Tag 1108: Wandlungsschritt mit Hindernissen

Heiko Gärtner
04.02.2017 02:50 Uhr

12.01.2016

Heute war es nun soweit! Bereits gefühlte Stunden vor dem Weckerklingeln laf ich wach im Bett und wälzte mich vor Aufregung, Nervosität und Angst von einer Seite auf die andere. Der erste, große Wandlungsschritt stand bevor und ich blickte im mit so gemischten Gefühlen entgegen, wie man Gefühle nur mischen konnten. Ich hatte Angst vor dem, was mich erwartete und blickte doch auch erwartungsvoll und freudig nach vorne. Ich wusste, dass es ein Schritt war, der viel verändern würde, da ich nun bereit war, zum ersten Mal wirklich über meinen Schatten zu springen, meiner Angst ins Gesicht zu schauen und zu sagen: “Ja, ich gehe den Weg zu meinem wahren Sein, egal was dies auch bedeutet!” Und gleichzeitig fühlte ich mich wieder wie in der Schule vor einem wichtigen Test oder einem Refarat, bei dem ich alleine vor der Klasse stehen musste. Dieses Mal aber ging es nicht um eine Note, sondern darum, eine wichtige und zentrale Kordel, die mich mit meinem Marionettenspieler verband und die mich davon abhielt, wirklich ich sein zu können, ein für alle mal zu trennen. Jedenfalls dachte ich dies zu diesem Zeitpunkt, denn wie sich herausstellte, was mein Gegenspieler in diesem Bereich doch etwas mächtiger, als ich es erwartet hatte. Alles war genau geplant gewesen. Wir wussten, wohin wir gehen mussten, hatten bereits zuvor mit unserer Kontaktperson gesprochen, einen Termin vereinbart und abgeklärt, dass alles machbar uns soweit in Ordnung war. Als wir an der Tür klingelten war mir die Nervosität ins Gesicht geschrieben. Wer würde mich erwarten? Was würde mich erwarten? Würde ich es wirklich durchziehen?

Die Tür ging auf und ein grauhaariger Mann bat uns herein. Er machte einen freundlichen und vertrauenserweckenden Eindruck, bot uns zur Auflockerung erst einmal einen Kaffee an und setzte sich dann mit uns in eine Sofaecke um alles zu besprechen. Bis hierhin hatte ich soweit ein gutes Gefühl und war trotz der Aufregung und der Angst guter Dinge. Dann aber geschahen die ersten Ungereimtheiten. Der freundliche Herr konnte sich nicht daran erinnern, jemals mit mir telefoniert zu haben und musste zu seinem und meinem Bedauern sagen, dass er mir bei dem, was ich wollte nicht weiterhelfen konnte. Das einzige, was er für mich tun konnte war, einige Kollegen in Béziers azurufen, die mir definitiv weiterhelfen konnten. Béziers war die nächte, größere Stadt und wir hatten gehofft, dass wir es vermeiden konnten, ausgerechnet dorthin zu gehen. Vor zwei Jahren hatten wir sie bereits einmal bereist und damals hatte sie uns schon nicht besonders gut gefallen. In unserer Erinnerung war sie laut und ungemütlich. Doch wie es aussah führte nun kein Weg daran vorbei. Die Kollegin aus Béziers versicherte, dass es kein Problem sei und wir machten einen Termin für 17:00 Uhr aus, damit wir noch genug Zeit für die zwanzig Kilometer lange Wanderung hatten.

Als wir Béziers erreichten stellten wir mit entsetzen fest, dass die Stadt unsere schlimmsten Befürchtungen sogar noch bei weitem übertraf. Sie war nicht nur nicht gemütlich, sie war einer der grausamsten Orte, die wir insgesamt auf der Reise besucht hatten. Über eine Stunde dauerte der Weg in die Innenstadt, den wir nur entlang der Hauptstraßen gehen konnten. Der Asphalt ähnelte einem Schmirgelpapier und verursachte bei jedem Auto einen so schrillen und unerträglichen Ton, dass man am liebsten schreiend davon laufen wollte. Und doch mussten wir nun mitten hinein in diese Hölle. Nicht nur das! Wir kamen spät am Nachmittag an, mussten irgendwo einen Platz finden und dann auch noch eine genaue Adresse ausfindig machen, an der wir einen festen Termin hatten. Einen Schlafplatz bekamen wir glücklicher Weise von einem Pfarrer, den wir aufgrund einer Beerdigung ausfindig machen konnten. Dass ausgerechnet der Tod eines Menschen dafür verantwortlich war, dass wir nicht auf der Straße schlafen mussten, passte irgendwie zu der ganzen abstrakten Situation. Wir bekamen einen kleinen, etwas abseits gelegenen Raum in einem Viertel, das viel mehr an Städte in Albanien oder Bosnien erinnerte, als an eine Französische Kleinstadt. Es war ein reiner Slum, so wie man ihn sich vorstellt. Eingeschlagene Fenster, besprayte Wände, düstere Gestalten in jeder Gasse und dicke Schichten von Müll in den Straßenecken. Dennoch war es der ideale Platz, denn er lag nur wenige hundert Meter von unserem Treffpunkt entfernt. Als wir die vereinbarte Adresse erreicht hatten, wurden wir hier von einer freundlichen und ebenfalls sehr vertrauenserweckenden jungen Dame begrüßt. Anders als der grauhaarige Herr zuvor sprach sie sowohl Englisch als auch Deutsch, was die ganze Sache noch einmal deutlich leichter machen sollte. Doch auch hier gab es wieder einen Haken. Sie hatte ihren Kollegen am Telefon falsch verstanden und war davon ausgegangen, dass es um eine vollkommen andere Sache ging. Auf das, was ich brauchte, war sie leider absolut nicht vorbereitet und sie könne daher nichts machen, als mich an einen Kollegen auf der anderen Seite des Zentrums zu verweisen.

Wieder führte sie ein Telefonat und wieder wurde versichert, dass alles kein Problem sei und dass man genau das tun könnte, was ich wollte. Wenige Minuten später erreichten wir nun also zum dritten Mal einen Ort, an dem nun wirklich ein Wandlungsschritt stattfinden sollte. Von allen dreien war dies derjenige, der mir am wenigsten vertrauenserweckend vorkam, wenngleich auch hier der Ansprechpartner Englisch sprach. Doch gerade als ich mich daran gewöhnt hatte, dass dies nun der Ort werden würde, an dem ich mich meiner Angst und meinem Marionettenspieler stellen durfte, kam schon wieder etwas dazwischen. Ja, er war theoretisch in der Lage, den Schritt durchzuführen und ja, er würde es auch tun. Doch inzwischen wäre es leider zu spät geworden und da die Vorbereitung mindestens eineinhalb Stunden dauern würde, könne er heute Abend leider nichts mehr machen. Ich müsse am nächsten Vormittag noch einmal wieder kommen. Ab 11:30 Uhr wäre es dann kein Problem mehr. Langsam begann ich zu verzweifeln. Wieder nicht? Wieder hatte ich mir vor Aufregung fast in die Hose gemacht und nun sollte es ein drittes Mal verschoben werden, damit ich noch einmal kurz davor stand? Ich versuchte alles, was mir einfiel, um den Mann zu überreden, dass es doch auch heute Abend noch gehen müsste, aber ich hatte keine Chance. Morgen, 11:30 Uhr, davor war nichts zu machen. So kehrten wir also unverrichteter Dinge auf die Straße zurück und verbrachten die nächste Stunde damit, in der Stadt etwas zum Essen aufzutreiben und ein paar Fotos zu schießen. Langsam kehrten auch die Erinnerungen an das letzte Mal zurück, als wir hier waren. Damals hatte es auch noch geregnet und so hatten wir uns die Stadt nicht wirklich lange angesehen. Dies war wohl auch der Hauptgrund dafür, dass wir sie damals nur halb schrecklich fanden. Die nächste große Überraschung erwartete uns, als wir in unseren Kirchenraum zurückkehrten. Der Pfarrer empfing uns gleich an der Pforte mit der Information, dass wir leider erst um 20:00 Uhr wieder in unseren Saals könnten, da dort noch eine Versammlung stattfand. Dies allein war nicht weiter tragisch, da wir in der Zwischenzeit einen relativ warmen Platz im Pfarrhaus bekamen und sogar noch auf ein Stück Pizza eingeladen wurden. Was jedoch gar nicht in Ordnung war, war die Art und Weise, wie die Versammlungsmitglieder mit unseren Sachen umgegangen waren. Wir hatten unsere Betten bereits aufgebaut und auch die Computer auf die Tische gelegt. Nun war alles in einem großen Haufen kreuz und quer über unsere Wagen geworfen worden. Einige Taschen und kleinere Ausrüstungsgegenstände lagen irgendwo im Raum verstreut und auf unseren Luftmattratzen waren mehrere Schuhabdrücke zu sehen. Was zum Himmel sollte das?! Allein das man an die Sachen von anderen Leuten ging, ohne sie danach zu fragen, ging schon weit über die Grenze des Anstandes hinaus. Vor allem, wo der Pfarrer wusste, um welche Uhrzeit wir zurückkehren würden und dass es noch früh genug war, so dass wir unsere Sachen selbst wegräumen konnten. Hinzu kam, dass sie in dem Teil des Raumes lagen, der von der Versammlung nicht einmal genutzt wurde. Aber dann auch noch mit Straßenschuhen auf Luftmattratzen zu treten, die hinten an einer Wand lagen, das ging wirklich zu weit! Das schlimmste aber war, dass sie nicht einmal das Gefühl hatte, dass sie irgendetwas falsch gemacht hatten.

Erst nach dem Abendessen, als wir uns zum Feierabend in unsere Schlafsäcke gekuschelt hatten und den Tag noch einmal reflektierten, beruhigten wir uns wieder. Verglichen mit unseren sonstigen Erlebnissen auf der Reise war dies der zweitunangenehmste Tag überhaupt gewesen. Oder besser: Er war uns so vorgekommen. Denn nichts von dem, was heute geschehen war, war wirklich ein reales Erlebniss gewesen, wie man es sich normalerweise vorstellt. Alles war das Ergebnis, bzw. die Spiegelung meiner eigenen Angst gewesen, mit der ich den ganzen Tag über immer wieder gerungen hatte. Darrel, der Medizinmann, bei dem wir in Österreich hatten lernen dürfen, sagte einmal: “Wenn die Natur und dein ganzes Umfeld auf ein Ritual reagieren, dann ist es ein echtes Ritual. Dann hat es Kraft! Tun sie es nicht, dann ist es nur eine nette Party!” Ganz offensichtlich reagierte mein Umfeld auf das, was in mir geschah und was ich vor hatte. Zwar auf eine ganz andere Weise, als ich es erwartet hatte, aber es reagierte.

Spruch des Tages: Achte stets auf die Natur, wenn sie auf das, was du tust reagiert, ist es ein Ritual, wenn nicht, ist es nur eine lustige Party.

Höhenmeter: 210 m Tagesetappe: 29 km Gesamtstrecke: 20.287,27 km Wetter: kalt aber sonnig Etappenziel: Gruppenraum der Kirche, 34500 Béziers, Frankreich

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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