Tag 707: Zurück in Europa

Der Regen fiel weiter auf uns herab und hörte erst am frühen Morgen des nächsten Tages wieder damit auf. Als wir aus dem Zelt schauten sahen wir sogar einige Sonnenstrahlen, die vorsichtig durch die Wolken hindurch lugten. Doch am Meisten Respekt hatten wir vor der Erde. Sie hatte es geschafft, die ganze Sintflut, die auf sie herabgeprasselt war, in sich aufzusaugen wir ein Schwamm. Klar war alles matschig und schleimig, nicht nur der Boden, sondern auch unser Zelt und fast unsere ganze Ausrüstung. Aber es stand nirgendwo auch nur eine größere Pfütze. In Italien wären wir bei einer solchen Flut ertrunken, doch hier ließ sich nun kaum mehr erkennen, dass es in der Nacht überhaupt geregnet hatte. Was machte wohl diesen gigantischen Unterschied aus? Lag es an der Art des Bodens? In Italien war die Erde fast immer lehmig und tonig gewesen, was es dem Wasser natürlich schwer machte, nach unten durchzusickern. Aber auch hier bestand der Boden zu großen Teilen aus Lehm. Entweder mussten also die Schichten ausschlaggebend sein, die dem Auge verborgen blieben, oder aber das Problem bestand darin, dass der Boden in Italien durch die Traktoren und die industriell-landwirtschaftliche Nutzung so stark komprimiert war, dass kein Wasser mehr durchkommen konnte.

Wir wanderten die letzten paarhundert Meter in die Stadt und schauten uns dort nach einem Laden um, in dem wir das restliche albanische Geld ausgeben konnten. Da ich nicht übers Ohr gehauen wurde, hatten wir ja noch immer einige Münzen in der Landeswährung und die würden wir mit dem Grenzübertritt nach Griechenland nicht mehr brauchen. Das Problem war nur, dass man hier nichts einkaufen konnte, ohne dabei komplett wahnsinnig zu werden.

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Es gab nur kleine Lädchen und in denen schauten wir uns nach Nüssen oder anderen Leckereien um, die uns als Wegzehrung dienen konnten. Es war jedoch unmöglich, die Verkäuferin nach dem Preis zu fragen. Nichts war ausgeschildert und wenn wir mit unserem Übersetzer die entsprechenden Fragen stellten, bekamen wir Antworten auf alles, nicht aber auf den Preis. Schließlich verzweifelte ich so sehr, dass ich den Laden verließ, ohne etwas gekauft zu haben. Im zweiten war es ähnlich und erst im dritten hatten wir Erfolg. Es war noch immer anstrengend und im Nachhinein mussten wir feststellen, dass uns diese Verkäuferin sogar ganz gewaltig übers Ohr gehauen hatte, aber wir bekamen zumindest ein bisschen was an Essen für unser Geld. In wenigen Stunden wäre es ohnehin wertlos geworden.

Wir waren gerade dabei zu bezahlen, als plötzlich eine überraschte Stimme hinter mir aufrief und mir jemand auf die Schulter tippte. Es war die grauhaarige Oma mit den Kulleraugenschuhen von gestern Abend. Sie lachte und nahm mich in den Arm, wie bei jemandem, den man seit langer Zeit zum ersten Mal wieder gesehen hat.

„Oh, Gott, Junge!“ rief sie auf, als sie dabei mein T-Shirt berührte, das noch immer komplett durchnässt war, „du bist ja ganz nass!“

Sofort war sie überzeugt davon, dass ich durch die nassen Klamotten krank werden würde und es kostete mich einige Mühe, sie davon abzubringen mit ein neues T-Shirt zu kaufen.

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So verwirrend wie unser Einkaufsversuch war, so verwirrend war auch unser Weg durch das Dorf. Unsere ersten Pakete mit Nüssen hatten wir bereits aufgebraucht noch ehe wir auch nur eine Idee hatten, wie wir aus diesem verfluchten Dorf herausfinden sollten. Irgendwann standen wir dann wieder vor dem ersten kleinen Laden, der uns zur Verzweiflung gebracht hatte. Das schaffte er nun wieder und dieses Mal sogar ganz ohne Kontakt zur Verkäuferin.

Schließlich entdeckten wir den Fehler, den wir gemacht hatten. Wir hatten nach einer großen Straße gesucht, die aus der kleinen Stadt herausführen sollte. Dass es sich bei dieser Straße jedoch um den Schotterweg handeln könnte, an dem wir gleich am Anfang vorbeigekommen waren, hatten wir sofort ausgeschlossen. Nun schlugen wir ihn ein und wanderten darauf einen knappen Kilometer entlang. Dann begann der Asphalt und von nun an war es eine nagelneue Schnellstraße, wie sie in ganz Osteuropa ihres gleichen suchte. Warum sie an dieser Stelle in so einer Größe gebaut wurde blieb uns schleierhaft, aber wir freuten uns über die gute Qualität und die Tatsache, dass wir sie bis auf ein paar Baustellenfahrzeuge ganz für uns alleine hatten.

Es dauerte jedoch nicht allzu lange, dann hatten wir den erneuerten Teil der Straße hinter uns gelassen. Es folgte ein Stück mit altem Teer und dann wurde wieder ein Schotterweg daraus, der bis hinunter ins Tal führte. Mitten durch dieses Tal schlängelte sich der Grenzfluss, den wir nun überqueren wollten.

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Die albanische Grenze war eine halb verfallene Ruine. Kurz vor dem Wachposten gab es eine kleine Wellblechhütte in der eine Kneipe untergebracht war. Das Tal war menschenleer, also war das Wachpersonal wahrscheinlich die einzige Kundschaft, die hier jemals einkehrte. Der Wachmann selbst war ein freundlicher und zu tiefst gelangweilter Mann mittleren Alters. Autos kamen hier vielleicht zweimal am Tag über die Grenze und Wanderer wie wir etwa einmal im Leben. Er nutzte unsere Anwesenheit für ein kurzes Gespräch, das viel weniger den Anschein eines professionellen Informationsaustausches machte, als den einer Bitte, ihn endlich aus seiner Langeweile zu retten. Sogar die Kühe, die direkt neben dem Grenzzaun weideten und uns mit großen Augen anschauten, schienen gelangweilt zu sein. Bei jeder Kopfbewegung bimmelten ihre Glocken wie ein Kirchturm im Vollrausch. Eines stand für uns fest. Wenn man hier arbeitete, dann musste man entweder durchdrehen oder ein Zen-Buddhist werden.

Die griechische Seite der Grenze wirkte auch nicht viel professioneller als das albanische Gegenstück. Als wir eintrafen fanden wir sie gleich ganz verlassen vor. Wenn wir gewollt hätten, hätten wir einfach durchgehen können, ohne dass wir überhaupt bemerkt worden wären. Nur durch unser Rufen machten wir den Wachposten auf uns aufmerksam. Lustlos kontrollierte er unsere Pässe und fragte ein paar Zeilen zu unserer Reise. Wir baten ihn im Gegenzug um ein Blatt Papier, damit wir unsere Vokabeln aufschreiben konnten. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis er eines aufgetrieben hatte. Dann verabschiedeten wir uns und er öffnete die Schranke, damit wir in die Europäische Union eintreten konnten. Hinter uns blieb der Grenzbaum einfach offen. Es kam ja eh niemand, warum also sollte man sich die Mühe machen und noch ein zweites Mal auf die Taste drücken?

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Zur Grenze gehörten insgesamt mehrere Gebäude und eine riesige Parkplatzanlage. Alles war vollkommen verlassen. Warum hatte man hier so eine große Grenze gebaut, wenn doch niemand kam?

Auch wenn keiner von uns beiden je zuvor einen Fuß auf das griechische Festland gesetzt hatte, fühlte sich Griechenland ein bisschen wie Nachhause-Kommen an. Es war nun etwa ein halbes Jahr her, dass wir die EU verlassen hatten und auch wenn wir nie wirklich ein Fan davon gewesen waren, freuten wir uns nun wie zwei Schnitzel über die gelben Sterne auf dem blauen Schild. Der Balkan hatte uns gut aufgenommen und wir hatten dort eine wunderbare, ereignisreiche, lehrreiche und abenteuerliche Zeit verbracht, die wir nie vergessen werden. Doch am Ende hatte uns immer mehr das Gefühl ereilt, dass es langsam Zeit wurde, wieder in ein geregelteres Land zu kommen. Allein die Tatsache, dass wir nun auf einer geteerten Straße ohne Schlaglöcher wandern konnten, fühlte sich unsagbar gut an. Vor allem aber freuten wir uns darauf, wieder regelmäßiger in festen Räumen schlafen zu können, nicht jeden Morgen klatsch nass aufzuwachen und hin und wieder den Luxus einer Steckdose oder eines Waschbeckens genießen zu dürfen. Noch ahnten wir nicht, dass wir mit der Erfüllung dieser Hoffnung noch eine ganze Weile warten mussten.

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Die Straße teilte sich nach einem knappen Kilometer. Rechts führte sie weiter im Tal entlang und links bog sie leicht nach oben ab, um durch ein Dorf zu führen und dann wieder auf den rechten Weg zu stoßen. Das Dorf war winzig, doch es war das einzige in Reichweite und so entschieden wir uns für den oberen Weg. Kurz vor dem Eingangsschild kamen wir zumindest schon einmal an einer Quelle vorbei, an der wir unser Wasser auffüllen konnten. Dann suchte Heiko nach einem möglichen Zeltplatz und ich machte mich auf, um nach Essen zu fragen. Vielleicht ergab sich dabei ja sogar die Gelegenheit für einen Schlafraum.

Erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, wie schwierig dieses Griechisch eigentlich war. Es war nicht nur eine neue Sprache, es gab ein vollkommen neues Alphabet und unser Übersetzer schrieb nur in griechischen Buchstaben. Ich konnte also nicht einmal „Hall0!“ auf Griechisch sagen, als ich durch die Ortschaft ging. Es blieb mir nur ein freundliches Lächeln, das international anerkannte Grußwort „Ciao!“ und ein Hindeuten auf das Handy-Display. Doch die Menschen schienen sehr nett zu sein. Ich bekam Brot und Feta-Käse, Brot und Feta-Käse und dann noch ein bisschen Brot mit Feta-Käse. Bereits am ersten Tag zeichnete sich damit ab, was die Hauptnahrung in Griechenland für uns werden würde. Wobei man sagen muss, dass der Käse wirklich hervorragend war.

Schließlich bekamen wir aber auch noch ein paar Eier und eininge Tomatenvon einer freundlichen Dame. Sie wollte ganz besonders nett sein und wusch daher jedes Ei einzeln ab, ebenso jede Tomate. Dann wickelte sie alles einzeln in Tücher, legte Brot und Feta dazu und reichte es mir. Ich selbst stand dabei auf der Terrasse, schaute ihr durch das offene Küchenfenster zu und wurde dabei immer unruhiger. Wir hatten noch keine Idee, wo wir schlafen sollen und es wurde immer später. Wenn wir weiterziehen mussten, dann hatten wir kaum noch eine Chance auf Sonnenlicht und damit war klar, dass ich auch heute nicht weiterkommen würde. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn die Frau alles nur schnell in eine Tüte geworfen hätte, doch das kam für sie nicht in Frage. Und gleichzeitig fühlte ich mich undankbar, weil ich so unruhig wurde und sie sich so viel Mühe gab.

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Als ich zu Heiko zurückkehrte, besprachen wir die Lage. Oberhalb vom Dorf gab es eine kleine Kirche, neben der man Zelten konnte und die sogar ein kleines Toilettenhäuschen hatte. Es war kein optimaler Platz und er war alles andere als abgelegen, doch die Menschen schienen nett zu sein und so entschieden wir, ihn zu nutzen. Strom konnten wir dann aber trotzdem kaum generieren, da sich der Himmel bereits wieder mit dicken Wolken zuzog. Außerdem gab es so viel, das erledigt werden musste, dass ich eh nicht zum Schreiben gekommen wäre. Noch immer gab es Flicken auf unserem Zelt, die nicht richtig festgenäht waren. Außerdem musste mein Gurt repariert werden, der mir bereits am Vortag zerbrochen war, doch in dem strömenden Regen am Abend wäre eine Reparatur unmöglich gewesen. Der Rest des Tages bestand also rein auf Reparaturen und aus dem aufarbeiten von liegengebliebenen Dingen, die wir schon lange hatten erledigen wollen. Griechenland war nun das Land, in das wir uns wieder ein Paket schicken lassen wollten. Ein Paket, das dringend nötig war. Wir brauchten neue Schlafsäcke, neue Schuhe, neue Reifen und neue Regenjacken. Ich benötigte außerdem eine neue Luftmattratze denn meine alte löste sich langsam in ihre Bestandteile auf. Außerdem brauchten wir nun Flickzeug fürs Zelt, Ersatzteile für die Gurte, und viele weitere Reserve- und Reparaturmaterialien. Hinzu kam, dass wir unser Kochersystem wechseln wollten um noch mehr Autarkheit zu erzielen. Bislang konnten wir mit Benzin und Gas kochen, vorausgesetzt wir fanden die passenden Kartuschen. Doch letzteres war nicht der Fall und der Benzinkocher hatte so seine Tücken. In den vergangenen acht Monaten war es hin und wieder vorgekommen, dass er genau an den Tagen nicht funktioniert hatte, an denen es besonders wichtig gewesen wäre. Diese mögliche Hungerquelle wollten wir nun ebenfalls ausradieren.

All das musste jedoch organisiert werden und dafür brauchten wir Zeit und Internet. Heute fanden wir beides, denn oben auf dem Kirchenvorplatz entdeckte Heiko ein offenes Netzwerk. Ich kümmerte mich also um die Reparaturen und er um die Bestellungen. Und die Mücken kümmerten sich darum, dass uns bei all dem nicht langweilig wurde. Es gab hier ganze Schwärme von Mücken und alle waren gierig nach frischem Blut. Dracula wäre stolz auf sie gewesen!

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Abends kam noch eine andere Dame aus dem Dorf vorbei und brachte uns ebenfalls ein bisschen was zum Essen. Damit waren wir nun wirklich gut aufgestellt. Doch als wir zu kochen beginnen wollten, wurden wir von der Polizei unterbrochen. Die Polizisten hielten uns auf und forderten unsere Pässe ein, um sicher zu gehen, dass wir keine illegalen Einwanderer waren. Sie verhielten sich dabei ähnlich wie die bosnischen Beamten und ließen sich etwa drei mal so viel Zeit, wie übertrieben gewesen wäre. Als sie uns schließlich in Ruhe ließen, war es bereits stockdunkel. Gut, dass wir von der Kirche wenigstens etwas Licht hatten, um uns unsere Eier zubereiten zu können.

 

 

Spruch des Tages: Wer hätte gedacht, dass sich Griechenland einmal wie zuhause anfühlen würde?

 

 

Höhenmeter: 350 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 12.586,27 km

Wetter: sonnig aber kühl

Etappenziel: Pilgerherberge, 88050 Zagarise, Italien

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