Tag 766: Tiefpunkt – Teil 3

Fortsetzung von Tag 765:

Die Hafenstadt auf der sizilianischen Seite hieß Messina und sie war die drittgrößte Stadt auf der Insel. Man nennt sie auch das Tor nach Sizilien, doch besonders einladend wirkte sie nicht. Dies war es auch was uns abgesehen von den langen Strecken an den letzten Tagen am meisten zugesetzt hatte. Fast überall wo wir hinkamen war es laut, hecktisch, stressig, aggressiv, vermüllt und hässlich. Natürlich waren immer wieder auch schöne Passagen dabei, wenn wir alleine durch die Wälder und durch die Berge wanderten. Doch sobald irgendwo eine menschliche Siedlung auftauchte wurde es die Hölle. Schon vor unserer Zeltnacht hatten wir vier Städte durchquert, von denen eine gräßlicher war als die nächste. Überall in Europa haben die Menschen Angst vor Terroranschlägen, die den Frieden auf unserem schönen Kontinent zerstören könnten. Doch herrschte in unseren Städten nicht bereits ein chronischer Terror, den wir gar nicht mehr wahrnahmen, weil er für uns längst schon Normalität geworden ist? Terror beginnt ja nicht erst mit einem Bombenattentat, sondern mit einer Zerstörung des Wohlbefindens, der Gesundheit und des friedlichen Miteinander. Wir brauchen keine gewaltbereiten Organisationen mehr, um diesen Frieden zu zerstören, das schaffen wir längst schon alleine. Vor allem hier in Kalabrien sind die Menschen wahre Meister darin. Ein pietätisches Gefühl gibt es hier einfach nicht. Man fährt zu jeder Tages- und Nachtzeit mit lauten Rollern, Traktoren oder Tuck-Tucks mitten durch die Ortschaften, man lässt seine Kettensäge laufen und erledigt jede Arbeit so laut und so unangenehm wie nur irgendwie möglich.

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Das absolute Sinnbild für diesen Alltagsterror kam uns an einer Kreuzung entgegen. Es war ein Tuck-Tuck mit einem Hundezwinger auf der Ladefläche. Der Motor des kleinen Fahrzeuges, das sich nicht schneller als im Schneckentempo bewegen konnte, knatterte lauter als der eines Zwanzigtonners. Der Hund auf der Ladefläche kläffte wie verrückt und der Fahrer hupte wie ein Wahnsinniger. Damit fehlte eigentlich nur noch das Panikleuten einer Kirchturmglocke und man hatte die Hauptfaktoren beieinander, durch die das Leben hier zu einem Spießrutenlauf wurde. Wohin man auch ging, jeder zweite oder dritte Auto hupte einen an. Es war schlimmer als im ganzen Balkan zusammen und obwohl man es wusste, konnte man sich nicht daran gewöhnen. Jedes Mal wenn ein Fahrer zum Gruß mit voller Wucht auf die Hupe klatschte, zuckte man zusammen und bekam einen halben Schock. Natürlich meinte es keiner böse, doch das machte es nicht besser. Sobald man in eine Ortschaft kam konnte man sicher gehen, dass es im Minutentakt von überall her laut HUUUP! machte. Manchma hupte man direlt uns an, manchmal andere Passanten, manchmal andere Autofahrer und manchmal irgendjemanden, der einem gerade im Weg stand.

Huup!

Huup!

HUUUP!

HUUUUUUUUUP!

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So ging es den ganzen Tag. Außer natürlich man kam in eine Nebenstraße, in der weniger Verkehr herrschte. Dann kamen die Hunde, die an kurzen Ketten in den Gärten, ja teilweise sogar direkt auf dem Gehsteig angekettet wurden, weil die Besitzer keine Gärten hatten. Mit fletschenden Zähnen sprangen sie einem entgegen, und kläfften so laut und so aggressiv, wie sie nur konnten. sie begannen in der Sekunde, in der sie einen bemerkten und hörten nicht auf, bis man außer Hörweite war. Doch dann warteten natürlich schon die nächsten Hunde auf einen.

Und wenn keine Hunde und keine Hupvernatiker anwesend waren, dann gab es Freischneider, Kettensägen, Laubbläser, motorisierte Olivenernter, Staubsauger, surrende Elektrohäuschen, Springbrunnen, Kirchenglocken und vieles mehr. Es war fast so, als gäbe es hier eine gesetzlicher Verpflichtung, das Land flächendeckend mit Lärmquellen zu übersähen, damit niemand auch nur für eine Sekunde in die Verlegenheit kommt, vielleicht einmal so etwas wie Stille wahrnehmen zu können. Wahrscheinlich gibt es eine eigens in Leben gerufene, staatliche Institution für diesen Zweck, deren Mitarbeiter mit Schallmessgeräten ausgestattet werden und so das Land durchstreifen, bis sie Schwachpunkte finden. "Entschuldigen Sie, Herr Gonzales,aber bei Ihnen im Garten wurde ein Schalldruck von weniger als 60db gemessen. Das ist unterhalb der zulässigen Mindestlautstärke. Wenn Sie nicht innerhalb von zwei Wochen eine geeignete Lärmquelle installieren müssen Sie leider eine Strafe zahlen!"

Früher war es zumindest noch so, dass man vor dem Lärm in die Räume fliehen konnte, doch auch dies blieb uns im Moment verwehrt. Es war so schwierig geworden, einen freundlichen Pfarrer zu finden, dass wir teilweise Ewigkeiten in den Straßen auf und abliefen und uns dem Lärmterror aussetzten, um auch nur die Chance auf eine Ruhestätte zu bekommen. Hier in Messina war es besonders schlimm, da die Stadt besonders groß war. Erst bei der vierten Adresse bekamen wir einen Platz. Doch auch dort war an Ruhe noch lange nicht zu denken. Es war eines der wenigen Klöster, die noch junge Nachwuchsmönche hatten und heute gab es eine besondere Feier zu ehren zweier Mönche, die eine Prüfng auf dem Weg zum Pfarrerdasein geschafft hatten. Als wir ankamen platzten wir mitten in die Festlichkeiten und wurden kurzerhand mit integriert. Für die nächsten drei Stunden saßen wir in einem riesigen Raum voller Menschen an einer großen U-Förmigen Tafel und erzählten immer wieder die gleichen Dinge, während wir mit unterschiedlichen Speisen gemästet wurden. Einige der Mönche waren wirklich nette Kerle, mit denen man sich auch gut unterhalten konnte, doch nach den Strapazen der letzten Tage wäre uns ein einsames, ruhiges Zimmer einfach lieber gewesen. Heikos Ohren setzte der Tumult vor allem nach der starken Vorbelastung durch die Fähre und die lauten Straßen besonders zu. Ich selbst nahm es eigentlich erst etwas später wahr, als die Feier vorbei war und wir mit noch immer dröhnendem Schädel in unserem Zimmer saßen. Draußen fuhren die Autos vorbei und die dünnen Einglasscheiben vibrierten bei jedem Motorengeräusch. Hätten wir uns direkt auf die Straße gesetzt, wäre es wohl nicht viel lauter gewesen.

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Die Nacht wurde kurz, denn zum ersten Mal seit 13 Tagen hatten wir wieder internet und es kostete mich viele Stunden, die fehlenden Berichte einzustellen. Vor allem, weil mit dem neuen Computer alles noch ungewohnt und umständlich war. Als ich mich schließlich schlafen legte, hörte ich die Mönche bereits wieder, wie sie sich für die Frühmesse bereit machten.

Von Messina aus gab es nur zwei Möglichkeiten, um weiter ins Innere von Sizilien vorzudringen. Entweder man folgte der Küstenstraße, oder aber man überquerte das Gebirge bis zur Nordseite und folgte dann dort der Küstenstraße. Die Südseite wirkte zumindest auf den Karten so als wäre sie für Wanderer absolut unbegehbar. Also schlugen wir uns auf die Nordseite durch. Erst einmal mussten wir jedoch aus der Stadt heraus, was bereits den halben Vormittag in Anspruch nahm. Dann endlich kamen wir auf die Gebirgsstraße, der wir fr rund 20km folgen mussten. Der Pass lag bei rund 500 Höhenmetern. Ihr könnt euch also vorstellen, dass auch dieser Tag relativ kräftezährend verlief. Vor allem, wenn man fast nicht geschlafen hatte. Solange wir uns in den Bergen aufhielten war die Insel wunderschön. Doch sobald wir wieder die Küste erreichten, begann der gleiche Terror wie in Messina. Genaugenommen war es sogar noch schlimmer, denn hier erwartete uns nicht nur eine Industriehölle mit unmengen an Verkehr, sondern auch eine Welle von Ablehnung und Unfreundlichkeit, wie wir sie selbst in Italien noch nie erlebt hatten. Kein einziger Pfarrer war bereit und aufzunehmen und wir wurden nur stetig von einer Kirche zur nächsten weitergeschickt. Am Ende drehten wir ab und wanderten wieder ein Stück in die Berge zurück, doch auch hier war der Verkehr noch immer unerträglich. Heikos Stimmung war nun auf dem Tiefpunkt angekommen. Er wollte nicht mehr! Die Aussichtslosigkeit, jemals wieder einen schönen, ruhigen und angenehmen Flecken Erde zu sehen, nahm ihm jede Freude am Wandern. Er war so aufgebracht und so enttäuscht von dem, was uns die letzten Tage wiederfahen war, dass er die komplette Reise in Frage stellte.

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"Für mich reichts!" fluchte er, "Ich geh nach Hause! Ich habe einfach keinen Bock mehr auf diese Scheiße! So macht es keinen Spaß mehr und wir werden einfach nur noch krank dadurch!"

Ich konnte ihn gut verstehen. Auch mir war die Freude am Reisen gerade vergangen und ich konnte in diesem Moment nicht mehr sehen, warum wir überhaupt unterwegs waren. Ging es wirklich nur noch darum, sich von einem Höllenmolloch ins nächste zu quälen, täglich seine körperlichen Grenzen bis aufs äußerste zu überschreiten und immer das Gefühl zu haben, nur noch fliehen zu müssen? Wo waren die Leichtigkeit, die Freude, der Spaß und das Genießen hin?

Wir suchten uns einen Zeltplatz hinter dem letzten Ort. Der Weg hierher war eher ein Flussbett als ein echter Weg und als wir mit dem Aufbau begannen, wurde es bereits wieder dunkel. Erst als wir im Zelt lagen und zum ersten Mal seit Tagen wieder echte Ruhe spürten, wurde unsere Stimmung wieder besser. Irgendwie war uns ja bewusst, dass wir uns diese Prüfungen selbst ausgewählt hatten. Wir waren auf einem Heilungsweg und dazu gehörte auch, dass man sich dem Unfrieden im Innen wie im Außen stellte, um die Harmoniesucht gegen einen echten Frieden einzutauschen. Doch obwohl wir uns bewusst waren, dass es eine PRüfung war, war es noch immer schwer, es anzunehmen und nicht auszuflippen. Im Ort bat ich eine Familie um ein Abendessen und durfte sogar ihren Computer benutzen um mir noch einmal eine Karte anzuschauen. Denn unsere Wegführung war ja für die Küste geplant und der wollten wir auf keinen Fall weiter folgen. Wir brauchten also einen neuen Plan.

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Nach einer kurzen Besprechung war klar, dass wir in diese Richtung nicht weiterkommen würden. Die ganze Idee, nach Sizilien zu reisen war nicht gerade schlau gewesen und das wussten wir eigentlich auch schon seit ein paar Tagen. Je weiter wir nach Süden gekommen waren, desto schwieriger wurde die Schlafplatzsuche, desto unangenehmer wurden die Städte und desto weiter, anstrengender und härter wurden die Wege. Schon vor einer guten Woche hätten wir merken sollen, dass das keine sinnvolle Richtung sein kann, doch unser Ego wollte einfach noch einen Strich für Sizilien auf unserer Landkarte. Außerdem wollten wir uns den Etna anschauen und die Idee, ihn an Silverster zu sehen, wie er glühende Lava ausspuckte, war einfach zu verlockend gewesen. Wir hatten uns verführen lassen und schon wieder gegen unser eigenes, inneres Bauchgefühl gehandelt. Es gab also nur noch einen Weg, der uns aus der Misere wieder herausbringen konnte und dies war der Weg zurück.

Gleich am nächsten Morgen drehten wir um und wanderten den ganzen Weg wieder zurück. Erst wieder ans Meer, dann durch die Industriehölle und dann zurück ins Gebirge. Wenn wir uns den Küstenstreifen nun noch einmal ehrlich betrachtetn, dann hätte uns eigentlich schon vor dem Abstieg bewusst sein müssen, dass wir dort nicht hinwollten. Doch auf eine gewisse weise wurden wir trotzdem noch für unsere Strapazen belohnt. Auch wenn wir den Etna nicht sehen konnten, so sahen wir doch zwei andere Vulkane, die auf kleinen Nebeninseln von Sizilien lagen. Beide stießen dicke Wasserdampfwolken aus. Lava sahen wir zwar nicht, doch auch die rauchenden Berge waren schon ein beeindruckender Anblick. Wenige Stunden später erblickten wir auf der gegenüberliegenden Seite des Gebirges sogar den Etna noch für einen kurzen Moment. Er rauchte nicht und spieh auch keine Lava. Dafür war er mit einer feinen, weißen Schneeschicht überzuckert. Es war zweifelsfrei ein schöner Anblick, doch wenn wir seinetwegen weitere 14 Tage voller Lärm, Stress und Entbehrung auf uns genommen hätten, dann wären wir bitter enttäuscht gewesen.

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Kurz nachdem wir den Pass zum zweiten Mal überschritten hatten, kamen uns zwei Fahrradfahrer entgegen, die ebenfalls wirkten, als wären sie länger als nur ein paar Tage unterwegs. Sie kamen aus Frankreich und hießen Elise und Alex. Vor etwa acht Monaten hatten sie ihre Heimat in der Bretagne verlassen und waren zunächst nach Nordeuropa aufgebrochen. Dann hatten sie ebenfalls den Balkan und Griechenland bereist und seit einigen Wochen waren sie nun hier in Italien. Auch das junge Pärchen hatte ähnliche Erfahrungen mit den Italienern gemacht. Sie hatten nicht so häufig versucht, sich an die Pfarrer zu halten, sondern hatten eher auf Privatpersonen gesetzt. Dadurch war ihre Enttäuschung sogar noch größer als unsere eigene. Einmal hatte ihnen ein Mann nach langem Fragen einen leeren Raum angeboten, in dem es weder Strom noch Wasser gab. Da sie nichts besseres zur Auswahl hatten, wollten sie das Angebot annehmen, doch dann verlangte der Mann plötzlich 100€ pro Nacht. 100€, für einen kalten, leeren Raum der schlechter war als ein Zelt! Könnt ihr euch das vorstellen? Auch die ständig kläffenden Hunde und die extremen Hupattacken setzten ihnen mächtig zu. Durch die vielen Pleiten hier im Land, hatten sie sogar ein wenig ihr Konzept verloren und wussten nicht mehr ganz genau, wie es mit ihrer Reise nun weiter gehen sollte. Insgesamt hatten sie ein Jahr Zeit und die letzten Wochen wollten sie auf jeden Fall in Frankreich verbringen. Eine Entscheidung, die wir nur allzu gut nachvollziehen konnten. Es tat uns allen vieren gut, einmal wieder ein richtiges Gespräch mit Menschen zu führen, die einem sympathisch waren und mit denen man sich gerne unterhielt. Ich glaube, dass wir gegenseitig an diesem Nachmittag so eine Art Engel für einander waren. Gerne hätten wir auch noch weitaus länger mit einander gesprochen, doch es wurde bereits wieder dunkel und keiner von uns wusste, wo und wie er die Nacht verbringen wollte. Außerdem war es so kalt, dass Elise und ich bereits zu Zittern begonnen.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Blos schnell weg hier!

Höhenmeter: 280 m

Tagesetappe: 13 km

Gesamtstrecke: 13.631,27 km

Wetter: bewölkt, kald, windig, gelegentlich Schneeregen

Etappenziel: Pfadfinderzentrum, 83013 Mercogliano, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 765: Tiefpunkt – Teil 2

Fortsetzung von Tag 764:

Die 600 Höhenmeter als krönender Abschluss einer ohnehin schon langen und erschwerlichen Reise gaben uns für den Tag den Rest. Oben waren meine Knie weich wie Kaugummi und meine Hände waren kaum noch in der Lage, den Reißverschluss meiner Packsäcke zu öffnen. Wir waren durchgeschwitzt und aufgeheizt als wären wir in einem Dampfbad joggen gewesen, doch der eisige Wind kühlte uns bereits wieder ab. Noch ehe wir das Zelt errichtet hatten waren wir bereits zu Eiszapfen erstarrt. Dafür aber hatten wir einen wunderbaren Blick auf die untergehende Sonne, die langsam hinter den Bergen Siziliens verschwand. Ganz genau, von unserem Hochplateau aus konnten wir bereits bis nach Sizilien schauen. Die Nördspitze der Insel lag direkt vor uns und dazwischen gab es nur eine kleine, fast lächerlich wirkende Meeresenge.

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Die Nacht wurde bitterkalt und wir brauchten fast all unsere Kleidung um uns so warm zu halten, dass wir schlafen konnten. Am morgen war wieder einmal alles komplett nass und wir fühlten uns fast noch erschöpfter als am Vorabend. Doch wenn wir geglaubt hatten, mit unserem Gewaltanstieg am Abend bereits den Gipfel des Eisberges erreicht zu haben, dann hatten wir uns gewaltig geteuscht. Die Hochebene stieg zunächst langsam dann immer Steiler zum Zentralgebirge hin an. Unser Ziel lag eigentlich nicht bei diesem Gebirge, sondern am Meer, doch eine gewaltige Schlucht verhinderte, dass wir direkt dorthin gehen konnten. Wir mussten zunächst bis an das Gebirge herantreten, dann einige Kilometer parallel zu ihm wandern und erst dann konnten wir uns wieder dem Meer zuwenden. Doch die gesamte Strecke, bis zu dem Punkt an dem wir wieder in Richtung Meer gehen konnten, mussten wir bergauf gehen. Dafür gab es keinen wirklichen Grund, denn man hätte die Straße auch einfach wirklich parallel zum Gebirge bauen können. Doch die Italiener liebten unnötige Steigungen nun einmal und schafften es, die Straße über wirklich jeden Hügel zu führen, den sie finden konnten. Nach knapp 20 Kilometern erreichten wir das kleine Dorf, in dem wir unsere Etappe für heute beenden wollten. Doch wieder erlebten wir das gleiche wie zuvor. Ohne Pfarrer konnte uns niemand helfen und der Pfarrer war wieder einmal nicht anwesend. Er sei jedoch ein netter, offener Kerl und habe sicher nichts gegen unseren Besuch. Es würde nur eine halbe Stunde dauern, bis man ihn erreiche und solange könnten wir ja auf ein Mittagessen mit ins Haus kommen. Das Angebot klang nicht schlecht und doch waren wir skeptisch.

"Wenn es nicht klappt, müssen wir noch rund 15 Kilometer weiter laufen, also können wir nur bleiben, wenn es wirklich sicher ist, dass wir hier auch übernachten können. Sonst gehen wir lieber weiter", erklärte ich der Familie.

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"Keine Sorge!" versicherte der Mann, "das klappt auf jeden Fall! Der Weg wäre ja auch viel zu weit! Und wenn der Pfarrer nicht will, dann könnt ihr auf jeden Fall bei uns übernachten!"

Das beruhigte uns und wir ließen uns auf den Deal ein. Das Haus war voller Menschen, die sich wohl schon für Weihnachten hier versammelt hatten. Der Opa saß vor dem Kamin, die Söhne fletzten sich auf der Couch und die Oma saß am Tisch. Wir wurden gebeten uns ebenfalls zu setzen und bekamen kurz darauf die wohl scheußligsten Spagetti, die ich je in meinem Leben gegessen hatte. Dass wir sie nicht direkt über den Tisch speiten und schreiend wegrannten lag nur daran, dass wir nicht unhöflich sein wollten. Als zweiten Gang gab es Kartoffeln mit Öl und Salz und ein paar Oliven. Dabei konnte man zum Glück nichts falsch machen. Kaum hatten wir jedoch aufgegessen, erhielten wir auch schon die Nachricht, die wir fast befürchtet hatten. Der Pfarrer hatte ohne einen besonderen Grund abgelehnt und da konnte man nun leider nichts mehr für uns tun. Sie seien sehr bestürzt über die Antwort des Pfarrers, denn damit hätten sie nicht gerechnet. Doch von ihren eigenen Räumen, die sie uns im Notfall zur Verfügung stellen konnten, war nun keine Rede mehr. Dafür wurden uns nun noch die schulichen Karrieren der Söhne vorgestellt und vor allem die Mutter versuchte ihr schlechtes Gewissen mit allerlei Konversation zu übertünchen, die uns nur noch mehr wertvolle Zeit stal. Mit jeder Sekunde fiel es mir schwerer höflich zu bleiben und ich spürte, dass ich einfach nur noch raus wollte. Was mich am meisten Störte waren gar nicht so sehr die 15km die nun plötzlich wieder vor uns lagen, sondern die Scheinheiligkeit und die Unzuverlässigkeit. Mehrfach hatte ich erklärt, dass wir wirklich nur dann eine Rast machen konnten, wenn der Platz sicher war, weil wir sonst am Abend in eine Bredoullie kamen. Und doch war es den Leuten wichtiger gewesen, einen kurzfristigen guten Eindruck zu machen, als wirklich hilfreich zu sein.

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Wieder war es bereits dunkel, als wir die nächste Stadt erreichten und wieder waren wir dafür über jede körperliche Grenze gegangen. Unsere Muskeln bettelten um Erbahmen und wir waren so verspannt, dass wir uns kaum mehr rühren konnten. Doch dieses Mal hatten wir mehr Glück. Die beiden Pfarrer, die wir an der Hauptkirche antrafen stellten uns einen großen und sogar einigermaßen warmen Raum zur Verfügung. Erschöpft sackten wir in uns zusammen. Jetzt endlich konnten wir uns wieder entspannen, die Ereignisse der letzten Tage festhalten und dann ordentlich ausschlafen. Doch kaum hatten wir uns aklimatisiert kam der nächste Hammer. Mein Computer verabschiedete sich und zeigte wieder einmal nichts weiter als einen schwarzen Bildschirm. Es war das gleiche Problem, das ich auch vor einem Jahr bereits einmal hatte und durch das ich einen kompleten Monat ohne Arbeitsgerät hatte auskommen müssen. Wie konnte es sein, dass das jetzt schon wieder passierte? Ohne jede Vorwarnung und genau ein Jahr nach der letzten Panne? War das ein Zufall? Oder war es auch schon wieder ein Fall von Obsoleszenz, also von bewussten Schwachstellen in technischen Geräten, die die Wirtschaft ankurbeln sollten? Oder war ich am Ende verflucht? Es war schon auffällig, dass diese Dinge immer dann passierten, wenn ich gerade soweit war, dass ich ins Erschaffen kommen konnte. Ich hatte alle Tagesberichte aufgeholt und war nun kurz davor mit anderne Projekten durchzustarten. Und genau in diesem Moment passiert so etwas! Das konnte doch nicht sein! Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass das zufällig passiert?

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Der Tag hatte mir bereits ohne dieses Problem schon mächtig zugesetzt, doch jetzt war ich endgültig deprimiert und genervt. Ich setzte mich im Dunkeln ins Badezimmer und leuchtete meinen Bildschirm mit einer Taschenlampe von hinten aus, damit ich wenigstens noch meine Daten sichern konnte. Doch was nun? Wenn ich wieder einen Monat mit dem iPad arbeitete, brachte ich überhaupt nichts mehr zu stande. Für einfache Tagesberichte mochte es gerade noch reichen, doch darüber hinaus wurde es schwierig. Ich brauchte eine andere Lösung! Ungünstiger Weise war natürlich auch noch Samstag und weder Computerläden noch die Post hatten geöffnet. Ich konnte also nichts weiter tun als abwarten und versuchen, mich nicht allzu sehr zu ärgern. Letzteres gelang mir eher mal so mittelprächtig. Dabei wurde mir jedoch noch einmal meine Tendez bewusst, mich selbst in Gedanken immer wieder fertig zu machen und abzuwerten. Heiko brachte es in unserem Gespräch am Abend ziemlich auf den Punkt als er meinte: "Du hast immer noch Angst, wirklich zu dir zu stehen. Nichtmal mehr so sehr anderen gegenüber, das ist schon bedeutend besser geworden. Sondern viel mehr dir selbst gegenüber. Du weißt mitlerweile schon recht gut, wer du bist und wohin du willst, aber du kannst es immer noch nicht annehmen. Irgendwie gefällt es dir nicht oder du bist unzufrieden damit oder ich weiß nicht was, aber irgendetwas passt da noch nicht. Ich glaube dass du dich selbst einfach immer noch nicht richtig annehmen kannst als der, der du bist und deswegen machst du es dir in vielen Bereichen so schwer. Deswegen hast du immer noch diese Ausstrahlung von 'Ich bin es nicht wert' und die führt dazu, dass dir immer wieder gespiegelt wird, dass du arm bist. Denn alles, was jetzt so in letzter Zeit auf dich zugekommen ist, trifft dich ja immer vor allem wegen dem Tema Geld."

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Kurz darauf durchstreifte ich die Stadt noch einmal auf der Suche nach einem Abendessen und ließ die Worte auf mich wirken. Es stimmte, ich war nur allzu gerne dabei, mich selbst in Gedanken abzuwerten und hatte nur selten Anerkennung für mich übrig. Auf diese Weise programmierte ich mich selbst natürlich immer mehr zu einem Mangelbewusstsein, was mir dann in regelmäßigen Abständen wieder gespiegelt wurde. Das Problem war nicht, dass ich das nicht wusste, sondern viel mehr, dass ich trotzdem immer wieder in die gleichen Fallen tappte. Doch jemehr mir das an diesem Abend bewusst wurde, desto mehr entspannte ich mich wieder und meine Stimmung wurde zusehends besser. Gut wäre jetzt übertrieben, aber immerhin besser.

So verstörend die plötzliche Computerpanne am Abend auch gewesen war, so sehr zeigte sich am nächsten Morgen, dass sie zu keinem besseren Zeitpunkt hätte auftreten können. Villa San Giovanni, die Hafenstadt in der wir uns befanden und von der aus man nach Sizilien übersetzen konnte, war eine der wenigen Städte, in denen es ein Einkaufszentrum mit einem Elektronikfachhandel gab. Hier entdeckten wir nach einigem Suchen einen kleinen, leichten und bestechend günstigen Laptop, den ich mir selbst zu Weihnachten als Übergangscomputer schenken konnte, bis mein anderer wieder funktionierte. Er ist nicht der leistungsstärkste und hat durchaus seine Schwächen, aber er leistet zuverlässig seine Arbeit. Außerdem ist er hübsch blau. Was will man also mehr?

Nach unserem Einkauf machten wir uns auf die Suche nach der Fähre. Die Straßen waren mehr als nur ein bisschen verwirrend und man wurde ständig von einer Ecke in die Nächste geleitet, ohne dem Hafen auch nur näher zu kommen. Schließlich aber fanden wir einen Schalter, an dem wir die Tickets kaufen konnten.

"Fußgänger?" fragte der Verkäufer, "Als Fußgänger brauchen Sie kein Ticket! Da können Sie einfach so fahren."

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Noch einmal brauchten wir eine gute halbe Stunde um den Weg vom Schalterhäuschen zur Fähre zu finden. Dann konnten wir endlich an Bord gehen. Die Fahrt dauerte nur etwa eine halbe Stunde und die Fähre war wesentlich kleiner als unsere letzte. Doch auch diese Überfahrt fiel nicht gerade unter die Top-Ten unserer schönsten und angenehmsten Erlebnisse der Reise. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass wir so viel Zeit in der Natur verbracht haben, aber die lauten Maschinengeräusche und das wilde Durcheinanderreden der italienischen Passagiere zerrte gewaltig an unseren Nerven. Auf der anderen Seite angekommen waren wir froh, dass wir wieder von Bord gehen durften. Doch hier erlebten wir eine weitere Überraschung, die wir fast nicht glauben konnten. Denn um den Hafen als Fußgänger zu verlassen musste man nun plötzlich doch ein Ticket kaufen. Es kostete 2,5€ pro Person, wenn man an Land gehen wollte. Was bitte war das denn für eine Machart? Es erinnerte mich an eine alte Kindergeschichte von der Augsburger Puppenkiste, in der die Helden in einem verwunschenen Land ein absonderliches Museum besuchen. "Der Eintritt ist umsonst!" beteuert dort der Kassierer und lockte sie damit in seine Ausstellung. "Nur der Austritt kostet ein paar Mark!" erklärt er ihnen Anschließend und will sie nicht wieder gehen lassen. Wenn ich mich noch richtig daran erinnerte, dann sind die Marionetten-Helden geflohen und haben den Betrüger einfach hinter sich zurückgelassen. Genau das gleiche riet und nun auch ein Mann, der in der Schlange vor dem Kassenhäuschen wartete.

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"Ich kann euch nicht versprechen, dass es klappt, aber wenn ich euch das Ticket nicht kaufen wollt, dann könnt ihr einfach den Autos folgen. Möglicherweise halten euch die Wachleute auf uns schicken euch wieder zurück, aber wenn nicht, dann könnt ihr einfach über die Autospuren in die Stadt gehen!"

Einen Versuch war es wert und wie sich herausstellte war der einzige Wachmann so damit beschäftigt, Privatgespräche mit seinem Handy zu führen, dass er nicht einmal Notiz von uns nahm, als er uns direkt anschaute.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Nicht schon wieder!

Höhenmeter: 260 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 13.618,27 km

Wetter: bewölkt, kald, windig und winterlich

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 83020 Forino, Italien

Tag 764: Tiefpunkt – Teil 1

Manchmal gibt es wohl einfach Phasen, da ist der Wurm drin. Manchmal ist es sogar noch ein bisschen schlimmer und man hat das Gefühl, dass sich die Würmer gegenseitig die Hände reichen und gemeinsam Tango tanzen.

Vor einem Jahr etwa hatten wir kurz vor Weihnachten ebenfalls eine Phase, in der nichts so richtig laufen wollte. Wir wanderten ewig an der Südküste Frankreichs entlang, kamen von einer unerträglichen Großstadt in die nächste, niemand wollte uns aufnehmen, Heiko wurde krank und mein Wagen hatte einen Achsbruch. Es war eine Resümee-Phase in der wir das Gefühl hatten, kurz vor dem Ende unseres ersten Weltreisejahres noch einmal tüchtig auf die Probe gestellt zu werden, um für uns selbst herauszufinden, ob wir es auch wirklich ernst meinten. War dies nur eine Reise? Ein Spaziergang durch Mitteleuropa, nachdem wir wieder heimkehren und unser altes Leben wieder aufnehmen würden? Oder war dies unser Leben? War es das, was wir wirklich wollten? Oder war es vielleicht auch nur ein Schritt zu etwas ganz anderem? Ein Jahr lang hatten wir nun auf diese Weise gelebt und nun war es an der Zeit, noch einmal über alles zu reflektieren.

Dieses Jahr sind wir nun bereits seit über 700 Tagen auf dem Weg und haben viel dazugelernt. Deswegen sind die Prüfungen dieses Mal auch härter, mit denen uns das Leben ein weiteres Mal vor die Frage stellt, ob wir es auch ernst meinen.

Und obwohl wir wissen, dass es Prüfungen sind, dass wir es selbst sind, die diese Ereignisse in unser Leben ziehen und dass alles was passiert, nur unserer Entwicklung dient, so dass wir mehr zu unserem Heilerseinf finden können, brachten uns die letzten Tage fast zur Verzweiflung. Noch immer ist es nicht vorbei. Noch immer stecken wir mitten in einem Chaos, in das wir uns selbst manövriert haben und aus dem wir nun irgendwie wieder herausfinden müssen. Doch jetzt im Moment fühlt es sich so an, als hätten wir den absoluten Höhepunkt gestern abend erreicht. Es war eine Art Finale von vier Tagen voller Pleiten, Pech und Pannen, an dem es uns einfach zu viel wurde. Heiko war sogar für einen Moment lang soweit, dass er die ganze Sache hinschmeißen und mit dem nächsten Flieger zurück nach Hause reisen wollte. Es gab viele schwierige Situationen auf der Reise und oft schon haben wir das ganze Projekt in Frage gestellt, doch so ernst wie gestern Abend war es noch nie.

Doch beginnten wir am Anfang.

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Richtig angefangen hat die Chaosspirale mit dem plötzlichen Überfall der drei Männer, die unser Handy zerstörten. Seitdem überschlugen sich die Ereignisse förmlich, die uns jedes auf seine Art zusetzten. Jedes einzelne für sich genommen wäre wohl nicht weiter dramatisch gewesen, doch die Häufung war es, die uns fertig machte. Es war ein bisschen, als würde man einen leichten Schlag ins Gesicht bekommen. Nicht doll, nicht so dass es wirklich schmerzt. Eine leichte kleine Backpfeife, die man kaum spürt, die einen aber aus dem Konzept bringt. Und dann noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Dann einen Schag in den Nacken. Einen Stupser in die Seite. Wieder und wieder. Doch am meisten macht es dich fertig, dass du den Angreifer nicht sehen kannst und dass du keine Ahnung hast, was als nächstes Kommen wird. Oder ob überhaupt etwas kommt. Und gerade wenn du glaubst, es sei geschafft, dann kommt wieder das nächste. Vielleicht sogar ein bisschen stärker und heftiger. Irgendwie ist dir bewusst, dass das ganze ein Training ist und dass es darum geht, deine Aufmerksamkeit zu schulen. Doch gerade jetzt in diesem Moment kannst du es einfach nicht sehen und bist nur am Verzweifeln, weil du dir das einzige Wünschst, wass du gerade bei diesen ganzen kleinen Schlägen nicht haben kannst: Ruhe und Entspannung.

Zuerst gab mein schwarzer Packsack wieder einmal den Geist auf. Der Reißverschluss ließ sich am Morgen nach unserem Klosterbesuch nicht mehr schließen, egal wie sehr wir ihn auch ölten und einfetteten. Nur mit Hilfe einer Zange brachten wir ihn wieder in Ordnung, doch das war bereits bei seinem Vorgänger der Anfang vom Ende. Zwei drei Mal konnten wir ihn auf diese Weise reparieren, dann war er endgültig kaputtgegangen und wir mussten den sack tauschen. Ging also alles wieder von Vorne los? Ungefähr zu gleichen Zeit fanden wir heraus, dass unsere neue Kamera nicht die Kamera ist, die wir eigentlich haben wollten. Sie ist definitiv nicht schlecht und sie wird uns trotzdem gute Dienste leisten, doch ihr fehlen viele wichtige Funktionen, auf die sich Heikos Fotografenherz schon lange gefreut hatte.

Dann begann die Anstrengung. Wir hatten Griechenland vor allem aus einem Grund verlassen, nämich dem, dass man sich in Italien sicher sein konnte. fast immer einen Schlafplatz zu bekommen. Natürlich gab es mal schlechte Tage, in denen nichts so lief wie es sollte und dann musste man am Ende doch mit einem Zelt vorlieb nehmen. Veilleicht weil man keinen Pfarrer antreffen konnte, weil er krank war oder weil ihm eine Laus über die Leber gelaufen war und er deshalb vergessen hatte, dass es seine Aufgabe war, sich auch um Menschen zu kümmern. Doch bislang waren das Ausnahmen. Es war uns bei unserem ersten Italienaufenthalt ein Mal passiert und in der Zeit die wir nun hier verbrachten ein weiteres Mal. Doch seit wir Kalabrien betreten hatten, war die Situation mit den Pfarrern immer schwerer geworden. Die Male, in denen sie Wanderer mit der Bitte um Gastfreundschaft abwiesen häuften sich und so mussten wir schon einige Male Strecken zurücklegen, die eineinhalb-, doppelt oder sogar dreimal so lang waren wie die, die wir eigentlich geplant hatten. Je weiter wir in den Süden kamen, desto schwieriger schien es zu werden. Männer wie Don Franco oder auch Don Giorgio unterbrachen diese Tendenz zwar, wurden aber immer mehr zur Ausnahme. Ohne das ausdrückliche Drängen von Don Franco hätten uns selbst die indischen Cappucciner-Mönche nicht mehr aufgenommen. Sie waren so skeptisch und führten uns gegen so starke innere Widerstände in ihre Räumlichkeiten, dass sofort klar wurde, dass sie uns nicht aus Freundlichkeit aufnahmen, sondern weil sie dem kleinen, quirligen Pfarrer keine Bitte abschlagen konnten. Doch bereits am nächsten Tag zeigte sich wieder die allgemeine Ablehnung gegen alles Fremde, die hier in den Menschen steckt. Wie wir später herausfanden waren die Bewohner Kalabriens sogar unter den Italienern dafür bekannt, besonders verschlossen, abweisend und ängstlich zu sein. Eine Beobachtung die wir leider durchaus bestätigen können. Nach unserem Klosterbesuch mustten wir das erste Mal fast 30km wandern, bis wir endlich an einen Ort kamen, an dem wir einen Schlafplatz bekommen konnten. Nicht vom Pfarrer und auch nicht vom Bürgermeister, sondern nur weil wir in dem pakinsonkranken Mann, den wir beim Krippenbauen antrafen, einen Führsprecher fanden. Wir bekamen ein leerstehendes, nagelneues und dennoch halb zerstörtes Haus. Obwohl es dort nichts gab, was man hätte kaputt machen können, gab es einen riesigen Aufstand mit Anmeldung bei der Polizei, kopieren der Ausweise und mehrfacher Befragung, dass wir auch ja keine Terroristen seien. All das könnte man gut verstehen, wenn es hier echte Werte geben würde, doch bereits seit Wochen waren wir nun schon in keinem Raum mehr, in dem es irgendetwas wertvolles gab. In den deutschen Gemeindesälen, die mit neuer Vortragstechnik, mit Beamern, Soundanlagen und ähnlichem ausgestattet waren, hätten wir es uns eingehen lassen, wenn man vorsichtig ist, bevor man einen Fremden darin schlafen lässt. Doch hier gab es keine Räume mehr. es gab Löcher. Die Buden waren so verschimmelt, verfallen und durchnässt, dass wir uns immer wieder fragten, wie man es den Schülern und auch sich selbst überhaupt noch zumuten konnte, hier einen Unterricht abzuhalten. Und doch hatten die Verantwortlichen Angst um diese Kammern, als wären es nagelneue Luxussuiten.

Der ersten Mammut-Etappe folgte eine Zweite. Wir legten mehr als 40km und weit über 1000 Höhenmeter zurück um am Ende oben auf dem Berg in einer verlassenen Sandgrube zu zelten. Vier Ortschaften durchquerten wir dabei, in denen es jeweil verschiedenste Möglichkeite gegeben hätte um zu übernachten. Doch kein Pfarrer war bereit und diese kleine Unterstützung zu gewähren. In der größten Ortschaft sprachen wir persönlich mit zwei Geistlichen und am Telefon mit einem dritten. Die ersten beiden entschuldigten sich mit ihrer mangelnden Autorität, da der dritte hier im Ort das Sagen habe. Dieser stellte sich dann am Telefon auf dumm, tat als würde er mich nicht verstehen und beendete das Gespräch mit dem Satz: "Wenn Sie kein richtiges Italienisch sprechen dann lassen Sie das Reden lieber bleiben!" dann legte er auf.

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Im nächsten Ort trafen wir den Pfarrer nicht persönlich an, dafür ber mehrere seiner Stellvertreter und Helfer. Die Ortschaften, durch die wir reisten waren kleine Dörfchen oben auf den Bergen, in denen fast nichts mehr los war. Viele der Einwohner und vor allem auch die Priester waren runter ans Meer gezogen, weil da die Hauptstraße so schön in der Nähe war. Deshalb war es eigentlich unmöglich einen Pfarrer persönlich zu treffen, was sonst auch nie ein Problem war. Es hatte stets ausgereicht, einen seiner direkten Helfer zu finden und schon wurde alles organisiert. Hier jedoch nicht. Die Aussage des Stellvertreters war in etwa folgende: "So, so, ihr braucht also einen Schlafplatz! Ja das kann ich verstehen! Hier wird es nachts schon wirklich kalt. Wir haben da vorne das alte Pfarrhaus. es steht komplett leer und wird nicht mehr verwendet. Nicht einmal mehr für den Kommunionsunterricht, denn dafür haben wir andere Räume. Ich habe zwar den Schlüssel dafür, aber ich kann ihn euch leider nicht geben, denn ich bin nur der Stellvertreter des Pfarrers. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung kann ich nichts für euch tun. Leider will er nachmittags nicht gestört werden, deshalb kann ich ihn auch nicht anrufen. Schade! Ich hätte euch wirklich gerne geholfen! Es tut mir echt leid!"

Dann versuchte er noch etwa zehn Minuten sein Gewissen zu beruhigen, indem er uns immer wieder erklärte, warum er uns nicht helfen könne.

"Ihr seit gute Jungs und habt nichts Böses im Schilde!" sagte er, "Da bin ich mir sicher. Aber es gibt leider nicht nur gute Menschen und ab und zu kommen auch einmal böse Leute vorbei. deswegen kann ich niemanden in den Raum lassen!"

Ich weiß nicht, was schlimmer war, die Tatsache, dass er uns mit seinen Ausführungen wertvolle Zeit bis zum Sonnenuntergang stahl, oder dass er seine Worte sogar selbst glaubte. Vielleicht wäre es mir sogar leichter gefallen, zu akzeptieren, dass es einfach unfreundliche Menschen waren, als diese abstrakte Mischung. Er wollte wirklich helfen, genau wie die drei Frauen, die um uns herumstanden. Doch sie waren so shr zu Zombies erzogen worden, dass sie wirklich glaubten, uns nicht helfen zu können. Der Pfarrer hatte die absolute Autorität. Ohne sein Zustimmen geschah hier nichts. Und wenn es darum ging, ein Kind aus einem brennenden Haus zu retten, das dem Pfarrer gehörte. Wenn nicht abgeklärt war, ob der Pfarrer damit einverstanden war, dann musste es solange eben warten. Wenn es dabei verbrannte, dann war das tragisch, doch man konnte es leider icht ändern. Über dem Dorf bfand sich ein Steilhang, der mehr als 600 Meter in die Höhe führte. Die einzige Möglichkeit, die wir also hatten bestand darin, diesen Berg zu erklimmen und dann auf dem Hochplateu zu zelten. Das ganze lag dann auf etwas mehr als 1000m über dem Meeresspiegel und es war bereits hier so kalt, dass man absehen konnte, dass es die Nacht frieren würde. Dort oben zu Zelten war also nicht ganz ungefährlich und alle Anwesenden wussten es. Jeder von ihnen hatte ein schlechtes Gewissen deswegen doch keine fühlte sich in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen. Ich bin sicher, dass sie sich noch heute fragen, ob wir die Nacht wohl überlebt haben oder nicht. Wahrscheinlich haben sie in dieser Nacht weitaus schlechter geschlafen als wir und doch erlaube es ihnen ihre Hörigkeit nicht, ihrem Herzen zu folgen und sich selbst ein gutes Gefühl zu geben.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Ohne Pfarrer geht hier gar nichts!

Höhenmeter: 190 m

Tagesetappe: 8 km

Gesamtstrecke: 13.608,27 km

Wetter: überwiedend bewölkt

Etappenziel: Franziskaner Kloster, 84082 Bracigliano, Italien

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