Überquerung der Apenninen und der Apuanischen Alpen

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Überquerung der Apenninen und der Apuanischen Alpen

Überquerung der Apenninen und der Apuanischen Alpen

Gegen Ende unserer diesjährigen Italienreise erwarten uns noch einmal zwei wirklich große Herausforderungen. Die zweite, die gewissermaßen das Finale des Italien-Trips darstellt, ist die Alpenüberquerung, die Ende des Monats auf uns wartet. Erstere ist die Überquerung der Apenninen oder genauer der Apuanische Alpen. Ein Projekt, das wir heute und in den letzten Tagen in Angriff genommen haben.

Um die Apuanische Alpen zu überqueren müssen wir tausendfünfhundert Höhenmeter überwinden

Um die Apuanische Alpen zu überqueren, müssen wir tausend fünfhundert Höhenmeter überwinden

Was sind die Apuanischen Alpen?

Die Apuanische Alpen, sind der obere Teil der Apenninen. Jenes Gebirges, das sich von den Alpen aus hinunter bis nach Süditalien erstreckt und nahezu den gesamten Zentralbereich des Landes ausmacht. Da wir mit der letzten Fähre an der Westküste des Schuhs angelandet sind und von hier aus ja zunächst einmal wieder nach Mitteleuropa wollen, mussten wir das Gebirge früher oder später queren. Allerdings haben wir es von seiner Höhe her und vor allem auch von dem Schwierigkeitsgrad in Bezug auf Steigung und Wetterbedingungen bei weitem unterschätzt. Denn obwohl das Gebirge auf der Karte eher niedlich wirkt, befand sich unser Pass heute dennoch auf gut 1500 Metern.

Ein typisches Bergdorf in der Toskana

Ein typisches Bergdorf in der Toskana

Auch in den letzten Tagen haben wir schon reichlich Höhenmeter auf unserer Uhr angesammelt. Im Schnitt waren es 300 bis vierhundert. Zwei Tage zuvor sogar waren es sogar 600 Höhenmeter an einem Stück gewesen. Dies war uns bereits wie eine schier unlösbare Herausforderung vorgekommen. Heute erwartete uns jedoch noch einmal gut das Doppelte an Höhenunterschied.

Eine kleine Kapelle inmitten der Felder

Eine kleine Kapelle inmitten der Felder

Schietwetter

Pünktlich zu dem Tag, an dem wir das Gebirge erreicht hatten, hatte es zu regnen begonnen und seither hatten wir nun das ungemütlichste Wetter seit über einem halben Jahr. Es war windig, nass und kalt. Also die Kombination, die man gemeinhin am liebsten hat und die von den Ostfriesen im Fachjargon als „Schietwetter!“ bezeichnen.

Die Tage in den Bergen wurden düster und regnerisch

Die Tage in den Bergen wurden düster und regnerisch

Vor allem Nachts wurde dies zu einem ernsthaften Problem. Denn die Italiener sind weder für ihre gute und effektive Wärme-Isolationstechnik noch für ihre Bereitschaft zu heizen bekannt. Wie die Menschen mit den Bedingungen hier zurechtkamen, blieb uns ein Rätsel. Wenn es bei uns kalt und ungemütlich wurde, dann machte man einfach alle Schotten dicht. Man setzte sich mit einem heißen Tee an die Heizung oder den knisternden Kamin und steckte seine Füße in Fellpantoffeln. Hier zog man sich drei lange Unterhosen an und versuchte so zu tun, als wäre es noch immer heiß und sonnig. Kein einziger Schornstein zeigte Rauchschwaden. Und wohin man auch blickte, sah man sperrangelweit offene Türen und Fenster, die den Wind, die Nässe und die Kälte willkommen hießen.

Dichte Nebelschwaden verbergen das Gebirge

Dichte Nebelschwaden verbergen das Gebirge

Heizungen sind überlebenswichtig

Trotzdem gelang es uns glücklicherweise bisher lückenlos, zumindest eine kleine Heizquelle aufzutreiben, die es uns ermöglichte, die Nacht zu durchleben, ohne zum Eiszapfen zu werden.

Blick von den Bergen aus auf die Toskana

Blick von den Bergen aus auf die Toskana

Die erste Nacht verbrachten wir in einem Versammlungssaal des Rathauses durch dessen Türspalte man eine wunderbare Aussicht auf das Bergpanorama hatte. Hier gab es lediglich ein großes Heizsystem, das die Energie vor allem in ein lautes, monotones Rauschen umsetzte, sodass für Wärme nicht mehr viel übrig blieb. Ein freundlicher Mitarbeiter des Rathauses stattete uns jedoch zum Glück noch zusätzlich mit einem kleinen Heizstrahler aus. Vom Pfarrer, der sich an einem Ort, der so nah an der Via Francigena lag, eigentlich um Pilger hätte kümmern sollen, kam hingegen wenig. Er trug vor allem den Satz „Meldet euch, wenn ihr etwas braucht!“ bei. Dass er einem dann auch wirklich helfen würde, wenn man sich meldete, meinte er damit aber wohl ganz offensichtlich nicht.

Das Hinterland der Toskana

Das Hinterland der Toskana

Die zweite Nacht erreichten wir ein kleines Bergdorf, in dem der Pfarrer deutlich freundlicher und hilfsbereiter war. Er lebte und arbeitete hier nun bereits seit fast vierzig Jahren und gehörte somit zum Urgestein des Dorfes. Ohne große Worte stellte er uns das Haus eines ehemaligen Kollegen zur Verfügung, dessen Posten gestrichen worden war. Darin befand sich unter anderem ein Gasheizungssystem. Es war zwar ebenfalls unbeschreiblich laut, erzeugte aber zumindest innerhalb von 5 Minuten Hitze. Es wurde sogar so heiß, dass man in der Unterhose hätte arbeiten können.

Wandern durch die Weinberge

Wandern durch die Weinberge

Zu Gast im Ristoro del Venturo

In der dritten Nacht schließlich bekamen wir einen Kommunionssaal von einem anderen Pfarrer zur Verfügung gestellt, in dem bereits Pilzkulturen aus dem Boden schossen, weil er so feucht und ungenutzt war.

Unseren Highlight-Platz hatten wir dann aber gestern Abend. Mehr oder minder zufällig stießen wir am Fuße des großen Berges auf einen Ferienhof namens „Il Ristoro del Venturo“. Als wir dort eintrafen, war das Restaurant gerade mit einer Gruppe von recht lustigen Leuten belegt. Sie hielten hier ihr allwöchentliches Samstagstreffen ab und luden uns ebenfalls auf ein Mittagessen ein. Der Wirt entpuppte sich ebenfalls als ein sehr freundlicher und hilfsbereiter Zeitgenosse. Er überließ uns nicht nur ein kleines Apartment, sondern versorgte uns auch mit Abendessen, Frühstück und vielen hilfreichen Informationen. Besonders lecker war die Antipasti-Platte, in die wir uns hätten hineinsetzen können, wenn das vor den anderen Gästen nicht komisch gewirkt hätte. Auch unsere Unterkunft war hervorragend. Sie war schlicht und ohne großes Schnickschnack, aber sie war warm und bot sowohl eine heiße Dusche als auch bequeme Betten.

Morgennebel in den Weinbergen

Morgennebel in den Weinbergen

Die Informationen hingegen waren etwas ernüchternd. Im oberen Bereich der Berge lag bereits Schnee. Die letzte Nacht war es so kalt gewesen, dass im ehemaligen Kloster auf dem Gipfel die Leitungen eingefroren waren.

Am Morgen liegt dichter Nebel über den Apuanische Alpen

Am Morgen liegt dichter Nebel über den Apuanische Alpen

Zwischen Schönheit und Zerstörung

Insgesamt meldeten sich beim Gedanken an diesen Teil der Toskana, den wir nun bereisten zwei Stimmen in uns. Auf der einen Seite war es eine wunderschöne und zugleich epochale und äußerst beeindruckende Landschaft. Auf der anderen Seite war sie aber durch den Menschen in so vielen Bereichen zerstört worden, dass es schon fast weh tat. Sämtliche Täler, durch die ein Fluss führte, waren überhäuft mit Papierfabriken. Diese trugen mit ihren Unmengen an Wasserdampf, der in den Himmel geblasen wurde, zu der hohen Luftfeuchtigkeit bei. Zudem erzeugten sie ein permanentes Rauschen, das sogar in den kleinen, idyllischen und abgelegenen Bergdörfern noch zu hören war. Der Effekt, der jedoch am negativsten auffiel war, dass sie jede Menge LKWs in die Ansonsten ruhige Berggegend lockten und das Verkehrsaufkommen damit vervielfältigten.

Eine Überquerung der Apuanische Alpen ist ebenso schön wie anstrengend

Eine Überquerung der Apuanische Alpen ist ebenso schön wie anstrengend

Das Geschenk der Berge

Erst wenn man sich weiter in die Höhe schraubte, wie wir es heute taten, konnte man die ursprüngliche Power der Berge genießen. Klar, die Steigung brachte uns fast um, denn man hatte es wieder einmal geschafft, die 1200 Höhenmeter auf gerade einmal 11 km zu verteilen. Aber dennoch wurden wir mit grandiosen Aussichten und einem unvergleichlich kraftvollen Gefühl belohnt.

Oberhalb der Wolken sieht es schon wieder freundlicher aus

Oberhalb der Wolken sieht es schon wieder freundlicher aus

Als wir nach dem Gipfel das erste Dorf erreichten, wurde es bereits Dunkel. Es dauerte eine Weile, bis wir alles organisiert hatten, was in der Kälte und mit vollkommen verschwitzter Kleidung eher suboptimal war. Aber dann hatten wir einen warmen Platz in einer ehemaligen Schule und jeder eine heiße Pizza zum Stärken.

Ausblick auf die Berge

Ausblick auf die Berge

Spruch des Tages: Nur noch eine Kurve, dann geht es wieder Bergauf

Höhenmeter: 350 m / 660 m / 360 m / 1350 m / 553 m

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Tagesetappen: 23 km / 32 km / 20 km / 27 km /25 km

1. Etappenziel: Städtischer Veranstaltungssaal, Villa Basilica, Italien

2. Etappenziel: Gemeindesaal der Kirche, Piano di Coreglia, Italien

3. Etappenziel: Agriturismo, Il Ristoro del Venturo, Via Madonna della Tosse, Caselnuovo di Garfagnana, Italien

4. Etappenziel: Ehemalige Schule, Piandelagotti, Italien

5. Etappenziel: Pfarrhaus, Montefiorino, Italien

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Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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