Tag 919: Ein schlechter Zeitpunkt für Durchfall

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Tag 919: Ein schlechter Zeitpunkt für Durchfall

Tag 919: Ein schlechter Zeitpunkt für Durchfall

18.-20.06.2016
Die folgenden Tage verschwammen im Einheitsgrau der Hitze, der Eintönigkeit und der Mücken. Jeden Tag wurde es schlimmer, was die stechenden Biester anbelangte. Sogar das Kacken-Gehen wurde zur reinsten Tortour, denn es war nicht möglich, ohne dass man hunderte von Mücken im Hintern stecken hatte. Schatten gab es nun so gut wie überhaupt nicht mehr. Und wenn, dann waren es Bäume, die in Sumpfgebieten oder direkt an der Donau standen. Oder beides. Hier zog sich dann jeder zurück. Unendlich viele Mücken bedeutete auch unendlich viele Frösche, die Nacht für Nacht ein lautes Konzert von sich gaben. Einmal als ich in der Nacht an einer Mauer gelehnt schrieb, kam einer von ihnen zu meinem Fuß gehüpft und verspeißte die Mücken um mich herum. Zwei Mal konnte ich ihn aus den Augenwinkeln dabei sogar direkt beobachten, wie er mit seiner langen, klebrigen Zunge einen Mosquito erbeutete.

21.06.2016
Die Hitze verlangt uns nun sämtiche Kraftreserven ab. So heiß und erbarmungslos war es in unserem ganzen Leben noch nie! Inzwischen sind wir uns vollkommen sicher: Rumänien ist mit Abstand das härteste und unbarmherzigste Land, das wir je bereist haben. Nicht von den Menschen, die sind noch immer nett und hilfsbereit. Aber vom Land selbst. Die komplette Natur auszulöschen und durch eine Agrarwüste zu ersetzen ist eben doch keine so richtig gute Idee. Die einzigen Plätze, an denen wir noch einigermaßen zelten können, sind nun mitten in den Ortschaften. Nach unseren Erfahrungen in der Vergangenheit macht das immer kein gutes Gefühl, aber im Moment scheint es in Ordnung zu sein. Die meisten Menschen ignorieren uns und andere bringen uns teilweise sogar etwas zum Essen. Gestern kam ein Mann an unserem Platz vorbei, der Italienisch sprach und mich sogar ein Stück auf seiner Pferdekutsche mitfahren ließ. Auch die Polizei sieht die Sache entspannt. Wenn wir entdeckt werden, fragen die Polizisten meist nur, ob wir etwas brauchen.

Heute war die einzige Ausnahme, weil wir ein kleines Wäldchen genau zwischen zwei Orten entdeckten, das wir sofort nutzen wollten. Später bereuten wir diese Entscheidung, denn es wurde der mückenreichste Platz, den ich je betreten hatte. Solange die Sonne schien, war es noch einigermaßen erträglich, doch sobald es zu dämmern begann, kamen die kleinen Biester zu tausenden aus ihren Verstecken gekrochen. Ein Aufenthalt im Freien war nun fast unmöglich. Um an meinem Text weiter zu schreiben, hüllte ich mich in meine Regenkleidung, spannte mein Halstusch vor das Gesicht, zog meine Handschuhe an und mummte mich so ein, dass wirklich nur noch meine Augen rausschauten, die aber unter der Brille versteckt waren. Trotzdem schafften es immer wieder einige Vertreter des Mückenvolkes meinen Schutzschild zu durchdringen.
Als ich später ins Zelt zurückkehrte brachte ich allein in dem kurzen Moment, den ich benötigte, um durch den eingang zu klettern gut 15 Mücken mit ins Innenzelt. Es war, als würden wir von einer Armee des Teufels belagert. draußen befanden sich Tausende und Abertausende von Mücken, die so Blutgeil waren, dass sie auf nichts mehr Rücksicht nahmen. Wenn wir im Zelt unsere Taschenlampe bewegten, dann folgte das laute Summen der unzähligen Blutsauger dem Lichtschein. Doch nicht nur das! Wie bei einem Regen prasselten die Mücken auf das Zeltdach, weil sie im Sturzflug auf das Licht zurasten, so als hofften sie die Plane einfach mit ihren Köpfen durchstoßen zu können. Sobald man auch nur für eine Millisekunde mit einem Körperteil die Zeltwand berürte, hatte man einen Stich, denn sie lauerten überall und wenn sie etwas durchdringen konnten, dann nutzen sie es auch.

Ungünstiger Weise hatte Heiko genau an diesem Tag mit Magen-Darm-Problemen und Durchfall zu kämpfen. In der Zeit, in der ich noch zu schreiben versuchte, hatte er bereits ein oder zwei Mal vor die Tür gemusst und nun war sein Huntern bereits ein einziger Mückenstich. Jetzt, wo wir so dermaßen belagert wurden, war es jedoch unmöglich, das Zelt zu verlassen, ohne dass wir tausende von Mücken ins Innenzelt ließen. Er musste es sich also verkneifen, bis die Sonne aufzugehen begann. Unzählige Male war er in der Nacht aufgewacht und hatte mit dem Gedanken gespielt, sich einfach eine Tüte zu krallen und als Notdurftbehälter zu verwenden. Er tat es nicht, aber jeder, der schon einmal Durchfall hatte weiß, was für Höllenqualen es sind, wenn man den Druck im Hintern verspürt und ihn eine ganze Nacht lang unterdrücken muss.

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Spruch des Tages: Gibt es etwas schlimmeres, als Durchfall zu haben und nicht Kacken zu können?
Höhenmeter: 390 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 16.274,27 km
Wetter: sonnig und heiß
Etappenziel: Zeltplatz in einem Hohlweg, kurz hinter Bălăurești, Moldawien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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