Die Nonnen von Clairveaux

 

Heute begegnen uns die Nonnen von Clairveaux

Das Wichtigste zuerst, bevor wir mit der Reise nach Clairveaux eintauchen: Heute haben wir unsere ersten 1.000 Kilometer geknackt! Wenn das kein Grund zu feiern ist! Mal ehrlich, wer von euch hätte uns zugetraut, dass wir wirklich 1000 Kilometerweit kommen, ohne aufzugeben oder uns eine Therme suchen, in der wir uns für die nächsten 5 Jahre verschanzen und in der wir Berichte über eine fiktive Reise erfinden?

Aber nun zum aktuellen Geschen.

Nach dem Untergang und der Wiedergeburt der Welt am gestrigen Tag, hatten wir uns heute eigentlich etwas anderes vom Wetter erhofft, als die gleiche graue Suppe, die wir nun schon zu genüge kannten. Aber es half nichts, sie war wieder da. Kaum waren wir losgezogen, da fing es auch schon wieder an zu regnen. Erst leicht, dann stärker und schließlich so stark, dass Heiko die leichtsinnige Bemerkung aufstellte, es könne nun nicht mehr stärker werden. Ganz offensichtlich verstand der Wettergott dies als Aufforderung, sein Können noch etwas mehr unter Beweis zu stellen. Die Tropfen wurden nun so groß wie Krokodil Tränen und vielen so dicht aneinander, wie die Haare eines Perserteppichs. „Ist das alles, was du kannst?“, rief Heiko dem Wettergott zu, „das ist ja lächerlich! Regnet es überhaupt schon? Komm schon, ich weiß, du bist besser!“ Das ließ sich der Herrscher über das Wetter nicht zweimal sagen. Der Regen prasselte auf uns herab, als wollte er uns ertränken und zu allem Überfluss kam nun auch noch Hagel dazu. „OK“, rief Heiko besänftigend nach oben, „du hast gewonnen! Ich seh es ja ein!“ Wenige Minuten später hörte der Regen in Richtung Clairveaux auf.
Das große Kloster / Gefängnis von Clairveaux

Das große Kloster / Gefängnis von Clairveaux

Auf zum Kloster oder besser gesagt Gefängnis

Unser Weg führte uns heute mitten durch einen großen, urigen Wald, in dem sogar Wölfe lebten, von denen wir leider keine zu Gesicht bekamen. Dabei hatte uns Maria sogar extra eine Dose Tunfisch mitgegeben, für den Fall das wir ein Gastgeschenk für die Tiere bräuchten. Unser Tagesziel war schnell erreicht. Es war diesmal kein Ort, sondern ein ehemaliges Kloster, das heute einen noch ausgefalleneren Verwendungszweck gefunden hat, als das Kloster im Schöntal. Es handelt sich um ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem Strafgefangene von überall aus Europa eingesperrt sind. Irgendwo sollte es hier aber noch immer einige Nonnen geben. Maria hatte uns gestern angeboten, sie telefonisch über unsere Ankunft zu informieren und schon mal vorab um einen Schlafplatz zu bitten. Wir sahen das Kloster/Gefängnis von Clairveaux bereits von weitem. Von nahem sahen wir es allerdings nicht mehr. Hier sah man nur noch eine gigantische Mauer, die jede andere Sicht verwehrte. Ehe wir das Eingangstor finden konnten, kamen wir an einem Haus mit einer Jakobsmuschel vorbei. Wir beschlossen, hier einmal nachzufragen, ob es irgendwo einen Platz für Pilger gab. Die Frau, die mir die Tür öffnete begrüßte mich mit den Worten „Pelegrin?“ - „Pilger?“ Ich bejahte und sie winkte mich herein. Als sie erfuhr, dass ich aus Deutschland bin, wechselte sie die Sprache und meinte „Sie wollen sicher etwas essen, oder?“ Da war ich nicht abgeneigt und so rief ich Heiko herein, der an der Straße gewartet hatte und teilte ihm mit, dass wir eine Einladung zum Essen hatten. Es gab Kassler und Sauerkraut. Die ältere Dame lebte hier gemeinsam mit zwei weiteren Frauen und wir erfuhren, dass sie tatsächlich Nonnen waren. Kurz darauf klingelte das Telefon. Es war Maria. Wir waren also genau dort gelandet, wo wir landen wollten und hatten es nicht einmal gemerkt. Als Schwester Elarosa erfuhr, dass wir uns mit Naturmedizin beschäftigten, war sie sofort begeistert und bat uns um Hilfe bei ihrer Kniearthrose. Sie sprach Französisch, Portugiesisch und ein wenig Spanisch, die andere Schwester sprach Französisch und Deutsch. Mit einem Gemisch aus allen Sprachen erstellten wir eine Diagnose, wobei Heiko die Fragen stellte, die Schwester und ich dolmetschten und Elarosa antwortete. Es war nicht ganz einfach, dafür aber umso lustiger, was normalerweise für Krankheitsdiagnosen nicht unbedingt üblich ist. Aber die Pantomime trägt ihren Teil dazu bei, ob man es nun will oder nicht. Vielleicht habt ihr bereits von Abt Bernhard von Clairvaux gehört oder gelesen. Sie glaubten damals, er kann sie heilen. Doch es ist vor allem seine rednerische Gabe, die die Menschen anzog, gleich welchem Stand sie angehörten. Sogar Päpste und Könige fragten den Zisterzienser gerne um Rat.

Um 19:30 klopften wir wieder in Clairveaux an die Pforte der drei Nonnen, die den Tisch bereits gedeckt hatten. Für sich, für uns und für eine weitere Frau, von der wir nie erfuhren, in was für einem Verhältnis sie zu den anderen Stand. Elarosa hatte ein Omelett mit einer Art Couscous und einer leckeren Sauce zubereitet. Dazu gab es eine Vorsuppe und zum Nachtisch Apfelmus. Am meisten aber faszinierte uns der Salat, denn er bestand aus wilder Wasserkresse. Damit war er nicht nur lecker, sondern auch der erste Wildmischsalat, den wir seit Reisebeginn gegessen haben. Und das sogar ohne selbst sammeln zu müssen.

Eine sehr hilfsbereite und liebevolle Klosterschwester

Eine sehr hilfsbereite und liebevolle Klosterschwester

Wie heilig sind Nonnen heutzutage?

Ein Abendessen bei Nonnen hatten wir uns ehrlich gesagt, etwas anders vorgestellt. Besonders heilig wirkten sie nicht. Sie waren sogar ein sehr vergnügter Haufen und dem Wein und Schnaps durchaus nicht abgeneigt. Auch sonst war von einem Verzicht auf weltliche Güter, nicht viel zu merken. Sie hatten einen Fernseher, liebten gutes Essen und vor allem Süßigkeiten und waren unablässig damit beschäftigt, sich gegenseitig zu foppen und übereinander zu witzeln. Nach dem Essen wurde es dann sogar noch lustiger, denn jetzt forderte Schwester Elarosa ihre versprochene Diagnose ein. An sich gab es da nicht viel zu lachen, denn es ging ihr wirklich nicht gut.

Es war nicht nur das Knie, sondern ihr ganzer Körper war stark übersäuert und mehr als nur ein bisschen aus dem Gleichgewicht geraten. Heiko führte allerlei kinesiologische Tests durch und wendete auch die Dornmethode an, um die Gelenke, die sich durch die ständige Schonhaltung verschoben hatten, wieder in die richtige Position zu bringen. Dabei entstand die eine oder andere lustige Situation, die von den anderen Schwestern mit lautem Schnattern und Lachen kommentiert wurde. Außerdem rieten wir ihr, für´s erste auf Zucker und auf Milchprodukte zu verzichten, um ihren Körper nicht noch mehr zu übersäuern. „Kein Kuchen?“, fragte sie enttäuscht. „Nein“, sagte Heiko. „Auch keine Schokolade?“, fragte sie.  „Nein!“, sagte Heiko. „Und was ist mit Keksen?“, versuchte sie es erneut. „Auch nein!“, gab Heiko streng zurück. „Aber Marmelade, oder?“, fragte sie. „Hey“, antwortete Heiko, „spreche ich Suaheli? Ich sagte: ‚kein Zucker!’“

Schwester Blondin übersetzte und löste damit wieder einmal schallendes Gelächter unter den Schwestern aus.

Es war schön zu sehen, wie humorvoll und gleichzeitig herzlich und verständnisvoll die Nonnen miteinander umgingen. Später erzählten sie uns auch noch etwas über ihre eigene Geschichte und ihre Aufgabe hier in Clairveaux. Elarosa war mit 57 Jahren die jüngste von ihnen, die älteste war 78. Dennoch waren sie quasi die Jugend des Ordens, denn Nachwuchs gab es so gut wie keinen. „Dann müssen wir eben selber jung bleiben!“, meinte Schwester Blondin gelassen und lachte. Ihre Aufgabe hier war es, die Angehörigen der Gefangenen zu betreuen. Oder sich um Pilger zu kümmern, wenn welche vorbeikamen, aber das war deutlich seltener. Warum die Männer, Väter oder Söhne ihrer Gäste hier einsaßen, wussten sie nicht. „Wir fragen nicht nach!“, sagte Blondin. Doch an ihrem Ausdruck merkte man, dass es keine Bagatelldelikte waren. Die meisten bleiben hier sehr lange. Manchmal wegen Mord, manchmal wegen schlimmeren Dingen. Es gab drei Mauern und jede Menge Stacheldraht zwischen uns und dem Gefängnis, aber so ein leicht mulmiges Gefühl kam bei dem Gedanken, direkt neben einem Hochsicherheitsknast zu schlafen schon auf. Ob es daran lag weiß ich nicht, aber besonders ruhig, schlief ich die Nacht nicht und obwohl wir bereits um 23:00 im Bett lagen war ich am nächsten Morgen Hundemüde. Ein Blick auf Heiko sagte mir, dass es ihm nicht besser ging. Im Halbschlaf taumelten wir in Richtung Frühstückstisch.

Eine gute halbe Stunde später war es Zeit für den Abschied in Clairveaux. Elarosa hatte uns bereits am Abend Lebewohl gesagt, denn sie war bereits in der Früh, nach Straßburg aufgebrochen. Die beiden anderen Schwestern wollten noch ein Foto von uns für ihr Album und erklärten uns dann, wie wir weiterwandern sollten. „Tout droit!“, sagte die älteste Schwester. „Immer geradeaus!“ Dabei zeigte sie zunächst in eine Richtung und machte dann eine lässige, wellenförmige Bewegung mit ihrer rechten Hand, die ihre verschmitzte Coolness auf subtile Weise unterstrich. Zunächst hatten wir gehofft, dass die Geste wirklich nur einen stylischen Nutzen hatte, doch diese Hoffnung wurde schon sehr bald enttäuscht. Denn die Straße, der wir folgten, tat wirklich genau das, was uns die Schwester prophezeit hatte.

Die Commune a appelation Champagne

Die Commune a appelation Champagne

Sie führte immer gerade aus und ging ununterbrochen rauf und runter. Schon nach einer halben Stunde, waren wir erschöpft. Jede neue Bergkuppe die wir erreichten, gab nur den Blick auf einen weiteren Anstieg frei, der bewältigt werden wollte. Dazu passend hatten wir das ideale Wetter. Es war grau, windig und es regnete. Langsam wurde es wettertechnisch ein wenig langweilig. Gab es denn sonst nichts, was der Himmel zu bieten hatte? Sonnenschein zum Beispiel? Es ist nicht einmal so, dass der Regen ein echtes Problem ist. Wir haben gute Regenkleidung dabei, können uns jeden Abend trocknen und sind auch schon einiges an miesem Wetter gewohnt. Es ist mehr dieses subtile Ungemütlichkeitsgefühl, dass einen die ganze Zeit begleitet. Es ist diese kriechende Nasskälte, die sich unter deine Kleidung schleicht und dir eine chronische Gänsehaut verpasst. Nicht so viel, dass du wirklich frierst, aber gerade genug, dass du dich nicht wohlfühlst.

Es ist das Gefühl, dass dich das Wetter auf dem Kieker hat und dass du nichts dagegen tun kannst, außer dich in Hingabe zu üben. Dies ist es, was dich Mürbe macht. Jeden morgen, wenn du aus dem Fenster schaust und schon wieder nur in graue Regenwolken blickst ist es, als würde dein innerer Schweinehund laut „Strike!“ rufen und dann einen Freudentanz aufführen, bevor er sich wieder ins Bett legt und versucht, dich den ganzen Tag darin festzuhalten. Und wenn du es dann doch schaffst, dich loszureißen, dann liegt er dir ständig mit dem Wunsch in den Ohren, irgendwo ankommen zu wollen. Es macht den ganzen Sinn einer Wanderung kaputt. Wer um die Welt wandert, der wandert um zu wandern und nicht um irgendwo anzukommen. Doch bei einem solchen Wetter wie hier in Clairveaux, ist das unmöglich. Bereits nach drei Schritten, bereust du, das Haus je verlassen zu haben. Und nach sechs Schritten, zählst du die Sekunden, bis du dein Tagesziel außerhalb von Clairveaux erreichst.

Eine Thermoskanne mit heißem Tee darf niemals auf einer Reise fehlen!

Das einzige, was uns heute bei Laune halten konnte, war unsere Thermoskanne mit heißem Tee. Im Ernst, falls ihr je vorhabt eine Weltreise zu Fuß oder auch nur eine längere Wanderung zu machen, nehmt euch auf jeden Fall eine Thermoskanne mit heißem Tee mit! Und falls ihr nicht genügend Platz habt, dann vergesst den ganzen Schwachsinn mit Wechselunterhosen, Ersatzsocken, GPS-Geräten oder Satellitentelefonen. Wenn ihr irgendwo in der Antarktis mit einem zertrümmerten Bein in einer Gletscherspalte sitzt und keinen Ausweg mehr seht, dann könnte ihr es euch mit einer Kanne Tee, immerhin noch gemütlich machen. Nach einer sauberen Unterhose fragt hier kein Mensch mehr. Und wenn ihr ohne Tee auf die Hilfe warten wollt, die ihr mit eurem Satellitentelefon gerufen habt, dann werdet ihr wahrscheinlich erfroren sein, bis sie kommt. Aber auch wenn ihr nur durch die verregneten Weinberge der Champagne lauft, ist ein Tee bereits Gold wert. Denkt an meine Worte.

Bei all der Meckerei über das Wetter in Clairveaux, muss ich allerdings noch hinzufügen, dass wir trotz allem noch immer ein saumäßiges Glück hatten und haben. Denn die Nonnen erzählten uns, dass es in Clairvaux nur einen Tag vor unserer Ankunft so stark gehagelt hatte, dass eine zentimeterhohe Schicht aus Eiskörnern auf der Straße liegen blieb. Es hätte uns also auch deutlich schlimmer erwischen können.

Spruch des Tages: Der kürzeste Weg zu dir selbst, führt einmal um die Erde.

Tagesetappe: 24 km

Gesamtstrecke: 1010,77 km

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare