Tag 376: Die Vorteile von Plastikgeschirr

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Tag 376: Die Vorteile von Plastikgeschirr

Tag 376: Die Vorteile von Plastikgeschirr

Beim Abendessen wurde uns klar, warum die Mönche von ihrem Orden eine Köchin gestellt bekommen hatten. Sie waren rüstige Kerle und kamen mit der Kälte gut zurecht. Die Kosten für eine Heizung konnte man sich also sparen. Doch hätte man ihnen keine Köchin finanziert wären sie ohne jede Frage nach nur drei Wochen verhungert. Ein Orden, der in komplett Italien zurzeit nur 5 junge Mönchsanwärter aufweisen konnte, konnte sich solch einen Verlust nicht leisten. Also war die Köchin eine lohnende und sinnvolle Investition.

Sie hatte jedoch nach dem Mittagessen Feierabend, so dass sich die beiden Jungs selber um ihr essen kümmern mussten. Um das ihrer Gäste damit dann zwangsläufig auch. Der Seebär, der uns eingelassen und der sich auch sonst bislang hauptsächlich um uns gekümmert hatte, fragte daher genau, was wir denn essen können und was nicht. Am Ende kam er auf Kartoffeln und Thunfisch. Und genau das gab es dann auch. Um Kurz nach sieben rief er uns in die Küche. Hier stand ein Topf mit kochendem Wasser auf dem großen Industriegasherd, in dem einige Kartoffeln schwammen. Unser Mönch stand etwas ratlos davor und schaute hinein. Dann drehte er sich wieder zur Seite und unterhielt sich mit uns, um kurz darauf, wieder einen skeptischen Blick in den Topf zu werfen. Irgendwann beschloss er unsicher, dass es nun wohl genug sei und nahm den Topf vom Herd. Er goss ihn ab und kippte die Kartoffeln auf einen Teller. Erst beim Essen erfuhr er, ob seine Einschätzung richtig gewesen war oder nicht. Er hatte Glück und die Kartoffeln waren durch. Dass man einfach mit einer Gabel hätte hineinstechen können um zu sehen ob sie schon gar waren oder nicht, war ihm offenbar komplett fremd.

Er schob den Servierwagen in das riesige Speisezimmer und bat uns Platz zu nehmen. Dann sprang er wieder auf und meinte entschuldigend, mehr zu sich selbst als zu uns: „Oh, wir haben zwei Gäste, also sollten wir auch vor dem Essen beten!“

Auch wir standen wieder auf, legten die Hände zusammen und lauschten seinem Gebet, bevor wir uns dann gemeinsam ans Essen machten. Er hatte nicht übertrieben. Außer den Kartoffeln gab es für jeden zwei Dosen Thunfisch, sowie eine kleine Portion mit Erbsengemüse, das vom Mittag übrig geblieben war. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es wurde tatsächlich ein richtig gutes Abendessen. Schlicht, einfach und definitiv ohne jede Kochkunst, aber durchaus Schmackhaft. Dennoch war es faszinierend, wie wenig Bezug die beiden zum Kochen hatten. Jetzt lebten sie schon nur zu zweit hier, gaben keine Messen und hatten auch sonst keine wirkliche Aufgabe. Hin und wieder nahmen sie die Beichte ab oder nahmen ein paar Pilger auf, das war dann aber auch schon alles. Die Ländereien wurden von Gärtnern betreut. Das alles war ja vollkommen in Ordnung. Wenn sie sich hier ein entspanntes Leben machen wollten, dann sprach ja nichts dagegen. Natürlich hätte man hier auch ein erstklassiges Heilungszentrum eröffnen können, aber man musste das ja nicht tun. Doch was wir nur schwer nachvollziehen konnten war, wieso sie es sich dann nicht wenigstens richtig gemütlich machten. Irgendwo ein anständiges Lesezimmer mit einem ordentlichen Kamin, um sich den ganzen Tag lang in spannenden Büchern zu verkriechen. Oder irgendwelche Hobbys, Steckenpferde, weiß der Geier nicht was, irgendetwas mit dem man sich seine Zeit schön gestalten konnte. Und wenn all das schon nichts für einen war, dann konnte man sich doch zumindest selbst mit einem leckeren Essen verwöhnen, oder bin ich da jetzt spießig? Wenn ich in diesem Kloster leben würde und hätte lauter Zutaten aus dem eigenen Garten, unendlich viel Zeit und dazu noch ein Budget von meinem Orden, das ich ausschöpfen konnte wie ich wollte, da würde ich doch jeden Abend einen Aufkochen, was das Zeug hält! Nicht das ich darin besonders gut wäre, aber mit der Zeit würde ich es schon lernen. Und unser Seebär lebte immerhin schon rund dreißig Jahre hier.

Die Essensvorstellungen von seinem Bruder waren sogar noch etwas abstrakter. Er verwöhnte sich am Abend mit einer ordentlichen Portion Tomate-Mozzarella. Nur dass er in seiner Variante die Tomaten (dieses widerliche Klumpzeug vom Strauch, das braucht doch kein Mensch!) durch einen Hartkäse ersetzte. Es gab also Käse mit Käse. Dazu ein Glas Wein und zum Nachtisch ein ordentliches Glas heiße Milch.

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„Ich lebe von Milch!“ erklärte er uns, nachdem er und gefragt hatte, warum wir darauf verzichteten. Er war ein lieber Kerl aber ein gutes Beispiel dafür, warum man mit Milch eher sparsam umgehen sollte. Jedenfalls deuteten sein enormer Kugelbauch und die vielen Hautirritationen darauf hin, dass ihm irgendetwas in seiner Ernährung nicht ganz so gut bekam.

Er erzählte uns, dass er einige Jahre in Deutschland gelebt hatte. Genauer gesagt in Regensburg. Dort hatte er seine Priesterausbildung gemacht und er war auch einige Jahre in einem Kloster der Diözese Eichstädt als Mönch ansässig gewesen. Bei seiner Ausbildung hatte er auch Vorlesungen bei dem damaligen Kardinal Ratzinger gehabt. Sie seien jedoch so schlecht gewesen, dass er sie fast immer geschwänzt hatte, meinte er mit einem verschmitzten Lächeln. Soso, Papa-Ratzi, bei deinen Studenten warst du dann also nicht ganz so beliebt…

Dennoch wäre der Mönch am liebsten in Deutschland geblieben. Doch sein Orden hatte ihn nicht gelassen. Nach acht Jahren war er wieder zurück nach Italien gerufen worden und seither musste er dieses Kloster betreuen. Sein Bruder schien sich hier recht wohl zu fühlen, er aber trauerte der alten Zeit in Deutschland jeden einzelnen Tag hinterher.

„Ich bin selbst ein Italiener, aber ich mag die italienische Mentalität nicht. Sie reden zu viel und für all ihre Probleme schieben sie anderen die Schuld in die Schuhe! Ich mag es lieber ruhig. Ich höre die Menschen reden, aber ich ziehe mich lieber für mich selbst zurück.“

Bei einem Mann, der mit nur einem einzigen Kameraden in einem Kloster lebte, musste man kein Genie sein um zu erraten, an welches Beispiel er dabei dachte. Denn im Reden und vor allem im lauten Reden war sein Ordensbruder wirklich ein Weltmeister.

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Unser kleines Pilgerzimmer lag außerhalb des Klosters auf der Rückseite der alten Klosterkirche. Es war eine schmutzige kleine Kammer, voller Schimmel, Spinnenweben und Stockflecken an der Decke in der es mehr als nur ein bisschen muffig roch. Auch hier tat die Heizung keinen Mucks und so wurde es eine der kältesten Nächte auf unserer gesamten Reise. Als wir vor etwas über einem Jahr in der Scheune des Bauern kurz hinter Nürnberg geschlafen hatten, haben wir unsere langen Unterhosen in der Mitte der Nacht ausgezogen, weil es zu warm geworden war. Hier ließen wir sogar die dicken Hosen im Schlafsack an, sowie die Fellpuschen und die dicken Flecejacken. Damit war es dann gerade so warm, dass wir durchschlafen konnten, ohne zu frieren. Es war schon paradox. Da hatten die beiden Herren ein ganzes Kloster zur Verfügung mit allen erdenklichen Räumen und doch bekamen die Gäste diese Abstellkammer. Wären es zwei frustrierte Griesgrame gewesen, die alle Menschen hassten, dann hätte man das noch gut nachvollziehen können, doch es waren wirklich nette Leute und wir verstanden uns gut mit ihnen. Außerdem spürte man deutlich, dass sie hinter ihren Klostermauern fast vor Einsamkeit eingingen. Denn untereinander waren sie nicht gerade die dicksten Kumpel. Dazu waren sie zu eigen und zu verschieden.

Nach dem Essen zog sich der Milchliebhaber-Mönch ins Fernsehzimmer zurück und überließ seinem Kollegen den Abwasch. Völlig entnervt rief dieser plötzlich auf, als er eine übergekochte Milch in der Mikrowelle fand.

„Nicht schon wieder!“ rief er, reinigte das Chaos und brachte die Milch ins Fernsehzimmer. Es schien ein regelrechtes Ritual zu sein, denn der Milchtrinker machte sich sein Lieblingsgetränk sicher nicht zum ersten Mal in dieser Mikrowelle warm. Wahrscheinlich ließ er sie seit dreißig Jahren täglich überkochen.

Am Morgen freuten wir uns bereits darauf, das Kloster wieder verlassen zu können. Nicht weil es hier nicht schön gewesen wäre, aber das Moderzimmer und die Kälte trieben uns dennoch weiter. Die Sonne stand bereits am Himmel und es wurde ein fast wolkenfreier Tag. Auch die Nacht war sternenklar gewesen und so hatte es tatsächlich Bodenfrost gegeben. Überall waren die Gräser mit dichtem, weißem Raureif überzogen.

Das Bergpanorama war noch immer überragend doch leider hatte man wieder einmal eine Autobahn mitten hindurch gezogen. An einer stelle durchschnitt sie sogar ein idyllisches Bergdorf. Sie führte direkt an der Kirche entlang und hatte mit Sicherheit einigen Bewohnern ihr Zuhause gekostet. Oben am Berg befand sich nun eine Neubausiedlung. Wahrscheinlich hatte man die Menschen hierher umgesiedelt, die man für den Autobahnbau vertrieben hatte.

Am Nachmittag kamen wir nach Ceparana, ein schier endloses Dorf, dass sich zwischen der Autobahn und der Hauptstraße entlangschlängelt. Hier dürfen wir in einem Haus der Caritas übernachten. Es ist ein Heim für Frauen mit einer leichten geistigen Einschränkung. Die größtenteils älteren Damen sind nicht die schnellsten und wirkten auf den ersten Blick etwas unheimlich. Vor allem die kleine, zahnlose Frau mit dem eingefallenen Gesicht und dem schütteren, wirren Haar, die uns von weitem aus dem Fenster heraus anstarrte. Doch wie sich kurz darauf zeigte, sind es allesamt sehr liebenswürdige, lustige und liebe Leute. Es ist hart das zu sagen, aber seit wir in Italien sind haben wir noch kein freundlicheres und angenehmeres Gespräch gehabt, als mit den leicht behinderten Frauen. Sie waren die ersten, mit denen es wirklich etwas lustig wurde. Dennoch war die Situation beim Abendessen mehr als nur abstrakt. Im Esszimmer standen zwei Bierzeltgarnituren mit einer Papiertischdecke darauf. Einer von ihnen war mit Plastiktellern und Plastikbechern eingedeckt. Um ihn herum saßen bereits drei der fünf Frauen sowie der untersetzte Mann, der das Heim betreute. Es gab eine Gemüsesuppe aus der Dose und als Hauptspeise wieder einmal Thunfisch mit jeweils einem Ei und einem Tomatensalat. Diesmal bestand er jedoch wirklich aus Tomaten und nicht aus Hartkäse. Für die anderen gab es statt des Salates Toast mit Schinken und Käse. Alles so, dass man es schnell zubereiten konnte und dass man keine Mühe mit dem Abwasch hatte. Die Plastikteller wurden in eine große Mülltüte geworfen und damit war der Haushalt für heute erledigt. Man muss schon zugeben, es hatte seine Vorteile. Jedenfalls wenn man sich um Weichmacher im Essen und um die Unmengen an Müll die man produziert keine Gedanken macht. Doch dass man derartiges Essgeschirr nicht nur auf Ausflügen oder Grillabenden verwendet, sondern für den täglichen Hausgebrauch, das machte uns dann doch etwas fassungslos. Es war eine klare Sache. Die Caritas bekam das Geschirr in Unmengen zur Verfügung gestellt, also war es das einfachste es auch zu verwenden. Bis hier hin war es noch logisch. Dann aber überreichte uns Cesar, der Heimleiter, unsere Handtücher zum Duschen. Wir trauten unseren Augen nicht. Sie waren aus Papier!

„Ich denke drei pro Person müssten reichen, oder?“ fragte er. Wir nickten. Papierhandtücher in der Größe eines Saunalakens? So etwas hatten wir noch nie gesehen. Mann konnte sich damit abtrocknen und musste sie nicht aufhängen, sondern warf wie einfach in den Müll. Man konnte es schon auch ein bisschen übertreiben.

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Spruch des Tages: Warum abwaschen, wenn man auch wegwerfen kann?

 

Höhenmeter: 55m

Tagesetappe: 15

Gesamtstrecke: 6859,37 km

Wetter: Sonnig, Temperaturen zwischen 2°C am Morgen und 26°C am Mittag. In der Nacht Frost bei -2°C.

Etappenziel: Haus der Caritas, 19020 Ceparana, Italien

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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