Tag 959: Fehler vertuschen

03.08.2016

Heute war es endlich soweit! Die ungarische Grenze lag zum Greifen nahe und es waren nur noch wenige Kilometer, bis wir die Ukraine hinter uns lassen konnten. Um ihrem Stil treu zu bleiben verabschiedete sie sich noch einmal mit einem Feuerwerk an Highlights und Skurrilitäten. Das beste davon war die Frau, die eine laut polternde Schubkarre über die löchige Schotterstraße schob. Die Karre polterte deswegen so stark, weil sie kein Rad mehr hatte, sondern auf der Felge fuhr. Beim näherkommen erkannten wir, was sich in der Karre befand: Es war das eigene Rad. Als wir das sahen mussten wir so sehr anfangen zu lachen, dass auch die Frau nicht mehr ansich halten konnte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie lächerlich ihre Tat für einen Außenstehenden wirken musste. Ich glaube, so viel Freude hatte sie schon lange nicht mehr. Insgesamt war uns aufgefallen, dass die Menschen hier nur sehr wenig lachten oder scherzten. Es gab peinlich berührtes Lachen oder hin und wieder einmal Schadenfreude, aber echtes, herzliches und gemeinschaftliches Lachen war uns bislang noch gar nicht aufgefallen.

Kurz vor der Grenze steigerte sich das Straßenchaos noch einmal ins Unerträgliche. Was all die vielen Menschen hier wollten und warum sie wie wild in der Gegend herumheizten, war uns ein Rätsel, doch es schien als hätte jemand ein Preisgeld für den unangenehmsten Verkehrsteilnehmer ausgesetzt. Der absolute Topfavorit in diesem Sektor war eine Art Minitraktor mit Außenmotor. Nich nur dass er lauter war als ein startender Düsenjet und dabei eine Höchstgeschwindigkeit von vier km/h erreichte. Er bließ auch eine dicke, schwarze Rauchwolke in den Himmel, die durch den, zwar äußerst geringen, aber trotzdem vorhandenen Fahrtwind, direkt in die Gesichter des Fahrers und Beifahrers wehte. Konnte man sich mit einer Fortbewegungsmethode noch mehr selbst schaden und nerven, als mit dieser?

Auf den letzten Metern vor der Grenze steigerte sich der Tummult noch einmal, denn hier gab es nun auch eine Art Basar, auf dem lauter Billigware aus China angeboten wurde, die aber immer mit "Ungarische Qualität" übertitelt war. Jeder, der auch nur ein einziges Mal ein Stück Kleidung in der Hand gehalten hatte wusste, dass es wertloser Ramsch war, doch die Leute kauften wie verrückt und jagten von einem Schnäppchen zum nächsten. Da wir selbst uns nicht mit derartigem Ballast belasten wollten, tauschten wir unser restliches, ukrainisches Geld an der Grenze gegen Euro ein. Laut offiziellem Wechselkurs hätten wir eigentlich etwas über 70€ dafür bekommen sollen, doch die Dame am Schalter gab uns 100€ heraus und meinte, dass es so stimmt. Einige der Scheine wirkten auf uns etwas seltsam, was entweder daran lag, dass sie komplett neu waren, oder dass sie uns Blüten untergejubelt hatte. Möglich war beides. Wenn die Scheine Echt waren, hatten wir 30€ gewonnen, waren sie falsch hatten wir den gleichen Betrag verloren. Da wir aber ohnehin alles geschenkt bekommen hatten, spielte das im Moment keine große Rolle.

Gegenüber der Grenze war der Basar davor jedoch ein Kindergarten. Die Autos reihten sich hier Kilometerweit auf und wurden alle systematisch kontrolliert. Zum ersten Mal waren wir jedoch nicht die einzigen Fußgänger. Es gab dieses Mal sogar einen gesonderten Fußgängerbereich, durch den man wandern musste und auch hier gab es eine kleine Schlange mit wartenden Grenzgängern. Die meisten von ihnen hatten prall gefüllte Einkaufstüten unter den Armen.

Mit dem Grenzübertritt war es, als würden wir in eine völlig neue Welt eintauchen. Auf der ukrainischen Seite war es laut, hektisch ungemütlich und voll von Abgasen gewesen. All dies war nun wie mit einem Messer abgehackt und plötzlich kamen wir in eine ruhige, entspannte und angenehme Gegend. Noch immer gab es Verkehr und noch immer gab es kläffende Hunde in den Gärten, aber alles wirkte bedeutend friedlicher und harmonischer. Hier erkannte man plötzlich eine Baseline.

Wir durchwanderten zwei kleine Orte und mit jedem wurde es noch ein bisschen ruhiger. Auffällig war, dass auch hier wieder unglaublich viele Sinti und Roma lebten, die teilweise mehr als die Hälfte der Ortschaften in ihrem Besitz hatten. Anders als in Bulgarien gab es hier aber keine Slums. Sie waren vielmehr direkt in die Dörfer integriert, wenngleich ihre eigenen Häuser noch immer heruntergekommen und verwahrlost wirkten.

Im dritten Ort machten wir eine kleine Pause an der Kirche. Wie lange wir schon keine Pausen mehr in Ortschaften machen konnten, weil diese immer unangenehm waren, konnten wir nicht einmal mehr sagen. Hier jedoch gab es einen schönen Platz in einem kleinen Park, an dem man gerne etwas verweilte. Nach der Stärkung machte ich mich auf, um nach einem Schlafplatz zu fragen. Auch dies hatten wir schon seit langer Zeit nicht mehr gemacht und es fühlte sich fast fremd an. Zunächst schien es, als hätten wir damit keinen Erfolg. Die Sprachbarriere war gigantisch und die Menschen hier waren viel zu ängstlich, um einen Fremden in ihr Dorf zu lassen, den sie nicht einmal verstanden. Dann aber war es gerade diese Angst, die uns die Läsung schenkte. Einige der Frauen im Ort geriehten schier in Panik über die beiden verschmutzten, Vagabunden, die mit ihren schlammigen Ziehwägen und ihren zerrissenen Kleidern vor ihren Grundstücken herumlungerten.

Ihre Angst war so groß, dass sie den Pastor dazu überredeten, die Polizei zu rufen. Als wir gerade an einem öffentlichen Wasserhahn unsere Kleider wuschen (man bemerke bitte: Es gab hier einen öffentlichen Wasserhahn!), kam ein Streifenwagen mit drei Polizisten und einer ukrainischen Grenzbeamtin um unsere Ausweise zu kontrollieren. Einer der Beamten sprach jedoch Deutsch und so konnten wir ihm recht gut erklären, wer wir waren und dass wir keine bösen Absichten hatten. Nun kam noch eine weniger ängstliche Anwohnerin hinzu, die sich über die Panikmache ihrer Nachbarn ärgerte und die beschloss, die Sache in die Hand zu nehmen. Gemeinsam mit dem Polizistendolmetscher und ihr gingen wir zum Pfarrhaus und wenige Minuten später bekamen wir ein Gästezimmer mit Dusche und allem drum und dran. Auch der Pastor und seine Frau sprachen recht gut Deutsch und trauten sich nun auch es anzuwenden. Wir bekamen eine heiße Suppe, Maiskolben und eine Brotzeit und fühlten uns zum ersten Mal seit langem wieder wirklich willkommen. Den Rest des Tages verbrachten wir damit, all unsere Kleidung zu waschen und die wichtigsten Reparaturarbeiten an unseren Wagen zu erledigen.

Und genau bei einer dieser Reparaturaktionen fiel ich wieder einmal in ein altes Muster zurück mit dem ich mir und Heiko das Leben unnätig schwer machte. Das Hauptproblem war immer noch die extreme Hektik in mir. Das System war immer wieder das gleiche und eb begleitete mich schon mein ganzes Leben. Jetzt wurde es mir nur bewusst und dadurch wurde es gerade noch einmal schlimmer. Ich hatte das Gefühl keine Zeit zu haben, weil es 100.000 Sachen zu erledigen galt. Am liebsten würde ich alles auf einmal machen und sofort abreißen und abschließen, damit mein Kopf wieder frei ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich erst dann wieder locker und entspannt sein kann, wenn alles erledigt ist. Dadurch verfiel ich in einen Dauerstress, durch den ich vollkommen unkonzentriert wurde. Ich war nie bei der Sache. Wenn wir wanderten war ich in Gedanken schon am Ankommen und Losschreiben, wenn wir eine Pause machten war ich in Gedanken bereits beim Weiterwandern, wenn ich schrib war ich in Gedanken schon wieder beim nächsten Text und so weiter. Mein Leitsatz lautete daher: "Schnell, schnell, schnell, bloß keine Zeit verlieren!" Darum nahm ich mir für nichts richtig Zeit und vor allem nicht zum Nachdenken. Ständig kam es so zu unvermittelten Kurzschlussreaktionen. Ich sah ein Problem oder eine Aufgabe, reagierte automatisiert mit einer vollkommen unüberlegten Handlung und machte irgend einen Scheiß, der alles kaputt machte. In diesem Fall war es, dass ich das Deichselaufhängungsband meines Wagens ausbauen wollte, damit ich es nähen konnte. Nur noch schnell die Schraube lösen, dann kannst du auch diese Aufgabe abhaken!

Dabei habe ich keine einzige Sekunde damit verbracht, mir die Schraube einmal anzusehen, so dass ich hätte bemerken können, dass sie voller Dreck war, so dass der Schraubenschlüssel nicht greifen konnte. Sie wollte sich nicht sofort lösen, weil sie vom Schweiß und Staub komplett verpekt war und so riss ich mit voller Kraft an. Es gab einen Ruck und die Schraube war ausgeleiert, so dass man sie nicht mehr drehen konnte. Hätte ich an diesem Punkt inne gehalten und gesagt: "Alles klar Franz, du hast wieder einmal deinen üblichen Scheiß gebaut, also betrachte die Situation in Ruhe, gehe alle Lösungsmöglichkeiten durch, die dir einfallen, besprich dich mit Heiko, weil du ja weißt, dass du alleine die Sache gerne verschlimmerst und schau dann ganz in Ruhe, was getan werden kann und was nicht."

Doch stattdessen reagierte ich mit meinem zweiten, automatischen Standartprogramm. Ich erkannte, dass ich Scheiße gebaut hatte, bekam sofort das Gefühl, deswegen nicht mehr geliebt zu werden und ein schlechter Mensch zu sein und versuchte daher meinen Fehler wieder ungeschehen zu machen. Es ging mir nicht darum, eine Lösung zu finden, die am Ende funktioniert. Es ging mit darum, die Sache so zu drehen, dass es aussehen musste, als hätte es nie ein Problem gegeben. Sogar ein aussichtsloser Zustand, bei dem das Problem noch immer bestand, es aber wirkte, als wäre es nicht meine Schuld, war für mich eine akzeptable Möglichkeit. Mein Hauptproblem waren also nicht meine Fehler, sondern meine Angewohnheit, nicht dazu stehen zu können und stets zu versuchen, sie zu verbergen. So griff ich zu weiteren vollkommen unüberlegten Handlungen, versuchte die Schraube mit Gewalt trotzdem zu lösen, sprühte Karamba hinein, so dass sie nun auch noch glitschig wurde und machte sie am Ende ganz kaputt. Erst jetzt war ich soweit, dass mir einleuchtete, dass der Fehler da war und sich nicht Rückgängig machen ließ. Alleine kam ich nicht weiter. Ich musste also Heiko um Hilfe bitten. Dieser war natürlich wenig erfreut darüber, dass er wieder einmal meinen Scheiß ausbaden sollte. Dass er merkte, dass ich bereits alles soweit versemmelt hatte, dass auch er nichts mehr ausrichten konnte, machte es nicht wirklich besser. Für die nächsten drei Stunden versuchte ich, die Schraube mit Hilfe einer Säge irgendwie wieder frei zu bekommen, doch auch diese Variante blieb ohne Erfolg. Ich hatte es also wieder einmal geschafft, einen ganzen Nachmittag zu vergeuden, ohne nur ein Stück weit voranzukommen, nur weil ich eine einzige unüberlegte Handlung begannen hatte und nicht dazu stehen konnte.

Doch wie kam es dazu, dass ich ständig diese Fehlerschlaufen machte und mich dabei immer und immer wieder genau gleich verhielt? Heiko und ich sprachen lange darüber und schließlich brachte er mich auf die Lösung. In meinem Kopf hatte ich einige Lügen als feste Glaubenssätze verankert. Einer davon war, dass ich nichts richtig machen konnte, ein weiterer, dass ich nie genügend Zeit hatte und ein dritter, dass ich nur dann geliebt wurde, wenn ich fehlerfrei war. Alle drei gemeinsam bildeten dann meine übliche Schlaufe. Ich habe keine Zeit, also werde ich hektisch und unkonzentriert.

Da ich davon überzeugt bin, nichts gut machen zu können, führte dieses Hektik natürlich automatisch zu neuen Fehlerteufeln und der Versuch, diese zu vertuschen machte alles nur noch schlimmer. Im Nachhinein betrachtet, war diese Situation unglaublich wichtig, um mir dieser Gedankenschleife überhaupt einmal bewusst zu werden, doch in dem entsprechenden Moment sah ich das etwas anders. Mein Selbsthass kochte wieder einmal über und ich verfluchte mich in Grund und Boden. Plötzlich zweifelte ich alles an, was wir in den letzten Tagen erkannt hatten und wieder einmal glaubte ich, dass ich niemals einen Fortschritt machen würde. Eine unendliche Angst stieg in mir auf. Wenn ich nun wirklich für all meine Fehler eine Konsequenz bekam, würde ich diese dann überhaupt aushalten? War ich in der Lage zu lernen, oder würde ich einfach irgendwann erschlagen werden, ohne einen einzigen Lernschritt gegangen zu sein. Mein Verstandesgegnet wetterte wieder einmal gegen alles und versuchte, mich zu überreden, einfach aufzugeben und gar nichts mehr zu machen. Bleib doch einfach der Trottel, der du bist, so schlimm war das doch gar nicht! Geh nach hause, bau wieder eine Scheinwelt auf und vergiss einfach dass du ein wahres Sein hast.

Du wirst es ja eh nie wirklich leben können, warum also willst du es überhaupt versuchen? Ich spürte, dass ich Angst hatte, wahnsinnige Angst davor, ich selbst zu sein und dies auch nach außen zu tragen. Ich hatte Angst vor der Veröffentlichung des Textes über meinen Wandel, vor den Mails an meine Schwester und meine Freunde und vor der Vorstellung, ein Tattoo zu tragen. All dies überkam mich nun wie eine Welle der Panik. Und wieder einmal war ich dabei, mir zu wünschen, dass alles anders war, als es nun einmal war. Ich konnte den Ist-Zustand einfach nicht annehmen. Irgendwann, wenn ich keine Angst mehr hatte und wirklich ich war, wenn ich zu mir stehen konnte und in die Erleuchtung kam, dann konnte ich mich auch lieben und die Dinge so annehmen, wie sie waren. Aber jetzt nicht. Doch genau darum ging es. Ich war nun einmal eine Muschi, die sich vor allem fürchtete und die vollkommen lebensunfähig war. Das war mein Ist-Zustand und dieser war vollkommen in Ordnung. Es war der beste Zustand um von hier aus zum Erwachen zu gehen, denn so konnte ich die größten Lernschritte machen und die Liebe optimal ausdehnen. Wenn diese Überzeugung doch nur vom Papier auch in meinen Kopf und in mein Herz fließen würde!

Zumindest was meinen Wagen anbelangte, schaffte ich es schließlich, den Ist-Zustand zu akzeptieren. Die Schraube ließ sich nicht lösen und so musste ich meine Deichselaufhängung einfach direkt am Wagen nähen. Es dauerte die halbe Nacht, aber es gelang.

Spruch des Tages: Lass mich, ich kann das! ..... Oh, kaputt.

Höhenmeter: 80 m Tagesetappe: 24 km Gesamtstrecke: 17.293,27 km Wetter: sonnig und heiß Etappenziel: Sozialwohnung der Stadt, Hencovce, Slowakei

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Tag 958: Ein Zombie, wie er im Buche steht

02.08.2016

Früher war mir nie so bewusst, was für eine großatige Erfindung die Mittags- und Abendruhe in Deutschland ist. Wenn bei uns jemand nach 18:00 Uhr mit dem Rasenmähen beginnt, ist das ein Grund um ihn legal lynchen zu lassen. Auf den ersten Blick mag das spießig klingen, aber es ist tatsächlich eine der besten Regeln die es bei uns gibt. Hier gibt es sie leider nicht und so fing gestern abend um 21:30 Uhr noch jemand an, mitten in der Ortschaft mit seinem lauten Spritzgerät in seinem Gewächshaus herumzuwerkeln.

Bevor wir schlafen gingen, testeten wir noch einmal meine Sanktionen aus und dieses Mal bekam ich meine erste Brennesselbehandlung. Das besondere an Brennesseln ist, dass sie nicht einfach nur unangenehm sind und eine Weile brennen, sondern den Körper zu starken Ausleitungsprozessen und zur Entgiftung anregen. In meinem Fall schwoll meine Haut teilweise bis zu einem Zentimeter an, da nun die Wassereinlagerungen, die ich in mir hatte, nach außen traten, so dass sie abgebaut werden konnten. Heiko, der ebenfalls einige Brennesseln abbekommen hatte, spürte nur ein leichtes Brennen, das nach einiger Zeit wieder verschwand. Meine Haut jedoch warf überall kleine Blasen und mit wurde gleichzeitig heiß und kalt. Später erzählte mir Heiko, dass er diesen Zustand nur allzu gut kannte. Es war meine erste echte Heilungsphase, bei der mein Körper auf meine seelischen Themen reagierte. Angenehm war es nicht, aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass sich etwas bewegte.

Am nächsten morgen wurden wir von einer Kuhherde geweckt, die an unserem Zelt vorbeischlenderte. Als wir ins Freie krochen, stand ein Junger Mann auf der Straße und starrte uns an. Er stand vollkommen regungslos da und verzog keine Miene, auch dann nicht, als ich ihn grüßte. Wie dreist konnte man sein, wenn man jemanden aus so kurzer Entfernung Minutenlang anstarrte und dann nicht einmal auf einen Gruß reagierte? Ich versuchte dem Jungen klar zu machen, dass ich etwas Abstand und Privatsfähre bräuchte, da ich gerade aufgestanden war und mein Morgendliches Geschäft verrichten wollte. Doch auch darauf erhielt ich keine Reaktion. Ich versuchte es mit Pantomime und gab es dann schließlich auf. Es gab immerhin ein halbwegs undurchsichtiges Gebüsch in der Näher und wenn er mir nun unbedingt beim Kacken zuschauen wollte, dann sollte er es halt machen. Ich konnte jedenfalls nicht länger warten. Auch von Heiko ließ er sich nicht stören und bis wir all unsere Sachen eingepackt hatten, stand er weitergin regloch in der Landschaft herum und gaffte Löcher in die Luft. Langsam hatten wir ihn sogar als Teil der Umgebung akzeptiert, der nicht weiter störend war als ein Baum oder ein Stein am Wegesrand. Als wir uns auf den Rückweg zur Hauptstraße machten, änderte er seine Salzsäulentaktik und fing nun an uns zu folgen. Allerdings nur so lange, wie auch wir vorwärts gingen. Sobald wir stehen blieben und uns umdrehten, stand er wieder reglos da, als hätte er schon immer an dieser Stelle gestanden. Ich weiß nicht, wie lange er dieses Spiel so durchzog, aber irgendwann war er einfach wieder Spurlos verschwunden. Ob er vielleicht ein Geist war, der hier über das seelenlose Land der Tomatenmisshandlung wachte?

Unsere Wanderung führte uns weiter durch die Gewächshäuser und es dauerte noch viele Kilometer, in denen die Mischung aus Verkehrslärm und Giftsprühern die Hölle war. Dann, so plötzlich, wie es begonnen hatte, endete die Plastikwüste und wir kamen in einen Wald. Von einer Minute auf die Nächste war der Spuk vorbei. Hier war es nun friedlich und ruhig. Die einzigen Menschen, die wir hier noch antrafen, waren vereinzelte Pilzsammler, die eine wirklich reiche Beute in ihren Körben trugen. Zum ersten Mal, seit wir die Ukraine betreten hatten, fühlten wir uns so, wie wir es uns in diesem Land vorgestellt hatten. Wir folgten dem Weg für eine knappe Stunde. Dann kamen wir an einen kleinen Ort, in dessen Nähe wir versteckt zwischen den Bäumen unser Zelt aufschlugen. Bereits am Vormittag hatten wir meine Sanktionen für diesen Tag ausgetestet und dieses Mal hatten sie sich wirklich ordentlich gewaschen. Im Vergleich zu dem, was in den kommenden Tagen noch folgen sollte, war es noch immer niedlich, aber verglichen mit den Anfängen gab es nun bereits eine ordentliche Steigerung. Das einzige, was mir davon jedoch wieder einmal wirklich zu schaffen machte, waren die Brennesseln. Noch immer spürte ich die Nachwirkungen der letzten Dosis und die war gerade einmal 45 Sekunden lang gewesen. Dieses Mal hatte ich mir gute drei Minuten erarbeitet.

Um an Strom und Internet zu gelangen suchte ich mir im Ort wieder einmal einen Minimarkt. Der einzige Platz, den mir die freundliche Verkäuferin anbieten konnte, war direkt vor der Kasse, eingeklemmt zwischen Bierkisten und Chipstüten. Ein besonders entspanntes Arbeiten war es nicht, vor allem nicht, weil wir ständig von nervigen Fliegen und einer noch nervigeren betrunkenen Frau heimgesucht wurden, die uns umkreisten wie Aasgeier. Am Abend wechselte ich dann zu einer Privatfamilie, die meinem Besuch gegenüber erst sehr skeptisch eingestellt war, mit zunehmender Zeit jedoch immer weiter auftaute. Am Ende bekam ich sogar noch etwas zum essen mit auf den Weg. Inzwischen war es jedoch so dunkel und neblig geworden, dass ich alle Mühe hatte, Heiko und unser Zelt überhaupt wieder zu finden.

Spruch des Tages: “Es gibt viele Wege, ein Mädchen kennenzulernen. Das Gehirn ihres toten Freundes zu fressen, um so seine Gedanken zu lesen ist eine etwas unorthodoxe, aber das ist es nunmal, was wir Zobies so machen” (aus Warmbodies)

Höhenmeter: 160 m Tagesetappe: 30 km Gesamtstrecke: 17.269,27 km Wetter: sonnig und heiß Etappenziel: Zeltplatz im Wald, kurz vor Rakovec nad Ondavou, Slowakei

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Tag 957: Im Land der Gewächshäuser

01.08.2016

Obwohl wir uns bewusst einen Platz ausgesucht hatten, der Abseits der Ortschaften lag, hörte man das laute Geschrei der Kinder noch bis tief in die Nacht hinein. Man merkte einfach, dass sie Ferien hatten und nichts mit ihrer Zeit anzufangen wussten. Irgendwie war es schon auch schade für sie, dass es hier so gar nichts gab, was sie tun konnten. Als wir weiter durch den Canyon gingen wurde uns noch einmal bewusst, dass wir wirklich den einzigen Platz erwischt hatten, an dem man hatte zelten können. Hätten wir ihn nicht genommen, wären wir danach wieder in eine Großortschaft gekommen und hätten die Nacht über durchwanern müssen.

Das Positive an diesem Tag war, dass wir gleich zwei Mal ein Eis ergattern konnten. Sonst überwog das Gefühl, dass wir diese Gegend so schnell wie möglich hinter uns lassen wollten. Der Straßenverker hatte wieder einmal deutlich zugenommen und war nun kaum noch auszuhalten. Dafür bot er aber immer wieder auch recht amüsante, skurriele oder beängstigende Anblicke. Der coolste von ihnen war ein Junge, der oben auf einem Heuwagen stand und darauf balancierte wie beim Rodeo-Reiten. Um ein Haar wäre er dabei fast an einem Baum hängen geblieben, doch er konnte noch in letzter Sekunde ausweichen. Ein großer Holslaster, der bis zur vollkommenen Überladung gefüllt war, raste an uns vorbei. Er hatte seine Ladung nicht einmal mit einer einzigen Schnur gesichert. Das Holz lag einfach oben auf und hoffte wahrscheinlich selbst, dass es nicht abstürzte. Kurz darauf kam ein nagelneuer Mercedes an uns vorbei, aus dessen Fenster ein Metallrohr ragte. Klar musste dieses Rohr irgendwie transportiert werden und sicher erfüllte es später einmal einen wirklich guten Zweck. Wie aber kam man auf die Idee, es auf eine Weise in ein so teures Auto zu stecken, bei der vollkommen klar war, dass sie es kaputt machen musste? Und wie kam man darauf, bei einer Fahrt mit einem solchen Rohr auch noch laute Herz-Schmerz-Volksmusik zu hören? Heiko kam aus dem frotzeln gar nicht mehr heraus: "Du musst dir das noch einmal auf der Zunge zergehen lassen!" meinte er scherzhaft, "Da bist du jetzt mit fünf Männern in einer so dicken Karre unterwegs und hast ein riesiges Rohr. Ich meine, das allein ist ja schon bemerkenswert, also fünf Männer, die mit einem solchen Rohr unterwegs sind. Und dann hört man so eine Musik dazu? Haben die Leute denn gar keinen Anstand mehr? Passen zu den fünf Männern mit dem Rohr kamen wir dann an einer Discothek mit dem großartigen Namen "Status" vorbei. Gab es eine Möglichkeit, um noch klarer zu offerieren, worum es den Menschen bei einem Besuch in diesem Etablissement ging? Man hätte die Disco ja auch gleich "Discothek Phallussymbol" oder "Disco zum Prollkopf" nennen können.

Schließlich kamen wir auf eine Nebenstraße, von der wir hofften, dass sie ruhig genug war, um in der Nähe zelten zu können. Leider wurden wir enttäuscht. Sie war zwar weniger befahren, bestand dafür jedoch aus Kopfsteinpflaster und war somit gleich dreimal so laut. Links und rechts von ihr gab es zudem nur Felder, auf denen es keinen geeigneten Schattenplatz gab. Drei oder vier Mal versuchten wir, hier irgendwo einen Platz zu finden, doch außer dass wir damit noch einmal gut vier Kilometer Umweg machten, erreichten wir damit nichts. Wenn wir jedoch geglaubt hatten, dass diese Gegend ungünstig war, dann hatten wir uns auch damit schon wieder geschnitten. Denn im nächsten Bereich, in dem wir eigentlich auf eine Besserung gehofft hatten, tauchte plötzlich ein Meer von Gewächshäusern auf. Soweit das Auge reichte leuchteten hier die Häuser aus weißlichem Plastik, in dem Tomaten und Paprika für die ganze Ukraine angebaut wurden. Erschreckenderweise kamen die abgeernteten Paprika in große Plastiksäcke und wurden dann auf LKWs geworfen. Es stand also von Vornherein fest, dass sie kaputt gehen mussten. Schlechter konnte man die Bedingungen für sie kaum schaffen. Es war heiß, sie waren in Plastik einepfercht und bekamen Druckstellen und Prellungen. Plötzlich wunderte es uns nicht mehr, warum das Gemüse in den kleinen Läden immer so schäbig aussah. Auf der anderen Seite wurden dann aber auch gleich hier wieder Unmengen an Lebensmitteln weggeworfen. Allein der Müllplatz von einem der Gewächshäuser enthiel einen Berg von Tomaten, mit dem man eine Kleinstadt hätte ernähren können. Die meisten von ihnen waren vollkommen in Ordnung und wiesen nicht einmal eine Druckstelle auf. Wenn man es hochrechnete mussten es locker wieder zwei Drittel des Gemüses sein, das hier produziert wurde, die im Müll landeten, noch bevor der Verbraucher eine Chance hatte, sie zu kaufen.

Während die Paprika in Plastiktüten transportiert wurden, stapelte man die Tomaten in Bananenkartons von Chiquita. Das kam nicht nur bei einigen der Gemüsebauern vor, sondern bei allen. Wo kamen nur all diese Kartons her und warum waren alle von der gleichen Firma? Ob der Großkonzern hier wohl doch mehr war, als nur ein Kartonliferant? Am heftigsten an der ganzen Geschichte aber empfanden wir jedoch die Giftsprüher. Immer wieder gingen Männer durch die Gewächshäuser, die große Geräte auf dem Rücken hatten, mit denen sie ihre Pflanzen mit Gift besprühten. Die Geräte liefen dabei mit einem Motor, der lauter war als er einer Kettensäge. Warum man für ein Gewächshaus ein solches Gerät brauchte, während die Giftsprüher auf den Feldern meistens mit Tanks auskamen, die einen einfachen Pumpmechanismus besaßen, war uns ein Rätsel. Warum die Männer ihre Arbeit vollkommen ohne Atemmaske oder anderweitigen Schutz ausführten ebenfalls. Sie mussten sich mit dieser Arbeit einfach selbst krank machen. anders ging es nicht. Und für ihre Mitmenschen, die Anwohner, die Tomaten und die Kunden war es sicher auch nicht besonders gesund. Als wir vor einigen Jahren in der Türkei waren, hatten wir den Umgang mit den Pflanzen schon als erschreckend empfunden, doch das hier war noch tausend mal härter. Spannend war, dass es den Herstellern der Sprühgeräte offenbar wirklich wichtig war, dass die Bauern ihre Produkte lange und regelmäßig einsetzten. Die Farmer warfen sie in die Ecke oder auf die Ladeflächen ihrer Pickups und heizten damit durch die Gegend. Einmal sprang ein Sprühgerät einen knappen Meter hoch als der Fahrer durch ein Schlagloch prügelte. Dem Gerät machte das aber nichts aus. Sie mussten also extrem stabil und robust sein.

Nach einigen Kilometern und einem Blick von einem erhöhten Punkt über das Tal, sahen wir es ein: Es gab kein Entkommen! Das Land bestand nun aus Gewächshäusern und das würde sich nun auch nicht mehr ändern. Die einzige Möglichkeit, überhaupt noch einen Schlafplatz aufzutreiben war es, in einen Seitenarm einzubiegen und drei Kilometer in die Berge zu laufen, bis wir das letzte Haus hinter uns gelassen hatten. Hier mussten wir unsere Wagen nur noch auf eine zwei Meter hohe Anhöhe wuchten und schon hatten wir den besten Schlafplatz, den wir heute finden konnten. Er bestand zum gößten Teil aus Kuhscheiße und war sowohl abschüssig als auch buckelig, aber dafür lag er mitten in der Sonne. Alles, was man sich von einem Zeltplatz wünscht. Kaum hatten wir zu ende aufgebaut, kamen auch schon die ersten Hirten mit ihren Kühen vorbei. Es war also egal, wie weit man raus ging. Ungestört war man hier nie.

Spruch des Tages: Gewächshäuser soweit das Auge reicht.

Höhenmeter: 20 m Tagesetappe: 20 km Gesamtstrecke: 17.239,27 km Wetter: sonnig und heiß, später Regen Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, Oborín, Slowakei

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