Tag 652: Grenzerfahrungen – Teil 4

Fortsetzung von Tag 651:

Jetzt waren wir vollkommen fassungslos. Wie konnte sie das sagen? Wie konnte sie so viel verstanden haben und sich dann trotzdem gegen ihr eigenes Herz entscheiden. Wenn das ihr Wunsch war, dann mussten wir das natürlich akzeptieren, aber begreifen konnten wir es nicht. Ich kam mir vor, als hätte ich seit einem Monat mit einer Wand geredet, ohne zu merken, dass es eine Wand war, die überhaupt nichts von mir hören wollte. In Heiko brach eine ganze Welt zusammen. Ein Jahr lang hatte er sich gemeinsam mit Paulina auf das Leben als Weltreisepaar vorbereitet und nun, wo alles soweit war, dass es wirklich funktionieren konnte, scheiterte es daran, dass Paulina nicht ja dazu sagen konnte. Er war enttäuscht, traurig und fühlte sich so verletzt, dass er nicht anders konnte, als vor Wut überzukochen. Es gab ein riesiges Geschrei zwischen ihm und Paulina und auch wenn ich gerade nicht mehr ganz sicher bin, glaube ich, dass ich auch einiges dazu geschrien habe.

„Tobi, wir packen zusammen und gehen!“ sagte Heiko schließlich mit verbitterter, trauriger Stimme. „Ich kann das nicht! Ich werde nicht zuschauen, wie sie sich selbst umbringt und ich will damit einfach nichts mehr zu tun haben. Paulina, geh deinen Weg, wenn du meinst dass das richtig für dich ist, aber ohne uns. Wir sind weg. Ich werde mich die Nacht hier nicht überfallen lassen, nur weil du nicht zu dir stehen kannst!“

Paulinas Gesicht zeigte vollkommene Verzweiflung und Panik.

„Das könnt ihr nicht machen!“ schrie sie, „Ihr könnt mich hier nicht einfach zurücklassen! Nicht mit diesem Psychopathen im Wald!“

„Doch!“ sagte Heiko ernst, „das können wir! Wir sind nicht deine Eltern. Wir sind nicht für dich verantwortlich und wir sind nicht dafür da, deinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, in die du ihn selbst hinein steckst. Es ist noch hell und du kannst einfach zurück in die Stadt gehen um dir dort ein Hotel zu suchen, wenn du hier nicht bleiben willst. Das ist deine Sache! Aber ich werde mir nicht mit anschauen, wie du dein Leben weg wirfst und laut nach einem Vergewaltiger schreist. Es kotzt mich an, dass du nur an dich denkst und dass wir dir vollkommen scheißegal sind. Du kannst nicht zu dir stehen, willst als Opfer einen Täter nach dem nächsten anziehen und wir sollen dafür Verständnis haben. Aber dass du uns damit ebenso in Gefahr bringst, dass ist dir egal. Wir sollen nicht hier bleiben, weil du uns da haben willst, sondern weil wir für dich den Kopf hinhalten sollen, wenn es schief geht. Tut mir leid, aber da mache ich nicht mit. Wenn du gehen willst, dann geh, aber dann geh jetzt gleich!“

Wieder kam es zu wildem, verzweifelten Geschrei, erst von Seiten Paulinas, dann wieder von Heiko, dem der Geduldsfaden riss. Am Ende rannte Paulina einfach weg, mitten in den Wald hinein, in genau die Richtung in die auch unser leicht psychopathischer Freund verschwunden war.

„Was macht sie denn jetzt?“ fragte Heiko vollkommen verwirrt an mich gewandt. Ich konnte jedoch nicht mehr tun, als mit den Schultern zu zucken. Glaubte sie ernsthaft, dass sie das Problem lösen konnte, wenn sie alleine in den Wald rannte? Was sollte das verbessern? Langsam wünschte ich mir doch die Zeiten zurück, in denen ich Sonderschulklassen mit 30 verhaltensgestörten Kindern betreuen musste. Das erschien mir plötzlich bei weitem nicht mehr so anstrengend gewesen zu sein, wie das, was wir jetzt gerade versuchten.

Da eine Lösung her musste machten wir uns auf die Suche nach Paulina, in der Hoffnung, sie wieder zu Vernunft bringen zu können. Doch sie war wie vom Erdboden verschluckt. Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis sie wieder aufgetaucht war. Die Zeit hatte gereicht um uns alle wieder etwas zu beruhigen, doch als wir anschließend erneut gemeinsam zwischen den Zelten standen, dauerte es keine fünf Minuten, bis die Gemüter wieder so hoch gekocht waren, dass es zu einem erneuten Ausbricht von Tränen, Schreien, Wut, Angst und Verzweiflung kam. Die ganze Aktion war für das Vorhaben, eine ruhige Nacht hier zu verbringen, natürlich nicht besonders förderlich gewesen. Im Umkreis von 10 Meilen wusste nun jeder dass wir hier waren und dass wir nicht gerade an einem Strang zogen. Der Sonderling oben im Wald lachte sich sicher schon ins Fäustchen.

Und wieder waren wir beim gleichen Muster angelangt, das wir schon so oft durchgespielt hatten. In dem Moment in dem Paulina ihre Entscheidung getroffen hatte, nicht länger Teil der Gruppe sein zu wollen, war es früh genug gewesen um sicher ins nächste Hotel zu gelangen. Natürlich musste sie dabei wieder an den komischen Typen vorbei, die bereits auf dem Hinweg versucht hatten, sie anzumachen. Es war also nicht ganz ungefährlich, aber es war hell und der Weg war nicht besonders weit. Durch das ganze Rumgeschreie, die Weglaufaktion und das ewige Hin und Her war inzwischen jedoch so viel Zeit vergangen, dass es bereits dunkel wurde. Nun war es eindeutig zu spät für alles. Es war zu spät für Paulina um in die Stadt zu gehen und es war zu spät für uns, um uns einen neuen Schlafplatz zu suchen. Gleichzeitig hatten wir alle drei laut „Hier!“ geschrien und unsere Tarnung damit vollkommen zerstört. Oben am Weg zeichneten sich bereits mehrere Schatten von Schaulustigen ab, die uns permanent anstarrten um herauszufinden, was hier wohl los sei.

Irgendwie fingen wir uns wieder und da wir keine andere Wahl hatten, trafen Heiko und ich eine neue Entscheidung. Wir würden die Nacht über hier bleiben und Paulina bekam Zeit um sich zu überlegen ob sie die Entscheidung wirklich so treffen wollte, wie sie es beim Abendessen gesagt hatte. Wenn ja, sollte sie in die Stadt zurück gehen, noch ehe wir am Morgen aufstanden. Wenn nein, dann sollte sie sich ganzen Herzens und in jeder Konsequenz für ihr Nomadensein entscheiden und weiter mit uns mitgehen. Eine andere Möglichkeit sollte es nicht geben. Erst jetzt, wo ich das schreibe wird mir bewusst, dass sie es auch an dieser Stelle wieder einmal schaffte, der Entscheidung aus dem Weg zu gehen, ohne dass wir es merkten. Doch dazu später mehr.

Nach dem der Trubel vorbei war, fiel Paulina auf, dass ihre Stirnlampe verschwunden war. Wir suchten den Zeltplatz ab, konnten sie aber nirgends finden. Sie musste sie verloren haben, als sie davon gelaufen war. In einer Nacht wie dieser, war das natürlich besonders ärgerlich.

Schließlich setzten wir uns noch einmal in unserem Zelt zusammen und sprachen in Ruhe über die Dinge. Nun wurden Paulina einige Dinge klar, zumindest für diesen Moment. Ihr größtes Problem war, dass sie das Gefühl hatte, dass sie jeder, der mit ihr zu tun hatte ständig verunsicherte. Dies war ebenfalls ein Grund, warum sie keine Entscheidung treffen konnte. Es gab zu viele Meinungen und Ansichten, die es zu berücksichtigen galt. Doch genau hier lag der Denkfehler. Nicht die Fremdmeinungen und Verunsicherungen machten die Entscheidung schwer, sondern die fehlende Entscheidung verursachte die Verunsicherungen. Wenn man beispielsweise ein Haus kauft und man sich bereits zu 100% dazu entschieden hat, dann gibt es nichts mehr, was einen noch verunsichern kann. Andere Menschen können ihre Meinung dazu sagen, doch es bleibt ihre Meinung, weiter nichts. Ist man sich jedoch unsicher, ob man sich ein Haus kaufen sollte oder nicht, dann lädt man mit dieser Unsicherheit jeden Menschen in seiner Umgebung ein, einen zu „beraten“. Jeder gibt seinen Senf dazu, redet dafür oder dagegen und am Ende weiß man gar nichts mehr. All diese Meinungen und Ratschläge haben jedoch nichts mit dem potentiellen Hauskäfer zu tun, sondern nur mit dem Leben der Ratgeber. Jemand der lieber in der Stadt lebt, wird zu einer Wohnung in der Innenstadt raten, jemand der für sein Leben gern Gemüse anbaut wird ein Haus mit einem großen Garten empfehlen und so weiter. Nichts davon ist hilfreich für den Käufer, es sei denn, er ist sich sicher, dass er den Rat von bestimmten Leuten einholen möchte, denen er in diesem Bereich vertraut. Alles andere ist nur eine Projektion seiner eigenen Unsicherheit und kann niemals zur Klarheit führen. Nichts anderes war es bei Paulina. Jeder erzählte ihr von seinen eigenen Ängsten, Bedenken und Träumen, weil sie jeden dazu einlud. Sobald sie sich selbst jedoch sicher war, konnte es diese Verunsicherungen nicht mehr geben. Es konnte sein, dass Menschen ihrer Meinung waren und ihre Entscheidung unterstützten und es konnte sein, dass andere sie für verrückt hielten. Doch beides war in Ordnung und hatte nichts mehr mit Paulina zu tun.

„Moment!“ sagte sie mit einem Leuchten in den Augen, „Dass bedeutet ja, ich muss mich gar nicht mit jedem streiten, der mit meinem Weg nicht einverstanden ist. Ich kann einfach sagen, dass ich jeden Einlade, sich mit mir zu freuen und in Gedanken bei mir zu sein, dass es für mich aber auch in Ordnung ist, wenn die anderen es nicht können. Ich gehe meinen Weg und wer mitgehen kann, ist willkommen und wer nicht, bei dem ist es auch gut?“

„Genau!“ sagte Heiko, „dass ist es, worauf wir die ganze Zeit hinaus wollen. Du sagst immer, dass dich jeder verstehen muss und dass jeder es gut finden muss, was du machst. Erst dann kannst du es durchziehen. Aber damit schreibst du allen anderen vor, wie sie zu denken haben. Überlass ihnen doch ihre eigene Meinung. Sie ist ja vollkommen in Ordnung, egal wie sie ausfällt. Aber deine Meinung ist genauso in Ordnung und du bist frei, dein Leben so zu gestalten wie du es willst. Genauso, wie es jedem anderen frei steht, deine Entscheidung für bescheuert, wahnsinnig oder dämlich zu halten. Du kannst und musst sie nicht davon abhalten und sie können dich nicht von deinem Weg abhalten. Der einzige, der das kann und der es auch die ganze Zeit tut, bist du, weil du der Meinung bist, dass dich jeder toll finden muss.“

„Ok!“, sagte Paulina, „ich glaube das verstehe ich langsam!“

Damit machten wir Schluss für diesen Abend. Paulina ging in ihr Zelt hinüber um die Erkenntnisse des Abends in ihrem Tagebuch festzuhalten und Heiko und ich schauten uns noch eine Serie an um etwas abzuschalten. Doch gerade als es spannend wurde, hörten wir einen lauten Schrei aus Paulinas Zelt: „Heiko! Tobi! Er ist da!“

Sofort rissen wir die Zelttür auf und sprangen nach draußen. Heiko war innerhalb von Sekunden bei Paulina, hatte dabei jedoch keine Zeit gehabt, sie die Schuhe anzuziehen, was bei den dornigen Bodenbewuchs eher suboptimal war. Paulina stand nun ebenfalls vor ihrem Zelt. Aufgeregt erzählte sie uns, dass sie gespürt hatte, wie jemand die Heringe aus ihrem Zelt gezogen hatte. Bei ihrem Aufschrei war der Unbekannte dann jedoch sofort weggelaufen. In die gleiche Richtung, in der auch der Sonderling verschwunden war.

„Hast du meine Schuhe mitgebracht?“ fragte Heiko an mich gewandt.

„Nein, aber du kannst meine haben!“ sagte ich und gab sie ihm, woraufhin er mit einer Wasserflasche bewaffnet die Verfolgung des Übeltäters aufnahm. Ich lief zu unserem Zelt zurück und holte mir neue Schuhe, um mich vor dem piecksigen Untergrund zu schützen. Dabei schnappte ich gleich auch das Pfefferspray, das wir für Notfälle immer im Rucksack aufbewahrten. Eine Stirnlampe wäre jetzt natürlich hilfreich gewesen, doch die lag irgendwo im Wald. Heiko kehrte zurück und wir suchten gemeinsam den Zeltplatz und die nähere Umgebung nach einem Menschen ab. Ohne Erfolg. Dann trennten wir uns. Heiko lief mit der Handylampe und der Wasserflasche die Straße hinauf und Paulina und Ich blieben mit den Pfeffersprays am Camp. Als Heiko oben im Wald ankam, sah er gerade noch, wie der kauzige Knilch sein Auto erreichte und damit weg fuhr. Ein kleines Stück rannte er hinter dem Wagen her um deutlich zu machen, dass er es wirklich ernst meinte. Dann kehrte er um und kam zu uns zurück.

Den Rest der Nacht blieb es ruhig, doch zum zweiten Mal hintereinander brachte Paulina kaum ein Auge zu vor lauter Angst. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass es einen Unterschied gibt, zwischen einer irrationalen Angst und einer realen Gefahr. So sehr, wie sie sich zuvor noch vor den einsamen, dunklen Wäldern gefürchtet hatte, so sehr sehnte sie sich diese nun herbei. Klar gab es dort unheimliche Geräusche, seltsame Tiere und vielleicht sogar Geister. Doch verglichen mit volltrunkenen oder psychopathischen Menschen, waren sie Harmlos und ihr wurde klar, dass die Angst vor der Dunkelheit nichts im Vergleich war zu der Angst vor einem möglichen Vergewaltiger, der draußen vor der Tür oder vor ihrem Zelt auf sie lauerte.

Spruch des Tages: Es gibt einen Unterschied zwischen realer Gefahr und irrationaler Angst.

Höhenmeter: 290 m

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 11.620,27 km

Wetter: bewölkt und neblig, später hin und wieder sonnig

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, 44017 Vrosína, Griechenland

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 651: Grenzerfahrungen – Teil 3

Fortsetzung von Tag 650:

Als wir seinen Parkplatz wieder erreicht hatten, sagte er etwas zu mir, dass ich zunächst nicht verstand. Dann verstand ich es, konnte aber nicht glauben, dass er es gesagt hatte und glaubte deshalb lieber, es nicht verstanden zu haben. Fünf mal bat ich ihn, seine Worte zu wiederholen, bis ich sicher war, dass es sich nicht um ein Missverständnis aufgrund der Sprachbarriere handelte.

„Ich schlafe heute Nacht bei dem Mädchen von euch!“ sagte er, als sei das eine Beschlusssache, über die er mich nur Freundschaftshalber informieren wollte.

„Wie bitte?“ fragte ich noch einmal, denn so ganz glaubte ich es immer noch nicht.

„Ich schlafe heute Nacht bei dem Mädchen von euch!“ wiederholte er.

Dies wäre eigentlich der Moment gewesen, in dem ich ihn hätte anschreien sollen, was er für ein Perversling ist oder in dem ich ihm einen saftigen Schlag hätte verpassen müssen, damit er wieder auf den Boden der Tatsachen zurück kommt. Doch auch meine Höflichkeitsgrenze war dafür zu groß. Stattdessen sagte ich einfach nur: „Nein! Das wirst du nicht!“

„Warum nicht?“ fragte er. Wenn ich ihn bislang noch nicht verprügelt hatte, dann wäre es jetzt wohl angemessen gewesen. Was erdreistete sich dieser Kerl, von Paulina zu sprechen als wäre sie ein Objekt, dass er sich für diese Nacht einmal ausborgte? Wie konnte er glauben, damit durchzukommen, ohne eins auf die Fresse zu kriegen? Ach ja, richtig! In dem ich ihm signalisierte, dass von mir keine Gefahr ausging. In dem er wusste, dass er keine auf´s Maul bekommen würde. Und er bekam es auch nicht.

Ich ließ mich sogar auf das Spiel ein und begann zu begründen, warum es nicht möglich war. Als bräuchte ich dafür wirklich Gründe. Ich erklärte ihm, dass Paulina Heikos Freundin war, dass wenn überhaupt sie entscheiden musste, wer sich zu ihr ins Zelt legte und dass die ganze Art, wie er damit umging nicht in Ordnung war. Doch er stellte sich blöd und tat als würde er nichts verstehen. Er war darin sogar so gut, dass ich mir schon wieder unsicher war, ob ich ihn nicht auch einfach vollkommen falsch verstanden hatte. Ich erklärte es noch einmal und dieses mal meinte er: „Ok, dann gebe ich euch eben Geld dafür!“

Ich kann es nur noch einmal sagen: Wenn ich bislang keinen Grund gehabt hätte, dem Mann eine einzuschenken, dann war spätestens jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Nun hatte er Paulina auch noch als Nutte und uns als ihre Zuhälter bezeichnet. Wie konnte ich das nur zulassen? Ich weiß es nicht, aber ich ließ es zu.

„Nein, nein!“ sagte er schnell, „nicht falsch verstehen! Ich will keinen Sex mit ihr! Ich will nur neben ihr einschlafen!“

Ich habe keine Ahnung, was mit dem Mann los war. Vielleicht war das irgend ein komisches Spiel, vielleicht meinte er es auch ernst und er sehnte sich einfach nach menschlicher Nähe, die er sonst vielleicht nicht bekam. Ansicht hätte es mir vollkommen egal sein müssen, denn das was er da abzog ging ohne Zweifel über jede Grenze. Doch irgendwie schaffte er es mich zu besänftigen und aus irgendeinem Grund hatten wir sein Auto inzwischen verlassen und gingen sogar auf unser Camp zu.

„Eines sage ich dir!“ sagte ich dem Mann und blieb dabei vor ihm stehen. „Wenn du später noch einmal in unser Camp kommst, dann wirst du es bitter bereuen! Paulina ist Heikos Freundin und wenn du ihn wütend machst, dann geht das für dich nicht gut aus! Hast du das verstanden?“

Er druckste etwas herum, aber es war klar, dass er mich verstanden hatte. Ich kann nicht mehr sagen warum, aber ich erlaubte ihm, zehn Minuten in unserem Camp zu verweilen, wenn er dann verschwand und sich nicht mehr blicken ließ. Damit war er einverstanden und so kam es, dass wir plötzlich wieder beide in unserem Lager standen, obwohl es das letzte war, was ich wollte.

Heiko war bereits im Zelt und schrieb an einem Text, während Paulina in der Mitte des Camps saß und kochte. Ich ging sofort zu ihr und erzählte ihr von dem Gespräch zwischen mir und dem Fremden. Sie war schockiert und konnte es nicht fassen, aber auch sie war zu höflich, um den Mann zu vertreiben. Nichts hätte dagegen gesprochen, wutentbrannt auf ihn loszugehen und ihm eine Backpfeife zu verpassen, die ihn aus den Latschen gehauen hätte. Auch damit wäre das Thema erledigt gewesen und sie hätte zweifelsfrei deutlich gemacht, dass sie ihm die Genitalien abreißen würde, wenn er es wagte, auch nur noch ein weiteres Mal an seinen Plan zu denken. Stattdessen blieb sie jedoch sitzen, kochte weiter und fühlte sich absolut unwohl.

Der Mann half noch beim Umfüllen des Wassers in unsere Trinkbeutel und dann verabschiedete ich mich offiziell von ihm. Ich gab ihm die Hand, wünschte eine gute Nacht und er erwiderte den Gruß. Doch anstatt zu gehen setzte er sich auf den Boden und zündete sich eine Zigarette an. Wieder saß er nur schweigend da und starrte uns an, doch dieses Mal wirkte er dabei sogar noch unheimlicher. Paulina versuchte ein paar mal, ihn mit neuen Ausreden zum Gehen zu bewegen. „Wir sind müde und wollen nun schlafen! Könntest du uns nun bitte alleine lassen?“

Er nickte und sagte, das sei natürlich kein Thema, bewegte sich aber keinen Zentimeter. Schließlich stand er auf, kamm auf mich zu und schaute mir zu, wie ich meinen Hüftgurt reparierte. Jetzt wurde es mir zu viel: „Du hast gesagt, du bleibt zehn Minuten!“ fuhr ich ihn an, „diese Zeit ist lange abgelaufen, also verschwinde jetzt endlich!“

„Ok, ok!“ sagte er beschwichtigend, „Ich wollte ja nur wissen, was du da machst!“

„Nein!“ sagte ich und wurde dabei dieses Mal strenger, „Geh!“

Diesmal verstand er es und er ging wirklich. Misstrauisch beobachteten wir noch, wie er langsam durch das Dickicht in Richtung Berghang verschwand.

Doch das Thema war damit noch lange nicht beendet. Beim Abendessen sprachen wir noch einmal über die Vorgänge und über den Verlauf der Ereignisse in den letzten Wochen. Am Anfang war es nur eine Theorie gewesen, dass Paulina ständig größeren Druck anzog, solange bis sie endlich eine Entscheidung treffen konnte. Nun zeigten die Ereignisse der vergangenen Tage und Stunden deutlich, dass diese Theorie der Wahrheit entsprach. Seit ihrer Ankunft stand die Entscheidung aus, ob sie wirklich mit allen Konsequenzen hier sein wollte und ob sie bereit war zu sich zu stehen und sich für sich selbst und die Gruppe einzusetzen. Seither war viel passiert und bereits viele Male waren wir an Punkte gekommen, an denen die Frage nach der Entscheidung absolut akut geworden war. Die drei Tage, die wir getrennt von einander verbracht hatten, waren in erster Linie dazu da gewesen, damit Paulina Zeit bekam um die Entscheidung für sich in Ruhe zu treffen. Doch das war nicht geschehen. Sie hatte das Thema nur wieder vom Tisch gedrängt. Auch die Beinahe-Vergewaltigung im Hotel hatte nicht ausgereicht um sie zu einer Entscheidung zu bewegen. Nun hatte sich bereits der nächste potentielle Täter in Form dieses verschrobenen Vogels angekündigt und damit wurde die Frage akuter denn je zuvor. Auch dieser Mann war noch ein Opfertyp, doch er hatte etwas an sich, dass ihn irgendwie wie einen Psychopathen erscheinen ließ. Es war unmöglich, ihn einzuschätzen und er mochte zu allem im Stande sein, wenn man ihm keine Grenzen aufzeigte. Was würde als nächstes kommen? Wenn es diese Nacht gut ging, dann kam vielleicht schon morgen ein wirklicher Gewalttäter, der nicht nur mit einer nächtlichen Kuschelattacke drohte, sondern wirklich zur Tat schritt. So gerne wir Paulina auch helfen wollten, dieses Ausweichen vor der Entscheidung konnten wir nicht unterstützen. Wenn wir das zuließen, machten wir uns gewissermaßen mitschuldig, wenn ihr etwas zustieß. Gleichzeitig zogen wir uns damit auch selbst ins Zentrum der Gefahr. Was war, wenn sich die Angreifer nicht mehr nur durch wütendes Schreien vertreiben ließen. Wenn sie in den Gegenangriff übergingen und dabei wohlmöglich in der Überzahl und bewaffnet waren? Klar würden wir Paulina verteidigen, wenn sie bei uns war, aber es konnte nicht sein, dass sie ganz bewusst Gewaltsituationen heraufbeschwor die uns unsere Gesundheit, unsere Freiheit oder wohlmöglich unser Leben kosten konnten. So gerne wir Paulina auch hatten, dafür waren wir nicht bereit. Vor allem deshalb nicht, weil die Lösung so einfach war. Klar war die Gefahr nicht vollkommen verschwunden, wenn Paulina sich wirklich für ihr Leben entschied. Das sah man ja an mir. Auch wenn ich mich entschieden habe, gerate ich noch immer häufig in Situationen, in denen ich nicht zu 100% zu mir stehen konnte. Aber es war ein Anfang und auf diese Weise konnte sie zumindest schon einmal dafür sorgen, dass der Druck nicht ständig erhöht wurde, sondern vielleicht gleich blieb. Irgendwann musste sie lernen, ihr Opfersein abzulegen und das konnte sie nur, wenn sie mit dem ersten Schritt begann. Und dieser bestand nun einmal darin, sich für das eigene Leben und nicht für die Anerkennung anderer zu entscheiden. Je länger sie damit wartete, desto härte wurden die Wegweiser und desto stärker machte sie das Leben für sich selbst und für uns zu einem Kampf, den keiner von uns führen wollte.

Und doch war die Angst noch immer zu groß. Heiko und ich waren kurz vor der Verzweiflung.

„Nur noch einmal, damit ich das richtig verstehe“, versuchte ich die Essenzen der letzten halben Stunde zusammenzufassen, „du hast verstanden, dass du dir das Leben durch eine Nichtentscheidung zur Hölle machst, dass du immer gefährlichere Situationen anziehst und dass du jeglichen Frieden in unserer Herde zerstörst und trotzdem kannst du nicht Ja zu deinem Leben sagen?“

Paulina nickte. Was war es, was sie davon abhielt, ja zu sich selbst zu sagen? Wovor hatte sie so eine Angst.

Wir verstanden, dass noch immer der Glaubenssatz in ihr steckte, dass sie sterben müsse, wenn sie nicht mehr von den Menschen geliebt wurde, die ihr nahe standen. Und wir verstanden auch, dass sie Angst davor hatte, dass die Menschen, die ihr nahe standen nicht damit einverstanden waren, dass sie sich für ein Leben in Freiheit entschieden hatte und dass sie aufhören wollte, eine Schauspielerin zu sein. Sie hatte erlebt wie es bei mir und meinen Eltern verlaufen war und es gab keine Garantien, dass es bei ihr nicht ähnlich oder genauso werden könnte. Das wollte sie einfach nicht riskieren und deshalb konnte sie nicht mit ganzem Herzen hier sein. Doch dieses Halbherzige war es, was die Sache wirklich gefährlich machte. Sie war wie die Steuerfrau auf einem kleinen Floß, dass auf einen Wasserfall zufuhr. Um sich zu retten, musste sie nur entscheiden, ob sie nach links oder nach rechts ans Ufer paddeln wollte. Doch weil sie Angst davor hatte, das falsche zu tun, trieb sie einfach immer weiter geradeaus und wurde immer panischer, weil die Strömung ständig an Geschwindigkeit zu nahm. Bald schon würde sie in einen Abgrund stürzen, wenn sie es nicht schaffte, auf die eine oder auf die andere Art zu reagieren.

Schließlich kam auch Paulina nicht mehr umhin, dass ihr die Notwendigkeit dieses Schrittes bewusst wurde. Doch anstatt besonnen zu überlegen was das beste für sie war, wurde sie noch panischer und schließlich schrie sie so laut sie konnte: „Verdammt! Dann geh ich eben nach Hause!!!“

Fortsetzung folgt...

 

Spruch des Tages: Wieso entscheidet man sich so oft gegen sein Bauchgefühl, obwohl es fast immer Recht hat?

Höhenmeter: 340 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 11.602,27 km

Wetter: bewölkt aber überwiegend trocken

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, 44003Raiko, Griechenland

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 650: Grenzerfahrungen – Teil 2

Fortsetzung von Tag 649:

Die ersten Kilometer bis zur Grenze und von dort bis in die Stadt, war es hauptsächlich geradeaus oder bergab gegangen. Nun begann die Straße wieder anzusteigen und mit dem Hinterland der Stadt kamen wir auch wieder in die Berge.

„Danke, dass ihr heute auf mich wartet!“ sagte Paulina, als wir einen kleinen Gipfel erreichten. Sie war nur wenige Meter hinter uns und nachdem sie bereits mehrere Male angemacht worden war, hatte sie Angst, alleine unterwegs zu sein.

„Das haben wir gar nicht!“ sagte ich wahrheitsgemäß, „wir gehen genauso schnell wie immer! Aber du bist heute deutlich schneller als sonst!“

„Wirklich?“ fragte sie erstaunt. „Das ist mir gar nicht aufgefallen!“

Die vergangene Nacht und auch die vielen Zurufer und Gaffer hatten zum ersten Mal eine Absicht in ihr geweckt. Sie spürte deutlich, dass es kein Spiel war, hier an der Straße entlang zu wandern. Es war durchaus nicht ungefährlich und auch wenn objektiv betrachtet heute nichts anders war als an anderen Tagen, spürte sie nun die Ausstrahlung, die sie aussendete und die damit verbundene Gefahr. Plötzlich war sie nicht mehr matt und kraftlos. Sie hatte genau die Energie, die sie brauchte, um mit uns Schritt halten zu können. Nicht ganz, denn sie fiel ja immer noch leicht zurück, aber doch genug, um nicht außer Sichtweite zu geraten und so dass wir immer wieder ein paar Sekunden warten konnten, bis sie wieder aufgeholt hatte, ohne dass es für uns zu einer Belastung wurde.

Sie verstand nun auch, dass sie mit dem Versuch, zu jedem Menschen nett und Freundlich zu sein, direkte Einladungen aussendete, mit denen sie darum bat, belästigt zu werden. Niemand auf diesen Straßen lächelte. Allenfalls warf man einem anderen ein mürrisches „Dober Dan!“ - „Guten Tag!“ zu, oder man grüßte mit einem ausdruckslosen Kopfnicken, das ebenso auch die Androhung einer Kopfnuss sein konnte. Und aus dieser grimmigen Masse stach die kleine Paulina heraus, die jeden noch so schleimigen und aufgeblasenen Kerl freundlich anlächelte, ihm zuwinkte und ihm ein kindlich fröhliches „Dober Dan!“ zu zwitscherte. Kein Mann konnte da anders, als diese Signale misszuverstehen und daraus eine Einladung zu einem Gespräch oder mehr zu deuten. Mir war es ja am Vormittag mit der jungen Frau von dem Café nicht anders gegangen. Sie war eine nette, freundliche Person, die irgendwie aus dem grauen Muster fiel und schon war ich mir nicht mehr sicher, ob sie einfach nur helfen oder mit mir ausgehen wollte. Und ich bin mir da bis heute noch nicht sicher.

Als Paulina das bewusst wurde, begriff sie zum ersten Mal, in was für eine Gefahr sie sich selbst brachte, ohne es auch nur zu merken. Sofort änderte sie ihre Taktik und versuchte sich darin, unfreundlich und abweisend zu sein.

„In Ungarn haben wir vor ein paar Jahren einen Mann getroffen,“ erzählte ich, „der genau die Ausstrahlung hatte, die du jetzt lernen solltest. Er war ein Obdachloser, der immer nach Flaschen gesucht hat und wir fanden ihn eigentlich ganz interessant. Immer wenn wir ihm begegneten, wollten wir ihn grüßen, aber es war absolut unmöglich. Er hatte einen Gesichtsausdruck und eine Aura, die ihn vollkommen ungrüßbar machte. Ich weiß nicht warum, aber sobald man ihm aus der Nähe in die Augen schaute, blieb einem jedes Wort im Hals stecken.“

Paulina beschloss, zunächst einmal jeden Menschen zum üben zu nutzen und grüßte vorerst überhaupt keinen mehr, auch wenn er eigentlich ganz nett zu sein schien. Später wollte sie dann lernen, einen Blick dafür zu entwickeln, wen sie grüßen konnte und wen nicht. Sie machte auf den nächsten Kilometern erstaunliche Fortschritte und blieb nicht einmal mehr stehen, wenn sie von jemandem angesprochen wurde. Nicht einmal ihre Schritte verlangsamten sich und sie schaute auch nicht mehr auf. Sobald sie den Entschluss gefasst hatte, nicht mehr jedem gefallen zu müssen, nahmen die Anmachen rapide ab. Noch immer gab es ein paar hartnäckige Typen, die sich nicht abschrecken ließen, aber es waren nun deutlich weniger.

Der Weg führte uns nun immer steiler den Berg hinauf, an etwas vorbei, das auf der Karte wie ein Stausee aussah, letztlich aber doch keiner war. Noch immer war es nicht einfach einen Platz zu finden, an dem wir sicher schlafen konnten und auch zum Essen hatten wir noch nichts aufgetrieben. Die wenigen kleinen Märkte an denen wir vorbei gekommen waren, hatten uns alle abgelehnt und der Reis alleine war etwas fad.

Schließlich entdeckten wir eine größere Fläche, die zu großen Teilen von Böschungen, Sträuchern und kleinen Wäldern umgeben war. Sie sah als einziges so aus, als konnte man hier einigermaßen geschützt zelten, ohne gleich von der ganzen Stadt überfallen zu werden. Kaum hatten wir den Weg eingeschlagen um uns einen Zeltplatz zu suchen, wurden wir aber schon wieder entdeckt. Beim Näherkommen entpuppte sich die Person jedoch als junge Frau, die sich recht ähnlich verhielt, wie die vom Vormittag und die mich sogar zum Baden am nahegelegenen See einlud. Wären wir an diesem Tag nicht bereits 30km gewandert und wäre die ganze Situation ein bisschen weniger zehrend und düster gewesen, hätte ich vielleicht sogar zugesagt. Immerhin war es eine Weile her, dass ich gleich zwei so nette Einladungen an einem Tag bekam. Im Nachhinein betrachtet wäre sie auch sicher die angenehmere Abendgesellschaft gewesen, im Vergleich zu dem, was sich am Ende dann tatsächlich ereignete.

Froh, endlich einen geschützten Platz gefunden zu haben und nicht mehr weiter zu müssen, bauten wir unsere Zelte auf. Doch noch ehe wir wirklich damit angefangen hatten, hörten wir bereits ein Auto, dass oberhalb von unserem Platz durch den Wald fuhr. So gut wie wir es sehen konnten, war es ausgeschlossen, dass der Fahrer uns nicht entdeckt hatte. Und richtig. Keine fünf Minuten später tauchte ein hagerer Mann um die dreißig hinter den Büschen auf und will wissen, was wir hier machen. Er sprach nahezu kein Englisch und Deutsch erst recht nicht, doch die Tatsache, dass wir uns nicht mit ihm unterhalten konnten oder wollten schien ihn nicht besonders zu beeindrucken. Zunächst war er recht freundlich, doch nachdem das kurze Floskelgespräch beendet war, wurde es langsam unangenehm. Dies wäre eigentlich der Zeitpunkt gewesen, um ihm deutlich zu machen, dass er hier nicht länger erwünscht war und dass wir unsere Privatsphäre brauchten. Doch dafür waren wir zu höflich. Irgendwo steckte der Glaubenssatz in uns, dass man nicht einfach einen Menschen von einem öffentlichen Platz vertreiben konnte, nur weil man dort zeltete. Er hatte ja genauso ein Recht darauf hier zu sein wie wir. Oder nicht? Er war ja nicht hier, weil er diesen Platz so toll fand, sondern weil er uns beim Aufbauen anstarren wollte. Er war unseretwegen hier und jedem von uns war das unangenehm. Wir hätten also jedes Recht gehabt, ihm das deutlich zu machen und ihn zum Gehen aufzufordern. Doch wir taten es nicht. Aus den gleichen Gründen, aus denen Paulina den besoffenen Hotelbesitzer gestern Nacht nicht vertrieben hatte. Im laufe des Abends bot sich noch mehrfach die Gelegenheit einen klaren Strich zu ziehen und so die Situation zu beenden. Doch wie so oft im Leben warteten wir zu lange, ließen zu viel zu und hatten zu viel Angst davor, eine Grenze zu ziehen. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass ich selbst auch nicht besser darin war, Menschen, die mir zu nahe traten in ihre Schranken zu weisen, als Paulina. Ich ließ mir viel zu viel gefallen und hatte ebenso noch immer eine Opferhaltung in mir, wie sie. Mein großer Vorteil, für den ich gerade jetzt in diesem Moment sehr dankbar bin, ist lediglich, dass ich keine Frau bin. In unserer Gesellschaft gibt es leider eine sehr große Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen und dazu gehört auch, dass die gleichen Lebensthemen bei Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtern vollkommen verschiedene Auswirkungen haben. Als Mann, der wenig Selbstbewusstsein besitzt, nicht in seiner männlichen Kraft steht und die Ausstrahlung eines Opfers hat, hat man vor allem das Problem, dass man für das andere Geschlecht uninteressant wird. Man gerät in die Freundesschublade und hat wenig bis gar keinen Sex. Das ist nicht unbedingt großartig, aber auch nicht besonders gefährlich. Männer hingegen kümmern sich eher selten um einen, vorausgesetzt man provoziert sie nicht und kommt ihnen nicht in die Quere. Nur wenn man Geschäftsabschlüsse und ähnliches tätigt, muss man besonders stark aufpassen, dass man nicht übers Ohr gehauen wird. Als Frau ist das anders. Nur weil man nicht in seiner Kraft steht und nicht weiß, was man im Leben will, heißt das nicht, dass man für die Männerwelt uninteressant wird. Im Gegenteil, man wird eine leichte Beute und dadurch wird das Leben deutlich gefährlicher. Frauen hingegen nehmen einen, ausgehend von der eigenen Erfahrung entweder als Gleichgesinnte oder als Konkurrentin war. Das ist jetzt natürlich sehr vereinfacht, aber wir hatten das Thema ja auch schon einmal ausführlicher.

Der Fremde blieb also, bis wir die Zelte aufgebaut hatten und es entging ihm dabei nicht, dass die beiden Männer sich ein Zelt teilten, während die Frau für sich alleine im anderen Zelt schlief. Wären wir schlauer gewesen hätten wir die später folgenden Ereignisse komplett dadurch verhindern können, in dem Paulina und Heiko unser Zelt und ihr ihres aufgebaut hätte. Sie hätte Heiko nur einmal deutlich um den Hals fallen und abknutschen müssen um deutlich zu machen, dass die Zugehörigkeitsansprüche hier vollkommen geklärt waren und dass sich ihr niemand nähern brauchte, der nicht vor hatte, sich mit Heiko anzulegen. Doch das passierte nicht und so witterte der Mann leichte Beute, die einsam in ihrem Zelt lag und sicher nur auf einen schnieken Prinzen wie ihn wartete.

Als das Lager errichtet war, versuchte ich zum ersten Mal dem Mann deutlich zu machen, dass er jetzt gehen müsse. Wir hätten noch viel zu tun und wären außerdem müde, so dass wir keine Gesellschaft mehr brauchen würden. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit und das spürte der Mann auch. Klar waren wir müde und klar hatten wir viel zu tun, aber das war nicht der Grund, weshalb wir ihn nicht mehr hier haben wollten. Er war uns unangenehm und wir wollten seine Gegenwart nicht mehr. Das wären klare Worte gewesen und die hätte er auch akzeptieren können. So aber suchte er nach einem Grund, doch noch bleiben zu können und den fand er auch. Denn wie er richtig erkannte, saßen wir Essen- und Wassertechnisch auf dem Trockenen. Er bot uns daher an, mit mir einige Vorräte holen zu gehen. Vielleicht war er ja doch kein so übler Kerl. Wie leicht es doch war, uns zu bestecken.

Bereits beim Losgehen hatte ich ein ungutes Gefühl bei der Sache. Er stapfte voran und ging mitten durch die Pampa, den steilen Berghang hinauf zu seinem Auto. Wäre ich alleine ins Dorf hinunter gegangen, wäre ich jetzt bereits da und hätte ganz in Ruhe nach etwas fragen können. Doch noch immer ignorierte ich meine Bauchstimme. Stattdessen stieg ich zu ihm ins Auto und fuhr zurück in die Stadt, wo wir vor einem kleinen Supermarkt hielten, der uns eine knappe Stunde zuvor abgelehnt hatte. Hier kaufte er Wasser, Obst, Gemüse, Brot, Käse und etwas von der bunten Plastikwurst für uns. Dann fuhren wir zurück zu seinem Parkplatz im Wald. Auf seiner Rückbank stand ein linker Kindersitz, weshalb ich ihn fragte, ob er Papa war. Er nickte und meinte, dass er eine kleine Tochter habe. Irgendwie ließ ihn das harmloser und vernünftiger erscheinen. Dann erzählte er mir, dass er seine Nächte immer hier im Wald verbrachte und dass er wilde Hunde jagte. Dies wiederum hob das Gefühl, dass der Kindersitz vermittelt hatte wieder auf. Ich weiß nicht woran es lag, aber der Mann hatte etwas unheimliches an sich. Er wirkte verschroben und undurchsichtig und seine Großzügigkeit und die Höflichkeit kamen irgendwie nicht ganz authentisch rüber. Sie passten nicht zu dem schnoddrigen Wesen, dass sie stundenlang vor einen setzte und einen anstarrte, während es eine Zigarette nach dem nächsten raucht und permanent auf den Boden rotzt.

Fortsetzung folgt...

 

Spruch des Tages: Der erste Eindruck muss nicht immer der Beste sein.

Höhenmeter: 450 m

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 11.583,27 km

Wetter: ständiger Wechsel zwischen Starkregen und Sonnenschein. Manchmal sogar beides gleichzeitig.

Etappenziel: Zeltplatz auf einem 44003, Vrontismeni, Griechenland

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