Tag 1304: Leben Off the Grid

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Tag 1304: Leben Off the Grid

Tag 1304: Leben Off the Grid

19.07.2017

Auch heute ging es weiter am See entlang und der Sommer blieb uns weiterhin treu. Dennoch konnte man schon wieder erkennen, dass sich Regenwolken zusammenbrauten, die nicht mehr lange an sich halten konnten. Es war also kein Witz gewesen. Der Sommer dauerte genau zwei Tage. Am späten Nachmittag begann es sogar schon wieder zu regnen.

Schottische Burg im Sonnenuntergang

Schottische Burg im Sonnenuntergang

Einen knappen Kilometer vor unserem Etappenziel trafen wir auf eine ältere, weißhaarige Frau, die gerade dabei war ein kleines Häuschen an einer Straßenecke aufzustellen. Früher war es einmal ein Stall für Hühner oder Kaninchen gewesen und nun sollte es als Auslagefläche für die Eier dienen, die sie hier verkaufte. Wir hielten an, um sie nach der Kirche und dem Gemeindesaal zu fragen und kamen dabei ins Gespräch. Wie sich herausstellte war sie eine äußerst ungewöhnliche Frau, ein echtes Original, die sich für ihren ganz eigenen Weg entschieden hatte. Sie hatte eine eher birnenförmige Figur, trug ein weinrotes Oberteil unter einer schwarzen, ledernen Weste und einen schwarzen, leicht mittelalterlich wirkenden Rock. Das auffälligste an ihr war jedoch ihr dunkler, lederner Hut, den sie mit einer Schärpe aus Fuchsfell verziert hatte. Es reichte ein einziger Blick um zu erkennen, dass sie ein Naturmensch war, der nicht umsonst an diesem abgeschiedenen Ort lebte. Wie alt sie war erfuhren wir nicht und ich hätte auch keine Ahnung, wie ich es einschätzen sollte. Klar ist nur, dass sie deutlich älter war, als man es auf den ersten Blick vermuten würde.

Berühmte Brücke in Schottland

Berühmte Brücke in Schottland

Als Kind hatte sie einen Unfall oder eine Krankheit gehabt, so genau konnte ich es leider nicht verstehen. In Folge davon waren ihr sämtliche Haare ausgefallen, die für lange Zeit auch nicht hatten zurückkehren wollen. Als sie jedoch schließlich wieder wuchsen, waren sie silbergrau, so wie bei einer alten Frau. Bereits damals beschloss sie, dass sie sie nie wieder waschen und auch nur wenig bürsten würde. Und das zieht sie bis heute durch.

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„Waschen tue ich mich überhaupt nicht!“ meinte sie ohne Umschweife, „Ich finde das wird maßlos überbewertet! Dieser ganze Reinheitswahn mit der Bakterienangst überall! Ich finde das äußerst gefährlich. Das ist es doch, was uns eigentlich erst krank macht. Wir vergiften alles mit Chemikalien, von de Seife bis hin zu diesen ganzen Hautlotionen und Parfums und allem. Und dann wundern wir uns, wenn wir Hautkrebs bekommen. Nein danke!“

Niedliches Eichhörnchen

Niedliches Eichhörnchen

Was man der Frau in diesem Bezug lassen muss war, dass sie tatsächlich nicht ungepflegt wirkte. Klar, war sie niemand, der besonders darauf achtete, sich schön zu machen oder gut auszusehen. Aber ihre Kleidung wirkte nicht schmutzig, es gab keine Flecken und vor allem ging kein unangenehmer Geruch von ihr aus. Da waren wir zwei Helden mit unseren wenigen Duschmöglichkeiten und dem permanenten Schwitzen schon andere Kandidaten. Tatsächlich wirkte es sehr danach, dass ihr diese Art des Lebens sehr gut tat und ihr auch viel Heilung brachte. Sie war eine von sehr wenigen Personen, die wir auf den britischen Inseln getroffen haben, die wirklich mit ihrem Leben zufrieden wirkte. Dabei war sie wirklich alles andere als gesund. Sie hatte Borreliose, eine Augenkrankheit, kaputte Nieren und keinen einzigen, echten Zahn mehr im Mund. Die meisten Zähne, die im Laufe Ihres Lebens zu faulen begonnen hatten, hatte sie sich kurzerhand selbst gezogen. Ärzte mochte sie nicht und sie hatte es tatsächlich durchgezogen, nicht ein einziges Mal einen besucht zu haben.

Schottisches Meer

Schottisches Meer

Was genau die Ursache ihrer Krankheiten war fanden wir in dem kurzen Gespräch nicht heraus, doch es hatte mit einer Zeit zu tun, in der sie weit weniger Naturverbunden gelebt hatte. Früher war sie einmal Busfahrerin gewesen und hatte unter anderem sieben Jahre lang in England gelebt. Was in dieser Zeit vorgefallen war erzählte sie nicht, aber sie ließ durchblicken, dass sie diese sieben Jahre für die schlimmsten ihres Lebens und die Entscheidung nach England zu ziehen für den größten Fehler aller Zeiten hielt. Das beste, was ihr hatte passieren können, waren jene Krankheiten gewesen, die es ihr unmöglich machten, weiter als Busfahrerin zu arbeiten. Sie verstand ohnehin nicht, wie sie das je hatte tun können.

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Hier in ihrem Haus im Wald lebte sie, wie sie selbst sagte „direkt vom Land“. Was sie anpflanzen konnte, pflanzte sie an und wann immer möglich ergänzte sie ihren Speiseplan mit Wildkräutern. Besonders begeistert war sie vom Spitzwegerich, der ihr als Heilmittel für nahezu alles diente. Dass eine Paste aus zerkautem Spitzwegerich wahre Wunder bei Insektenstichen oder Brennnesselreizungen wirkt und dass man auch kleinere Hautverletzungen damit behandeln kann, war uns bewusst gewesen. Nicht bewusst war uns jedoch, dass man auch Ekzeme, Eiterungen und Zahnschmerzen damit behandeln kann. Neben seiner desinfizierenden und heilungsfördernden Wirkung ist der Saft des Spitzwegerichs auch beruhigend und schmerzlindernd. Ein „Painkiller“ wie man hier so schön sagt.

Strand voller Algen

Strand voller Algen

Auch sonst ließ sie nichts an Nahrung und Hilfsmitteln aus, das die Natur ihr bot. Zum Thema Jagd sagte sie nichts, aber gegen einen frischen Roadkill hatte sie nichts einzuwenden. Wenn ein Tier schon aufgrund dieser dummen Menschen mit ihren schnellen Autos hatte sterben müssen, dann konnte man ihm wenigstens noch die letzte Ehre erweisen und sein Fleisch sinnvoll verwerten.

Sie erzählte uns außerdem von einer Methode, wie man Lebensmittel ohne chemische oder künstliche Materialien so verpacken und transportieren konnte, so dass es haltbar und geschützt blieb. Als Verpackungsmaterial dienten dabei die Blätter des wilden Rhabarber. Wir hatten schon ein paar mal von dieser Methode gehört, sie jedoch stets augeschlossen, da die Pflanze giftig ist. Doch gerade darin lag eigentlich ihr großer Vorteil. Die Giftstoffe gingen nicht ins Essen über, solange man die Blätter wirklich nur als Verpackung verwendete. Garen durfte man sein Essen darin nicht. Bei der normalen Aufbewahrung hingegen hielt der wilde Rhabarber Schimmel, Bakterien und Insekten ab,wodurch die Lebensmittel auf natürliche Weise konservieren.

Bei dem Sturm hilft einfach nichts mehr...

Bei dem Sturm hilft einfach nichts mehr…

An Tieren hat sie vor allem Hühner, deren Eier sie verwendet, sowie Bienen, einen Hund und eine Meerschweinchen, die in ihrem Garten leben. Schon als Kind hatte man ihr den Namen Doolittle gegeben, in Anlehnung an den Tierarzt aus der Geschichte, der mit den Tieren sprechen konnte. „Ich spreche kein Huhnisch und auch sonst keine Tiersprachen, aber ich verstehe die Tiere dennoch, erklärte sie. „Ich weiß zum Beispiel immer genau, wie es meinen Tieren geht, wann sie sich freuen und zufrieden sind und wann sie Sorgen oder schlechte Laune haben. Vor ein paar Tagen beispielsweise waren die Bienen in heller Aufruhr, weil das Wetter kurzzeitig besser wurde und sie ihre liegen gebliebene Arbeit nachholen mussten. Einer meiner Hähne liegt normalerweise immer vor den Bienenkästen, aber wegen dem Trubel konnte er den Platz nicht nutzen. Er war den ganzen Tag lang angepisst deswegen.“

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Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Wenn nichts mehr geht, kann man immer nocn aussreigen.

Höhenmeter: 690 m

Tagesetappe: 45 km

Gesamtstrecke: 24.562,27 km

Wetter: Überwigend bewölkt, 2x kurz Sonne, 3 heftige, 7 leichte Schauer

Etappenziel: Katholisches Pfarrhaus, Legan, Irland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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