Tag 641: Wieder alleine – Teil 1

Das Aufwachen am Morgen fühlte sich komisch an. Irgendetwas fehlte. Wir waren mehr als eineinhalb Jahre zu zweit gereist und Paulina war nur knapp einen Monat bei uns gewesen. Dennoch war es ein seltsames Gefühl zu wissen, dass sie nicht da war. Ich lag in meinem Schlafsack uns lauschte auf das Knistern, das um diese Zeit immer aus dem Nachbarzelt kam. Doch es war nicht da. Heiko ging es nicht viel anders.

„Irgendwie vermisst man sie schon, oder?“ fragte er, noch eher er richtig wach war. Ich nickte, wiederholte die Geste dann aber noch einmal mit Worten, als mir auffiel, das Heiko noch immer seine Schlafbrille trug und mich überhaupt nicht sehen konnte.

Auf dem Weg durch das langgezogene Tal dachten wir viel über die vergangenen vier Wochen nach und sprachen auch intensiv über unsere gemeinsame Zeit mit Paulina. Es gab viele Punkte, die das Zusammenleben mit ihr noch schwierig für uns machten und doch hatte sie mehr Potential, als wir je zuvor in irgendeinem anderen Menschen gesehen hatten, der als Herdenmitglied in Frage kam. Ihre Ängste und Blockaden saßen tief, vielleicht tiefer als bei uns selbst und doch, oder gerade deswegen hatte sie eine unglaubliche Willenskraft. Sie wusste, dass ihr ein Leben in Freiheit bestimmt war und sie hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Wie viel Wille, wie viel Entschlossenheit und wie viel Mut musste in einem Menschen stecken, der sein komplettes bürgerliches Leben auflöste, sich einen Wagen kaufte und sich auf eine Reise machte, gemeinsam mit zwei Menschen, die sie gerade einmal 10 Tage und 5 Minuten persönlich gesehen hatte? Natürlich hatten wir seit ihrem Besuch in Spanien viel telefoniert und regelmäßig geskyped, aber trotzdem. Wo würden wir wohl stehen, wenn wir diesen Mut gehabt hätten, nicht unserem hundertsten sondern gleich einem unserer ersten Impulse zu folgen? Seit der frühsten Kindheit wussten wir, dass es unsere Bestimmung war, als Forscher, Abenteurer, Entdecker und Heiler um die Welt zu ziehen und trotzdem hatten wir uns dazu hinreißen lassen Kulturpädagogik zu studieren und eine Ausbildung zum Versicherungsfachwirt zu machen. Wie oft hatte es Punkte in unserem Leben gegeben, in denen wir den Impuls hatten, einfach alles loszulassen und aufzubrechen? Und wie oft hatten wir es aus Angst nicht gemacht? Wir mussten erst eine Wildnisschule gründen und mehrere Jahre lang Seminarteilnehmer auf ein Leben im Einklang mit der Natur vorbereiten, bis wir gemeinsam den Mut aufbrachten, selbst ein solches Leben zu führen. Wohlgemerkt gemeinsam. Wir waren uns beide vollkommen bewusst, das keiner von uns diesen Schritt gewagt hätte, wenn der andere nicht mitgegangen wäre. Und selbst wenn wir alleine aufgebrochen wären, keiner von uns hätte es alleine so weit gebracht. Was aber wäre gewesen, wenn wir vor 10 oder 15 Jahren irgendwo einen Mentor getroffen hätten, der bereit gewesen wäre uns auszubilden und uns den Weg in die Freiheit zu zeigen, unter der Bedingung, dass wir dafür unser bisheriges Leben an den Nagel hängen, unser Studium bzw. unseren Job hinschmeißen und irgendwo ans andere Ende der Welt oder zumindest ans andere Ende Europas fahren um dort etwas neues zu beginnen, das wir uns bis dahin nicht einmal vorstellen konnten? Hand auf´s Herz! Hätten wir diesen Mut gehabt? Ganz ehrlich?

Nein! Ich weiß nicht wie es mit Heiko ist, aber ich hätte diese Chance verstreichen lassen und würde mich noch heute darüber ärgern.

Der Mut, den Paulina aufbrachte, um überhaupt die Zelte abzubrechen und loszugehen, verdient allerhöchsten Respekt! Vollkommen gleich, was immer auch noch passieren wird.

Doch gerade deshalb fiel es uns so schwer zu verstehen, warum sie so ein Problem damit hatte, diesen kleinen inneren Schritt zu gehen, durch den sie wirklich und wahrhaftig in diesem neuen Leben ankommen konnte. Sie hatte in einem Gefängnis mit 100 Mauern gelebt und hatte ohne zu zögern 99 davon überwunden. Nun aber saß sie auf der hundertsten Mauer, ließ die Beine in die Freiheit baumeln und traute sich nicht herunterzuspringen. Das konnte doch nicht sein! Es musste doch einen Weg geben, wie sie auch diesen kleinen Sprung in die Freiheit noch schaffen konnte. Vielleicht schaffte sie es ja gerade in diesem Moment! Wir konnten nur hoffen! Wenn es jemanden gab, der in der Lage dazu war, dann war es Paulina, da waren wir uns sicher!

Wir kamen an ein Haus, das relativ vielversprechend aussah, was den Erfolg einer Essensbitte anbelangte. Zu unserer Überraschung stellten wir fest, dass es sich dabei nicht nur um ein Wohnhaus sondern um einen kleinen Minimarkt handelte, den man von der Straße aus, nicht hatte erkennen können. Auf der Terrasse saßen einige Männer, darunter auch ein Mann, der eigentlich in Österreich lebte und daher fließend Deutsch sprach. Er lud uns ein und wir durften aus dem kleinen Lädchen aussuchen, was immer wir wollten. Alles war in Ordnung, sogar Saft und Chips. So mau wie es gestern gewesen war, so reich wurde es heute. Nahrungstechnisch hatten wir bereits vor 10 Uhr den Jackpot geknackt. Besser konnte es kaum gehen.

Wir machten eine kleine Frühstückspause auf einem brandgerodeten Feld und gingen dann weiter durch das ruhige und schöne Tal. Es war ungewohnt, dass es nun so still und friedlich war. Paulina war mitten aus einer Großstadt zu uns gekommen und hatte dadurch zwangsläufig auch viel von der städtischen Unruhe mitgebracht. Auch dies fiel uns erst jetzt so richtig auf. Wir waren wirklich aus zwei vollkommen verschiedenen Welten gekommen und mitten im Verkehrschaos von Sarajevo aufeinandergeprallt. In den vergangenen eineinhalb Jahren hatten wir uns schleichend so sehr an das Draußenleben und das Nomadentum gewöhnt und angepasst, dass uns gar nicht aufgefallen war, wie sehr wir uns selbst dadurch verändert hatten. Paulina hatte uns noch einmal vor Augen geführt, wie wir am 01.01.2014 gestartet waren, wie viel Stress und Hektik damals noch in uns steckte und wie sehr wir eigentlich noch immer zuhause gelebt hatten. Mit ihr rückte vieles noch einmal in den Mittelpunkt, das wir schon völlig aus den Augen verloren hatten. Sowohl im positiven, wie auch im negativen.

Auf eine gewisse Weise war viel von der Harmonie und von dem Gleichklang verloren gegangen, den wir im Laufe der Zeit aufgebaut hatten. Warum eigentlich? Was waren eigentlich die Punkte, die das Zusammenleben mit Paulina für uns gerade schwierig machten. Denn dass es nicht an ihr lag, war ja logisch. Wir mochten sie ohne Ende und hatten sie wirklich gerne bei uns. Es lag also nicht an einer grundsätzlichen Disharmonie, die zwischen uns herrschte, sondern einfach an Themen, die sie von zuhause mitgebracht hatte und die es noch zu lösen galt. Ähnlich wie auch wir ganze Wagenladungen an Themen hatten, die es noch loszulassen oder aufzulösen galt.

Mir fiel auf, dass Paulina ja lustiger Weise bei ihrer Ankunft sogar ganz plastisch einen symbolischen Rucksack mitgebracht hatte, der ihr das Leben schwer machte. Es hatte eine Menge Dinge gegeben, die sie nicht hatte loslassen können und so hatte sie nicht nur ihren Wagen sondern auch noch einen schweren Sack dabei, den sie auf dem Rücken die Berge hoch schleppen musste. Das hatte sie bereits nach wenigen Metern ausgeknockt und ohne den rettenden Anker in dem kleinen Hostel, wäre dieser Tag sicher eine Katastrophe geworden. Erst, als Heiko ihr dabei geholfen hatte, zwischen wichtigen, hilfreichen und unwichtigen, belastenden Dingen zu unterscheiden und allen unnötigen Ballast über Bord zu werfen, war sie in der Lage gewesen, die Stadt zu verlassen. Der Prozess des Loslassend war schmerzhaft gewesen und bei vielen Dingen hatte es ihr in der Seele weh getan, sie im Müllcontainer verschwinden zu sehen. Doch sobald sie weg waren, spürte sie die Erleichterung und konnte zum ersten Mal richtig aufatmen, als sie spürte, dass ihr der Druck von den Schultern genommen wurde. Der gleiche Prozess stand nun noch einmal an, nur diesmal eben auf der seelischen und nicht auf der physischen Ebene.

Doch worum ging es konkret? Was war es, das Paulina das Leben und uns das Zusammenleben mit ihr schwer machte?

Da waren zunächst einige Lebensstrategien, die sie sich angeeignet hatte, um in der Gesellschaft zurecht zu kommen. So lange sie im goldenen Käfig der Komfortzone lebte, waren diese Strategien überlebenswichtig gewesen, doch nun standen sie ihr im Weg wie ein rostiger Kuhzaun.

Eine dieser Überlebensstrategien war ein bisschen mit der eines Kuckuckskindes vergleichbar. Es ist eine Strategie, die viele Menschen anwenden, denen es schwer fällt, selbstständig zu werden. Da man auch als unselbstständiger nicht sein ganzes Leben lang zuhause bleiben kann, oder will, richtet man sich einfach an anderen Orten ein neues Nest ein. So habe ich beispielsweise immer gerne Freunde gehabt, dessen Familien mich wie ein eigenes Kind aufgenommen haben. Das war bereits zu Schulzeiten so und hat sich später mit Heikos Familie fortgesetzt. In der Uni war es sehr ähnlich, nur dass es hier keine Familie im traditionellen Sinne war, sondern eine Studentenfamilie, die aus meiner WG und anderen Freunden bestand. Diese Strategie erfand ich mehr oder weniger zufällig in der 11. Klasse, als ich das erste Mal begann, mich von zu hause zu lösen. Bis dahin war ich nach der Schule immer direkt nach Hause gekommen und hatte mich meist nicht einmal getraut, in der Mensa etwas zu Essen, weil ich ja wusste, dass meine Mutter gekocht hatte. Verabredungen mit Freunden gab es in dieser Zeit vielleicht alle drei bis vier Wochen einmal. Mein Leben spielte sich also hauptsächlich zwischen dem Haus meiner Eltern und meiner Schule ab. Dann aber begannen sich die Freundschaften zu vertiefen und ich lernte neue Freunde kennen, mit denen es eine wirkliche Verbindung gab. Ich konnte nicht mehr daheim in der Stube hocken, sondern musste ausfliegen. Mein Alltagsleben änderte sich, nicht aber meine innere Haltung. Statt bei meiner Mutter verbrachte ich die Zeit nun bei meinen Freunden, wo ich wieder so aufgenommen wurde, als wäre ich daheim. Auf diese Weise schaffte ich es, relativ frei durchs Leben zu kommen, ohne dabei selbstständig werden zu müssen. Erst durch die Touren und die verschiedenen Ausbildungen in der Wildnis, kam das erste Mal eine wirklich Absicht in mir auf. Ich verstand dabei, dass ich mich auf mich selbst verlassen musste, wenn ich zurecht kommen wollte.

Auch Paulina hatte sich diese Strategie zurecht gelegt. Sie hatte genauso viel Angst davor, selbstständig zu werden, wie ich es hatte und hatte sich daher auch immer fremde Nester gesucht in die sie sich hineinkuscheln konnte. Bei ihr waren es hauptsächlich frühere Beziehungen.

Auf den ersten Blick ist diese Lebensstrategie natürlich nicht verkehrt, denn es ist sicher, bequem und man hat meist Menschen um sich herum, die man mag und die sich um einen kümmern. Der Haken dabei ist nur, dass man nicht merkt, wie unselbstständig man eigentlich ist. Man spürt nicht, dass man sich nicht weiterentwickelt und dass man immer auf dem Stand eines Kindes stehen bleibt. Das schlimmste ist jedoch, dass man nicht merkt, dass es einem damit eigentlich nicht gut geht. Es ist bequem und einfach, aber nicht erfüllend. Man ist wie ein Schiff, dass in einem schönen Hafen steht und täglich geputzt und poliert wird. Es ist hier vollkommen sicher und eigentlich gibt es nichts, was man an diesem Hafenplatz aussetzen könnte. Doch ein Schiff ist dafür nun mal einfach nicht gebaut. Es braucht die See um seine Erfüllung zu finden, denn sonst wird es irgendwann einfach vor Sehnsucht eingehen. Angenommener Weise natürlich, ein Schiff hätte Gefühle.

Das Problem ist, dass es im Hafen keinerlei Leidensdruck gibt. Es gibt keine Notwendigkeit zu wachsen, sich zu entwickeln oder selbstständig zu werden. Auch wenn man unglücklich ist, geht es einem trotzdem noch gut genug, um nichts verändern zu müssen. Man bleibt also stets auf der niedrigsten Stufe seiner eigenen Existenz, auf der man herumkrebst und sich wundert, warum man keine Erfüllung findet.

Da Paulina sich dieses Mechanismus jedoch nicht bewusst war, ging sie unbewusst davon aus, dass sie auch in unserer Herde ein solches Nest finden würde, in das sie sich hineinsetzen und es sich hier gemütlich machen konnte. Natürlich wollte sie lernen und natürlich wollte sie sich entwickeln, doch sie hatte auch gehofft, dass wir die wirklichen Gefahren und Herausforderungen von ihr fern halten würden. In letzter Instanz würden wir die Verantwortung schon für sie übernehmen, doch genau dieser Gedanke machte das Zusammenleben schwierig. Vor allem deshalb, weil er nicht nur von ihr kam, sondern von allen Seiten, die irgendwie mit uns in Kontakt kamen.

„Man muss sich doch um einen Neuankömmling kümmern!“

 

Fortsetzung folgt ...

Spruch des Tages: Im Hafen ist ein Schiff sicher, aber dafür ist es nicht gebaut.

Höhenmeter: 190 m

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 11.381,27 km

Wetter: teils sonnig, teils bewölkt, später heftiger Sturm

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, kurz hinter Vreshtas, Albanien

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