Tag 1056: Freiheit für Trommelfelle

Heiko Gärtner
28.11.2016 00:05 Uhr

15.11.2016

Eines fiel uns bei unserer Besichtigung von Bregenz ganz besonders auf. Egal wohin man kam, überall standen Vertreter der rumänischen Bettelmafia herum und versuchten, einem auf sehr aufdringliche und unangenehme weise das Geld aus der Tasche zu ziehen. Heiko wurde zunächst von einem angesprochen, der behauptete ein Syrer zu sein. Da er nur schlecht Deutsch sprach bot Heiko ihm an, dass sie sich dann ja auf Syrisch unterhalten könnten, da er dies recht gut beherrsche. Sofort kam der Mann ins straucheln und war nun plötzlich überhaupt kein Syrer mehr, sondern Rumäne. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, Heiko weiterhin um Geld anzubetteln, da er ja seine hungernde Familie versorgen müsse.

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„Hunger?“ fragte Heiko, „da kann ich helfen! Er holte die Tüte mit Brot und Brötchen aus dem Wagen und drückte sie ihm in die Hand. Verdutzt schaute er auf das Geschenk und er wirkte ein bisschen, als hätte Heiko ihm einen Haufen Hundescheiße hingeworfen. Besonders glücklich war er darüber nicht, aber er verstand, dass er von Heiko nichts anderes bekommen würde.

Kurz darauf wurde ich angesprochen. Ich erklärte dem Mann, dass ich die falsche Adresse sei, da ich auf der Durchreise bin und ohne Geld lebe und daher weder eine Spende, noch einen Job noch einen Schlafplatz für ihn hätte. Das einzige, was ich ihm anbieten konnte, war eine Orange, die ich kurz zuvor geschenkt bekommen hatte. Doch die wollte er nicht haben. Stattdessen begann er immer wieder von vorne damit, die gleichen Fragen zu stellen. Ich spürte, wie ich langsam aggressiv wurde. Diese penetrante Art des Mannes regte mich tierisch auf. Was mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war, war dass ich genau damit in Resonanz ging, weil es auch mein eigenes Thema war. Der Mann spiegelte mir meine Bittsteller-Haltung, mit der ich dem Leben gegenüberstehe und die ich noch immer nicht loslassen und aufgeben kann, egal wie oft ich es auch versuche. Der Mann bat nicht um ein Geschenk, er verlangte es und genau dieses Muster trage auch ich noch immer in mir.Das aber wurde mir erst am Abend bewusst.

Der zweite Grund, warum wir nicht allzu gut auf die Agro-Bettler zu sprechen waren war der, dass sie uns tüchtig das Geschäft vermiesten. Menschen helfen im Allgemeinen sehr gerne, wenn sie einen Sinn darin sehen und wenn sie etwas unterstützenswert finden. Wenn die Hilfsbereitschaft an einem Ort wie diesem jedoch permanent überstrapaziert und ausgenutzt wird, dann blockt irgendwann jeder ganz automatisch ab. Das ist vollkommen verständlich und auch absolut wichtig, wenn man sich nicht permanent aussaugen lassen will. Für uns war das natürlich überhaupt nicht hilfreich und zunächst schien es, als würde das Abendessen daher heute etwas mau aussehen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich das Blatt wieder wendete. Selbst wenn jeder frustriert war und abblockte, auf die Italiener ist immer noch verlass. In Italien selbst hatten wir zwar schon immer wieder auch recht gemischte Erfahrungen gemacht, aber außerhalb ihres Landes war eine Pizza fast immer möglich.

Als Heiko heute in der Früh aufwachte, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Dass seine Ohren die Sorgenkinder unter den Körperteilen waren, war nicht neu, aber heute war es anders. Alles war irgendwie dumpf und der Klang war nicht so, wie er sein sollte. Innerhalb von Sekunden erinnerte er sich daran, woher er dieses Gefühl kannte. Er hatte es vor knapp zweieinhalb Jahren bereits einmal gehabt, als wir in Spanien entlang der Küste unterwegs waren. Damals hatten wir relativ lange gebraucht um herauszufinden, worin das Problem lag. Schließlich war es ein Deutscher Arzt gewesen, der die Lösung fand und das Problem beheben konnte. Es war ein verdichteter Ohrenschmalzpropfen gewesen, der Heikos Gehörgänge blockiert hatte. Normalerweise reinigen sich unsere Ohren stets von alleine. Im Inneren des Gehörganges befinden sich unzählige kleine Härchen, die sich sanft hin und her bewegen und die auf diese Weise alle Verunreinigungen langsam aber stetig nach außen transportieren. Damit ihnen das gelingt, sondern unsere Ohren in ihrem Inneren eine Art Fettcreme aus, die gewissermaßen als Gleitmittel fungiert. Diese Substanz nennen wir Ohrenschmalz.

Zu Ohrverstopfungen kommt es daher in der Regel nur aus zwei Gründen. Der erste ist der, dass wir unseren Ohren in Sachen Selbstreinigung nicht vertrauen und daher glauben, sie permanent auf irgendeine Weise reinigen zu müssen. In der Regel verwenden wir dafür Q-Tipps, die wir in die Ohren stecken, ordentlich hin und her drehen und dann wieder herausziehen. Dadurch entfernen wir zwar meistens einen Teil des Ohrenschmalzes, der dann als gelbe, klebrige Masse an der Watte hängen bleibt, doch einen anderen Teil stoßen wir automatisch zurück in den hinteren Bereich des Gehörganges. Wir machen die Arbeit, die unsere Ohrhärchen verrichten also wieder zunichte. Wenn wir das häufig tun, dann kommen diese mit ihrer Reinigungstätigkeit nicht mehr hinterher und es bildet sich ein Pfropfen, der das Ohr verschließt. Der zweite Weg, auf dem wir unser Ohr hin und wieder aus Versehen verschließen ist die häufige Benutzung von Ohropacks. Vor allem in der Nacht arbeiten die Härchen besonders aktiv und leiten den meisten Schmutz in Richtung Ausgang. Stecken wir uns um diese Zeit nun Ohropacks in die Ohren, verhindern wir den Reinigungsprozess natürlich. Das Ohrenschmalz wird natürlich trotzdem weiterhin produziert, kann nun aber nicht mehr nach außen wandern und sammelt sich an.

In Heikos Fall dürfte der zweite Weg die Ursache für die Ohrenverstopfung sein, denn von einem übermäßigen Hang zum Ohrenwaschen hätte ich bislang noch nichts mitbekommen. Dafür gehören die Ohropacks zur allnächtlichen Schlafausrüstung, um die Umgebungsgeräusche ausblenden zu können.

Anders als beim ersten Mal stieg in Heiko nun jedoch keine Panik auf, da er ja wusste, dass es eine relativ simple Lösung für das Problem gab. Eine große Spritze mit heißem Wasser, die den Schmalzpfropfen anlöste und dann ausspülte sollte genügend. Jedenfalls hatte es dies beim letzten Mal getan. Heute aber wollte es nicht gelingen. So wie es aussah, war der Stopfen bereits zu hart und er saß zu fest. Wir brauchten also professionelle Hilfe, um die Ohren wieder von ihrem Ballast zu befreien. Gleich nachdem wir unsere Herberge verlassen hatten, machten wir uns auf die Suche. Mit Erstaunen stellten wir fest, dass die Bewohner von Bregenz beeindruckend wenig über die Ärzteschaft wussten, die ihnen hier zur Verfügung stand. Niemand wusste, ob es überhaupt einen Halsnasenohrenarzt gab, geschweige denn, wo man ihn finden konnte. Dafür entdeckten wir nach einiger Zeit ein Ärztehaus, in dem unter anderem eine Allgemeinmedizinerin ansässig war, die auch TCM-Behandlungen anbot. Das klang zumindest einmal nach einer guten Alternative. Auch die Praxis wirkte auf den ersten Blick sehr sympathisch. Sie war gemütlich eingerichtet und über der Warteecke hing ein Schild mit der Aufforderung, sich die Wartezeit mit einem warmen Tee zu verkürzen. Das einzige, was wir ein wenig vermissten, war der Tresen mit der Sprechstundenhilfe und der Anmeldung. Niemand war zu sehen und es gab auch keine Informationen darüber, wo man sich melden sollte. An den Türen hingen lediglich Schilder mit der Aufschrift: „Nicht eintreten – Warten Sie, bis sie aufgerufen werden“ Die Frage war nur, wie man uns aufrufen wollte, wenn doch niemand wusste, dass wir überhaupt da waren?

Schließlich entdeckten wir außen vor der Praxis eine Klingel mit dem Namen der Ärztin darauf. Auf unser Läuten hin tauchte nun eine Frau im Flur auf und schaute und genervt und missmutig an. „Worum geht es? Machen Sie schnell ich habe keine Zeit!“ blaffte sie uns an. Heiko begann mit einer Erklärung der Situation und des Problems seiner Ohren, kam damit jedoch nicht besonders weit. „Da kann ich jetzt nichts machen, ich bin mitten in einer Behandlung!“ wies sie grob ab. „Kennen Sie dann vielleicht einen Arzt, an den wir uns wenden könnten?“ wollte Heiko wissen, dem es bereits beträchtlich schwerer fiel, höflich zu bleiben. „Nein! Da müssen Sie überall warten!“ gab die Frau zurück und verschwand wieder hinter der Ecke, hinter der sie hervorgekommen war.

Das war also schon einmal eine Sackgasse gewesen, wenngleich auch sie durchaus ihren Lehrgehalt hatte. Immerhin wussten wir nun, dass man einen Arzt nicht nach seiner Praxis beurteilen durfte. Man konnte durchaus gleichzeitig ein Händchen für Gemütlichkeit haben und trotzdem ein unmöglicher Mensch sein. Was wir an der ganzen Situation jedoch nicht verstanden, war das Marketingkonzept hinter dieser Praxis. Wie wollte sie jemals Kunden oder Patienten bekommen, wenn sie keinen Empfang hatte und jeden sofort abwies? Selbst wenn wir uns telefonisch bei ihr gemeldet hätten, hätte sie ja trotzdem ihre Behandlung unterbrechen und ans Telefon gehen müssen. Für den Patienten wäre es also das selbe gewesen und sie hätte genauso unter Druck gestanden, was ihrer wahrscheinlich auch nicht zu ihrer Freundlichkeit beigetragen hätte. Wir nach diesem ernüchternden Versuch verließen wir die Stadt und wanderten erst einmal durch die Flachebene auf die Alpen zu. Die Berge vor uns waren noch immer dick mit Schnee bedeckt und es war bitterkalt. Unter diesen Umständen zogen wir es vor, uns doch erst einmal um einen Schlafplatz zu kümmern. Was half es, wenn man freie, saubere Ohren hatte, wenn man gleich darauf in der Nacht erfror?

Das Ergebnis unserer Bemühungen ähnelte zunächst dem des Ärztebesuchs. Zunächst fanden wir niemanden und dann stießen wir auf eine bissige alte Frau im Pfarrbüro, deren Abfuhr mindestens so kalt war, wie der Wind, der draußen fegte. Dass all dies genau so geschehen musste, damit wir am Ende für beides gleichermaßen eine Optimallösung bekommen konnten, war uns zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht klar, und so empfanden wir die ganze Angelegenheit eher als lästig. Und wieder einmal war es so, dass wir die Suche erst aufgeben mussten, bevor sie Erfolg zeigte. Wir waren schon halb dabei, die Stadt zu verlassen, als wir einen Rückruf von einem Mann bekamen, der laut Touristeninformation für die hiesigen Pfadfinder zuständig war. Er löste eine ganze Kette von Telefonaten aus, an deren Ende wir einen Schlafplatz, einen HNO-Arzt und ein warmes Essen hatten. Ja, er sei zwar im Vorstand der Pfadfinder, könne aber nichts entscheiden. Dafür hätte er aber die Nummer eines Mannes, der das könnte.

Ja, dieser wiederum könne entscheiden und ja, er habe auch nichts dagegen, aber nein, er sei nicht im Ort und habe auch keinen Schlüssel. Er könne uns aber die Nummer eines Mannes geben, der einen hätte. Ja, dieser hätte einen Schlüssel und wenn von vorheriger Seite alles in Ordnung war, könne er auch kommen und den Raum aufschließen. Wenige Minuten später trafen wir den dritten der drei Männer vor dem Rathaus und ließen uns von ihm den Weg ins Pfadfinderheim beschreiben. Bei dieser Gelegenheit fragte Heiko auch gleich nach einem entsprechenden Arzt. Dieses Mal hatten wir Glück. Es gab einen, er wusste wo dieser seine Praxis hatte und er war sogar bereit, uns gleich dorthin zu fahren, damit wir nicht zu spät ankamen. Der HNO-Arzt war tatsächlich noch in der Praxis und hatte nur noch einen einzigen Kunden, der aber relativ bald fertig war. Dann kam Heiko an die Reihe.

Zunächst versuchte es der Arzt wieder mit der Heiß-Wasser-Technik, doch auch er hatte damit keinen Erfolg. Heikos Ohren waren so verschlossen, dass man das Trommelfell nicht einmal mehr sehen konnte. Der Pfropfen war wie eine Stahlplatte und das Wasser konnte ihm einfach nichts anhaben. Einen ganzen Liter spülte der Arzt hindurch, bevor er diese Technik aufgab. Nun blieb nur noch die Holzhammermethode. Ein kleines Metallröhrchen wurde in den Gehörgang eingeführt. Es war wie ein Ministaubsauger, der den Ohrenschmalzstopfen verschlang und so langsam abbaute. Effektiv war diese Methode und sie funktionierte astrein. Der einzige Haken dabei war nur, dass sie lauter war, als alles, was Heiko in seinem Leben erlebt hatte. Stellt euch einfach vor, wie laut so ein handelsüblicher Industriestaubsauger ist. Und nun stellt ihn euch mitten in eurem Ohr vor! Das kann nicht angenehm sein. Vor allem dann nicht, wenn man ohnehin schon sehr sensibel auf Geräusche reagierte.

Während der Behandlung war natürlich kein Gespräch möglich, aber davor und danach unterhielten sich Heiko und der Arzt recht offen über alles mögliche. Dabei kamen sie auch darauf, dass wir nun zwar einen Platz, aber noch kein Essen hatten. Das ging so natürlich nicht, empfand der Arzt und erklärte sich bereit, uns ein Abendessen zu spendieren. Besuchte uns der Arzt gemeinsam mit einem Freund im Pfadfinderheim und brachte große Portion asiatisches Essen mit. Spätestens jetzt fügte sich alles zusammen. Auch wenn es mir noch immer oft schwer fällt, wirklich daran zu glauben und darauf zu vertrauen, das Leben zeigt immer wieder, dass alles genau so kommt, wie es kommen soll.

Spruch des Tages: Kommt die Arzthelferin ins Wartezimmer und fragt: "Wo ist denn der Herr, der einen Verband wollte?" - "Der ist gegangen, seine Wunde ist bereits verheilt"

Höhenmeter: 30 m Tagesetappe: 17 km Gesamtstrecke: 19.263,27 km Wetter: heftiger, warmer Föhnwind Etappenziel: Gästezimmer des Katholischen Pfarrhauses, Reichenburg, Schweiz

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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