Tag 120: Noch mehr Autobahnen

Castro-Urdiales war eine Typische Urlaubsstadt in dieser Region. Es gab eine lange Strandpromenade, viele Hotelanlagen, die sich gegenseitig an Hässlichkeit übertrumpften, eine hübsche Altstadt und einige Sehenswürdigkeiten. Darunter war eine Kathedrale, die auf einer Landzunge direkt über dem Hafen thronte. Neben ihr trotzte eine alte Burgruine. Überall sonst auf der Welt wären diese beiden imposanten Bauwerke mit Sicherheit die Wahrzeichen der Stadt gewesen, hier aber wurden sie dem Verfall anheim gegeben. Die Kirche war fest verschlossen und wurde zum Lagern von Abfällen genutzt. Gottesdienste fanden hier nicht mehr statt. Auf die Burg hatte man einen Glasbau mit einem Café darin gebaut, das weder Touristen anlockte noch ins Gesamtbild passte. Wieder einmal drängte sich die Frage nach dem Warum auf.

Als wir eine kleine Kirche in der Innenstadt erreichten, war dort gerade Gottesdienst. Heiko nutzte die Zeit um in der Stadt noch ein paar Fotos zu machen, während ich auf den Pfarrer wartete. Über die Strandpromenade kam Heiko auf einen größeren Platz, der voller spielender Kinder und sich unterhaltender Erwachsener war. Er konnte es selbst kaum glauben, doch dieser Platz war tatsächlich um einiges lauter, als die Autobahn, an der wir den ganzen Tag entlanggewandert waren. Für einen Moment wünschte er sich tatsächlich wieder an den Highway zurück, in der Hoffnung, dort mehr Entspannung zu finden. Das komische war, dass die Menschen dabei überhaupt nicht glücklich aussahen. Wenn es eine ausgelassene Stimmung voller Freude gewesen wäre, die dazu führte, dass es laut wurde, hätte er es wahrscheinlich gut annehmen können. Doch es war vielmehr eine Stimmung, die deutlich machte, dass hier eine tiefe Unzufriedenheit herrschte, von denen sich die Menschen ablenken wollten. Es war, als hätten sie sich selbst verboten, leise zu werden, weil sie dann in Gefahr gerieten, ihre eigene innere Stimme zu hören. Natürlich kann man sagen, dass es einfach die Mentalität der Menschen hier ist und dass es auf uns nur komisch wirkt, weil wir diese Mentalität noch nicht kennen. Doch das erklärt nicht, warum fast jeder ältere Mensch ein Hörgerät trägt.

Zur gleichen Zeit lernte ich auf dem Kirchenvorplatz einen deutschen Mann kennen, der vor 22 Jahren eine Spanierin geheiratet hatte und seither in Spanien lebte. Zunächst hatten sie in Madrid gewohnt, doch vor vier Jahren waren sie dann nach Castro-Urdiales gezogen. Es war spannend, sich mit jemandem unterhalten zu können, der das Land kannte, ohne jedoch selbst ein Teil davon zu sein. Durch seine Erzählungen konnten wir zum ersten Mal viele Dinge verstehen, die uns zuvor unbegreiflich gewesen waren.

Zunächst einmal hatten wir mit unserer Vermutung, was die Armut im Land anbelangte Recht gehabt. Zumindest teilweise. Was das Baskenland betraf, so hatten wir absolut daneben gelegen. Wir hatten vermutet, dass es eine der ärmsten Regionen in Spanien ist, doch faktisch ist es sogar eine der reichsten. In den anderen Teilen geht es den Menschen noch viel schlechter. Die Arbeitslosigkeit hier im Land beträgt gut 26%. Das ist mehr als das Fünffache der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar weit über 50%. Das sind beides die offiziellen Zahlen. Wenn man bedenkt, das solche Statistiken grundsätzlich geschönt werden, ist es kein Wunder, dass die Menschen hier frustriert sind. Die Chancen, hier als Jugendlicher einen Job in einem Bereich zu bekommen, der einem Spaß macht, gehen gegen Null. In Deutschland hatten wir gedacht, dass die wirtschaftliche Lage schlecht ist. In Frankreich hatten wir herausgefunden, dass sie dort noch deutlich mieser aussieht und hier war es noch einmal um Längen schlimmer.

Dennoch waren wir nicht wirklich verwundert darüber. Wir hatten viel mehr das Gefühl, dass diese schlechte Situation, in der sich die Menschen hier befanden, zumindest zu einem großen Teil selbst gewählt war. Das Land war so Reich an Naturschätzen, dass es eigentlich keinen Grund für eine Krise gab. Vor allem nicht in dieser Region. Es wäre ein leichtes Gewesen, die Traumküste in ein wahres Urlaubsparadies zu verwandeln, von dem tausende von Menschen gut hätten leben können. Stattdessen hatte man es mit Autobahnen, Schnellstraßen, Industriehäfen und Hotelbunkern verschandelt, in denen niemand Urlaub machen wollte, selbst wenn man ihm dafür Geld gab.

Auch dass die Großindustrie sich hier nicht hatte halten können, wunderte kaum. Die Menschen besaßen eine Mentalität, die aus Sicht eines Großunternehmers einfach nicht hilfreich war. Morgens und abends konnte man arbeiten, Mittags war Siesta und damit Zeit zum Entspannen und in der Nacht musste man ausgehen, feiern und von Bar zu Bar ziehen. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Lebenseinstellung und sie hat bestimmt viele Vorteile, doch sie passt nicht ins System. Aus wirtschaftlicher Sicht ‚funktionieren’ die Menschen hier nicht gut. Da sind die typisierten deutschen Idealvorstellungen von einem Traumleben mit einem Einfamilienhaus, zwei bis drei Kindern, einem Auto und einem überschaubaren Kredit, der Abbezahlt werden muss, schon deutlich praktischer. Damit lässt sich eine Wirtschaft aufbauen. Mit den spanischen Idealen ist das deutlich schwieriger. Wie uns der Mann berichtete, war dies ein Prinzip, das auch die großen Firmen verstanden haben. Daher gab es so gut wie keine Großunternehmen in Spanien.

Die Medaille hat also wieder einmal zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es natürlich richtig, dass die wirtschaftliche Lage schwierig ist. Auf der anderen Seite hat dies natürlich immer auch einen Grund. Es hilft also nichts, nach außen zu blicken und über das System zu meckern, denn man selbst ist immer ein Teil davon und somit immer auch in der Lage, für sich selbst etwas zu verändern. Wenn jemand wirklich erfolgreich sein will, dann wird er es auch, egal wie die Lage um ihn herum ist.

Als uns das klar wurde, wurde uns gleichzeitig noch etwas anderes klar. Diese Lehre galt nicht nur für die Spanier. Sie galt vor allem auch für uns. In den letzten Tagen hatten wir uns viel darüber geärgert, um wie viel komplexer di Situation in Spanien war, als in Deutschland und Frankreich. Doch die Frage, wie leicht wir selbst leben können, oder wie schwer wir es uns machen, hatte nichts mit dem Land zu tun in dem wir uns befanden, sondern nur mit unserer eigenen Einstellung. Es mochte sein, dass es hier viele Menschen gab, die uns nicht helfen wollten. Das ist ihr gutes Recht, denn es war unsere Entscheidung, das wir so leben wollen, wie wir leben, nicht ihre. Auf der anderen Seite gab es auch überall Menschen, die uns weiterbrachten und mit denen tolle Kontakte entstanden. Wir mussten sie nur finden und dazu mussten wir vielleicht unsere eigene Anziehungskraft etwas neu ausrichten. Ich vor allem konnte in diesem Land hier viel lernen. Das ist mir heute noch einmal bewusst geworden, als Heiko und ich ein Gespräch mit einem Herbergsleiter reflektierten, der uns abgelehnt hatte. Es war im ersten Moment klar gewesen, dass er uns nicht helfen würde. Doch anstatt es zu akzeptieren hatte ich versucht ihn zu überreden und war dabei immer trotziger geworden. Anstatt die Mauer zwischen uns abzubauen, hatte ich sie immer mehr verbreitert. Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht auf mein Gefühl vertrauen, dass das Gespräch zu nichts führen würde. Es ärgerte mich, dass ich so viel Zeit mit unnötigen Gesprächen vergeudete, aus denen ich mich nicht herauswinden konnte. Doch warum ärgerte ich mich darüber? Weil die Menschen schlecht oder negativ waren? Nein! Weil sie ein Spiegel waren, der mir viel über mich selbst aufzeigte, was ich nicht sehen wollte. Eines meiner größten Probleme ist, dass es mir schwer fällt, konkret zu werden und meinem Leben eine Struktur zu geben, an die ich mich halten kann. Auf diese Weise verliere ich viel Zeit, weil ich Dinge doppelt machen muss, oder unnötige Dinge tue, die mich nicht weiterbringen. Genau dies ist es, was auch die Mentalität der Spanier ausmacht. Es wird viel geredet, ohne etwas zu sagen und die meisten Sätze werden vier bis fünf Mal wiederholt. Es ist mein eigenes Lebensthema, was mich dabei antickt. Wo also könnte ich mehr lernen als hier?

Auch für Heiko gibt es einige wichtige Lektionen, die dieses Land für ihn parat hält. Ruhe und innere Gelassenheit finden, inmitten der Lautstärke, ist nur eines davon.

Doch der Mann erzählte uns noch von einer weiteren wichtigen Besonderheit dieses Landes. Fast das ganze Leben spielte sich auf der Straße und in den Bars ab. Das bedeutete auch, dass es fast unmöglich war, von jemandem eingeladen zu werden. Selbst unter guten Freunden konnte es ewig dauern, bis man das Haus oder die Wohnung des anderen sehen durfte. Einen Fremden von der Straße mit nach Hause zu nehmen, wie wir es in Frankreich oft erlebt hatten, kam daher nicht in Frage. Es hatte nichts damit zu tun, dass man uns nicht helfen wollte, es ging allein aufgrund der kulturellen Regeln nicht. Das erklärte natürlich einiges, wenngleich wir hofften, dass es sich im Süden des Landes etwas anders verhalten würde.

Während des Gesprächs mit dem deutschen Auswanderer war auch der Pfarrer aufgetaucht. Auch er zögerte einen Moment, weil er unsicher war, ob er uns wirklich den Platz auf dem Boden im Gemeindehaus anbieten konnte. Anders als der letzte Pfarrer, der bei dem gleichen Gedanken Angst um seine Räumlichkeiten hatte, zögerte dieser jedoch, weil er unsicher war, ob er uns so etwas unluxuriöses überhaupt anbieten konnte. Am Ende entschied er sich dagegen und führte uns zu einem kleinen Hotel am Strand, in dem er uns ein Zimmer buchte. Die übergewichtige Hoteldame führte uns in den dritten Stock und zeigte uns das Zimmer. „Ich werde noch ein zweites Bett hineinstellen!“ sagte sie und gab uns den Schlüssel, „ihr könnt euch derweil ja noch ein bisschen in der Stadt umsehen. Da wir noch nichts zu Abend gegessen hatten, nahmen wir den Vorschlag dankend an. Wir bedankten uns beim Pfarrer und verabredeten uns mit ihm für den nächsten Morgen.

Als ich mich nach unserem abendlichen Spaziergang auf mein Bett setzte, brach ich als aller erstes damit zusammen. Ich hatte an diesem Tag schon mehrere Situationen erlebt, in denen ich das Gefühl hatte, kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen, doch an dieser Stelle hatte ich nicht im Geringsten damit gerechnet. Als ich mir das Desaster genauer ansah, stellte ich fest, dass das Bettgestell aus einem hauchdünnen Aluminiumblech bestand, dass sich einfach verbogen hatte. Wir richteten es wieder aber ich zog es dennoch vor, meine Matratze auf den Boden zu legen. Sicher ist sicher.

Da wir unsere Pilgerwagen im Gemeindehaus gelassen hatten, trafen wir uns in der Früh mit dem Pfarrer, der uns wieder dorthin zurückführt. Auf dem Weg lud er uns noch in ein Café ein. Es war eines der Cafés, in dem wir am Vorabend nach etwas zu Essen gefragt hatten. Die Chefin hatte uns mit der Begründung abgelehnt, dass sie nicht die Chefin wäre und daher nichts entscheiden könne. Als sie nun mitbekam, dass wir mit dem Pfarrer hier waren, war ihr die Situation so peinlich, dass sie uns gleich einen teller mit Süßgebäck hinstellte.

Der Pfarrer gab uns einige Adressen von Klöstern in der Umgebung, die wir besuchen können, wenn wir daran vorbeikommen. Plötzlich sprang ein Mann von einem anderen Tisch auf und kam zu uns herüber. „Ich spreche Englisch!“ erzählte er stolz und begann von nun an, alles zu übersetzen, was der Pfarrer berichtete. Es war wieder einmal wirklich nett gemeint, doch er brachte den armen Pfarrer damit so sehr aus dem Konzept, dass dieser kaum mehr wusste, was er sagen wollte. Hätte der Mann auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, ob wir seine Hilfe brauchen oder nicht, wäre er vielleicht auf die Idee gekommen, zu fragen ob wir Spanisch sprechen. Es war ein Top-Beispiel dafür, wie hilfsbereit die Menschen hier oft waren, und wie sehr sie einem das Leben damit erschweren konnten. Gut gemeint ist leider eben doch oft das Gegenteil von gut. Für mich wäre es eine gute Übung gewesen, den Mann freundlich daraufhin zu weisen, dass wir seine Hilfe schätzten aber nicht benötigten. Doch darauf kam ich leider erst einige Stunden später.

Nachdem wir die Stadt verlassen hatten, führte uns der Jakobsweg wieder zwischen Küste, Schnellstraße und Autobahn entlang. Über den Weg gibt es darüberhinaus nicht viel zu berichten. Die Landschaft war schön, der Straßenlärm nicht. Wir waren noch immer erschöpft und suchten uns so bald wie möglich eine Unterkunft. In der ersten Ortschaft scheiterten wir daran, dass der Eigentümer acht Euro verlangte und ich ihn nicht zu einer Ausnahme überreden konnte, obwohl ich mit grimmigem Blick und verschränkten Armen versuchte, ihm gegenüber offen und verständnisvoll zu sein. Vielleicht sollte ich an dieser Taktik noch etwas feilen.

In der zweiten Ortschaft mit dem wohlklingenden Namen Pontarón de Guriezo hatten wir mehr glück. Hier gab es eine kostenlose Herberge für die man sich einfach einen Schlüssel in einer Baar abholen musste. Dort trafen wir auch auf Kathrin, eine deutsche Pilgerin, die ebenfalls die Nacht in der Herberge verbringt.

Da heute der erste Mai und somit ein Feiertag ist, mussten wir zum Essen beschaffen wieder einmal an Haustüren klingeln. Was in einem Ort der eine halbe Geisterstadt ist, gar nicht so leicht ist. Dennoch bekamen wir genug, um auch Kathrin mitzuversorgen.

Den Nachmittag verbrachten wir dann gemeinsam und freuten uns darüber, wieder einmal mit jemandem auf deutsch sprechen zu können. Nebenbei flickte ich meinen Rucksack, der nach 2400km langsam einige Scheuerstellen bekommt. Dass dieses moderne Material auch nichts mehr aushält!

Spruch des Tages: Nur wer es schafft, auf einer Autobahn zu meditieren, hat seine innere Ruhe gefunden.

 

 

Höhenmeter: 340m

Tagesetappe 14 km

Gesamtstrecke: 2447,47 km

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