Tag 1220: So reich und doch so arm

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Tag 1220: So reich und doch so arm

Tag 1220: So reich und doch so arm

05.05.2017

 

Diese Gegend von England zählt auf jeden Fall zu den abgefahrendsten, die wir bislang bereist haben. Das Wort „reich“ bekommt hier noch einmal eine vollkommen neue Definition, und damit verbunden das Wort „arm“ ebenfalls. Dass der Ort, in dem wir gestern dann letztlich doch übernachten durften, ein ungewöhnlicher Ort war, war nicht zu übersehen gewesen, aber wie die ganze Bandbreite erfassten wir erst am Abend.

Gleich beim Ortseingang waren wir an einer Villa vorbeigekommen, wie man sie sonst nur aus Filmen über Drogenbarone, Mafiabosse oder Diktatoren kennt. Die Art von Villa mit weißem Kies in der Einfahrt, auf der die schwarze Limousine mit den getönten Scheiben vor fährt und dann vom Butler in Empfang genommen wird. Rund ein Dutzend solcher Autos standen hier in der Hofeinfahrt und keines von ihnen war minderwertiger als ein Rolls Royce. Allein dieser Fuhrpark war mehrere Millionen wert und dabei hatte man den Blick noch nicht einmal bis zum Haus gehoben. Der Garten selbst war größer als manch Stadtpark und bei Weitem besser gepflegt. Dann kam das Schloss. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, dass es richtig rüber kommt. Stellt euch einfach irgendeinen Film über den englischen Adel vor und vergesst die Idee, dass dies vergangenen Zeiten angehört und heute nicht mehr existiert. Es existiert noch immer genau wie vor hundert Jahren. Nur auf eine andere Weise. Wenn wir dachten, dass dieses Anwesen beeindruckend war, dann hatten wir noch keine Ahnung, was uns in diesem Ort noch erwarten würde. Ein Haus war edler, teurer und beeindruckender als das nächste. Nicht pompös in dem Sinne. Es waren keine reich verzierten Schlösser voller Prunk, sondern viel mehr große Natursteinvillen mit perfekten Gärten und Hauswänden, von denen man nur deshalb nicht essen würde, weil man Angst hätte, Fettflecken darauf zu hinterlassen.

Ähnlich war auch unsere Kirche aufgebaut. Sie war schlicht, einfach und simpel und es gab keinerlei Werte oder Kunstgegenstände darin. Doch alles war bis auf das letzte Staubkörnchen gesäubert und strahlte in seiner ganzen Pracht. Es war keine Kirche, in die man zum Beten kam, sondern viel mehr eine Kirche, die man präsentierte, um zu zeigen wie schön dieser Ort war. Dass ausgerechnet hier die Polizei auf uns gehetzt wurde, kam also nicht von ungefähr.

Das spannendste an unserer Ortschaft und an der gesamten Gegend hier ist jedoch, dass sie fast vollkommen leer waren. In Winson lebten gerade einmal fünf Familien. Sämtliche Villen, die uns so beeindruckt hatten, waren ungenutzt. Den Grund erfuhren wir am Abend von einem der fünf Dauerbewohner: „Jeder reiche Geschäftsmann aus London will irgendwo ein Haus auf dem Land haben. Und wenn sie richtig reich sind, dann kommen sie hier her.“

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Tatsächlich hätte man in kaum einen geeigneteren Platz für seine Wochenendresidenz finden können, denn der kleine Ort lag in einem wunderschönen Tal an einem kleinen Bachlauf und war in jede Richtung von den Hügeln abgeschottet. Es war also einer der wenigen Orte in diesem Land, an dem es noch immer echte Ruhe gab und an dem man seinen Landbesitz wirklich genießen konnte. Oder besser gesagt: Genießen könnte. Denn faktisch bedeutete ein Landsitz hier, dass man so viel Arbeiten musste, dass man niemals die Zeit fand, ihn zu nutzen. „Diejenigen, die häufig her kommen,“ erzählte mir der Mann, „kommen am Wochenende. Die meisten aber nur ein bis zwei Mal im Monat, viele sogar noch seltener!“

Und genau dies setzte nun wieder den neuen Maßstab für Armut. Denn von echter Lebensfreude und wahrem Wohlstand hatte das ganze wenig. Was nutzte einem ein wunderschöne aus mit einem 20.000 Dollar Flügel im Wohnzimmer, wenn man niemals hier war, um ihn zu nutzen? Diejenigen jedoch, die ihre Anwesen wirklich nutzten, weil sie hier wohnten, wie beispielsweise die Kirchenverwalterin, kamen sich dabei aber noch immer nicht reich vor. Denn ein solches Anwesen ist ein bisschen wie eine zehnköpfige Raupe mit einem unstillbaren Geldhunger. Keines der Anwesen, das wir sahen war wirklich unbelebt, nur weil seine Besitzer nicht hier waren. Überall wuselten Gärtner und Haushälter herum, putzten, mähten Rasen, zupften Unkraut oder pflanzten neue Bäume. Dies war es eigentlich, was den Unterschied zwischen den Villen hier und denen in Frankreich ausmachte. Hier war alles gepflegt und instand gehalten, während in Frankreich alles am Verkommen war. Tatsächlich waren unter den Häusern viele, die genau so auch in Albanien oder Montenegro hätten stehen können, wo sie die Häuser von ganz normalen Familien ohne große finanzielle Mittel gewesen wären. Nur waren sie dort verwildert und wurden von vier bis fünf mal so vielen Personen bewohnt wie hier. Die Kirchenverwalterin wurde nach unserem Polizeibesuch von den Polizisten tatsächlich direkt aufgefordert, uns ein Abendessen zu bringen. „Es kann ja nicht sein, dass ihr hier nichts zu essen bekommt“, meinte der Mann, „Wo bleibt denn das unsere Gastfreundschaft?“ Aus diesem Grund, und nur deshalb, kam sie später noch einmal mit einem Korb vorbei. Er enthielt zwei Sandwichs für jeden von uns, sowie eine Flasche mit abgefülltem Leitungswasser und ein paar Keksen. Mehr habe sie leider nicht, da sie keine Zeit gefunden habe, um einkaufen zu gehen. Nur um die Relationen festzulegen: Allein ihre Küche war in etwa so groß, wie die Kirche in der wir übernachteten. Und trotzdem war es nicht gelogen. Es stimmte zwar nicht, dass sie nicht mehr im Haus hatte, aber ihr Gefühl war, dass sie nichts davon abgeben konnte. Weil sie selbst nicht genug hatte. Es hatte bislang nur wenige Orte auf unserer Reise gegeben in denen die Menschen das gleiche Gefühl hatten. In Serbien, Albanien, Rumänien und im restlichen Balkan war es nahezu nie vorgekommen. Obwohl es die ärmsten Länder in Europa sind gab es hier nie den Gedanken, dass man nicht genug zum Essen hätte um es teilen zu können. Im Gegenteil. Ich erinnere mich noch an viele Begegnungen im Kosovo, wo ich Mühe hatte, wieder loszukommen, weil man mich am liebsten den ganzen Tag auf der Terrasse behalten und durchgefüttert hätte. Hier waren es tatsächlich zwei Häuser, die uns durchbrachten und die dafür sorgten, dass wir im reichsten Dorf unserer Reise nicht hungern mussten. Die erste war jenes Rentnerpärchen, das uns die Hintergründe über die Region erklärte und die zweite war eine junge philippinische Familie, die im Nebenhaus eines der Anwesen lebte, für das sie als Haushälter und Gärtner arbeiteten.

Heute wanderten wir zunächst weiter am Fluss entlang und kamen dabei ausschließlich durch Dörfer wie dieses. Wieder brauchten wir drei Anläufe, um einen Schlafplatz zu bekommen. Die ersten beiden scheiterten daran, dass die hiesigen Pfarrer offenbar nur noch auf die Belange der reichen Gemeindemitglieder geeicht sind. Man würde uns nicht grundsätzlich abweisen und man würde uns auch sehr gerne helfen wollen, immerhin sei man ja ein guter Christ. Aber ohne zuvor unsere Referenzen zu überprüfen, könne man leider auch nicht ja sagen. Und dummerweise habe man jetzt im Moment leider keine Zeit, irgendwo anzurufen und zu fragen, ob wir vertrauenswürdig wären. Wir müssten uns schon bis zum Abend gedulden oder noch besser, erst einmal nach etwas anderem suchen und wenn es dann doch klappen sollte, dann könne man sich ja noch einmal melden.

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Das wir schließlich doch einen Platz bekamen verdankten wir dem Umstand, dass es auch hier wieder zwei gesellschaftliche Klassen gab. Da waren zum einen die neureichen Londoner mit ihren „Fancy Houses“ wie es die Einheimischen nannten, und dann waren das die alteingesessenen, die hier schon seit Generationen lebten und ihre Bauernhöfe betrieben. Letztere luden uns ein, auf ihrer Farm zu übernachten, wo wir einen kleinen Caravan in einer Scheune sowie einen zugestellten Nebenraum mit Toilette und Bad bekamen. Wir waren also wieder bei dem gleichen System wie in Frankreich. Wenn einen jemand privat zu sich einlud, dann waren es mit 90%iger Wahrscheinlichkeit Messis. Das ist doch spannend, oder? Nicht diejenigen, die Unmengen an Platz haben, den sie niemals nutzen und so viel Geld besitzen, dass sie allein für ihr Gartentor eine knappe Million ausgeben können, sondern diejenigen, die gerade genug verdienen, um über die Runden zu kommen, die sich auf relativ engem Raum zusammenquetschen und die diesen wenigen Platz auch noch so zugestellt haben, dass man kaum mehr ein Bein an den Boden bekommt.

Und noch etwas war auffällig. Während wir uns mit unseren Gastgebern unterhielten, hatten wir unsere Wagen vor der Kirche stehen gelassen, wo gerade eine alte Dame an der Orgel probte. Als wir zurück kamen, war die Dame verschwunden, hatte uns aber von ihrer kleinen Rente vier Pfund auf den Wagen gespannt. Gestern hingegen hatten wir keinen Penny geschenkt bekommen.

Nachdem wir nun etwas mehr Einblick in die Struktur dieser Gegend hatten, wurde uns plötzlich auch der viele Verkehr wieder verständlicher, der uns selbst auf den winzigen Nebenstraßen immer wieder überraschte. Jede dieser Villen brauchte Handwerker, Gärtner, Reinigungspersonal und vieles Mehr, die alle aus den umliegenden Städten anreisen, für ein oder zwei Stunden arbeiten und dann zur nächsten Villa weiterfahren mussten. Hinzu kamen dann die Bewohner selbst, die ja ab und an auch noch etwas von ihrem Besitz sehen wollten. Es musste also jeder auf der Straße sein, anders ging es gar nicht.

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Spruch des Tages: Armut und Reichtum haben nichts mit Geld zu tun. Es gibt zwar Menschen mit viel Geld, die gleichzeitig reich und Menschen mit wenig Geld, die gleichzeitig arm sind, aber mindestens ebenso viele arme Menschen besitzen ein Vermögen während viele reiche überhaupt kein Geld haben.

Höhenmeter: 900 m

Tagesetappe: 11 km

Gesamtstrecke: 22.371,27 km

Wetter: Sonnig, bewölkt und windig

Etappenziel: Kirche, GL7 5ER Winson, England

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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