noch immer habe ich ungefähr einen Monat Rückstand, bis ich alle Berichte aufgeholt habe. (Zwischenzeitig waren es schon fast 2,5 Monate) Und noch immer habe ich häufig das Gefühl, mit meiner Zeit einfach nicht hinzukommen. Gleichzeitig merke ich aber auch immer mehr, wie wichtig es ist, loszulassen und sich bewusst zu werden, dass alles die Zeit hat die es hat und die Zeit benötigt, die es benötigt. Heute beispielsweise sind wir um 11:00 Uhr losgekommen, haben eine Strecke von fast 30km zurückgelegt und wurden dann noch zweieinhalb Stunden von einem quirligen Pfarrer und seiner noch quirligeren Gemeinderatsvorsitzenden aufgehalten. Eine größere Geduldsprobe als das Gespräch mit dieser netten aber unglaublich nervraubenden Dame kann man sich kaum vorstellen. Und doch habe ich anschließend sogar noch einiges aufholen können.

Aber zurück zum Thema.

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Die Essenssuche dauerte wirklich eine knappe Stunde. In Albanien war gerade Kartoffelernte und überall standen die Bauern auf großen Wagen und holten Tonnenweise Kartoffeln ein. Als ich einen dieser Männer jedoch nach ein paar Kartoffeln fragte, sprang er vom Wagen herab, begleitete mich durch die gesamte Ortschaft zu einer Bar und bestellte mir dort auf seine Kosten zwei belegte Brote. Das war natürlich nett, aber es dauerte seine Zeit und reichte nicht für den ganzen Tag. Also musste ich weiter fragen und nach mehreren Absagen bekam ich von einem anderen Mann ca. 5kg mit Kartoffeln und 5kg mit Zwiebeln. Das reichte! Und zu unserer Überraschung wurde es sogar ein richtig gutes Essen. Einfach, aber gut.

Schwieriger wurde wieder die Suche nach Wasser. Der kleine Laden, den ich schließlich fand verkaufte zwar mehrere Flaschen, doch dieses Mal musste ich wirklich mit albanischem Geld bezahlen. Und dies wurde kompliziert. Sowohl die junge Verkäuferin als auch ihre Mutter sprachen gerade einmal doppelt so viel Englisch wie ich Albanisch und mit diesem geringen Verständigungsrahmen musste ich es irgendwie schaffen, den Wechselkurs zwischen europäischer und albanischer Währung herauszufinden, ohne mich übers Ohr hauen zu lassen. Nach ein paar Minuten fand ich folgendes heraus: 1€ entsprach 1400 Einheiten in der Landeswährung. Wenn ich also einen Zehner wechseln wollte, dann müsste ich dafür nach Adam Riese 14.000 Taler zurückbekommen. Die Frau drückte mir jedoch nur 1400 in die Hand, also genau jenen Betrag, von dem sie zuvor behauptet hatte, er sei einen Euro wert. Dafür aber zog sie für das Wasser jetzt nur noch 140 Taler ab, obwohl sie zuvor erklärt hatte, dass es 1400 koste. Ich verstand nun gar nichts mehr und bat darum, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Dieses Mal jedoch etwas langsamer.

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Das ganze widerholten wir dann rund drei Mal und am Ende hatte ich eine ungefähre Idee davon, wie die Sache funktionierte. Offensichtlich gab es einen Unterschied zwischen der Zahl die man auf eine Banknote schrieb und der mit der man sie bezeichnete. Sobald man über Geld sprach, erfand man grundsätzlich eine zusätzliche Null, die nirgendwo vermerkt war. Wenn auf dem Preisschild also 140 Taler stand, dann sagte einem die Kassiererin an der Kasse die Zahl 1400 und tippte anschließend 140 ein. Mein Einwand, dass diese Technik keinen Sinn ergab und nur für Verwirrung sorgte, wurde mit einem Schulterzucken hingenommen. Es war eben, wie es war.

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Vielleicht war es so. Vielleicht war es aber auch einfach Humbug und ich wurde gerade bis auf die Unterhose abgezockt. Doch ich hatte nicht viele Möglichkeiten. Entweder ich musste den Damen vertrauen und mich auf den Deal einlassen oder ich musste ohne Wasser nach hause gehen und riskieren, dass wir die ganze Nacht dursteten.

Also erklärte ich mich einverstanden, kaufte zwei Flaschen Wasser und ließ mir den Rest in albanischer Währung auszahlen. Entweder hatte ich nun acht Euro wiederbekommen, oder achtzig Zent. Das konnte ich nicht feststellen. Aus irgendeinem Grund bekam ich jedoch noch ein Eurostück in die Hand gedrückt, dass eigentlich gar nicht mir gehörte und mit dem irgendjemand versucht hatte, mir die ganze Rechnerei zu veranschaulichen. Im schlimmsten Fall hatte ich also nur 9€ verloren.

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Es dauerte übrigens noch rund drei Tage, bis ich mir sicher war, dass man mich nicht verarscht hatte.

Als ich schließlich wieder bei Heiko eintraf war der Tag beinahe vorbei. Eine knappe Stunde konnte ich noch an den Texten arbeiten, dann war es Zeit zum Kochen.

Spruch des Tages: Man weiß hier nie so wirklich, ob man verarscht wurde oder nicht...

 

Höhenmeter: 180 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 12.551,27 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Altkleiderlager der Caritas, 88836 Cotronei, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 702: Ein Land voller Esel

Kurz bevor wir die Grenze erreichten kamen wir doch noch durch ein winziges Dorf. Es war nicht so unheimlich wie das letzte, dafür aber wesentlich touristischer. Es bestand eigentlich nur aus einem kleinen Marktplatz mit einigen Verkaufsständen, einem Campingplatz und einem Kloster, das gleichzeitig als Hotel verwendet wurde. Wir stellten unsere Wagen ab und besichtigten das Klostergelände. Von hier aus hatte man einen hervorragenden Blick über den See, bis hinüber zur albanischen Seite und weit zurück bis nach Ohrid. Am spannendsten waren jedoch die vielen kleinen Eichhörnchen, die im Park ihre Nüsse verbuddelten. Das Eichhörnchen das tun weiß jedes Kind, aber wie selten bekommt man die Gelegenheit, ihnen dabei wirklich einmal zuzuschauen?

Als wir das Parkgelände wieder verlassen wollten wurden wir von zwei humorlosen Männern aufgehalten. Sie teilten uns unmissverständlich mit, dass wir auf dieser Seite nicht weiter gehen konnten, denn das angrenzende Gelände war eine Militärbasis. Die Mazedonier hatten schon einen eigenartigen Sinn für die Verteilung ihrer Infrastruktur. In einem Moment steht man noch an einem heiligen Ort, der gleichzeitig eine der größten Touristenattraktionen des Landes ist und drei Meter weiter beginnt ein militärisches Sperrgebiet. Und irgendwo in der Mitte liegt dann noch der Campingplatz, an dem sich die Urlauber tummeln.

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Auch wenn Freundlichkeit vielleicht nicht gerade seine herausragendste Eigenschaft war, war der Mann doch freundlich genug um uns einen Schleichweg zu zeigen, auf dem wir die Militärbasis umrunden konnten, ohne ganz zurück auf die Hauptstraße zu müssen. Von hier aus waren es nun nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze.

Dieses Mal merkte man den Übertritt zunächst fast gar nicht. Der Grenzposten wirkte fast eher wie einer der Souvenirstände an der Promenade, nur dass man hier nicht einfach vorbeigehen konnte, ohne seinen Ausweis zu zeigen. Danach änderte sich zunächst einmal nichts. Wieder kamen Hotels und Restaurants, die sich am Ufer aneinander ketteten. Auch hier legte man keinen Wert darauf, den Müll irgendwo zu entsorgen, wo er den Augen und Nasen der Menschen verborgen blieb. Es war sogar noch etwas schlimmer als zuvor und das obwohl wir nicht geglaubt hätten, dass es nach Mazedonien noch einmal eine Steigerung geben konnte. Der Gipfel des Umwelthohns war ein fünf Sterne Hotel, das seine Abwässer direkt vor der eigenen Eingangstür in den See leitete. Links und rechts neben dem großen Abwasserrohr standen sie Liegestühle und der hauseigene Kiosk, an dem man Eis und Süßwaren kaufen konnte, war keine drei Meter entfernt. Bereits die ersten dreißig Meter genügten also um sicher zu sein, dass das Wasser in diesem Land auch wieder nicht trinkbar war.

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Nachdem wir die kurze Hotelmeile verlassen und ins Hinterland abgebogen waren, änderte sich das Bild dann doch noch. Albanien präsentierte sich uns nun als eine Mischung aus modernem Großstadtslum und mittelalterlicher Bauernkultur. Wir waren gleichzeitig fasziniert und entsetzt davon, dass wir uns noch immer mitten in Europa befanden. Wären wir in Indien oder Pakistan gelandet, hätten wir genau dieses Bild erwartet, aber hier?

An den Flüssen türmte sich der Müll zu langen Wällen auf. Asphaltiert waren nur die Hauptstraßen, während fast alle Nebenstraßen, selbst innerhalb der Ortschaften, aus reinem Schotter und Sand bestanden. Am meisten aber beeindruckten uns die Esel. Wir hatten schon zuvor immer mal wieder einen oder zwei Esel gesehen und im Balkan war es keine Seltenheit, dass man sie als Arbeitstiere gebrauchte. Doch in dieser Menge war es etwas Neues für uns. Überall auf den Feldern standen die Menschen mit ihren Eseln. Einige zogen eine Art Pflug, andere kleine oder große Karren mit Feldfrüchten und wieder andere waren mit Körben bepackt. Wenn sie richtig arm dran waren, mussten sie sogar den Bauern tragen. Im Normalfall jedoch stand der Bauer neben dem Esel und hielt ihn am Zaumzeug, während die Frau die Feldarbeit erledigte. Vieles in diesem Land blieb uns bis zum Schluss ein Rätsel, aber die Arbeitsaufteilung verstanden wir sofort. Körperlich leichte Aufgaben übernahm der Mann, für schwere gab es die Esel und für richtig schwere hatte man ja seine Frau.

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Die Esel ersetzten die Traktoren, Autos und Fahrräder nicht komplett, aber zu einem großen Teil. Wenn man von A nach B wollte dann war es ebenso normal auf seinem Esel zu reiten oder sich auf die Kutsche zu setzen, die von einem oder zwei Eseln gezogen wurde, wie mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zu fahren. Das einzige, was den Menschen fremd zu sein schien war es, zu Fuß zu gehen. Lieber nahm man all sein Gepäck in die Hand, setzte sich auf den Esel und zog die Beine bis zum Kinn an, damit sie nicht am Boden schleiften. Selbst wenn man dadurch einen Krampf bekam und sich drei Tage lang nicht mehr bewegen konnte, hatte man dennoch gezeigt, dass man ein kraftvolles Lasttier besaß und es nicht nötig hatte, seine eigenen Beine zu benutzen.

Wer etwas mehr Wohlstand besaß, konnte sich eine Kutsche leisten und sich hinter den Esel, oder in besonders seltenen Fällen sogar hinter das Pferd setzen.

Wir schlugen unser Zelt mitten in den Feldern auf, so dass die Straßen in alle Richtungen möglichst weit von uns entfernt waren. Es gab hier zwar weniger motorisierte Fahrzeuge als in vielen anderen Ländern, doch die die es gab, waren dafür umso lauter. Meist waren es kleine Traktoren, die eher an übergroße Rasenmäher erinnerten und deren Motoren vollkommen frei zwischen den kleinen Vorderreifen lagen. Wir hatten solche Gerätschaften auch in den anderen Balkanländern schon oft gesehen, doch hier schienen sie am häufigsten und gleichzeitig auch am lautesten zu sein. Dabei tuckerten sie ganz gemütlich mit ca. 6km/h vor sich hin, fast so als würde die Energie des Kraftstoffes eins zu eins in Lautstärke umgewandelt, so dass für Geschwindigkeit nichts mehr übrig blieb.

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Die Menschen, die ich bei meiner Essenssuche kennenlernte waren größtenteils sehr nett, doch die Verständigung mit ihnen gestaltete sich deutlich schwieriger als erwartet. Anders als im Kosovo sprach hier so gut wie niemand eine andere Sprache. Kein Deutsch, kein Englisch, kein Italienisch, ja nicht einmal Serbisch. Als einzige Kommunikationsmöglichkeit blieb also nur noch mein Zettel mit den vorbereiteten Sätzen. Dafür muss man aber sagen, war ich sehr erfolgreich.

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Weit schwieriger als die Nahrungssuche gestaltete sich jedoch die Aufgabe, Wasser aufzutreiben. Leitungswasser wäre kein Thema gewesen, doch wir wollten es nach Möglichkeit vermeiden, uns zu vergiften. Doch um Flaschenwasser zu bekommen brauchte ich Bars, Tankstellen, Supermärkte, Tante-Emma-Läden oder wenigstens einen Kiosk. Diese waren jedoch mehr als nur Mangelware. Sie waren Raritäten, mit denen man hier locker auf dem Schwarzmarkt hätte dielen können. Als ich schließlich einen Minimarkt in einer kleinen Holzhütte fand, war ich fast drei Kilometer weit gewandert. Nun hatte ich das nächste Problem, denn den Satz „haben sie eine große Wasserflasche?“ hatte ich nicht auf meinem Zettel vermerkt. Mit Händen und Füßen versuchte ich der verwirrten Verkäuferin klarzumachen, was ich wollte. Auf Wasser kamen wir schnell, doch sie hatte nur Miniflaschen im Regal und ich musste ihr irgendwie verständlich machen, dass ich einen Kanister brauchte. Schließlich verstand sie mich und kramte ganz unten aus der hintersten Ecke eines versteckten Regals einen 5l-Kanister Wasser hervor. Er musste ewig dort gestanden haben, denn die Staubschicht auf seiner Oberfläche war fast einen Zentimeter dick. Sie nannte mir einen Preis und erst in diesem Moment wurde mir klar, dass wir mit der Grenzüberschreitung auch wieder eine neue Währung bekommen hatten. Meine Mazedonischen Dinara waren hier wertlos, doch albanisches Geld besaß ich noch keines.

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„Euro?“ fragte ich vorsichtig.

„Po!“ sagte die Frau. Als Deutscher könnte man meinen, dass dies soviel war wie die Kurzform von „Leck mich am Arsch!“ aber auf albanisch bedeutete es wirklich einfach „Ja!“

Nun aber stand ich vor den nächsten Problem, den unsere Euro beliefen sich auch nur noch auf ein paar Cent. Ich schüttete alles aus was ich besaß und die junge Frau schaute es sich genau an.

„Mira!“ sagte sie dann lächelnd – „In Ordnung!“

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Ich glaube, dass ihr mein Auftritt und die ganze verworrene Situation bereits Bezahlung genug waren. Auch die Oma, die bislang schweigend in der Ecke gesessen hatte, amüsierte sich köstlich. Zum Abschied stand sie auf, gab mir die Hand und schenkte mir sogar noch einen Schokoriegel obendrauf.

So ruhig unser Platz in den Feldern zunächst auch gewirkt hatte, so sehr zeigte sich, später, dass hier ein reger Durchgangsverkehr herrschte. Ständig kamen Bauern und Hirten vorbei, schauten, staunten, fragten alle möglichen, unverständlichen Dinge und gingen wieder. Ich hatte mich zum Schreiben in den Schatten eines Baumes gesetzt, was sich im Nachhinein nicht als allzu gute Idee herausstellte. Denn dadurch konnte nun jeder sehen, dass wir Laptops bei uns hatten. Ein älterer Mann kam und fragte mich regelrecht aus. Das ich auf all seine Fragen mit „Ich verstehe dich nicht!“ antworten musste, schreckte ihn nicht ab. Er blieb einfach stehen und schaute mich an. Der zweite war sogar noch dreister und setzte sich drei Zentimeter neben mich, um mir beim Schreiben mit in den Bildschirm zu starren. Ich bat ihn mehrmals zu gehen und jedes mal nickte er höflich, um dann doch sitzen zu bleiben. Erst als ich wütend wurde und ihn anfuhr stand er auf und verabschiedete sich. Kurz darauf kam der Dritte. Er hielt zwar mehr Abstand, war aber noch weitaus unangenehmer als die anderen. Missmutig starte er meinen Computer an und wiederholte immer wieder vorwurfsvoll „Deutschland viele Geld! Viele Geld in Deutschland!“

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Eine junge Frau auf dem Fahrrad kam in diesem Moment vorbei und schaute mich mitleidig an.

„Du Depp!“ schnauzte mich meine Verstandsstimme an als der Mann verschwunden war, „wie kommst du auch auf die Idee, dich in so einem Land öffentlich mit einem teuren Computer hinzusetzen? Dass muss doch Neid wecken!“

Später am Abend kam die junge Frau noch einmal zurück.

„Darf ich euch kurz stören?“ fragte sie auf Englisch, „Ich glaube ihr habt euch hier einen sehr gefährlichen Platz ausgesucht. Ich habe vorhin mitbekommen, was der Mann gesagt hat und ich könnte mir vorstellen, dass er euch ausrauben will. Nachts ist hier draußen auf den Feldern niemand, der euch beschützen kann. Geht lieber in die Stadt und zeltet dort im Park, da ist es sicherer!“

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Wir bedankten uns für die Warnung und dachten eine Weile darüber nach. Die Sorge war nicht ganz unberechtigt, wenngleich ihre Alternatividee natürlich wahnwitzig war. Wenn es einen Platz gab, an dem wir mit Sicherheit überfallen worden wären, dann war es der Park inmitten einer Großstadt. Der Mann hatte zwar etwas zwielichtig gewirkt und er war ganz sicher kein Sympathieträger, aber er war alt und gebrechlich gewesen. Nachts würde er sich nicht hier aufs Feld hinauswagen und wenn doch dann war er kein ernstzunehmender Gegner. Wir stuften die Situation daher als sicher genug ein, um die Nacht hier zu bleiben. Doch in Zukunft würden wir genauer darauf achten, dass niemand mitbekam, was für Werte wir bei uns trugen.

Spruch des Tages: So viele Esel auf einem Haufen.

 

Höhenmeter: 180 m

Tagesetappe: 14 km

Gesamtstrecke: 12.539,27 km

Wetter: sonnig aber kühl

Etappenziel: Altes Pfarrhaus, 88833 Santa Rania, Italien

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